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PharMSchool-Projekt: Vernetzt studieren in Münster

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PharMSchool-Projekt

Vernetzt studieren in Münster


Von Maria Pues, Münster / Teamarbeit, Kreativität, Kritik – diese Begriffe finden sich auf der Website des PharmaCampus der Westfälischen-Wilhelms-Universität Münster. Ein Pharmaziestudium assoziieren dabei zunächst wohl die wenigsten. Hat Münster etwas, das andere nicht haben? Die Antwort ist ja.

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Kennt jeder noch den Spruch mit dem Telefonbuch? Zwei Studenten bekommen von ihren Professoren jeweils ein dickes Telefonbuch in die Hand gedrückt mit der Aufforderung »Auswendiglernen«. Der Mathematiker (wahlweise auch Physiker oder Philosoph) antwortet: »Warum?«, der Pharmazeut fragt: »Bis wann?« Wer sich dabei an sein eigenes Studium erinnert fühlt, dürfte beim Abschluss-Symposium des achten Semesters in Münster ins Staunen geraten sein. Dort präsentierten die Studierenden in Vorträgen und Postern die Ergebnisse ihrer PharMSchool-Projekte.

 




PharMSchool: Die fünf Teildisziplinen der Pharmazie haben an der Uni Münster ein neues Projekt ins Leben gerufen, um die Lehr- und Lerninhalte des Hauptstudiums intensiver miteinander zu vernetzen.

Foto: Fotolia/roostler


Entstanden sind die Arbeiten im Laufe des gesamten Hauptstudiums. Den zehn Gruppen von sechs bis acht Studierenden, die sich nach dem Ersten Staatsexamen gebildet hatten, war per Los jeweils ein Thema (etwa ein Krankheitsbild oder eine Arzneistoffgruppe) zugewiesen worden. Zu diesem galt es dann, in jeder der pharmazeutischen Teildisziplinen, also pharmazeutische Chemie, pharmazeutische Technologie, pharmazeutische Biologie, Pharmakologie und Klinische Pharmazie, jeweils ein Teilprojekt zu entwickeln. Morbus Alzheimer, Palliativmedizin oder Sympathomimetika sind drei dieser zehn Themen. Bei der Umsetzung waren unter anderem Teamarbeit und Kreativität gefragt, denn die Studierenden mussten zunächst geeignete Fragestellungen und dann mögliche Lösungswege erarbeiten. Ein Skript? Fehlanzeige. Mal gucken, was das vorige Semester gemacht hat? Keine Chance. Dies gilt nicht nur für die »Pioniere der PharMSchool« des aktuellen Abschluss- Semesters, die als Erste dieses Projekt vollständig durchlaufen haben, sondern auch für die kommenden Semester. Für sie stehen neue Themen aus dem riesigen pharmazeutischen Fundus auf dem Programm. Drei Koordinatorinnen achten darauf, dass die Studierenden ihre Projekte nicht zu klein (manchmal) und nicht zu groß (oft) anlegen.

 

Wissen fächerübergreifend anwenden

 

Die Idee, die Teildisziplinen des pharmazeutischen Hauptstudiums nicht mehr jede für sich und parallel zu studieren, sondern diese miteinander zu vernetzen, hatte Initiator Professor Dr. Klaus Langer, Institut für Pharmazeutische Technologie in Münster, schon längere Zeit mit sich herumgetragen. Schließlich müsse man ja das erlernte Wissen nach dem Studium auch fächerübergreifend anwenden können, sagte er im Gespräch mit der PZ. Damit die PharMSchool Wirklichkeit werden konnte, haben alle Hochschullehrer ein Fünftel ihrer Praktikumszeit für die Projektarbeiten zur Verfügung gestellt. Langer betonte, dass die Neuerung unter dem Dach der Studienordnung stattfinde, »unter dem viel mehr Platz habe, als mancher annehme«.

 

Der weitaus größte Teil der Projektarbeit findet im Labor statt, ein geringer Teil besteht in Literaturarbeit. Manche Gruppen haben aber auch aber auch Kontakte außerhalb der Institute gesucht. 




Foto: Pues


So hatte die Gruppe »Palliativmedizin« das Palliativnetzwerk in Münster angesprochen. Dort wollten sie erfahren, welche Probleme und Bedürfnisse die betreuten Patienten haben, für die Apotheker eine Lösung finden können. Im Technologiepraktikum entwickelten sie später einen optimierten »Magic Mouth Wash« gegen Mucositis bei einer Zytostatikatherapie sowie wirkstoffhaltige Lollis für Kinder. