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Verdauung: Gift und Galle

PHARMAZIE

 
Verdauung

Gift und Galle

Von Daniela Biermann

 

Sind Produktion oder Sekretion der Galle gestört, funktioniert die Verdauung nicht mehr richtig. Was Gift und was Gold bei Gallenbeschwerden ist, lesen Sie im folgenden Artikel.

 

»Mir kommt die Galle hoch« ist eine Redewendung, die auf die alten Griechen zurückgeht. Ein Überschuss an gelber Galle (griechisch cholé) sei verantwortlich für das jähzornige Temperament von Cholerikern. Tatsächlich stößt niemandem im wörtlichen Sinn die Galle auf. Im Gegenteil: Bei Gallenbeschwerden ist meist zu wenig dieses Lebersekrets vorhanden.

 

Im gesunden Zustand produziert die Leber täglich 600 bis 800 ml Gallenflüssigkeit. Sie enthält vor allem Gallensäuren. Diese können die Fette aus der Nahrung emulgieren und Lipasen aktivieren. Nur so kann der Körper die Nährstoffe aufnehmen. Sie sind auch für die Aufnahme der fettlöslichen Vitamine A, D, E und K verantwortlich. Weitere Bestandteile der Galle sind anorganische Ionen, Farbstoffe wie Bilirubin, Cholesterol, Phospholipide und Enzyme. Auch Arzneistoffe und ihre glucuronidierten Metabolite können über die Galle (lateinisch bilis), also biliär, ausgeschieden werden.

 

Von den Gallengängen der Leber gelangt das Sekret während der Nahrungsaufnahme direkt in den Zwölffingerdarm. Ruht die Verdauung, fließt es in die 10 bis 15 ml fassende Gallenblase, die direkt an der Leber sitzt. Wird das Hormon Cholecystokinin freigesetzt, kontrahiert die Gallenblase und entleert sich in den Zwölffingerdarm. Die Gallesekretion wird durch das gastrointestinale Hormon Sekretin und über eine gesteigerte Leberdurchblutung und Vagusaktivierung ausgelöst.

 

Beschwerden treten auf, wenn zu wenig Galle produziert wird oder wenn der Gallenabfluss gestört ist. Im ersten Fall kommen Choleretika zum Einsatz, im zweiten Cholekinetika. Sie haben den ungenaueren Begriff Cholagoga abgelöst. Als Cholekinetika dienen Magnesiumsulfat und Sorbitol, die reflektorisch eine Entleerung der Gallenblase auslösen.

 

Vom Grieß zum Stein

 

Druckgefühl im rechten Oberbauch, kolikartige Schmerzen, Meteorismus, Völlegefühl, Appetitlosigkeit und Fettstühle: Diese Symptome treten bei gallenbedingten Verdauungsbeschwerden auf. Die Beschwerden sind gehäuft im Zusammenhang mit dem Verzehr von fettem Essen und Hülsenfrüchten oder dem Konsum von Reizstoffen wie Kaffee, Alkohol und Nikotin zu beobachten.


Tabelle: Pflanzliche Cholagoga und ihre Dosierung

Stammpflanze lateinischer Name Tagesdosis Droge in Gramm 
Artischockenblätter Cynarae folium 
Boldoblätter Boldo folium 
Curcumawurzelstock Curcumae longae rhizoma 1,5 bis 3 
Erdrauchkraut Fumariae herba 
Galgantwurzelstock Galangae rhizoma 2 bis 4 
Javanische Gelbwurz Curcumae xanthorrhizae rhizoma 
Mariendistelfrüchte Cardui mariae fructus 12 bis 15 
Pfefferminzblätter Menthae piperitae folium 3 bis 6 
Schwarze Rettichwurzel Rhaphani sativi radix 50 bis 100 ml Presssaft 
Schafgarbenkraut Millefolii herba 4,5 
Schafgarbenblüten Millefolii flos 
Schöllkraut Chelidonii herba 2 bis 5 (siehe Kasten) 
Wermutkraut Absinthii herba 2 bis 3 

Klagt ein Patient über starke krampfartige Schmerzen im Oberbauch (akute Gallenkolik) oder wird ihm immer wieder übel nach dem Genuss fetthaltiger Speisen, muss er zum Arzt. Meist sind Gallensteine die Ursache von Koliken. Blockieren sie den Ausgang der Gallenblase, kann sich diese entzünden (Cholezystitis). Sitzen sie in den Gallengängen fest und lösen dort eine Entzündung aus, spricht man von Cholangitis. Die Steine bestehen vor allem aus Cholesterol und Calciumsalzen; jeder vierte bis fünfte enthält Calciumbilirubinat (Pigmentsteine). Klemmen sie im Gallensystem fest, kommt es zu Koliken. Etwa die Hälfte der Gallensteine bleiben »stumm«. Sie lösen keine Beschwerden aus und werden oft nur durch Zufallsbefund entdeckt.

