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Studententagung: Ulla Schmidt verteidigt deutsches Fremdbesitzverbot

POLITIK

 
Studententagung

Ulla Schmidt verteidigt deutsches Fremdbesitzverbot

Von Bettina Sauer, Berlin

 

Monatelang gab es keinen Kommentar zum Luxemburger Verfahren über das deutsche Fremdbesitzverbot. Bei einer Tagung von Pharmaziestudenten gab Bundesgesundheitsministerin Ulla Schmidt die Zurückhaltung auf und bekannte sich klar zur inhabergeführten Apotheke – zur Freude der anwesenden Studenten und ABDA-Präsident Heinz-Günter Wolf.

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Ulla Schmidt plädierte bei der 104. Verbandstagung des Bundesverbandes der Pharmaziestudierenden (BPhD) am vergangenen Freitag in Berlin mit aller Deutlichkeit für den Erhalt des Fremdbesitzverbotes. Vor den rund 150 Studentenvertretern aus ganz Deutschland sagte sie: »Die Sicherheit der Arzneimittelversorgung und die Unabhängigkeit der pharmazeutischen Beratung lassen sich am besten gewährleisten, wenn der Inhaber einer Apotheke ein unabhängiger Apotheker ist.« Die Ministerin sieht in Deutschland derzeit keinen politischen Willen, das bestehende Apothekensystem zu verändern.

 

Allerdings lasse sich selbst unter Experten kaum einschätzen, zu welchem Urteil der Europäische Gerichtshof in dieser Frage kommen wird. »Zwischen Erhalt und Aufhebung des Fremdbesitzverbotes sind viele Facetten möglich.« Sollte es fallen, werde sich die Bundesregierung für eine möglichst lange Übergangsfrist stark machen. »Auf diese Weise gewinnen die Apotheker Zeit«, sagte Schmidt. »Außerdem benötigen wir die Frist, um zu beraten, wie sich unter den neuen Voraussetzungen eine sichere Arzneimittelversorgung gewährleisten lässt.«

 

Grundsätzlich möchte Schmidt die Rolle der Apotheken im Gesundheitssystem noch weiter stärken, wie sie gleich zu Anfang ihrer einführenden Rede betonte. »Vor allem unterstütze ich den Ausbau der Beratung, der Arzneimitteldokumentation, der pharmazeutischen Betreuung chronisch kranker Menschen und die bessere Vernetzung der Apotheker mit den anderen Gesundheitsberufen.« Aus diesem Grund habe sie sich von Beginn an dafür eingesetzt, dass die Apotheker sich am Hausarztmodell beteiligen.

 

Auch im Krankenhaus könnten die Apotheker noch enger mit ihren ärztlichen Kollegen zusammenarbeiten. Die Ministerin forderte die Klinikverwaltungen auf, Krankenhausapotheker stärker als bisher auf den Stationen einzusetzen. »Die optimale Betreuung der Patienten erfordert im Team der Ärzte und Pfleger auch einen Arzneimittelexperten.« Und wenn dieser die stationäre Gesamtmedikation dokumentiere, lasse sich auch die ambulante Weiterbehandlung nach einem Klinikaufenthalt verbessern.

 

Unkomplizierte Einladung

 

Etwa zehn Minuten sprach die Ministerin zu den Studenten. Anschließend stand sie über eine Stunde unten im Hörsaal und beantwortete Fragen der Studenten. Viele von ihnen hatten sich vorbereitet und auf Zetteln gleich mehrere Punkte notiert. Am häufigsten ging es um das Fremdbesitzverbot.

 

»Völlig unkompliziert« sei es gewesen, die Ministerin einzuladen, berichtete Sina Heintz, die Präsidentin des Bundesverbandes der Pharmaziestudierenden in Deutschland (BPhD), ihren Kommilitonen zu Beginn der Veranstaltung. »Ich habe sie kürzlich auf einem Kongress für Medizinstudenten getroffen und gefragt, ob sie zu uns auch einmal kommen könne.« Und Ulla Schmidt habe einfach »Ja!« gesagt.

