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Theaninforschung: Tee gegen den Lärm der Welt

TITEL

 
Theaninforschung

Tee gegen den Lärm der Welt

Von René Schneider, Teresa Lüdde, Sandra Töpper und Peter Imming

 

Schon seit jeher genießen Teetrinker, mag es zunächst auch widersprüchlich erscheinen, sowohl die belebende als auch die beruhigende Wirkung von Tee.

 

Während die anregende Wirkung durch Coffein hervorgerufen wird, werden die entspannenden Effekte der in Schwarz- und Grüntee enthaltenen Aminosäure Theanin zugeschrieben. Die Frage lautet nicht mehr: Thein oder Coffein, sondern Theanin oder Coffein. Was ist davon zu halten?

 

»Tee weckt den guten Geist und die weisen Gedanken. Er erfrischt deinen Körper und beruhigt dein Gemüt. Bist du niedergeschlagen, wird Tee dich ermutigen«. Mit diesen Worten (1) beschreibt bereits der legendäre chinesische Kaiser Shennong das nach purem Wasser weltweit am häufigsten genossene Getränk.

 

Die Stammpflanze von grünem und schwarzem Tee sowie des Oolong-Tees ist Camellia sinensis (L.) O. Kuntze. Mit »sinensis« und »assamica« werden zwei Varietäten unterschieden. Camellia heißt die Pflanze zu Ehren des mährischen Jesuiten Joseph Kamels. Gleichermaßen Apotheker und Botaniker beschrieb er Ende des 17. Jahrhunderts als erster die philippinische Pflanzenwelt. Die Varietät »sinensis« zeichnet sich durch kleinere Blätter und größere Frostresistenz als die Varietät »assamica« aus.

 

Hauptanbauländer sind Indien, China und Sri Lanka, wobei weltweit jährlich rund 2,5 Millionen Tonnen produziert werden (2). Nach chinesischen Legenden soll die Teepflanze von buddhistischen Mönchen aus Indien nach China gebracht worden sein. In chinesischen Quellen lässt sich der Teegenuss bis zum Jahr 350 zurückverfolgen.

 

Die ersten sicheren Nachrichten über die Sitte des Teetrinkens stammen jedoch aus arabischen Reiseberichten des neunten Jahrhunderts. In ihnen wird eine Pflanze namens Sakh genannt, die in den Städten Chinas für hohe Summen verkauft wurde und deren Aufguss sowohl als Getränk als auch als Heilmittel diente. Nach Europa gelangte der Tee im 17. Jahrhundert: 1638 brachte ihn eine russische Gesandtschaft als Geschenk für den Zaren nach Moskau.

 

In Deutschland wird der Tee erstmals als Herba Theae 1657 in der Apothekentaxe von Nordhausen erwähnt (3). Die Bundesrepublik hat 2006 ihre Position als Drehscheibe des internationalen Teehandels weiter ausgebaut: Mit 46.785 Tonnen erreichte das Importvolumen einen Zuwachs um 12,2 Prozent gegenüber dem Vorjahr. Gleichzeitig stieg auch die Ausfuhr aus Deutschland auf einen Spitzenwert: 25.302 Tonnen Tee wurden 2006 von deutschen Teeunternehmen verarbeitet, veredelt und anschließend in alle Welt exportiert.

 

Grün, rot, weiß

 

Wirksame Inhaltsstoffe von Camellia sinensis sind neben Coffein (4) vor allem die Catechine als hydrierte Flavone oder Anthocyanidine. Sie bilden im unfermentierten Tee den Hauptanteil der Polyphenole und machen etwa 17 bis 30 Prozent des Trockengewichts aus (Tabelle).


