Die Zeitschrift der deutschen Apotheker

 

Pharmazeutische Zeitung

 

PTA-Forum

 

PZ-Akademie

 

DAC/NRF

 

Modekrankheiten: Ich hab das auch

MEDIZIN

 
Modekrankheiten

Ich hab das auch


Von Anna Hohle, Berlin / Manche Erkrankungen werden in bestimmten Zeiten auffällig häufig diagnostiziert. Dann ist oft von Modekrankheiten die Rede. Wie anfällig Ärzte und Patienten für solche Krankheitsmoden sind und welche Gefahr Diagnosehäufungen bergen, diskutierten Experten Ende Februar bei einer Veranstaltung des Deutschen Ethikrats in Berlin.

ANZEIGE


Noch vor zehn Jahren war die Bezeichnung Burn-out in keinem medizinischen Lehrbuch verzeichnet. Heute dagegen ist sie in aller Munde. Es gibt Burn-out-Präventions-Kurse und Burn-out-Kliniken; viele Menschen identifizieren sich mit der Diagnose, die so viel besser klingt als Depression. Denn wer »ausgebrannt« ist, hat vorher »gebrannt«.

 




Sind das nicht meine Symptome? Geschickte Werbung, etwa in Zeitschriften, kann bewirken, dass immer mehr Menschen sich mit bestimmten Modediagnosen identifizieren.

Foto: dpa


Macht das Burn-out zu einer Modekrankheit? Einig waren sich die vom Ethikrat geladenen Experten darin, dass eine Modediagnose nicht allein dadurch bestimmt ist, dass Ärzte sie häufig stellen. Erst wenn auch auffallend viele Patienten plötzlich vermuten, an einer bestimmten Krankheit zu leiden, sich sogar regelrecht mit ihr identifizieren, ist die Modekrankheit geboren. Oft gibt es für die Diagnose dieser Erkrankungen noch keine einheitlichen Kriterien oder einen weiten Spielraum. So ist es beim Burn-out, aber auch bei der Aufmerksamkeitsdefizit-Hyperaktivitäts­störung, deren Anzeichen Ärzte sehr unterschiedlich auslegen.

 

Glauben nun viele Menschen plötzlich, unter einer bestimmten Krankheit zu leiden, bringt dies Gefahren mit sich, wie Nebenwirkungen durch verordnete Medikamente, die sie eigentlich nicht nehmen müssten. Auf der anderen Seite beruhige eine Diagnose auch, erklärte Dr. Gisela Schott von der Arzneimittelkommission der deutschen Ärzteschaft. Die Patienten bekämen das gute Gefühl, an ihren Beschwerden sei nicht etwa der eigene Lebensstil, sondern die Krankheit schuld. Jeden Tag eine Tablette zu nehmen, wirkt dann auf viele Betroffene attraktiver als eine Umstellung ihrer Gewohnheiten.

 

Patienten generieren

 

Pharmahersteller und Anbieter bestimmter Behandlungen würden in ihren Werbekampagnen aus diesem Grund häufig alltägliche und verbreitete Symptome, etwa Unruhe oder Haarausfall, als Krankheit oder Krankheitsvorbote darstellen, kritisierte Schott. Disease Mongering (Krankheitserfindung) nennt man diesen Prozess. Dann ist plötzlich eine ganze Reihe von Menschen davon überzeugt, ihre gelegentlichen Bauchschmerzen seien ein Anzeichen für Glutenunverträglichkeit. Glutenfreie Produkte verkaufen sich anschließend blendend.

 

Einen weiteren Trick von Firmen und Verbänden beschreibt der Biologe und »Spiegel«-Journalist Jörg Blech, der ebenfalls vom Ethikrat als Experte geladen war. Damit mehr Menschen bestimmte Diagnosen zugeschrieben werden können, würde das Krankheitsbild häufig einfach ausgeweitet. Etwa, indem Grenzwerte abgesenkt oder angehoben werden. Dies sei erst kürzlich beim altersassoziierten Testosteronmangel geschehen. Der Grenzwert für das Vorliegen eines Mangels wurde abgesenkt, eine Werbekampagne unter Ärzten folgte. Seitdem wird Männern ab 40 dreimal häufiger Testosteron verschrieben als vor der Änderung.

 

Was ist noch gesund, was schon krank? Schott und ihre Kollegen kritisierten, dass Entscheidungen, bei denen es um die Definition einer Krankheit und die Grenzwerte für die Diagnose geht, häufig nicht von neutralen Experten getroffen werden. In den entsprechenden Gremien seien immer auch Hersteller oder Mitglieder von Interessenverbänden vertreten. »Wer wirtschaftliche Interessen hat, dürfte dort, wo die Krankheit definiert wird, gar nicht beteiligt sein«, so Schott.

 

Auch fordert die Ärztin eine strengere Regulierung der Werbung für bestimmte Medikamente oder Behandlungen, um erst gar keine Modekrankheiten aufkommen zu lassen. So müsse etwa verboten werden, Arzneimittel als Lösung für bloße Befindlichkeitsstörungen anzupreisen.

 

Nicht zuletzt müsse es mehr unabhängige Forschung und Weiterbildung für Ärzte geben, damit es nicht zu Mode­diagnosen kommt, sagte Dr. Christiane Fischer, Geschäftsführerin der Ärzte­initiative MEZIS. Der Verein setzt sich gegen Bestechlichkeit von Ärzten ein. Mediziner dürften etwa nicht länger Fortbildungspunkte für Veranstaltungen bekommen, die von Pharmaherstellern organisiert werden, so Fischer. Mehr unabhängige Ärzte, mehr unabhängige Studien, mehr unabhängige Informationen für Verbraucher – das sind den Experten zufolge die wichtigsten Kriterien, um Modekrankheiten wirksam vorzubeugen.

 

Frühere Moden

 

Dass besonders viele Menschen in einer bestimmten Epoche glauben, an einer bestimmten Krankheit zu leiden, ist kein neues Phänomen. Dass sie dabei alltägliche Beschwerden auf eben diese Krankheit zurückführen, auch nicht. Bis ins 19. Jahrhundert etwa war die Diagnose Hysterie bei Frauen weit verbreitet, erklärte der Medizinhistoriker Professor Dr. Michael Stolberg. In damaligen Zeiten hätten viele Ärzte geglaubt, »typisch weibliche« Beschwerden wie Nervosität, Schlafstörungen oder Atemnot seien darauf zurückzuführen, dass die Gebärmutter im Körper der Patientin aufsteigt (Hystéra = altgriechisch für Gebärmutter) und letztlich zur Erstickung führt. Auffallend viele Frauen hätten sich mit dieser Diagnose identifiziert und vermeintlich am eigenen Körper gespürt, wie das Organ ihnen den Hals hinaufwandert, so Stolberg.

 

»Aus historischer Sicht ist jede Krankheit ein gesellschaftliches und kulturelles Konstrukt«, sagte Stolberg. In früheren Zeiten seien Modekrankheiten häufig vermutet und selten durch Diagnostikverfahren bestätigt worden. Das ist heute anders. Dennoch gebe es weiter Krankheitsmoden, die durch kommerzielle Interessen ganz andere Fragen aufwürfen als früher. Etwa die nach der wirtschaftlichen Verantwortung. Im Solidarsystem der Krankenversicherung müssen schließlich alle die finanziellen Folgen von Behandlungshäufungen tragen. /



Beitrag erschienen in Ausgabe 11/2015

 

Das könnte Sie auch interessieren

 

 












DIREKT ZU