 

Die Vorstufe von Gallensteinen ist der sogenannte Gallengrieß. Um die Steinbildung zu vermeiden, ist ein vermehrter Gallenfluss nötig. Dazu setzt man die Gallensäuren selbst ein, denn sie wirken choleretisch. Sie binden überschüssiges Cholesterol und unterdrücken die Cholesterolsynthese, indem sie das Enzym HMG-CoA-Reduktase hemmen. Liegt bereits ein Gallenstein vor und handelt es sich um einen kalkfreien Cholesterolstein, kann dieser in 60 Prozent der Fälle mit den verschreibungspflichtigen Substanzen Ursodesoxycholsäure (Ursodiol) oder Chenodesoxycholsäure (Chenodiol) binnen 6 bis 24 Monaten aufgelöst werden. Da Chenodiol bei knapp einem Drittel der Patienten Durchfall auslöst und die Serumtransaminasen erhöht, wird es nur in Kombination mit Ursodiol gegeben.

 

Im Falle von Krämpfen helfen Spasmolytika wie Butylscopolamin. Sowohl choleretisch als auch spasmolytisch wirkt das synthetische, nicht-verschreibungspflichtige Hymecromon.

 

Kommt der Patient mit funktionellen Beschwerden und ohne starke Krämpfe in die Apotheke, kann ein pflanzliches Arzneimittel empfohlen werden. Als Kontraindikationen gelten akute Entzündungen der Gallenblase und -wege, operationspflichtige Gallensteine, ein Verschluss der Gallenwege, Neoplasien und schwere Leberfunktionsstörungen. Phytopharmaka können Gallensteine nicht auflösen, aber prophylaktisch wirken. Dazu müssen sie zwischen den Mahlzeiten eingenommen werden, da in dieser Zeit der Gallenfluss stagniert und die Gefahr der Steinbildung am größten ist. Bei funktionellen Beschwerden empfehlen sich Tinkturen, Tees oder Frischpflanzenpresssäfte. Die enthaltenen Bitterstoffe sprechen auch den Geruchs- und Geschmackssinn an.

 

Bei den Phytopharmaka ist der Übergang zwischen choleretisch und cholekinetisch fließend. Zusätzlich wirken einzelne Pflanzen unterschiedlich stark ausgeprägt spasmolytisch, karminativ und antiphlogistisch. Besonders ausgeprägt ist die cholagoge Wirkung bei Curcumawurzelstock, Javanischer Gelbwurz, Schwarzer Rettichwurzel, Erdrauchkraut und Schöllkraut. Die beiden letztgenannten wirken aufgrund ihrer Alkaloide auch spasmolytisch. In geringerem Ausmaß lösen auch Artischocken- und Boldoblätter, Mariendistelfrüchte, Galgantwurzelstock, Minz- und Pfefferminzöl Krämpfe. Weitere Cholagoga sind Schafgarbenkraut und -blüten, Löwenzahnwurzel mit -kraut und Wermutkraut.


Schöllkraut: Stufenplanverfahren abgeschlossen

Das Bundesinstitut für Arzneimittel und Medizinprodukte (BfArM) hat die Zulassung für hoch dosierte Schöllkrautpräparate mit sofortiger Wirkung widerrufen. Das Stufenplanverfahren, das seit Mai 2005 aufgrund des Verdachts auf eine leberschädigende Wirkung läuft, wurde damit abgeschlossen. Der Widerruf bezieht sich auf Schöllkraut-haltige Arzneimittel und auch auf Tees oder Chargen der Droge selbst, die als Tagesdosis nach Dosierungsanleitung mehr als 2,5 mg Gesamtalkaloide, berechnet am Leitalkaloid Chelidonin, enthalten. Für niedriger dosierte Präparate ändern sich zum 1. Juli 2008 die Fach- und Gebrauchsinformationen. In Zukunft müssen Lebererkrankungen als Nebenwirkung aufgezählt werden. Sie gelten auch als Kontraindikation, ebenso  die gleichzeitige Einnahme anderer leberschädlicher Medikamente, Schwangerschaft und Stillzeit. Bei einer Einnahme länger als vier Wochen soll der Arzt die Leberenzyme überprüfen. Sind Anzeichen von Leberschäden zu beobachten, soll die Anwendung gestoppt werden. Nicht betroffen von der Regelung sind unter anderem Externa, Augentropfen und Parenteralia, für die sich das BfArM Sonderregelungen vorbehält. Das BfArM begründet seine Entscheidung mit Einzelfallberichten, bei denen die Einnahme von Schöllkraut-haltigen Arzneimitteln mit Leberschäden wie Hepatitiden, Ikterus, Cholestase oder Leberversagen ursächlich zusammenhängt.


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Beitrag erschienen in Ausgabe 16/2008

 

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