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Demenz: Kunst auf Rezept?

MAGAZIN

 
Demenz

Kunst auf Rezept?


Von Ulrike Abel-Wanek, Frankfurt am Main / Was bedeutet Kunst für Alzheimer-Patienten? Im Frankfurter Städel läuft zurzeit ein Projekt, das Menschen mit Demenz ins Museum führt – unter wissenschaft­licher Begleitung des Arbeitsbereichs Altersmedizin der Goethe-Universität.

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»Da fehlt mir jegliche Fantasie.« Ratlos schaut Hans-Georg Michel auf ein leuchtend blaues Schwammrelief des französischen Künstlers Yves Klein. Michel ist einer von fünf an Demenz erkrank­ten Menschen, die im Rahmen des Artemis-Projektes an diesem Mittwoch an einer Führung durch das Städel-Museum in Frankfurt teilnehmen. Artemis (Art Encounters: Museum Intervention Study) ist eine wissenschaftliche Studie zur Kunstvermittlung bei Demenz. 

 



Bei dem durch die Schambach-Stiftung geförderten Projekt geht es um die Frage: Kann Kunstbetrachtung helfen, erhaltene Fähigkeiten von Menschen mit Demenz zu wecken, zu fördern und die Teilnehmer zu eigener Kreativität anzuregen? Um das herauszufinden, treffen sich zurzeit dreimal wöchentlich verschiedene Gruppen mit im Schnitt sieben Demenzpatienten und ihren Angehörigen im Städel am Museumsufer der Mainmetropole. Auf dem Programm steht zunächst jeweils eine rund einstündige thematische Führung mit speziell geschulten Kunstvermittlern. Insgesamt sechs Führungen macht jede Gruppe – zu jeweils sechs unterschiedlichen Themen. Letzte Woche wurden Porträts betrachtet, davor waren es Stillleben mit Früchten, Schmetterlingen und Fischen. Sichtlich stolz konnte einer der Demenzkranken alle Namen der Schmetterlinge nennen, und nach dem Rundgang wurden eifrig Fischrezepte ausgetauscht, berichtet Diplom-Psychologe und Kunsthistoriker Arthur Schall. Er ist Mitarbeiter der Arbeitsgruppe von Professor Dr. Johannes Pantel, Leiter des Arbeitsbereichs Altersmedizin der Goethe-Universität. Gemeinsam mit Mitarbeitern des Städel-Museums untersuchen die Forscher, welchen Beitrag regelmäßige Museumsbesuche und die interaktive Beschäftigung mit Kunst leisten können, um das emotionale Wohlbefinden und das Kommunikationsverhalten von Menschen mit leichter bis mittelschwerer Demenz zu steigern und die Beziehung zu ihren betreuenden Angehörigen zu verbessern. Die seien häufig sehr belastet, so Schall, und die Studie sei deshalb auch speziell auf Paare ausgelegt: ein Demenzpatient und eine dazugehörige Betreuungsperson, die den Alltag miteinander teilen, egal ob Ehepartner, Kinder oder Freunde.

 

Führung plus Atelierarbeit

 

Heute geht es um die »Farbe Blau«, ein kunsthistorisch anspruchsvolles und abstrakteres Thema als beispielsweise das Stillleben. Die Stimmung in der Gruppe ist gelöst, es wird viel gelacht. Handelt es sich um einen »Vulkanausbruch«, eine »Mondlandschaft« oder um »Geschwüre?« Die aus der tiefblauen Fläche herausragenden Yves-Klein-Schwämme setzen auf Nachfrage der Kunstvermittlerin Katharina Grießhaber bei den Teilnehmern viele Assoziationen frei. Auch den zunächst ratlosen Michel erinnern die blauen Schwämme schließlich an lange zurückliegende Tauchurlaube in Australien. Allerdings sei das Blau unter Wasser damals heller gewesen als auf dem Bild. »Da wo ich tauche, scheint immer die Sonne«, erinnert er sich. »Ja, aber das war einmal«, sagt seine Frau.




Gemeinsames Gestalten nach der Museumsführung: Demenzkranke und Angehörige im Atelier.

Fotos: Städel, Frankfurt


Rund drei bis vier Bilder werden pro Rundgang betrachtet. Die Projektleiter suchen Werke aus, die Impulse setzen, aber nicht zu stark emotional aufwühlen. Weil das Menschen mit Demenz nachhaltig verstören kann. Also keine gewaltsamen Szenen wie auf Rem-brandts Bild »Blendung des Simon« ein paar Räume weiter, wo sich ein spitzer Speer bedrohlich den Augen eines am Boden liegenden Mannes nähere, sagt Schall.

 

Im Anschluss an die Führung wird praktisch gearbeitet. In den Städel-Atelier­räumen werden die Teilnehmer selbst zu Künstlern und fertigen Collagen, Malereien, einfache Drucke und Arbeiten aus Ton an. Die Aufgaben sind so angelegt, dass die an Demenz erkrankte Person und ihr Begleiter zusammenarbeiten und sich austauschen können. Die Stimmung, die zwischen den Partnern zunächst häufig angespannt sei, bessere sich nach der Atelier­arbeit meistens deutlich, so Schall.

