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Tic-Störungen: Keine dumme Angewohnheit

MEDIZIN

 
Tic-Störungen

Keine dumme Angewohnheit


Von Annette Mende, Berlin / Das Tourette-Syndrom als die schwerste Ausprägung der Tic-Störung bringen die meisten Menschen mit dem unvermittelten Ausstoß obszöner Worte in Verbindung. Doch nur die wenigsten Patienten entwickeln diese sogenannte Koprolalie. Auch weniger auffällige Tics belasten Betroffene allerdings meist sehr.

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Ständiges Blinzeln und Aufreißen der Augen, plötzliches Kopfschütteln, Grimassieren, Schulterrucken, Um-sich-Schlagen, Räuspern, Schniefen, Grunzen, Quieken oder sogar lautes Schreien – was Menschen mit Tic-Störung machen, verstört, erregt Aufsehen und nicht selten auch den Spott Außenstehender. Beim diesjährigen Kongress der Deutschen Gesellschaft für Psychiatrie und Psychotherapie, Psychosomatik und Nervenheilkunde (DGPPN) in Berlin war den Tic-Störungen eine Session gewidmet.

 




Unwillkürliches Blinzeln, Zwinkern oder Augenrollen: Die meisten Tics betreffen typischerweise die Augenpartie. Im Kindesalter sind Tics gar nicht so selten – zwischen 4 und 12 Prozent der Kinder sind betroffen.

Foto: Fotolia/vishnena


»Tic-Störungen sind im Kindesalter mit einer Prävalenz von 4 bis 12 Prozent ein relativ häufiges Phänomen«, sagte Professor Dr. Veit Rößner vom Universitätsklinikum Carl Gustav Carus in Dresden. Die Beschwerden beginnen meist im Grundschulalter, verstärken sich und erreichen ein Maximum rund um die Pubertät, um bis zum frühen Erwachsenenalter wieder schrittweise abzuklingen. Jungen sind etwa dreimal häufiger betroffen als Mädchen. Dass ein Tic erstmals im Erwachsenenalter auftritt, ist die absolute Ausnahme.

 

Als Tics bezeichnet man plötzliche, unwillkürliche Bewegungen und/oder Lautäußerungen, die typischerweise schnell, abrupt einschießen, kurz andauern und sich in Serien wiederholen, ohne einen eigenen Rhythmus zu entwickeln. In aller Regel treten motorische vor vokalen und einfache vor komplexen Tics auf. »Bei den allermeisten Patienten sind die Tics vor allem im Kindesalter auf den Kopf und insbesondere die Augenregion beschränkt. Sie breiten sich erst nach und nach über den Rumpf und auf die Extremitäten aus«, sagte Rößner.

 

Eine Tic-Störung beginnt häufig mit einfachen motorischen Tics der Augenpartie. Komplexe Tics, zu denen neben der fast schon berühmt gewordenen Koprolalie auch Phänomene wie die Kopro­praxie (Ausführen obszöner Bewegungen und Gesten), die Echolalie (Nachsprechen von Sätzen und Wörtern des Gegenübers) und die Echopraxie (Nach­ahmen von Bewegungen anderer) gehören, kommen – wenn überhaupt – erst später hinzu. Patienten, die schon längere Zeit an einer Tic-Störung leiden, berichten mitunter von einem seltsamen Gefühl, einer Anspannung, die dem Tic unmittelbar vorausgeht.

 

Organisch liegt einer Tic-Störung vermutlich eine Fehlfunktion kortiko­striataler-thalamokortikaler Schaltkreise im Gehirn zugrunde, wie ein Team um Rößner und Professor Dr. Andrea Ludolph von der Universitätsklinik Ulm in einer Übersichtsarbeit im »Deutschen Ärzteblatt« schreibt (DOI: 10.3238/arztebl.2012.0821). Auch das limbische System scheint beteiligt zu sein. Dem Neurotransmitter Dopamin wird eine wesentliche pathophysiologische Rolle zugeschrieben, eine Beteiligung von Serotonin vermutet.

 

Meist vorübergehend

 

Viele Betroffene leiden nur vorübergehend in der Kindheit unter den Beschwerden. Verschwinden die in diesen Fällen meist nur motorischen Tics spätestens nach einem Jahr vollständig und endgültig, spricht man von einer vorübergehenden beziehungsweise vorläufigen Tic-Störung. Eine chronische motorische oder vokale Tic-Störung dauert per definitionem länger als ein Jahr. Zeigt der Patient länger als ein Jahr sowohl vokale als auch motorische Tics, sind die Kriterien für die Diagnose Tourette-Syndrom erfüllt. Rößner zufolge sind etwa 3 Prozent der Bevölkerung von einer chronischen Tic-Störung betroffen und 1 Prozent vom Tourette-Syndrom.

