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Anaphylaxie: Gefährliche Überreaktion

MEDIZIN

 
Anaphylaxie

Gefährliche Überreaktion

Von Christina Hohmann

 

Eine Anaphylaxie ist die schwerste Form der allergischen Reaktion. Sie kann unbehandelt in kurzer Zeit zum Tod führen. Daher sollten Personen, die zu starken allergischen Reaktionen neigen, ein Notfallset bei sich tragen.

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Sie stehen in Supermärkten und studieren akribisch die Angaben auf den Lebensmittelpackungen. Sind Nüsse im Kleingedruckten aufgeführt? Können Allergene in Spuren enthalten sein? Wer an schweren Nahrungsmittelallergien leidet, muss besonders vorsichtig sein. Denn während andere bei Kontakt mit einem Allergen eine juckende Nase und tränende Augen bekommen, reagieren sie deutlich heftiger: Die Haut am ganzen Körper juckt, die Atemwege schwellen zu und der Blutdruck sackt ab. Eine solche anaphylaktische Reaktion kann tödlich enden. Sie ist ein medizinischer Notfall, der sofort behandelt werden muss.

 

Ein Drittel der Fälle geht auf Nahrungsmittel zurück. Die häufigsten Auslöser von Anaphylaxien sind Erdnüsse, Nüsse, Meerestiere, Eier, Milch und Soja. Bei manchen sensibilisierten Menschen reichen winzige Mengen des Allergens aus, um lebensbedrohliche Zustände zu verursachen. So kann das Einatmen von Dämpfen beim Kochen oder Tröpfchen, wie sie beim Öffnen von Packungen entstehen, für manche Allergiker bereits gefährlich sein.

 

Neben Lebensmitteln sind auch Insektengifte von Bienen oder Wespen potente Auslöser von Anaphylaxien. Latex und einige Medikamente wie Antibiotika, Muskelrelaxantien, ASS, Röntgen- und Kontrastmittel können ebenfalls diese heftigen Reaktionen auslösen.

 

Explosionsartige Freisetzung

 

Bei einem ersten Kontakt mit einem neuen Antigen (meist ein Protein) können keine Anaphylaxien auftreten. Erst wenn das Immunsystem das Antigen erkannt hat und Plasmazellen gebildet hat, die spezifische IgE-Antikörper produzieren, kann es zu einer allergischen Reaktion kommen. Wenn sensibilisierte Personen erneut in Kontakt mit dem Antigen kommen, setzen die sogenannten Mastzellen und basophilen Granulozyten massenhaft Histamin und andere Entzündungsmediatoren wie Zytokine, Prostaglandine und Leukotriene frei. Vor allem Histamin ist für die Symptome einer anaphylaktischen Reaktion verantwortlich.

 

Kribbeln in den Händen, Prickeln im Mund und Rachen sowie Hitzewallungen sind meist die ersten Anzeichen einer allergischen Reaktion. Sie können innerhalb von Sekunden oder Minuten nach Allergenkontakt eintreten, zum Teil aber auch erst nach mehreren Stunden. Je nach Grad der Sensibilisierung und Menge sowie der Eintrittspforte des Allergens variieren die Symptome und das Ausmaß der Beschwerden stark. Milde Symptome reichen von Kopfschmerzen, Schwindel, Übelkeit bis hin zu Erbrechen und Darmkoliken. Typisch sind auch Hauterscheinungen wie Gesichtsrötung, Juckreiz und Quaddelbildung (Urtikaria). Zudem können Heiserkeit und Husten einsetzen. Gefährlich wird es, wenn die Zunge und der Rachen anschwellen und die Atemwege sich verengen. Dies macht sich durch pfeifende, rasselnde Atemgeräusche und Atemnot bemerkbar. In schweren Fällen kann sich das Bewusstsein trüben. Die Betroffenen werden ohnmächtig und entwickeln klassische Schocksymptome.

 

Schuld sind die freigesetzten Entzündungsmediatoren: Sie erhöhen zum einen die Gefäßpermeabilität, wodurch Wasser ins Gewebe sackt und Ödeme entstehen. Zum anderen stellen sie die Blutgefäße weit, wodurch der Blutdruck gefährlich abfällt. Das Herz versucht den fehlenden Druck auszugleichen und der Puls steigt rapide an, was das Herz überfordern kann. Zusätzlich verengen sich die Bronchien, akute Atemnot entsteht. Herzversagen oder Atemstillstand können zum Tod führen.

 

Wann ist es Anaphylaxie?

