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Faszien: Unterschätztes Netzwerk

MAGAZIN

 
Faszien

Unterschätztes Netzwerk


Von Ulrike Abel-Wanek / Was man bisher nur Muskeln zutraute, kann auch das Bindegewebe. Gezielt trainierte Faszien helfen gegen Rückenschmerzen und Verspannungen und fördern die Beweglich­keit. Das komplexe Fasern-Netzwerk, das den ganzen Körper durchzieht, schickt sogar Signale ins Gehirn.

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Viele Sportler gehen zurzeit auf die Rolle, auf die Faszien-Rolle. Die gibt es mittlerweile in fast jedem Fitness-Studio. Immer häufiger steht dort »Faszien-Fitness« auf dem Programm. Hierbei rollt man den Körper so lange über eine harte Schaumstoffröhre, bis er entspannt und geschmeidig wird. Denn wer im Alltag und beim Sport beweglich, vital und schmerzfrei bleiben will, sollte etwas für sein Bindegewebe tun. Das jedenfalls sagt der Neurophysiologe Dr. Robert Schleip, Mitbegründer einer Forschungsgruppe an der Universität Ulm, die sich ausschließlich mit dem Thema Faszien beschäftigt. Denn das vielverzweigte Gewebe hat es in sich.




Beweglich und schmerzfrei dank gesunder und gut trainierter Faszien

Foto: Shutterstock/Fanfo


Jeder Mensch trägt rund 18 bis 23 Kilo­gramm Bindegewebe mit sich herum. Praktisch alle Organe sind davon umhüllt, außerdem die Muskeln, Sehnen, Knochen, Gefäße, Nerven, das Gehirn und Rückenmark. Der ganze Organismus ist mit Bindegewebe durchzogen. Faszien geben dem Körper Struktur. Ohne sie würden wir von außen aussehen wie Amöben, und innen hätten Organe keinen Halt und würden durcheinanderpurzeln.

 

Muskeln wie Sirup

 

Faszien wurden lange unterschätzt, galten als leblose Hüllen von Muskeln und Organen oder bloßes Stütz- und Füllmaterial. Die Ulmer Forschungsarbeiten rückten das Bindegewebe aber in ein anderes Licht. »Muskeln könnten ohne Faszienhüllen weder arbeiten noch ihre Form behalten – sie würden wie zäher Sirup auseinanderfließen,« schreibt Schleip in seinem Buch »Faszienfitness«. Faszien haben mehr Sensoren als Muskeln. Sie melden Informa­tionen über Bewegung, Lage, Druck, Spannung und Schmerzen des Körpers ans Gehirn und vegetative Nervensystem. Faszien sind das größte Sinnesorgan des Menschen, in der Fläche sogar größer als die Haut. Und sie sind das entscheidende Organ für die Körperwahrnehmung. Kurz: Faszien sind ein eigener Akteur im Körper.

 

Das Faser-Netzwerk ist mal mehr, mal weniger fest geknüpft, je nachdem, wo es sich befindet. Den Bauch schützt eher lockeres Bindegewebe, Muskel-Faszien hingegen sind sehr fest und halten eine Zugkraft von mehr als 60 Kilogramm aus. Kollagen, Elastin und eine wässrige Grundsubstanz der Faszien sorgen für Elastizität und geschmeidige Bewegungen der Muskeln. Bewegungsmangel, Überlastungen, Fehlhaltungen und Stress aber nehmen Faszien übel. Unabhängig vom Muskel können sie sich verhärten und verkleben und es kommt zu Schmerzen und Verspannungen. Die üblichen Verdächtigen speziell bei Rückenschmerzen sind dann meistens Bandscheiben, Wirbel, Nerven oder eine zu schwache Muskulatur. Doch die eigentlichen Übeltäter können die Faszien sein.

 

Schmerzauslöser Faszien

 

Schon der Begründer der Osteopathie, Andrew Taylor Still (1828–1917), vermutete in ihnen einen mit vielen Nerven versorgten, entscheidenden Sitz unserer Empfindungen. Tatsächlich sind sie mit Schmerzsensoren dicht besiedelt. Untersuchungen an männlichen Rückenschmerzen-Patienten zeigten eine verdickte Lumbalfaszie im unteren Rücken. Forscher vermuten, dass Störungen oder Probleme in der Rückenfaszie zum Schmerz beitragen können oder dass er dort sogar entsteht. Faszien hängen wie Spinnweben mit Sehnen, Bändern und Gelenken zusammen. Mikroskopisch kleine Risse durch falsche oder einseitige Belastung führen im Bindegewebe zu Entzündungen und falschen Signalen, die schließlich auch die Muskeln erreichen. Es kommt zu Muskelstörungen und Verkrampfungen und beides führt möglicherweise zum chronischen Rückenschmerz. Bandscheibenoperationen versprechen da kaum Aussicht auf Linderung. Bei der Entstehung von Rückenschmerzen werde inzwischen die Beteiligung der Faszien intensiv unter Fachleuten diskutiert, so Schleip. Wer also sein Gewebe in Schuss hält, hat den besten Schutz vor Schmerzen. Gesunde Faszien verbessern die Ganzkörperkoordination, machen den Bewegungsapparat beweglicher und elastischer und senken das Verletzungsrisiko. Nicht zu vergessen: Gut trainierte Faszien schaffen auch die Voraussetzung, sich in seiner sportlichen Leistung weiter zu steigern. Der gezielte Blick auf das Bindegewebe sei aus Sport und Medizin nicht mehr wegzudenken, sagt Schleip. In Ulm plane die Faszien-Forschungsgruppe weitere klinische Studien zur Wirksamkeit faszialer Übungsreihen.