Tabelle: Gehalt an typischen Inhaltsstoffen in einer Tasse Grün- und Schwarztee

 Grüner Tee   Schwarzer Tee  
[nach Infusion von 2,3 g Teeblättern mit 150 ml Wasser (750 mg Trockenextrakt)] Trockenextrakt in Prozent mg/Tasse Trockenextrakt in Prozent mg/Tasse 
Coffein 7,43 56 7,56 57 
Epicatechin 1,98 15 1,21 
Epicatechingallat 5,2 39 3,86 29 
Epigallocatechin 8,42 63 1,1 
Epigallocatechingallat 20,3 152 4,63 35 
Flavonole 2,23 17 Spuren Spuren 
Theaflavine 2,62 20 
Thearubigine 35,9 269 
Aminosäuren 7,2 54 6,5 49 
davon Theanin 4,7 35 3,6 27 
organische Säuren 2,76 21 
Monosaccharide 6,85 51 6,68 50 

Catechine sind Monomere der natürlichen nicht-hydrolysierbaren Gerbstoffe. Um die Oxidation der im Blatt enthaltenen Polyphenole zu vermeiden und die pflanzeneigenen Enzyme zu inaktivieren, wird das Blatt bei der Herstellung von grünem Tee nach der Pflückung hitzebehandelt. Den Catechinen werden antikarzinogene, antioxidative, antivirale, bakterizide und antimikrobielle Eigenschaften zugesprochen. Grüner Tee enthält zudem Flavonolglykoside, Bisflavonole und Chlorogensäure.

 

Unter der Fermentation zu Schwarztee, im Chinesischen farblich treffender als Rottee bezeichnet, versteht man das Aufschließen des Tees in feuchter Umgebung mit nachfolgender Trocknung bei gleichzeitiger Oxidation der Polyphenole. Das Blatt wird zunächst angewelkt und anschließend zerrissen oder geschnitten und gleichzeitig gerollt. Seine damit verbundene Zerstörung leitet den enzymatischen Prozess der Fermentation ein. Sie wird durch das in den Blättern enthaltene Enzym Polyphenoloxidase katalysiert (4).

 

Auf diese Art und Weise entstehen höhermolekulare Stoffe wie Theaflavine, Theaflavinsäuren, Theaflagalline und vor allem Thearubigene, die den größten Teil der Oxidationsprodukte ausmachen. Sie zeichnen sich durch eine rotbraune Farbe aus und bestimmen wesentlich den Geschmack und die Farbe des Getränks. Der Gehalt an Theaflavinen beträgt durchschnittlich nur zwei Prozent. Jedoch sind auch diese orangeroten Substanzen für die Farbe und den adstringierenden Geschmack des schwarzen Tees verantwortlich (5). Der Catechinanteil im schwarzen Tee beträgt nur noch maximal zehn Prozent (6; Tabelle). 

 

Im Gegensatz zum schwarzen Tee wird der Oolong-Tee nur teilweise fermentiert und enthält daher sowohl Catechine als auch deren Oxidationsprodukte. Weniger bekannt sind weiße Tees und Pu-erh-Tees. Ein weißer Tee ist ein unfermentierter Tee aus Blattknospen und jungen Blättern, die manchmal zusätzlich vor der Sonne geschützt werden, um die Produktion von Chlorophyll zu minimieren und den jungen Blättern ein helles Aussehen zu geben. Junge Pu-erh-Tees sind ebenfalls unfermentiert und stammen aus den Bergen der chinesischen Provinz Yunnan. Pu-erh-Tees durchlaufen einen speziellen Alterungsprozess mit mikrobieller Fermentation (7).

 

Variierender Gehalt

 

Das Hauptalkaloid von Camellia sinensis ist das Coffein. Eine japanische Legende berichtet, dass Darma, ein Schüler Buddhas, um beim Meditieren nicht zu ermüden, seine Augenlider abgeschnitten und von sich geworfen hat. Daraus soll der Teestrauch entstanden sein, dem die Kraft innewohnt, den Schlaf zu vertreiben. Alle Teesorten enthalten zwei bis fünf Prozent Coffein, wobei sich kultivierter Tee kaum von seinen wilden Verwandten unterscheidet (8).

 

Der Coffeingehalt wird hauptsächlich vom Entwicklungsstand der verwendeten Blätter und weniger von klimatischen Faktoren bestimmt. So wurden in der Spitzenknospe einer Teepflanze 4,7 Prozent, im ersten Blatt 4,2 Prozent und im zweiten Blatt 3,5 Prozent Coffein gefunden (5). Eine Faustregel besagt, dass Tee nach rascher Zubereitung etwa halb so viel Coffein wie Kaffee enthält. In erster Linie kommt es dabei auf die Ziehzeit an. In schwarzem und grünem Tee lassen sich nach einer Minute etwa 20 mg, nach fünf Minuten etwa 33 mg Coffein in 100 ml Wasser finden (4).

