Die Zeitschrift der deutschen Apotheker

 

Pharmazeutische Zeitung

 

PTA-Forum

 

PZ-Akademie

 

DAC/NRF

 

 

 

Stuhlübertragung: Chancen und Risiken erforschen

NACHRICHTEN

 
Stuhlübertragung: Chancen und Risiken erforschen
 


Die Übertragung von Stuhl Gesunder in den Darm von Erkrankten hat in letzter Zeit viele Schlagzeilen gemacht. Bei einer Erkrankung ist sie inzwischen Mittel der Wahl. Bei anderen Leiden scheint sich ihr Nutzen nicht zu bestätigen – und die Methode birgt auch Risiken. Um Langzeitdaten zur Sicherheit und einheitliche Standards für die Anwendung zu erheben, soll nun das nationale Register MikroTrans eingerichtet werden. Das erklärten Experten auf einem Pressetermin in Berlin vor Beginn des Kongresses Viszeralmedizin 2014.

 

Seit im vergangenen Jahr das «New England Journal of Medicine» über den Erfolg Mikrobiomtransfer, so die wissenschaftliche Bezeichnung für Stuhlübertragung, bei einer Infektion mit dem Darmbakterium Clostridium difficile berichtete, war plötzlich häufig von dieser Methode die Rede. Niederländische Forscher hatten nachgewiesen, dass die Übertragung von Stuhl Gesunder per Sonde in den Darm von Erkrankten bei dieser speziellen chronischen Infektion einer konventionellen Behandlung mit Antibiotika weit überlegen ist. Tatsächlich war die Studie sogar frühzeitig abgebrochen worden, um Teilnehmer aus der Placebogruppe nicht zu benachteiligen. In der Folge griffen auch viele Publikumsmedien das Thema Mikrobiomtransfer auf, was dazu führte, dass Ärzte wie der Internist Dr. Ulrich Rosien, leitender Arzt am Israelitischen Krankenhaus in Hamburg, immer wieder Anfragen von Patienten mit  verschiedenen Krankheiten bekamen. Sie wollten wissen, ob nicht auch ihr Leiden durch eine Stuhlübertragung therapiert werden könne.

 

Die Ärzte müssen so manche Hoffnung wieder enttäuschen, sagte Rosien in Berlin. Denn die guten Effekte, die die Behandlung bei Clostridien-Infektionen erzielte, lassen sich dem Mediziner zufolge für andere Erkrankungen bislang nicht nachweisen. Eine erste randomisierte Studie etwa zur Behandlung von chronisch-entzündlichen Darmerkrankungen mit Mikrobiomtransfer habe kürzlich keinen Effekt feststellen können, erklärte Rosien.

 

Außerdem sei zu bedenken, dass das Wissen über den Einfluss der Darmflora auf die Entstehung von Krankheiten derzeit noch in den Kinderschuhen stecke, erklärte Professor Dr. Andreas Stallmach von der Universitätsklinik Jena. So erforschten Neurologen momentan, wie die Zusammensetzung der Darmflora mit der Entstehung von Demenz oder Parkinson zusammenhängen könnte. Es sei also nicht auszuschließen, dass einem Patienten der Mikrobiomtransfer zwar bei einer bestimmten Erkrankung helfe, jedoch mit der Übertragung gleichzeitig das Risiko für andere Krankheiten steige, so Stallmach.

 

Das Fazit der Mediziner: Noch ist viel Forschung nötig, um die Chancen und Risiken des Mikrobiomtransfers abzuklären. Theoretisch sollte jede Anwendung wissenschaftlich begleitet werden, sagte Rosien. Deshalb arbeiten Ärzte der Universitätsklinik Jena und der Uniklinik Köln derzeit an einem Register namens MikroTrans, in dem die Übertragungen dokumentiert und ihre Wirkung wissenschaftlich bewertet werden sollen. Nur so lasse sich die Patientensicherheit langfristig gewährleisten, so Rosien. (ah)

 

15.09.2014 l PZ

Foto: Fotolia/Gina Sanders

 

 

Das könnte Sie auch interessieren

 

 

Weitere Nachrichten

 


MS: Absetzen von Fingolimod könnte Schub verursachen

Möglicherweise kann es nach Absetzen des Multiple-Sklerose-Mittels Fingolimod (Gilenya®) zu einem neuen Erkrankungsschub bei den...



