Die Zeitschrift der deutschen Apotheker

 

Pharmazeutische Zeitung

 

PTA-Forum

 

PZ-Akademie

 

DAC/NRF

 

Überversorgung: Kassen vermissen Mut der Regierung

NACHRICHTEN

 
Überversorgung: Kassen vermissen Mut der Regierung
 


Mit dem Versorgungsstärkungsgesetz will die Bundesregierung mehr Ärzte aufs Land locken und zugleich die Überversorgung in vielen Städten abbauen. Der GKV-Spitzenverband begrüßt die dafür geplanten Regelungen im Grundsatz. «Wir hätten uns allerdings etwas mehr Mut gewünscht», sagte Verbandsvize Johann-Magnus von Stackelberg gestern bei einer Anhörung im Gesundheitsausschuss des Bundestags.   
 
Union und SPD wollen in der Novelle unter anderem den Aufkauf frei werdender Praxissitze strenger regeln. Geht ein Arzt in den Ruhestand, können die Kassenärztlichen Vereinigungen in überversorgten Gebieten bereits heute entscheiden, ob ein Nachfolger die Praxis übernehmen darf oder nicht. So können sie den Arztsitz aufkaufen, wenn es bereits sehr viele Mediziner in der Region gibt. Tatsächlich nutzen die dafür zuständigen Ausschüsse diese Möglichkeit aber kaum. Mit dem Versorgungsstärkungsgesetz will die Regierung aus der bisherigen Kann-Regelung daher nun eine Soll-Regelung machen.
 
Auch in Zukunft wird es allerdings eine Reihe von Ausnahmen geben. Wie bislang soll die Regelung nicht greifen, wenn der Arzt seine Praxis etwa an die eigenen Kinder weitergeben möchte. Hinzukommen soll künftig eine Sonderregel für Ärzte, die mindestens fünf Jahre in einem unterversorgten Gebiet tätig waren. Bewerben sie sich um einen Praxissitz in einer überversorgten Region, dürfen die Kassenärztlichen Vereinigungen den Antrag nicht ablehnen. Von Stackelberg hält diese Ausnahme für kontraproduktiv. «Das sollten Sie dringend noch einmal überdenken», sagte er.
 
Der Mediziner und Gesundheitsweise Professor Ferdinand Gerlach nannte die verschärfte Regelung einen notwendigen Schritt. «Es kann nicht dabei blieben, dass bestehende Instrumente zum Abbau von Überversorgung einfach nicht genutzt werden», sagte er. Diskussionen gibt es allerdings darüber, ab wann eine Region tatsächlich überversorgt ist. Nach Vorgaben aus dem Gemeinsamen Bundesausschuss ist diese Situation erreicht, wenn der Versorgungsgrad bei 110 Prozent liegt. Doch dieser Wert basiert auf Zahlen aus der Bedarfsplanung, deren Grundzüge aus den 1990er-Jahren stammen und für die Experten schon lange eine umfassende Reform fordern. «Die Bedarfsplanung basiert auf historischen Werten und misst nicht den tatsächlichen Bedarf», sagte Gerlach. So finde etwa die Morbiditätsentwicklung der vergangenen Jahre keine Berücksichtigung. Die neuen Regeln zur Stilllegung von Praxissitzen sollten daher verbunden werden mit dem Auftrag, die Bedarfsplanung weiterzuentwickeln.
 
Das sieht die Kassenärztliche Bundesvereinigung (KBV) ähnlich. «Ein Versorgungsgrad von 110 Prozent bildet den eigentlichen Bedarf nicht ab», sagte KBV-Chef Andreas Gassen. Die geplante Regelung werde daher keine wirkliche Verbesserung herbeiführen. (sch) 
 
26.03.2015 l PZ
Foto: Fotolia/Frank Boston
 

 

Das könnte Sie auch interessieren

 

 

Weitere Nachrichten

 


Hepatitis C: Zwei neue Mittel zur Zulassung empfohlen

Epclusa® und Zepatier® heißen zwei neue Arzneimittel, die aller Voraussicht nach bald die therapeutischen Optionen...



Arzneiformen für Kinder: Todesurteil für die Parabene

Kommt jetzt das Aus für die Parabene? Professor Dr. Jörg Breitkreutz (Foto) vom Institut für Pharmazeutische Technologie der...



ASS bei Kindern: Das muss kein Fehler sein

Viele wissen, dass der Wirkstoff Acetylsalicylsäure (ASS) wegen der Gefahr des Reye-Syndroms bei Kindern nicht eingesetzt werden sollte....



Generika: EU-Parlament will Produktion stärken

Das EU-Parlament will den Generikamarkt stärken und hat die EU-Kommission zu einer entsprechenden Gesetzesänderung aufgefordert. Das teilte...

 
 

Phase-I-Studien: EMA überarbeitet Vorschriften
Die Europäische Arzneimittelagentur (EMA) stellt die Vorschriften auf den Prüfstand, die gelten, wenn Arzneistoffe zum ersten Mal an...

Chronische Sinusitis: Nasen-Mikrobiom ist nicht schuld
Die Zusammensetzung der Bakterien in der Nasenhöhle unterscheidet sich bei Menschen, die an einer chronischen Entzündung der...

Tierhaltung: EMA will Colistin-Einsatz beschränken
Die Europäische Arzneimittelagentur (EMA) will dafür sorgen, dass der veterinärmedizinische Einsatz des Antibiotikums Colistin in Europa...

Heimversorgung: Lagerraum als Arbeitsstätte zulässig
Apotheken dürfen die Heimversorgung auch von einem externen angemieteten Lagerraum aus regeln. Das hat das Bundesverwaltungsgericht...

Polymedikation bei Senioren: Merkkarte unterstützt Apotheker
Senioren haben grundsätzlich ein höheres Risiko für unerwünschte Arzneimittelwirkungen als jüngere Menschen, weil sie häufig mehrere...

Ärzte gegen Übergewicht: Softdrink-Steuer soll Trend stoppen
Im Kampf gegen Übergewicht haben Ärzte eine Softdrink-Steuer, mehr Schulsport und Ernährungskunde als Unterrichtsfach vorgeschlagen. Mehr...

Noch mehr Meldungen...













DIREKT ZU