 

Der Gehalt an Aminosäuren im getrockneten Blatt des grünen Tees beträgt etwa vier Prozent. 0,3 bis 1,6 Prozent entfallen auf L-Theanin als 5-N-Ethyl-L-glutamin (5) und sein Homologes, die 2-Amino-6-ethylamidoadipinsäure (9). Studiengemäß ist der Anteil an Aminosäuren in weißem Tee durchschnittlich am höchsten. Dies gilt auch für den Theaningehalt, der in weißem Tee bei 0,53 bis 3,34 Prozent, in grünem Tee bei 0,16 bis 0,34 Prozent, in schwarzem Tee bei 0,05 bis 0,41 Prozent, im Oolong-Tee bei 0,09 bis 0,28 Prozent und im Pu-erh-Tee bei 0,01 bis 0,12 Prozent liegt (7). Der Gehalt an Theanin kann variieren und ist sowohl vom Grad der Fermentierung als auch von der Weiterverarbeitung des Tees abhängig (10). Der Stellenwert des Theanins als Leitsubstanz und Marker für Charakterisierung, Qualität oder Echtheit von Tees wird sehr kontrovers diskutiert.

 

Eine besondere Aminosäure

 

L-Theanin wurde erstmals 1949 von dem Japaner Y. Sakato isoliert und identifiziert (11). Es wird durch Wasser relativ schnell extrahiert. Nach einer Minute ist bei Teebeuteln bereits über 50 Prozent des gesamten extrahierbaren Theanins in Lösung gegangen (12). L-Theanin ist eine farblose, wasserlösliche, N-alkylierte, chirale, nicht proteinogene Aminosäure, die den Geschmack des Teegetränks und hier vor allem des ersten, mit zunehmender Extraktion bitter werdenden Aufgusses von Grüntee mitbestimmt.

 

Der Aufguss von grünem Tee hat vier charakteristische Geschmacksnoten: bitter, adstringierend, süß und umami (japanisch: fleischig und herzhaft, wohlschmeckend; 10). Für den umami-Geschmack ist neben Glutaminsäure beziehungsweise Glutamat insbesondere Theanin verantwortlich (13). Während D-Aminosäuren generell einen süßen und L-Aminosäuren einen herzhaften, eher bitteren Geschmack besitzen, schmecken sowohl die D- und L-Enantiomere als auch das Racemat von Theanin eher süßlich (14).

 

Theanin ist nicht nur in Camellia sinensis, sondern auch in den Camellia-Arten japonica und sasanqua sowie im Maronenröhrling (Xerocomus badius) enthalten (15). Es wird in den Wurzeln der Teepflanze mit Hilfe der Theanin-Synthetase aus Glutaminsäure und Ethylamin synthetisiert, in die Blätter transportiert und dort akkumuliert. Zusammen mit Glutamin und weiteren freien Aminosäuren bildet Theanin den Nicht-Protein-Stickstoff-Pool der Pflanze (16).

 

Hauptsächlich kommt in der Pflanze das L-(S)-(+)-Theanin vor. Studiengemäß liegt der durchschnittliche Gehalt an D-(R)-(-)-Theanin in der Teepflanze bezogen auf den Gesamttheaningehalt bei 1,85 Prozent. Je weniger D-Theanin ein Tee-Aufguss enthält, desto besser wird die Qualität des Herstellungsprozesses eingeschätzt (14). Dem D-Enantiomer wird nachgesagt, dass es wirkungslos sei. Einerseits wird es im Gastrointestinaltrakt wesentlich schlechter resorbiert als L-Theanin. Andererseits wird es auch schneller wieder ausgeschieden (17). Die Racemisierung kann durch Mikroorganismen oder auch in wässriger Lösung unter Hitzeeinwirkung erfolgen.

