Die Zeitschrift der deutschen Apotheker

 

Pharmazeutische Zeitung

 

PTA-Forum

 

PZ-Akademie

 

DAC/NRF

 

Ebola-Medikamente: Nichts Genaues weiß man nicht

PHARMAZIE

 
Ebola-Medikamente

Nichts Genaues weiß man nicht


Von Annette Mende / Von den derzeit untersuchten sieben experimentellen Medikamenten gegen Ebola kommt momentan noch keines für einen Einsatz bei größeren Patientenzahlen infrage. Zu diesem Ergebnis kommen Experten der Europäischen Arzneimittelagentur EMA nach einer Auswertung aller verfügbaren Daten.

ANZEIGE


»Alle Ebola-Therapeutika befinden sich noch in frühen Entwicklungsphasen«, sagt Marco Cavaleri, bei der EMA zuständig für Antiinfektiva und Impfstoffe. Man ermutige die Hersteller, mehr Informationen zu sammeln und diese der EMA unverzüglich einzureichen. Die EMA will den jetzt vorgelegten Bericht kontinuierlich aktualisieren. Er gibt den Evidenzstand zu folgenden Wirkstoffen wieder: BCX 4430, Brincidofovir, Favipiravir, TKM-100802, AVI-7537, ZMapp und Anti-Ebola F(ab´)2. In der Entwicklung befindliche Impfstoffe gegen die Virus-Erkrankung werden nicht berücksichtigt.

 

Unterschiedlicher Wissensstand

 




Szene im Dorf Meliandou in Guinea. Hier vermuten Experten den Ursprungsort des aktuellen Ebola-Ausbruchs in Westafrika.

Foto: picture alliance/AP Photo


Wie detailliert die Informationen über die einzelnen Arzneistoffe sind, ist von Fall zu Fall sehr unterschiedlich. Zu einigen Wirkstoffen gibt es noch keine Daten über den Einsatz beim Menschen, während andere bereits im Rahmen individueller Therapieversuche beim aktuellen Ebola-Ausbruch Patienten verabreicht wurden oder sogar schon – in anderen Indikationen – zugelassen sind.

 

Letzteres trifft auf das Nukleosid-Analogon Favipiravir zu, das seit März 2014 in Japan auf dem Markt ist. Es ist zugelassen zur Behandlung von Infek­tionen mit neuen oder wieder neu aufgetretenen Influenza-Stämmen und soll auf Fälle beschränkt bleiben, in denen andere Mittel gegen das Influenza-Virus nicht oder nicht zufriedenstellend wirken. Die zugelassene Dosierung beträgt 1600 mg zweimal täglich am ersten Behandlungstag gefolgt von 600 mg zweimal täglich für vier Tage. Bei der Bioverfügbarkeit von Favipiravir scheint es erhebliche interindividuelle Unterschiede zu geben: In Studien wurden bei japanischen Probanden etwa 50 Prozent höhere Wirkstoffspiegel im Blut gemessen als bei US-Bürgern. Ob dafür ethnische Unterschiede und/oder eine unterschiedliche Ernährung der Probanden verantwortlich sind, ist unklar.

 

Derzeit wird Favipiravir in der Dosierung 1800 mg zweimal täglich an Tag 1 und 800 mg zweimal täglich an den Tagen 2 bis 5 gegen Influenza getestet. Gegen Ebola müssten allerdings noch deutlich höhere Dosen zum Einsatz kommen, wie die Ergebnisse von In- vitro-Studien zeigen. Wie Menschen diese hohen Dosen vertragen, ist unbekannt. Zum bereits vereinzelt erfolgten Einsatz von Favipiravir bei Patienten mit Ebola-Infektion gibt es nur rudimentäre Daten.

 

BCX 4430 ist wie Favipiravir ein Nukleosid-Analogon. Es wirkt antiviral, indem es im wachsenden RNA-Strang zum Kettenabbruch führt. Nachdem Tierversuche mit Nagern vielversprechend verliefen, wird die Substanz zurzeit an Primaten mit Ebola-Infektion getestet. Hersteller Biocryst hat der EMA weder Daten zur Sicherheit noch zur Pharmakokinetik vorgelegt. Eine Dosis, in der BCX 4430 gegen Ebola eingesetzt werden könnte, steht noch nicht fest. Zudem ist der Nachschub an BCX 4430 offenbar nicht sichergestellt: Nach Angaben des Herstellers sind momentan nur begrenzte Mengen des Wirkstoffs vorhanden, die vor allem in einer geplanten Phase-I-Studie verwendet werden sollen.

