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Serie AMTS: Polymedikation unter der Lupe

PHARMAZIE

 
Serie AMTS

Polymedikation unter der Lupe


Von Katja Renner / Einnahmefehler bergen Risiken und gefährden den Therapieerfolg. Die Intervention des Apothekers im Rahmen der Medikationsanalyse ist ein wichtiger Beitrag zur Stärkung der Arzneimitteltherapiesicherheit (AMTS), wie dieser Fall einer Osteoporose-Patientin aus dem nordrheinischen ATHINA-Projekt zeigt.

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Maria Müller ist 79 Jahre alt und interessiert sich für das Angebot der Medikationsanalyse, da sie vor Kurzem ihren Hausarzt wechseln musste. Sie kommt zum vereinbarten Termin mit allen Medikamenten, die sie zurzeit einnimmt, zum Anamnesegespräch in die Apotheke. Die Apothekerin erfährt im Gespräch die der Patientin bekannten Diagnosen: Osteoporose, Hypertonie und Typ-2-Diabetes.

 




Schwindel ist bei älteren Menschen ein relativ häufiges Symptom. Er kann verschiedene Ursachen haben, unter anderem eine zu starke Blutdrucksenkung.

Foto: Imago/Westend61


Osteoporose wurde vor einem Jahr diagnostiziert, nachdem die Patientin sich bei einem Sturz eine Handgelenksfraktur zugezogen hatte. Die Blutdruckwerte kontrolliert Frau Müller selbst regelmäßig, sie liegen fast immer unter 130/80 mmHg. Häufig fühlt sie sich nach der Einnahme der Blutdrucktabletten schwindelig und lässt deshalb ab und zu die Ramipril-Tablette weg, wenn sie etwas vorhat. Die Apothekerin überprüft den aktuellen Wert, er beträgt 118/69 mmHg. Die Blut­zuckerwerte sind laut Arztaussage zufriedenstellend – der letzte HbA1c-Wert betrug 7,0 Prozent. Bei einer Körpergröße von 168 cm wiegt sie 74 kg. Einmal pro Woche besucht sie eine Seniorensportgruppe und geht täglich mit dem Hund spazieren.

 

Begleitmedikation erfragen

 

Gemeinsam mit der Patientin ordnet die Apothekerin die mitgebrachten Medikamente den Indikationen zu. Sie überprüft zunächst die Verfalldaten der Packungen. Dabei sortiert sie eine angebrochene und abgelaufene Packung Calcium-500-Brausetabletten aus. Auf Nachfrage, ob sie sonst noch andere Medikamente einnehme, berichtet Frau Müller, dass sie gegen Schmerzen ein- bis zweimal pro Monat Aspirin® plus C und ab und zu eine Tablette Hoggar® night gegen Schlafprobleme anwende. Diese lasse sie dann durchschlafen. Calcium brauche sie laut Arztaussage nicht mehr zusätzlich einzunehmen, weil sie ausreichend Milchprodukte esse.

 

Anschließend lässt sich die Apothekerin den Medikationsplan geben und notiert sich, wie und wann Frau Müller ihre Medikamente einnimmt (siehe Tabelle). Dabei stellt sich heraus, dass Omeprazol schon seit Jahren verordnet wird, ursprünglich als Magenschutz unter einer Schmerztherapie. Diese wurde aber bereits vor einem halben Jahr abgesetzt, und Magenbeschwerden hat die Patientin nicht. Bezüglich der Osteoporose-Therapie erfährt die Apothekerin, dass die Patientin Alen­dronsäure sonntagmorgens mit einem Glas stillen Wassers eine halbe Stunde vor dem Frühstück einnimmt. Die genaue Nachfrage ergibt, dass es sich dabei um ein stilles Mineralwasser eines Discounters handelt mit einem Cal­cium-Gehalt von 500 mg/l.

 

Der Arzt hatte ihr zwar erläutert, dass die Osteoporose-Tabletten mit Leitungswasser und nicht mit Mineralwasser geschluckt werden sollten. Da sie Angst vor der Bleibelastung ihres Leitungswassers hat, benutzt die Patientin aber stilles – bewusst kein kohlensäurehaltiges – Wasser aus dem Discounter zur Einnahme.

 

Dekristol Kapseln werden ebenfalls nüchtern mit dem gleichen Wasser montagmorgens eingenommen. Der Arzt habe das Vitamin D neu verordnet. Die nächsten vier Wochen soll sie es wöchentlich und später monatlich einnehmen. Nach dem Gespräch gibt die Apothekerin alle Medikamente wieder zurück und bittet Frau Müller, am nächsten Tag wiederzukommen, wenn sie eine umfassende Analyse der Medikation und aller Informationen vorgenommen habe.


Medikationsplan des Arztes  
Ramipril 5 mg 1-0-0-0 
Metformin 1000 mg 1-0-1-0 
Alendronsäure 70 mg 1-0-0-0 (1x/Woche) 
Dekristol (Colecaliferol) 20 000 IE 1-0-0-0 (1x/Woche) 
Omeprazol 20 mg 0-0-1-0 

Auch die Ernährung berücksichtigen

 

Die Verordnung von Bisphosphonaten zusammen mit Vitamin D und der ausreichenden Zufuhr von Calcium über die Nahrung ist leitliniengerecht, die regelmäßige Bewegung der Patientin ist als positive nicht medikamentöse Maßnahme zu werten. Die Einnahme von Alendronsäure ist wegen der geringen Bioverfügbarkeit des Bisphosphonats unbedingt nüchtern und mit Leitungswasser vorzunehmen. Das stille Mineralwasser mit dem relativ hohen Calcium-Gehalt, das Frau Müller benutzt, ist dafür nicht geeignet.