 

Metabolismus und Kinetik

 

Theanin kann die Blut-Hirn-Schranke passieren und ist der proteinogenen Aminosäure L-Glutaminsäure ähnlich, die im Zentralnervensystem durch das Enzym L-Glutaminsäuredecarboxylase zu γ-Aminobuttersäure (GABA), einem wichtigen inhibitorischen Neurotransmitter, decarboxyliert wird. Es lässt sich unter anderem aus Glutamin und Ethylamin mit Hilfe bakterieller γ-Glutamyltranspeptidase synthetisieren (18).

 

Zum Metabolismus und zur Pharmakokinetik im menschlichen Körper ist nur wenig bekannt. Tierstudien zeigen, dass Theanin im Dünndarm mit Hilfe eines aktiven, Natrium-gekoppelten Carriers resorbiert wird (19). Kinetikstudien an Ratten belegen, dass die höchste Theanin-Konzentration im Gehirn (20) bei oraler Gabe von vier Gramm pro Kilogramm Körpergewicht nach fünf Stunden erreicht wird. Gleichzeitig sinkt der Spiegel von neutralen Aminosäuren mit verzweigten oder ringförmigen Seitenketten. Die Konzentrationen anderer Aminosäuren wie Alanin, Serin, Glycin, Asparaginsäure und Glutaminsäure zeigten keine Veränderung. Dies weist darauf hin, dass L-Theanin in hohen Dosen mit bestimmten Aminosäuren um das Transportsystem für L-Aminosäuren zur Passage der Blut-Hirn-Schranke konkurriert (21).

 

Als ein Abbauprodukt wurde schon 1966 Ethylamin in Rattenurin gefunden (22). Angenommen wird, dass Theanin in den Nieren durch die Glutaminase zu Glutamat und Ethylamin hydrolysiert wird (23). Fest steht, dass ein Großteil der Theanin-Stoffwechselprodukte sofort ausgeschieden wird; diese sind dadurch nur in geringer Plasmakonzentration vorhanden (24).

 

Vermutet wird des Weiteren, dass Theanin im menschlichen Körper zu GABA-Analogen metabolisiert wird und die Glutamat-Rezeptoren antagonisiert. Allerdings wird postuliert, dass die Affinität von Theanin zu den Glutamat- und besonders zu den NMDA- (N-Methyl-D-Aspartat), AMPA- (α-Amino-3-hydroxy-5-methyl-isoxazol-propionsäure) und Kainat-Rezeptoren im Vergleich zu der von Glutaminsäure niedriger ist (25; 26), sodass der Antagonismus physiologisch nicht durchschlagen dürfte. Diese Ionenkanalrezeptoren stellen Kationenkanäle dar, deren Aktivierung zur Depolarisation von Neuronen führt. Die Bezeichnung der Rezeptoren bezieht sich auf synthetische Liganden, welche spezifisch den entsprechenden Rezeptortyp aktivieren. Von den Glutamat-Rezeptoren, die zum Teil G-Protein-gekoppelt sind, besitzt zurzeit nur der NMDA-Rezeptor therapeutische Bedeutung. Er wird durch Glycin und Glutamat aktiviert (38).

 

Effekt auf Neurotransmitter

 

Verschiedene tierexperimentelle Untersuchungen belegen, dass L-Theanin die Konzentrationen diverser Neurotransmitter im Gehirn beeinflusst, wobei teilweise Interaktionen mit Coffein beschrieben werden. Beispielsweise erzeugte die intraperitoneale Gabe von 1740 mg/kg/KG L-Theanin eine Senkung des Noradrenalinspiegels, die durch Coffein (100 mg/kg KG) verhindert wurde (27). Bei Theaningabe wurde auch eine Konzentrationserhöhung von Dopamin im Gehirn beobachtet (28).

 

Die Forschungsergebnisse hinsichtlich der Wirkung auf den Serotoninspiegel sind widersprüchlich. So wurde einerseits bewiesen, dass Theanin die durch Coffeingabe hervorgerufenen erhöhten Konzentrationen an Serotonin und 5-Hydroxyindolessigsäure als Abbauprodukt des Serotonins senkt, wobei ohne Coffein appliziertes Theanin nicht zu signifikanten Konzentrationsänderungen führt (27).