 

In einer Kurzbefragung vor und nach dem Museumsbesuch erheben die Projekt­leiter Daten zur Stimmung und zum Gedächtnis der Menschen mit Demenz. Zusätzlich ermitteln die Forscher die Belastung der Angehörigen, die Beziehung zwischen ihnen und den Erkrankten, Veränderungen der Lebensqualität und die Sicht auf die Zukunft. Außerdem wird während der Atelier­arbeit mithilfe von Videoaufzeichnungen das gemeinsame Arbeiten der Teilnehmer dokumentiert.

Erinnerung an die Kindheit

 

Paarweise – ein Demenzkranker und sein Angehöriger – sitzen die Teilnehmer um den großen Ateliertisch, Flaschen mit blauer Farbe, Schwämme, Kleber, Kronkorken, Kordel und Pigmente warten auf ihren Einsatz. Nicht jeder schafft es, die Farbe aus den Flaschen zu drücken oder Schwämme auf die Unterlage zu kleben – je nach Schweregrad der Demenz geben die unbekannten Gegenstände Rätsel auf und brauchen die Erklärung des Partners. Dem ehemaligen Chemiker Dieter Feuge fehlt schlicht »die geistige Heraus­forderung bei dem Gekleckse«. Demonstrativ verlässt er zwischendurch den Raum. »Nicht alles kommt gleich gut an, aber bei sechs Sitzungen ist meistens doch für jeden etwas dabei«, weiß Schall, der das Projekt seit 2014 betreut. Bewusst haben die Forscher deshalb verschiedene kreative Techniken in die Atelierarbeit aufgenommen. Feuge habe in der letzten Woche beispielsweise gerne gedruckt. Dass das praktische Gestalten ganz frühe Erinnerungen bei Demenzkranken hervorholen kann, zeigt die Arbeit von Carola Karpf. Die älteste Teilnehmerin der Gruppe schaut auf die aufgeklebten dunkelblauen Schwämme, die wie Häuserruinen aus ihrer Collage herausragen. »Das sieht aus wie bei der Bombardierung Aschaffenburgs«, sagt sie.


Kultur und Demenz

Das Moma in New York machte die Museumsführungen mit Demenzkranken 2007 international populär. Schon 2001 gab es erste Programme von der US-amerikanischen Institution Artists for Alzheimer’s (ARTZ), 2006 startete der Louvre in Paris mit Führungen für Menschen mit Demenz – zeitgleich mit der Kunsthalle Bremen.

 

Eine spezielle Kunstvermittlung für Menschen mit Demenz bietet auch das Lehmbruck-Museum in Duisburg seit 2007 an. Bis 2015 läuft hier ein vom Bundesministerium für Bildung und Forschung gefördertes Projekt mit dem Ziel, Demenzkranken einen Zugang zur Kunst zu ermöglichen. In der jetzt startenden letzten Phase des Forschungsprojekts werden die seit 2012 gesammelten Erfahrungen in Workshops an andere Museen weitergegeben. Workshop-Teilnehmer sind: Sprengel-Museum in Hannover, Kunstmuseum in Bochum, Deichtorhallen und Kunsthalle in Hamburg, Schloss Moyland in Bedburg-Hau, Gemäldegalerie Dresden, Hamburger Bahnhof und Gemäldegalerie in Berlin, Villa Stuck, die städtischen Kunsträume, die Pinakotheken und das Lehnbachhaus in München, das Kunstmuseum in Stuttgart und die Kunsthalle Bremerhaven.


Projektteilnehmer gesucht

 

»Wir möchten mit diesem Projekt Menschen mit Demenz und ihren durch die Pflege belasteten Angehörigen ein Stück gesellschaftliche Teilhabe und soziale Integration ermöglichen«, erläutert Schall. Diese Menschen lebten aus Scham häufig zurückgezogen. Die Kunst schaffe wieder einen Kanal, sich zu zeigen und sich auszudrücken. »Die Auseinandersetzung mit Kunst kann Potenziale und Ressourcen fördern und schafft Selbstbewusstsein, weil der Demenzkranke nicht ständig mit seinen Defiziten konfrontiert wird, sondern mit dem, was er noch kann.«

 

Das Forschungsprojekt umfasst ein ausführliches Eingangs-Interview, in dem Parameter wie der Demenz-Schweregrad und die psychiatrischen Begleitsymptome erhoben werden, außer­dem werden Fragen gestellt zur Lebensqualität, Selbstständigkeit oder der Belastung durch die Pflege. Nach den sechs Museumsbesuchen folgen dann in zeitlichem Abstand von mehreren Wochen zwei weitere Interviews. Für 2015 werden noch Projektteilnehmer gesucht. /


Anmeldung und Informationen

Dr. Valentina Tesky und Dipl.-Psych. Arthur Schall

Goethe-Universität Frankfurt am Main

Institut für Allgemeinmedizin, Arbeitsbereich Altersmedizin

Telefon: 069 6301-83621 und -7657.

E-Mail: tesky@allgemeinmedizin.uni-frankfurt.de

schall@allgemeinmedizin.uni-frankfurt.de 



Beitrag erschienen in Ausgabe 09/2015

 

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