 

Vorräte sind begrenzt

 

Deutlich weiter in der Entwicklung ist Brincidofovir, ein oral verfügbares Lipid-Konjugat des Nukleotid-Analogons Cidofovir, das zur Behandlung und Prophylaxe von Cytomegalievirus-Infektionen bei Patienten nach Stammzelltransplantation eingesetzt wird. Aus Phase-II-Studien liegen schon Sicherheitsdaten von relativ vielen Patienten vor, sowohl in der genannten Indikation als auch zur Behandlung von Adenovirus-Infektionen bei Stammzell-transplantierten Patienten. Die Wirksamkeit gegen Ebola wurde bislang erst in vitro gezeigt. Es wurden zwar bereits einige Ebola-Patienten mit Brincidofovir behandelt, doch wie diese die Therapie vertrugen, ist nicht bekannt. Die vorliegenden Daten reichen nicht aus, um ein Dosis-Regime zur Behandlung der Ebola-Infektion zu etablieren. Hersteller Chimerix gibt an, dass die Vorräte an Brincidofovir für die derzeit laufenden klinischen Studien ausreichen.

 

Bei TKM-100802 handelt es sich um einen Lipid-Nanopartikel, in den zwei kurze synthetische RNA-Moleküle verpackt sind (small interfering RNA, siRNA). Diese blockieren die Expression der RNA-Polymerase L und des viralen Proteins VP35 und verhindern so die Replikation des Ebola-Virus. Der sehr spezifische Wirkmechanismus macht die Substanz anfällig für Änderungen der Zielstruktur, die beim jetzt in Westafrika kursierenden Ebola-Virus-Stamm, Variante Guinea (EBOV-g), leider gegeben sind. Dieser unterscheidet sich von einer 1995 bei einem Ausbruch in Kongo-Kinshasa isolierten Variante EBOV-Kikwit (EBOV-k) durch drei Single Nucleotide Polymorphismen (SNP).

 

TKM-100802 ist auf EBOV-k optimiert, gegen EBOV-g war es in vitro etwas weniger gut wirksam. Hersteller Tekmira arbeitet zurzeit an einer auf EBOV-g optimierten Version. Wann diese fertig wird, ist noch nicht klar. Seit die US-amerikanische Aufsichtsbehörde FDA im August den Einsatz von TKM-100802 bei Patienten mit bestätigter oder vermuteter Ebola-Infektion gestattete, sind einige Menschen mit dem Wirkstoff behandelt worden. Sicherheitsdaten dazu liegen der EMA allerdings nicht vor.

 

AVI-7537 ist ein Antisense-Oligonukleotid, das die Replikation des Ebola-Virus hemmt, indem es das Ablesen des für das virale Protein VP24 kodierenden Gens verhindert. Es wurde bereits an gesunden Freiwilligen getestet, Daten zum antiviralen Effekt konnte Hersteller Sarepta allerdings noch nicht liefern. Alles in Allem kann anhand der verfügbaren Informationen noch keine Empfehlung zu einer Dosierung gegen Ebola ausgesprochen werden.

 

ZMapp immer noch knapp

 

ZMapp, eine Mischung aus drei chimären monoklonalen Antikörpern gegen das Oberflächen-Glykoprotein des Ebola-Virus, sorgte zu Beginn des Ausbruchs für Schlagzeilen, weil es bei zwei mit Ebola infizierten US-amerikanischen Helfern zum Einsatz kam. Schnell wurde allerdings klar, dass das Mittel nur in relativ geringen Mengen zur Verfügung steht. Daran hat sich nichts geändert: Laut Hersteller Leafbio gibt es zurzeit kein ZMapp mehr und die Menge an Wirkstoff, die im kommenden Halbjahr produziert wird, ist für klinische Studien vorgesehen. Insgesamt wurden bisher sieben Patienten mit ZMapp behandelt, von denen fünf überlebten. Vorläufige Daten legen nahe, dass das Mittel die Viruslast bei einigen Patienten senkte, dieser Befund ist allerdings wegen des Fehlens einer Vergleichsgruppe nicht gesichert.

 

Anti-Ebola F(ab´)2 ist ein aus Pferden gewonnenes Immunserum, das gegen das Ebola-Virus gerichtete Antikörperfragmente enthält – oder soll es zumindest werden, wie man korrekterweise sagen müsste, denn das Mittel existiert so noch gar nicht. Hersteller Fab´entech entwickelt es zurzeit und stützt sich dabei auf Erfahrungen mit der Entwicklung anderer vergleichbarer Immunsera. Wie lange das dauern wird, ist nicht absehbar. /

 

Der vollständige Bericht findet sich auf der Website der EMA unter http://tinyurl.com/pfnknfd.



Beitrag erschienen in Ausgabe 51/52/2014

 

Das könnte Sie auch interessieren

 

 












DIREKT ZU