 

Bei Ratten mit Bluthochdruck wurde nach intraperitonealer Verabreichung von 1000 beziehungsweise 2000 mg L-Theanin eine dosisabhängige Senkung der Konzentrationen von Serotonin und 5-Hydroxyindolessigsäure im Gehirn gemessen (29). Gleichzeitig kam es zu einer dosisabhängigen Blutdrucksenkung. Weitestgehende Einigkeit herrscht in der Annahme, dass Theanin den zentral stimulierenden Effekt von Coffein antagonisiert. Einige Forscher postulieren zudem, dass Theanin die GABA-Produktion erhöht (28).

 

In weiteren Studien wurde außerdem belegt, dass Theanin die Frequenz von Alpha-Wellen als Maß der elektroenzephalographisch gemessenen Hirnströme anregt, sodass eine spezifische Form entspannter Wachsamkeit hervorgerufen wird. Postuliert wird zudem auch eine neuroprotektive Wirkung durch die Konkurrenz von Theanin mit Glutaminsäure, besonders am NMDA-Rezeptor. Durch die Blockade dieses Rezeptors soll die Toxizität übermäßig erhöhter Glutamat-Konzentrationen im synaptischen Spalt zum Beispiel nach einer zerebralen Ischämie gemindert und so die mit der Ischämie einhergehende Zell- oder Gewebeschädigung verhindert werden (25). Andere Untersuchungen lassen vermuten, dass die Gabe von Theanin zu einer verbesserten Lern- und Gedächtnisleistung führt (21).

 

Bessere Stressbewältigung?

 

Für alle drei wesentlichen Inhaltsstoffe von Tee, also Coffein, Catechine und hier vor allem Epigallocatechingallat (EGCG) sowie Theanin, werden zu Werbezwecken oft gesundheitsförderliche Fähigkeiten behauptet. Bei Theanin wird die vermutete ausgleichende Wirkung herausgestellt: »Theanin, in Kombination mit den anderen guten Eigenschaften von Tee, hilft Ihnen, entspannt und zugleich munter zu sein«, so liest man auf einer englischen Teebeutelpackung. Andere Hersteller beziehen sich auf die antioxidativen Polyphenole. Bei Coffein wird die Gesundheitswerbung bisher nur auf sein Fehlen bezogen: »Entkoffeinierter Tee kann Menschen helfen, die nach einfachen Wegen suchen, ihre Gesundheit und Ernährung zu verbessern, indem sie gesündere Versionen der Produkte zu sich nehmen, an denen sie sich erfreuen«, so heißt es ebenfalls in einer englischen Teewerbung.

 

Weil Theanin die Fähigkeit zur Reduktion mentaler und physischer Stressreaktionen besitzen soll, wird es in Japan, Korea oder Taiwan bereits in einer Vielzahl von Erzeugnissen wie Erfrischungsgetränken zur Entspannung eingesetzt (30). Auch werden zum Beispiel in den USA spezifische Nahrungsergänzungsmittel in Kapselform angeboten, die, zur Nacht eingenommen, die erregenden Wirkungen des Coffeinkonsums am Tag ausgleichen sollen (31).

 

L-Theanin wird zum Beispiel in den USA zur Geschmacksverbesserung auch in Lebensmitteln wie Keksen, Süßigkeiten, Eis, Kaugummi und Schokolade eingesetzt (21). Gemäß der Erkenntnisse einer amerikanischen Arbeitsgruppe, die sechs Theanin-Produkte auf ihren Gehalt an D- und L-Theanin untersuchte, enthielten fünf das Racemat und nur eines ausschließlich das L-Enantiomer (17). Der Zusatz von L-Theanin zu Getränken ist in Deutschland nach Ablehnung durch das Bundesinstitut für Risikobewertung (BfR) 2003 nicht erlaubt.