 

Bezüglich der Rolle des Apothekers zeigte die Ministerin große Einigkeit mit ABDA-Präsident Heinz-Günter Wolf. Dieser nahm ebenfalls an der BPhD-Tagung teil und hielt seinen Vortrag unmittelbar vor Schmidt. Wolf hatte ebenfalls die Bedeutung der unabhängigen, freiberuflich geführten Apotheke für die sichere Arzneimittelversorgung in Deutschland herausgestellt. »Die Apotheker sind sich ihrer Verantwortung im Gesundheitssystem bewusst«, sagte er. »Es zählt zu unseren Aufgaben, für die Compliance der Patienten zu sorgen, die Gesamtmedikation zu dokumentieren, zur Prävention von Arzneimittelrisiken beizutragen, mit den Ärzten zu kommunizieren, pharmazeutische Betreuung zu leisten, die Versorgung selbst am häuslichen Krankenbett sicherzustellen, pharmazeutische und wirtschaftliche Verantwortung zu übernehmen.«

 

Wolf: Hochwertige Ausbildung

 

Der ABDA-Präsident bereitete die Studenten ideal auf den Dialog mit der Gesundheitsministerin vor, indem er in seinem Vortrag einen Überblick über die jüngsten Gesundheitsreformen gab. Wolf zufolge stellen die Rabattverträge eine besondere Herausforderung für den Berufsalltag in der Apotheke dar. Seit dem Inkrafttreten des Gesetzes zur Stärkung des Wettbewerbs in der Gesetzlichen Krankenversicherung (GKV-WSG) 2007 dürfen Krankenkassen direkt mit den Herstellern Rabattverträge abschließen. »Der Apotheker muss die betreffenden Arzneimittel abgeben, es sei denn er hat pharmazeutische Bedenken.« Aufgrund dieser Verantwortung komme der pharmazeutischen Ausbildung ein hoher Stellenwert zu. Weiterhin erforderten die Rabattverträge einen erhöhten organisatorischen und kommunikativen Aufwand. Schließlich müsse der Apotheker seinen Kunden erklären, warum sie ihr gewohntes Arzneimittel nicht mehr bekämen, und sie motivieren, das neue Medikament genauso regelmäßig einzunehmen.

 

Zu diesem Thema wandten sich gleich mehrere Zuhörer mit kritischen Fragen an die Ministerin. Sie beruhigte, das Unternehmen Rabattverträge befinde sich immer noch in der Startphase und werde sicherlich bald reibungslos in der Apothekenpraxis funktionieren. Sie sieht in der Umsetzung der Rabattverträge in den Apotheken eine pharmazeutische Tätigkeit. »Wer sich für ein Pharmaziestudium und die Arbeit in der öffentlichen Apotheke entscheidet«, sagte sie, »der entscheidet sich auch für eine enge Kommunikation mit Patienten und Ärzten. Weiterhin gehört es zu den Kernaufgaben des Apothekers, die Austauschbarkeit von Wirkstoffen abzuwägen ­ und ein Arzneimittel gegebenenfalls nicht abzugeben.«

 

Kritische Fragen und Anmerkungen äußerten die Studenten auch zum Versandhandel mit verschreibungspflichtigen Medikamenten. Ohne dies näher auszuführen, sagte Schmidt, dieser sei bei seiner Einführung 2004 »europäisch erlaubt und politisch und gesellschaftlich gewünscht« gewesen. Mittlerweile stelle sich außerdem heraus, dass nur wenige Versicherte ihn überhaupt nutzten. Schließlich seien die niedergelassenen Apotheken, die mehrfach am Tag Medikamente vom Großhandel beziehen und gegebenenfalls auch nach Hause liefern dürften, ihrer Konkurrenz aus dem Netz in punkto Schnelligkeit und Komfort meist überlegen. »Apotheken müssen die Stärken ausbauen, die Internet und Drogerien nicht bieten«, sagte Schmidt. »Dazu zählen die Durchführung von Vorsorgetests, die pharmazeutische Betreuung und insbesondere die umfangreiche Beratung.«

 

Pharmaziestudium lohnt sich

 

Die Ministerin zeichnete den Studenten ein vielversprechendes Bild von deren beruflicher Zukunft. »Es lohnt sich, Pharmazie zu studieren«, sagte sie. »Im europäischen Vergleich ist die pharmazeutische Ausbildung in Deutschland besonders gut, und die Berufsmöglichkeiten sind vielfältig.« Neben der öffentlichen Apotheke nannte sie als Einsatzgebiete die Krankenhäuser, die pharmazeutische Industrie, die Forschung oder den öffentlichen Dienst. »Apotheker werden in Deutschland und Europa überall gebraucht«, sagte sie. »Ich setze auf Ihre Generation, um in Zukunft eine gute, wohnortnahe medizinische Versorgung sicherzustellen.«


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Beitrag erschienen in Ausgabe 19/2008

 

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