 

Rollenspiele

 

Verklebte Faszien lassen sich mithilfe von Massagen, Osteopathie und das sogenannte Rolfing gut lösen. Bereits die Biochemikerin Dr. Ida Rolf (1896–1979), Begründerin von Rolfing und Struktureller Integration, maß dem Bindegewebe statt den Muskeln die Hauptrolle zu, wenn es um Schmerzen, Fehlhaltungen und Verspannungen ging. Doch auch ohne professionelle Anleitung bringt das Training mit den Rollen und Bällen aus Polypropylen schon etwas. Wer akute Schmerzen hat, sollte sich vorher allerdings mit seinem Arzt oder Physiotherapeuten absprechen. Und dann vorsichtig losrollen bis der Schmerz nachlässt. /


Buchtipps

Robert Schleip, Johanna Bayer: Faszien-Fitness. Vital, elastisch, dynamisch in Alltag und Sport. Paperback, 224 Seiten. 3. Auflage Riva-Verlag 2015. ISBN 978-3-86883-483-3. 19,99 Euro.

 

Peter Schwind: Faszien – Gewebe des Lebens. Das geheimnisvolle Netzwerk des Körpers und seine Bedeutung für unsere Gesundheit. Gebunden mit Schutzumschlag, 240 Seiten, circa 20 farbige Fotos und Abbildungen. Irisiana 2014. ISBN: 978-3-424-15259-3. 19,99 Euro.

 

Kay Bartrow: Blackroll. Faszientraining für ein rundum gutes Körpergefühl. 136 Seiten, 89 Abbildungen, broschiert. 1. Auflage Trias 2014. ISBN: 978-3-830480204. 14,99 Euro.

 

Sue Hitzmann: Die Melt-Methode. Massieren Sie Ihre Faszien. Gegen chronische Schmerzen und für mehr Beweglichkeit. 304 Seiten. 1. Auflage Riva-Verlag 2015. ISBN 978-3-86883-541-0. 19,99 Euro.




Training für das Bindegewebe mit der sog. Blackroll

Foto: Holger Münch, Trias-Verlag




Linderung ist möglich

Ulrike Abel-Wanek / Allein das neue »Textbook of Pain«, ein Standardwerk zum Thema »Schmerz«, umfasse 1153 Seiten schreibt Harro Albrecht über seine Recherche zu einem Phänomen, unter dem mindestens 16 Millionen Deutsche leiden: Schmerzen. Sie treiben die Menschen am häufigsten zum Arzt, sie kommen immer wieder und sind in vielen Fällen sogar ständiger Beglei­ter.

 

Der Medizinjournalist, Arzt und Herzpatient Albrecht, der selber weiß, wie sich ein durchtrenntes Brustbein nach der Operation anfühlt, versucht auf mehr als 600 Seiten, das Wesen des Schmerzes besser zu verstehen. Schmerz ist eine Ur-Erfahrung des Menschen. Er ist die Grenzfläche, an der Psyche und Körper aufeinandertreffen. Er ist Trennungsschmerz, Wundschmerz und psychische Verletzung durch Zurückweisung. Herkömmliche Strategien der Medizin im Kampf gegen den Schmerz verfehlten ihr Ziel, so der Autor, denn Schmerz sei weit mehr als eine körperliche Empfindung.

 

Die Erkenntnisse aus seinen zahlreichen Gesprächen mit Medizinern, Natur- und Geisteswissenschaftlern, aber auch mit Verzweifelten und Hoffnungsvollen machen dem Leser Mut: Linderung ist möglich wenn man lernt, mit Schmerzen anders umzugehen. /

 

 

Harro Albrecht: Schmerz. EineBefreiungs­geschichte.608 Seiten, Hardcover, Pattloch-Verlag 2015. ISBN: 978-3-629-13038-9. 24,99 Euro



Beitrag erschienen in Ausgabe 12/2015

 

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