 

Fest steht, dass der eventuelle Effekt von L-Theanin bei Genuss von Tee von allen anderen ebenfalls im Tee enthaltenen Inhaltsstoffen mitbestimmt wird. Weil L-Theanin im Tee in sehr geringer Menge und zusammen mit Coffein vorkommt, sind andere Bedingungen hinsichtlich Bioverfügbarkeit und Wirkungen gegeben als beim Einsatz von isoliertem L-Theanin. Der Einsatz hoher Dosen von Theanin bei In-vitro-, Tier- oder Humanstudien hat mit der durch Tee-Konsum erreichbaren Wirkung nichts zu tun. Trotzdem werden in einschlägigen Artikeln und Prospekten oder auf Verpackungen et cetera die Effekte des isolierten Theanins einfach auf Tee übertragen.

 

Die subakute toxische orale Dosis von L-Theanin scheint Studien an Ratten gemäß bei zwei Gramm pro Kilogramm Körpergewicht pro Tag zu liegen (31). Hinweise zur chronischen Toxizität beziehungsweise carcinogenen und mutagenen Wirkung lassen sich nicht finden (31). In der wissenschaftlichen Literatur zu L-Theanin wird eine Dosierung von 50 bis 200 mg täglich als unproblematisch für den Menschen angesehen (28). Allerdings wird davor gewarnt, Theanin während Schwangerschaft und Stillzeit einzunehmen (28).

 

Die Japan Food Additive Association setzt dem Zusatz von L-Theanin keine Dosierungs-Grenzen (21). Bekannt ist, dass der durchschnittliche Japaner durch den Genuss von grünem Tee täglich circa 20 mg L-Theanin zu sich nimmt (31). Zum Vergleich: Mit normaler Mischkost nimmt der Europäer über die Nahrung täglich circa 8 bis 10 Gramm des strukturverwandten Glutamats zu sich (32).

 

Die Datenlage zur Wirkung am Menschen ist äußerst lückenhaft. Dem Theanin wird eine Vielzahl an Wirkungen nachgesagt, für die es keine Belege gibt. So soll es die Symptome des prämenstruellen Syndroms oder auch von Angststörungen reduzieren (30). Eine Studie an 14 männlichen Sportstudenten belegt, dass die Gabe hoher Theanin-Dosen nach körperlicher Belastung mit einem erniedrigten Prolactinwert und verbesserten EEG-Werten einhergeht. Eine weitere Studie beschreibt ebenfalls die verstärkte Erzeugung von Alpha-Wellen bei weiblichen Probandinnen nach der oralen Verabreichung von 200 mg Theanin (21; 31).

 

Stichwort »Interaktionen«: Durch Inhibition der Glutathion-S-Konjugat-Pumpe kann bei gleichzeitiger Gabe von Theanin die zytostatische Wirkung von Doxorubicin (33) und Idarubicin (34) verstärkt werden. Auch wurde eine Abnahme der Kardiotoxizität von Doxorubicin in Kombination mit Theanin nachgewiesen (35). Theanin führt bei gleichzeitiger Gabe mit Antihypertonika zu einer Verstärkung des blutdrucksenkenden Effekts. Es übt eventuell eine antagonisierende Wirkung nicht nur auf Coffein, sondern auch auf andere Stimulanzien aus. Diskutiert wird auch die Stärkung der Wirkung von Sedativa (28). 

 

Zentralnervöse Wirkungen

 

In einer randomisierten, Placebo-kontrollierten, doppelblinden Crossover-Studie an 24 Teilnehmern wurde die Wirkung der alleinigen und gleichzeitigen Gabe von 250 mg L-Theanin mit 150 mg Coffein auf kognitive Fähigkeiten getestet. Die alleinige Applikation von Theanin zeigte im Gegensatz zur kombinierten Gabe mit Coffein kaum Effekte. Die Schlussfolgerung der Autoren lautet, dass Theanin die stimulierende Coffein-Wirkung beim Menschen nicht antagonisiert, sondern verstärkt (36).

