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Metaanalyse: Tamiflu wirkt nur bei Influenza

PHARMAZIE

 
Metaanalyse

Tamiflu wirkt nur bei Influenza


Von Annette Mende / Um einen ganzen Tag verkürzt die Einnahme von Oseltamivir (Tamiflu®) bei erwachsenen Grippe-Patienten die Krankheitsdauer, außerdem sind schwere Komplikationen und Klinikeinweisungen seltener. Dieses Ergebnis einer aktuell in »The Lancet« erschienenen Metaanalyse gibt der Diskussion um den Neuraminidase-Hemmer neue Nahrung.

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Von durchschnittlich 123 Stunden auf 98 verkürzt die Anwendung von Oseltamivir bei Erwachsenen, die an einer echten Grippe leiden, die Dauer der Symptome, schreiben Wissenschaftler um Joanna Dobson von der London School of Hygiene & Tropical Medicine. Zudem kommt es unter Oseltamivir signifikant seltener zu Lungenentzündungen, die mit Antibiotika behandelt werden müssen, und Krankenhauseinweisungen, so die Auswertung (DOI: 10.1016/S0140-6736(14)62449-1).

 




Bei einer echten Grippe ist die Einnahme von Tamiflu vorteilhaft, zeigt jetzt eine Metaanalyse.

Foto: dpa


Diese Vorteile haben allerdings den Preis von Nebenwirkungen, die in den neun eingeschlossenen Studien mit insgesamt 4328 Teilnehmern unter 75 mg Oseltamivir zweimal täglich signifikant häufiger auftraten als unter Placebo. Insbesondere waren das Übelkeit und Erbrechen, nicht aber neuro­logische und psychologische Störungen, die frühere Untersuchungen mit dem Wirkstoff in Verbindung gebracht hatten. Das Risiko für Nebenwirkungen haben alle Patienten, die Oseltamivir einnehmen, von der positiven Wirkung profitieren aber nur diejenigen, die an einer durch Influenza-Viren ausgelösten Grippe erkrankt sind.

 

Professor Dr. Arnold Monto, Epidemiologe an der University of Michigan und Seniorautor der Studie, kommentiert die Ergebnisse in einer Pressemitteilung: »Die Wirksamkeit und Sicherheit von Oseltamivir wurden heiß diskutiert. Einige Forscher behaupteten, dass es für die Wirksamkeit der Substanz wenig Evidenz gebe. Unsere Metaanalyse liefert einen überzeugenden Beleg dafür, dass Oseltamivir die Erkrankungsdauer um einen Tag verkürzt, Komplikationen verhindert und die Zahl der Patienten, die stationär behandelt werden müssen, reduziert. Ob diese Vorteile den Schaden durch Übelkeit und Erbrechen überwiegen, muss genau bedacht werden.«

 

Kritik an Hersteller Roche

 

Hersteller Roche musste sich in der Vergangenheit Kritik wegen seines Grippemittels gefallen lassen. Ihm wurde unter anderem von Forschern der renommierten Cochrane-Collaboration vorgeworfen, unvorteilhafte Studien­berichte unter Verschluss zu halten. Nach zähem Ringen gewährte Roche einer Gruppe um Tom Jefferson Einblick in interne Daten. Im April letzten Jahres veröffentlichten die Forscher im »British Medical Journal« das ernüchternde Ergebnis ihrer Auswertung: Sie bescheinigten Oseltamivir lediglich eine Verkürzung der Krankheitsdauer um einen halben Tag und keinen Einfluss auf Krankenhauseinweisungen oder schwere Grippe-Komplikationen. Für den zweiten Neuraminidase-Hemmer Zanamivir (Relenza® von Glaxo-Smith-Kline) fiel das Fazit ähnlich aus (lesen Sie dazu auch Cochrane-Review: Tamiflu und Relenza ohne Nutzen aus der Ausgabe 16/2014).

 

In die jetzt vorgelegte Metaanalyse bezogen die Autoren um Dobson nach eigenen Angaben sämtliche – publizierten und nicht publizierten – von Roche gesponserten, randomisierten, Placebo-kontrollierten, doppelblinden Studien mit Erwachsenen ein. Wir kommt es dann, dass sie zu einem anderen Ergebnis kommen als die Coch­rane-Forscher?

 

Nur bei Influenza-Infektion wirksam

 

Der Schlüssel scheint in der Auswahl der geeigneten Patienten zu liegen, wie Professor Dr. Heath Kelly von der Universität Canberra und Professor Dr. Benjamin Cowling von der Universität Hongkong in einem begleitenden Kommentar schreiben: »Es wird immer deutlicher, wie ein rationaler Einsatz von Oseltamivir auszusehen hat. Da nur diejenigen Patienten mit Labor-bestätigter Influenza von der Einnahme profitieren, die Nebenwirkungen aber prinzipiell alle treffen können, muss nach Möglichkeit vor der Gabe ein Labortest gemacht werden.« Während einer Pandemie oder schweren Epidemie könne Oseltamivir gegeben werden, wenn die Symptome des Patienten mit hoher Wahrscheinlichkeit durch eine Influenza-Infektion ausgelöst und schwere Komplikationen zu befürchten seien (DOI: 10.1016/S0140-6736(15)60074-5).

 

Dies gibt Regierungsverantwort­lichen auf der ganzen Welt im Nachhinein Recht, die während der Schweine­grippe-Pandemie im großen Stil Tami­flu-Vorräte zum Schutz der Bevölkerung angelegt hatten. Nach der Veröffentlichung der Cochrane-Forscher war die Bundesregierung dafür von der Linkspartei scharf kritisiert worden. Ob die neue Metaanalyse alle Tamiflu-Skeptiker von dessen Nutzen überzeugt, darf jedoch bezweifelt werden. Eines ist sicher: Die Debatte um die Neuraminidase-Hemmer ist durch diese Studie nicht beendet, sondern geht lediglich in die nächste Runde. /



Beitrag erschienen in Ausgabe 06/2015

 

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