 

»Es ist erfreulich, dass immer mehr Eltern wissen, dass es sich bei Tics um eine neurologische Störung handelt, und ihr Kind nicht lange quälen, indem sie es ständig ermahnen, die vermeintlich dumme Angewohnheit sein zu lassen«, sagte der Kinder- und Jugend­psychiater. Allerdings sei die häufig vollzogene Gleichsetzung des Tourette-Syndroms mit Koprolalie problematisch. »Wenn man Eltern, deren Kind ein bisschen blinzelt und die Nase rümpft und das sich ab und zu räuspert, sagt, dass es ein Tourette-Syndrom hat, fallen viele fast vom Stuhl.« Das Bild der Tic-Störungen sei durch einseitige Medien-Berichte verzerrt. Tatsächlich zeige nur jeder fünfte Tourette-Patient das Symptom Koprolalie.

 

Begleitende Erkrankungen




Auch gering ausgeprägte Tics wie Grimassieren oder ständiges Räuspern sind für Betroffene belastend. Häufig führen diese zu Spott und Unverständis.

Foto: Imago/Emil Umdorf


Das Tourette-Syndrom ist häufig mit anderen psychischen Erkrankungen vergesellschaftet, insbesondere Aufmerksamkeitsdefizit-Hyperaktivitätsstörung (ADHS) und Zwangsstörungen. »Manchmal kommen die Tics überhaupt erst zum Vorschein, wenn man die ADHS behandelt, weil man sie vorher vor lauter Hyperaktivität gar nicht bemerkt hat«, sagte Professor Dr. Kirsten Müller-Vahl von der Medizinischen Hochschule Hannover. Die begleitende Störung belaste den Patienten meist mehr als die Tics und sei deshalb vorrangig zu therapieren.

 

Typisch für Tic-Störungen ist, dass sie in ihrer Ausprägung schwanken. »Viele Patienten berichten, dass Stress, Aufregung, Anspannung, aber auch positive Gefühle wie etwa große Freude zu einer Verschlechterung führen«, sagte Müller-Vahl. Um sich nicht der sozialen Ächtung auszusetzen, können Patienten versuchen, die Tics zu unterdrücken. Manche berichten allerdings von einem sogenannten Rebound, also einer Verstärkung des Drangs zur Ausführung des Tics, nachdem man ihn unterdrückt hat. In einer aktuell im »Journal of Psychosomatic Research« veröffentlichten Studie mit 22 erwachsenen Tic-Patienten konnte Müller-Vahl dies jedoch nicht feststellen (DOI: 10.1016/j.jpsychores.2014.03.003).

 

Die Basis der Therapie von Tic-Störungen bildet die Psychoedukation. Dazu gehören die Aufklärung und Beratung der Betroffenen, ihrer Eltern, Lehrer und anderer Bezugspersonen über Ursachen und Möglichkeiten des Umgangs mit den Tics. Eine Heilung ist nicht möglich, wohl aber eine symptomatische Behandlung mittels Psycho- oder Pharmakotherapie.

 

Verhaltenstherapie und Entspannungsübungen

 

Bei der Psychotherapie gibt es für zwei Techniken der Verhaltenstherapie die besten Daten, nämlich das Habit Reversal Training und das Exposure and Response Prevention Training. Begleitende Entspannungstechniken wie die progressive Muskelentspannung nach Jacobson können sich positiv auswirken. Bei den Arzneimitteln stehen Neuroleptika an erster Stelle. Haloperidol ist in Deutschland der einzige Wirkstoff, der zur Behandlung von Patienten mit Tourette-Syndrom zugelassen ist. Aufgrund des günstigeren Nebenwirkungsprofils haben atypische Neuroleptika wie Risperidon das Haloperidol mittlerweile aber fast vollständig verdrängt.

 

Welche Therapie sich für welchen Patienten am besten eignet, lässt sich momentan leider noch nicht vorher­sagen. »Hier besteht eindeutig Forschungsbedarf«, sagte Rößner. Auch wisse man noch zu wenig darüber, welche Faktoren die Prognose günstig oder ungünstig beeinflussen. Bis diese Fragen geklärt sind, kann es für alle Beteiligten nur darum gehen, Patienten mit Tic-Störungen dabei zu helfen, so gut wie möglich mit ihrer Erkrankung zurechtzukommen. /


Mögliche Ursachen

Es gibt eine genetische Komponente bei der Veranlagung zu Tic-Störungen. Angehörige von Betroffenen haben ein erhöhtes Risiko, selbst zu erkranken. Verschiedene Risiko-Gene werden dafür verantwortlich gemacht. Daneben werden als äußere Einflüsse unter anderem Nicotinkonsum und psychosozialer Stress der Mutter während der Schwangerschaft in Zusammenhang mit Tic-Störungen des Kindes gebracht. Ein weiterer möglicher Auslöser sind Infektionen mit β-hämolysierenden Streptokokken der Gruppe A, beispielsweise in Form von Scharlach, Mittelohr- oder Mandelentzündung. Ein Zusammenhang wurde beobachtet, allerdings ist unklar, ob es sich um eine ursächliche Beziehung oder lediglich eine zeitliche Koinzidenz handelt.



Beitrag erschienen in Ausgabe 50/2014

 

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