 

Dekristol-Kapseln sollten zusammen mit einer Mahlzeit geschluckt werden und müssen nicht wie die Alendron­säure-Tabletten nüchtern eingenommen werden. Eine Stoßtherapie mit 20 000 IE Colecalciferol wöchentlich für vier Wochen bei niedrigen Vitamin-D-Werten ist möglich, an die Umstellung auf eine monatliche Gabe ist unter Kontrolle der Vitamin-D-Spiegel zu denken. Omeprazol hat zurzeit keine erkennbare Indikation. Außerdem steigern Protonenpumpen-Hemmer bei Langzeitanwendung das Osteoporose-Risiko.

 

Ziel bei Osteoporose-Patienten sollte sein, die Sturzgefahr zu reduzieren. Die Patientin hat niedrige Blutdruckwerte, die möglicherweise Ursache für den Schwindel sein können und die Sturzgefahr erhöhen. Die sporadische Einnahme eines Schlafmittels ist ein weiterer Risikofaktor, der zu berücksichtigen ist. Zudem befindet sich Doxylamin-Succinat auf der Priscusliste, die ungeeignete Wirkstoffe im Alter beschreibt.

 

Auf die richtige Einnahme von Alen­dronsäure sollte unbedingt hingewiesen werden: nüchtern mit Leitungswasser mindestens 30 Minuten vor der ersten Mahlzeit, in aufrechter Haltung. Die Sorgen vor dem Bleigehalt des Leitungswassers sollten angenommen werden mit der Empfehlung, das Wasser überprüfen zu lassen. Alternativ kann die Einnahme mit einem mineralstoff­armen Wasser erfolgen. Dekristol-Kapseln sollten vorzugsweise zur Mahlzeit zunächst einmal pro Woche, dann einmal monatlich geschluckt werden. Die Vit­amin-D-Spiegel sollten regelmäßig kon­trolliert werden. Die Festlegung der Wochentage für diese Einnahme ist sinnvoll, um die Therapietreue zu stärken.

 

Die Dosierung von Ramipril sollte vom Arzt überprüft werden, da zu niedrige Blutdruckwerte ein weiteres Risiko für Stürze darstellen. Doxylamin-Succinat als Schlafmittel der Selbstmedikation ist abzusetzten, alternativ sollte ein Gespräch über das Schlafverhalten der Patientin erfolgen und eher ein pflanzliches Sedativum empfohlen werden. Die Notwendigkeit von Omeprazol sollte vom Arzt hinterfragt werden.




Wasser ist nicht gleich Wasser: Zur Einnahme von Bisphosphonaten sollte es Leitungswasser sein, kein Mineralwasser.

Foto: Fotolia/Robert



Interventionen umgesetzt

 

Die Apothekerin ist zufrieden. Nach dem Gespräch mit dem behandelnden Hausarzt wurde die Ramipril-Dosis auf 2,5 mg pro Tag reduziert. Omeprazol-Tabletten wurden probehalber abgesetzt und die Patientin berichtet, dass die Analyse ihres Leitungswasser keinen Hinweis auf Blei gegeben habe, sodass sie dieses auch bedenkenlos trinken könne, wenn sie die Tabletten einnimmt.

 

Die Tage, an denen Alendronsäure beziehungsweise Dekristol eingenommen werden sollen, hat sich Frau Müller in den Kalender eingetragen. Seitdem sie den Mittagsschlaf weglässt und später ins Bett geht, ist es auch mit dem Einschlafen besser geworden und notfalls nimmt sie ein Baldrian-Hopfen-Präparat, wenn es einmal gar nicht geht. Dankbar nimmt die Patientin den aktualisierten Medikamentenplan der Apothekerin entgegen und verspricht, sich bei Änderungen zu melden. /





Zusammenfassung: SOAP-Schema dieses Falls

Subjektive Parameter: Osteoporose, Hypertonie, Typ-2-Diabetes, Schwindel (häufig), Schmerzen, Schlafstörungen (gelegentlich)

 

Objektive Parameter: Medikationsplan, Blutdruck eher niedrig (aktuell 118/69 mmHg), Blutzucker-Einstellung zufriedenstellend (HbA1C 7 Prozent)

 

Analyse: Therapie der Osteoporose leitliniengerecht, Einnahme des Bisphosphonats mit Calcium-haltigem Mineralwasser ungeeignet, Colecalciferol-Einnahme sollte zum Essen und nicht nüchtern erfolgen, Omeprazol ohne erkennbare Indikation und mit erhöhtem Osteoporose-Risiko verbunden, hohes Sturzrisiko durch niedrigen Blutdruck/Schwindel und Doxylamin-Succinat

 

Plan: Hinweis auf die korrekte Einnahme des Bisphosphonats und von Colecalciferol, Überprüfung der Ramipril-Dosis und Absetzen von Omeprazol durch den Hausarzt, Maßnahmen der Schlafhygiene und pflanzliche Sedativa statt Doxylamin-Succinat



Beitrag erschienen in Ausgabe 08/2015

 

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