 

Eine zweite, ebenfalls randomisierte, placebokontrollierte, doppelblinde Studie an 48 Probanden, die entweder 250 mg Coffein, 200 mg Theanin oder beide Wirkstoffe erhielten, kam zu einem genau gegensätzlichen Ergebnis. Auf die verbesserte Stimmung nach Coffein-Applikation hatte die Theanin-Gabe keinen Einfluss. Es verlangsamte sogar die Geschwindigkeit der kognitiven Reaktionen der Test-Personen. Theanin senkte den Blutdruck, der zuvor durch die Gabe von Coffein erhöht worden war (37). Die Schlussfolgerung lautet hier, dass Theanin besonders in höherer Dosierung zentralnervöse Wirkungen besitzt, die es genauer zu erforschen gilt.

 

»Tee gegen den Lärm der Welt«: So lautet schon ein altes chinesisches Sprichwort. Dass die entspannende Wirkung des Teetrinkens in China schon seit jeher geschätzt wird, beweist auch eine Rezeptur (3) des Kaisers Qianlong (1711-1799): »Fülle [ein Gefäß] mit klarem Wasser von geschmolzenem Schnee [also sehr weiches], lass dieses Wasser bis zu dem Grade erwärmt werden, bei welchem der Fisch weiß und der Krebs rot wird, gieße dieses Wasser in eine Tasse auf feine Blätter einer auserwählten Teesorte, lass es etwas stehen, bis die ersten Dämpfe, welche eine dicke Wolke bilden, sich allmählich vermindern und nur leichte Nebel auf der Oberfläche schweben; trinke alsdann diesen köstlichen Trank und du wirst kräftig gegen die fünf Sorgen wirken, welche gewöhnlich unser Gemüt beunruhigen.« In dieser Rezeptur heißt es auch: »Man kann die süße Ruhe, welche man einem so zubereiteten Getränk verdankt, schmecken, fühlen, jedoch nicht beschreiben.« Ganz sicher ist diese nicht auf einen einzelnen Inhaltsstoff zurückführen.


Literatur

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  3. Lüdde, H., Lüdde, K.-H., Tee – ein Arzneimittel? Eine kurze historische Betrachtung. Z. gesamte Hyg. 31, Nr. 12 (1985) 726-727.
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  38. Steinhilber, Schubert-Zsilavecz, Roth, Medizinische Chemie. Stuttgart 2005, S. 44f.

Die Autoren

Peter Imming studierte Pharmazie und Chemie in Marburg. Seit April 2004 hat er an der Martin-Luther-Universität, Halle-Wittenberg, die Professur für Pharmazeutische Chemie inne. Seine Forschungsinteressen sind den molekularen Wirkungsmechanismen sowie der Synthese und Isolierung von Arznei- und Naturstoffen gewidmet.

 

René Schneider absolvierte in Hamburg eine Ausbildung zum Chemielaboranten bei einem pharmazeutischen Unternehmen. Im Anschluss daran studierte er Pharmazie in Marburg und erhielt Anfang 2005 die Approbation. Seit 2005 ist er Doktorand im Arbeitskreis von Imming und bearbeitet im Rahmen seiner Promotion pharmazeutisch relevante Aspekte von Tee- und Kaffeeinhaltsstoffen.

 

Teresa Lüdde, M. A., studiert nach einem Magisterstudium in Skandinavistik, Politischen Wissenschaften und Kunstgeschichte an den Universitäten Greifswald, Berlin (HU) und Bergen (Norwegen) im achten Semester Pharmazie in Halle. Einen Teil des Praktischen Jahres wird sie an einer Krankenhausapotheke in Oslo absolvieren.

 

Sandra Töpper studierte an der Martin-Luther-Universität, Halle-Wittenberg, Pharmazie. Nach ihrem Praktischen Jahr unter anderem bei einem pharmazeutischen Unternehmen fertigt sie zurzeit ihre Diplomarbeit im Fachbereich Pharmazeutische Chemie im Arbeitskreis von Imming an.

 

 

Professor Dr. Peter Imming

Institut für Pharmazie

Martin-Luther-Universität

Wolfgang-Langenbeck-Str. 4

06120 Halle (Saale)

peter.imming(at)pharmazie.uni-halle.de


Links zum Titelbeitrag

Außerdem in dieser Ausgabe...

Beitrag erschienen in Ausgabe 17/2008

 

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