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Rhodiola rosea: Gelassener agieren

PHARMAZIE

 
Rhodiola rosea

Gelassener agieren


Von Kerstin A. Gräfe, Båstad / Extrakte der Rosenwurz werden bei Depressionen, Müdigkeit, Erschöpfung sowie zur Steigerung der körperlichen und geistigen Leistungsfähigkeit eingesetzt. Eine deutsche Forschergruppe konnte kürzlich in einer Pilotstudie anhand von quantitativen Hirnstrommessungen zeigen, dass eine einmalige Einnahme des Extrakts SHR-5 signifikant die mentale und emotionale Belastbarkeit erhöht.

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Die Arbeitsgruppe um Professor Dr. Wilfried Dimpfel von der Justus-Liebig-Universität in Gießen bediente sich für ihre Untersuchungen einer ganz besonderen Methode: dem quantitativen EEG (Neurocode Tracking) in Kombination mit einer Blickpunktanalyse (Eye-Tracking). »Mit dieser Methode können wir die elektrische Tätigkeit des Gehirns sowohl quantitativ als auch kartografisch in Form von farbigen Enkephaloglyphen darstellen«, erklärte Dimpfel auf einer von Dr. Loges unterstützten Veranstaltung. So sei es möglich, kognitive sowie auch emotionale Leistungseinbußen oder auch -steigerungen zu erfassen.

 




Der Rosenwurz (Rhodiola rosea) gehört zur Familie der Dickblattgewächse (Crassulaceae). In Sibirien wird er Goldene Wurzel genannt, da der Extrakt postive Effekte auf das Erinnerungsvermögen sowie die Konzentration und das Aufnahmevermögen hat.

Fotos: Dr. Loges


Mittels dieser Methode untersuchten die Forscher die Hirnströme von 20 Teilnehmern (DOI: 10.11648/j.ijnfs.20140303.14). Diese erhielten entweder zwei Kapseln 200 mg SHR-5 (Swedish Herbal Rhodiola 5 mg salidrosid, p-tyrosol und rosavin)-Extrakt (Rhodiolan® 200) oder Placebo. Anschließend mussten die Probanden drei Aufgaben unter Zeitdruck lösen. Die erste Aufgabe war ein Fehlersuchbild. Danach folgte ein Stroop-Test, bei dem die Prüflinge sekundenschnell entscheiden müssen, ob zum Beispiel das Wort »Blau« in blauer Farbe geschrieben steht oder in einer anderen. Im letzten Teil wurden die Probanden mit einem Memory-Test konfrontiert, indem zuvor einzeln gesehene Zahlen-Buchstaben-Folgen unter einer größeren Auswahl ähnlicher Zahlen-Buchstaben-Folgen wiedererkannt werden mussten. Nach einer Woche Auswaschphase wurden dieselben Probanden im Cross-Over-Design erneut diesen Tests unterzogen. Die Ergebnisse der EEG zeigten, dass es nach einer einmaligen Einnahme des SHR-5-Extrakts zu einer signifikant erhöhten Aktivität in bestimmten, der kognitiven Leistungsfähigkeit zugeordneten Hirnarealen kommt.

 

Wirkung nach einmaliger Einnahme

 

Des Weiteren mussten sich die Probanden unter demselben Studiendesign emotional belastenden Situationen wie einem Horror-Trailer oder dem Foto einer Vogelspinne unterziehen. Die Messung ergab, dass die Frequenzen in bestimmten Hirnarealen unterdrückt, in anderen aktiviert wurden. So zeigte sich zum Beispiel in einigen Arealen eine höhere Aktivität von Alpha-Wellen, die in entspanntem Zustand dominieren. »Die einmalige Einnahme dieses Rhodiola-rosea-Extrakts beeinflusst positiv die emotionale Fähigkeit, weil entspannende Hirnaktivitäten stimuliert und belastende unterdrückt werden«, schlussfolgerte Dimpfel.

 

Extrakt beeinflusst Genexpression

 

»Zwei Kapseln SHR-5-Extrakt 200 mg täglich für einen Zeitraum von ein bis drei Monaten gefolgt von einer zweiwöchigen Auswaschphase«, empfahl Professor Dr. Alexander Panossian vom Swedish Herbal Institute, Vallberga. Seine Arbeitsgruppe lieferte kürzlich auf neuronaler Ebene eine potenzielle Erklärung für die Erkenntnisse aus den Hirnstrommessungen der deutschen Wissenschaftler. Die schwedischen Forscher untersuchten die Genexpression bei der humanen Neuroglia-Zelllinie T98G nach Behandlung mit dem Extrakt SHR-5 sowie einzelnen Inhaltsstoffen wie Salidrosid, Triandrin und Tyrosol (DOI:10.1016/j.phymed.2014.07.008). Insgesamt konnten sie 1062 Gene ausmachen, deren Expression vom Rhodiola-rosea-Gesamtextrakt beeinflusst wird. Bei Salidrosid waren es 1052, bei Triandrin 1062 und bei Tyrosol 1057. Dabei waren die stärksten Effekte bei Genen, die mit kardiovaskulären (72), metabolischen (63), gastrointestinalen (163), neurologischen (95), endokrinen (60), verhaltensphysiologischen (50) und psychologischen (62) Störungen assoziiert sind.