Lieferengpass: Cannabisblüten werden knapp

Gerade erst wurde die Verordnung auf Kassenrezept legal, nun müssen viele Patienten schon wieder auf Medizinalhanf verzichten: In vielen...



Xeplion-Fälschung: BfArM meldet weitere betroffene Charge

Nachdem Ende vergangener Woche bekannt wurde, dass zwei Chargen des Arzneimittels Xeplion 150 mg Depot-Injektionssuspension (Wirkstoff:...



Rückgabe und Missbrauch: Versender müssen Regeln befolgen

Versandapotheken müssen bestellte Medikamente unter Umständen als Retoure zurücknehmen. Das hat das Oberlandesgericht Naumburg entschieden....

 
 

Arzneimittel: Gerade Ältere sind bei der Einnahme nachlässig
Ein Drittel der Deutschen findet, dass Hilfe bei der Einnahme von Arzneimitteln unnötig ist. Besonders Ältere über 60 Jahre halten eine...

HIV: Pharmafirmen arbeiten an besseren Medikamenten
Beim dieswöchigen Internationalen Aids-Kongress in Paris haben die beiden größten Player im Markt, Gilead und ViiV Healthcare, ihre...

Antibiotika-Therapie: Empfehlung zur Dauer überarbeiten
Hartnäckig hält sich die Aussage, Antibiotika-Packungen immer komplett aufzubrauchen, um Resistenzbildung zu vermeiden. Doch für diese tief...

Vorsicht, Milcheiweiß: Hersteller ruft veganen Joghurt zurück
Verbraucherschutzbehörden warnen vor Produkten auf Kokosnussbasis, die Spuren von Milcheiweiß enthalten und zu allergischen Reaktionen...

«Obamacare»: US-Senat durchkreuzt Trump-Pläne erneut
Im US-Senat sind Präsident Donald Trumps Republikaner mit dem nächsten Anlauf für die Abschaffung der Krankenversicherung «Obamacare»...

Bayer: Weniger Gewinn vor Monsanto-Übernahme
Der Pharma- und Agrochemiekonzern Bayer hat im zweiten Quartal weniger Gewinn gemacht. Wie der Dax-Konzern heute mitteilte, legte der...

Hüffenhardt: Doc-Morris-Tochter fliegt raus
Doc Morris kassiert in Hüffenhardt die nächste Niederlage: Der Landesapothekerverband (LAV) Baden-Württemberg hat beim Landgericht Mosbach...

EMA: Strengere Leitlinien für Phase-I-Studie
Um die erste Anwendung experimenteller Wirkstoffe am Menschen sicherer zu machen, hat die Europäische Arzneimittelagentur EMA ihre...

FSME: Süddeutsche am impffreudigsten
In Süddeutschland lassen sich doppelt so viele Menschen gegen Hirnhautentzündung impfen wie im Bundesdurchschnitt – und um ein Vielfaches...

Herzinfarkt: Metoprolol versetzt Immunzellen in Schockstarre
Forscher haben jetzt entdeckt, wie der Betablocker Metoprolol den Schaden am Herzen nach einem Myokardinfarkt reduziert. Der altbekannte...

HIV- und Hormontherapie: Viele Fragen zu Interaktionen offen
Aus Furcht vor Wechselwirkungen verzichten viele HIV-positive Transgender unter Hormonbehandlung auf die Einnahme antiretroviraler...

Zuwanderer stabilisieren die deutschen Sozialkassen
Die wachsende Zahl an Zuwanderern vor allem aus EU-Ländern hat einem Bericht zufolge die Finanzlage der deutschen Sozialversicherung...

Europas Männer haben immer weniger Spermien
Die Zahl der Spermien von Männern aus Europa und anderen Regionen geht immer weiter zurück. Zwischen 1973 und 2011 sei die Spermienanzahl...

Knollenblätterpilz: Wieder erste Vergiftungen bei Migranten
Die Medizinische Hochschule Hannover hat erneut fünf Patienten mit einer lebensbedrohlichen Pilzvergiftung aufgenommen. Sie stammten aus...

Noch mehr Meldungen...

PHARMAZEUTISCHE ZEITUNG ONLINE IST EINE MARKE DER

 












DIREKT ZU