 

Eine Anaphylaxie lässt sich schlecht von harmlosen allergischen Reaktionen abgrenzen. Ein Kriterium ist, dass der gesamte Organismus reagiert. Neben Hautausschlag und Juckreiz müssen noch weitere Symptome wie Übelkeit und Atemnot hinzukommen. Wer vermutet, eine anaphylaktische Reaktion gehabt zu haben, sollte dies von einem Allergologen abklären lassen. Einen Test, der das Risiko auf schwere Reaktionen ermittelt, existiert zwar nicht, aber der Arzt kann zumindest das kritische Allergen bestimmen. Eigendiagnosen sind hier wenig hilfreich.

 

Eine Allergie gegen Insektengift lässt sich durch eine Hyposensibilisierung gut behandeln (siehe dazu Insektengiftallergie: Im Notfall schnell handeln, PZ 26/06). Für Nahrungsmittel, Latex oder Medikamente besteht diese Möglichkeit bislang nicht. Hier lassen sich Anfälle nur durch striktes Meiden des Allergens verhindern. Wer zu starken allergischen Reaktionen neigt, kann vom Arzt ein Notfallset verschrieben bekommen. Mithilfe der enthaltenen Medikamente kann der Betroffene sich im Ernstfall bis zum Eintreffen des Krankenwagens selbst behandeln.

 

Verhalten im Notfall

 

Bei ersten Anzeichen einer Anaphylaxie ist schnelles, aber ruhiges Handeln wichtig. Die Betroffenen sollten sich gemäß den Anweisungen ihres Arztes verhalten und die im Notfallset enthaltenen Medikamente einnehmen. Hierzu zählen H1-Antihistaminika, die die Histaminwirkung durch Blockieren der Rezeptoren aufheben. Ihr Einsatz ist bereits bei milden Stadien indiziert, heißt es in der Leitlinie »Akuttherapie anaphylaktischer Reaktionen« (»Allegro Journal«, 2007, Band 16, Seiten 420 bis 434). Ebenso sollten Glucocorticoide (100 mg Prednisolon-Äquivalent) früh eingesetzt werden. Diese Substanzen nehmen einen festen Platz in der Therapie von anaphylaktischen Reaktionen ein, obwohl für ihre Anwendung in dieser Indikation keine systematischen klinischen Studien vorliegen, heißt es in der Leitlinie. Das Glucocorticoid ist zwar wegen des späten Wirkeintritts bei der Akuttherapie von untergeordneter Bedeutung, kann aber Spätreaktionen verhindern.

 

Ein wichtiger Bestandteil des Notfallsets ist Adrenalin, das sich der Patient selbst verabreichen kann. Die Substanz stimuliert α-Adrenozeptoren und bewirkt darüber eine Kontraktion der kleinen Blutgefäße, was das Blutvolumen anhebt und den Blutdruck stabilisiert. Zusätzlich führt die Aktivierung von β1-Adrenozeptoren am Herzen zu einer erhöhten Herzfrequenz und insgesamt zu einer verbesserten Herzleistung. Über β2-Rezeptoren bewirkt Adrenalin, dass sich die Bronchien erweitern und die Atmung erleichtert wird. Zudem hemmt die β2-Aktivierung auch die Freisetzung von Entzündungsmediatoren aus den Mastzellen und basophilen Granulozyten.

 

Zur Selbstapplikation sind im Notfallset Autoinjektoren (Fastject® oder Anapen®) enthalten, mit denen sich Betroffene 0,3 mg Adrenalin selbst in den Oberschenkel applizieren können. Für Kinder, die mehr als 15 Kilogramm wiegen, sind auch Präparate mit 0,15 mg Adrenalin verfügbar. Da der Injektor eine stabile Nadel besitzt, ist eine Applikation durch die Kleidung möglich. Obwohl die Handhabung einfach ist, sollten Patienten eingehend geschult werden. Wer bereits einmal besonders starke allergische Reaktionen gezeigt hat, sollte bei ersten Anzeichen einer Anaphylaxie den Autoinjektor einsetzen. Patienten mit Asthma bronchiale sollten ein kurz wirksames β2-Mimetikum zur Bronchodilatation bei sich führen. Der Einsatz der Medikamente kann zwar die Zeit bis zum Eintreffen des Notarztes überbrücken, sie ersetzen aber keinesfalls den Arztbesuch. Ein Krankenwagen sollte auf jeden Fall verständigt werden.


Informationen im Internet

Ausführliche Informationen zur Anaphylaxie bietet das Anaphylaxienet unter www.anaphylaxie.net. Dort sind auch spezialisierte Zentren nach Bundesländern geordnet aufgeführt.


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Beitrag erschienen in Ausgabe 17/2008

 

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