Laut einer aktuellen Erhebung der DAK Gesundheit leiden alleinerziehende Mütter deutlich häufiger unter chronischem Stress als leitende Angestellte.

Weiterhin untersuchten die Wissenschaftler, welche Signalwege bei allen 1062 von Rhodiolia deregulierten Genen am stärksten beeinflusst waren. Unter anderem zählten dazu Kommunikationswege zwischen der erworbenen und angeborenen Immunantwort, Signalwege der endothelialen Stickstoffmonoxid-Synthase, veränderte T-Zellen- und B-Zellen-Antwort bei rheumatoider Arthritis, Signalwege von G-Protein gekoppelten-, Glutamat-, und Ephrinrezeptoren oder die Signaltransduktion bei Atherosklerose. »Der Rosenwurz-Extrakt hat einen Multi-target-Effekt auf die Genexpression und beeinflusst infolgedessen zahlreiche Signalwege«, fasste Panossian zusammen. Jeder Inhaltsstoff habe sein individuelles pharmakologisches Profil, was Gemeinsamkeiten, aber auch Unterschiede zum Gesamtextrakt aufweist.

 

Zudem identifizierten die Wissenschaftler im Rahmen der Signalweg-Untersuchungen diejenigen Gene, die mit emotionalen Verhaltensweisen assoziiert sind. Von 17 Genen zeigten neun ein Expressionsmuster, das auf eine verminderte emotionale Verhaltensweise hinweist. Fünf weitere Gene zeigten Expressionsmuster, welche auf verringerte aggressive Verhaltensweisen hindeuten. Insgesamt werten die Forscher die Wirkungen des Extrakts als positive Effekte, um besser mit Stress­si­tu­ationen und Gemütsschwankungen umgehen zu können.

 

»Das Dickblattgewächs Rhodiola rosea zählt zu den Adaptogenen« stellte Dr. Andreas Biller, Geschäftsführer Dr. Loges, die Pflanze näher vor. Den Begriff prägte der russische Wissenschaftler Dr. Nicolai Lazarev bereits im Jahr 1958. Der Arzt bezeichnete damit Pflanzen, deren Inhaltstoffe die Resistenz des Körpers gegenüber Stress erhöhen. Laut einer Definition des Committee on Herbal Medicinal Products (CHMP) der Europäischen Arzneimittelagentur EMA sollen Adaptogene die Resistenz des Organismus gegen ein breites Spektrum an widrigen biologischen, chemischen und physikalischen Faktoren steigern. Im Gegensatz zu Tonika und Stimulanzien soll eine durch Adaptogene gesteigerte Arbeitskapazität nach Absetzen nicht wieder abfallen. Des Weiteren sollen Adaptogene gut verträglich und ohne Nebenwirkungen sein.

 

Zertifizierter Anbau bislang nicht möglich

 

Weltweit hat es bis jetzt nur eine Handvoll pflanzlicher Wirkstoffe geschafft, den Kriterien der EMA zu genügen: Dazu gehören etwa Chinesisches Spaltkörbchen (Schisandra chinensis), Taigawurzel (Eleutherococcus senticosus), Ginsengwurzel (Panax ginseng) und die Rosenwurz (Rhodiola rosea). Letztere habe sich den unwirklichen Lebensbedingungen in Nordeuropa und Asien angepasst. Die Droge sei rar und dementsprechend teuer. »Ein zertifizierter Anbau wäre daher wünschenswert, hat bisher jedoch nicht zu den gewünschten Ergebnissen geführt«, so Biller.

 

Als Arzneidroge werden die Wurzel und das Rhizom verwendet. Inzwischen konnten zahlreiche Inhaltsstoffe ausgemacht werden, wobei nach heutigem Wissensstand vor allem Inhaltsstoffe aus der Gruppe der phenolischen Glykoside für die Wirksamkeit zeichnen: die Phenylpropanderivate Rosavin, Rosin, Rosarin sowie die Phenylethylderivate Salidrosid, Triandrin und p-Tyrosol. Für die Rosenwurz gebe es eine gut dokumentierte Studienlage, wobei die Mehrzahl der Untersuchungen mit dem in Schweden hergestellten Extrakt SHR-5 durchgeführt wurden. Randomisierte Doppelblindstudien bestätigten positive Effekte bei Prüfungsstress (DOI: 10.1016/S0944-7113(00)80078-1), ermüdenden Nachtdiensten (DOI:10.1016/S0944-7113(00)80055-0) sowie bei Burnout (DOI: 10.1055/s-0028-1088346) und Depressionen (DOI:10.1080/08039480701643290). /



Beitrag erschienen in Ausgabe 42/2014

 

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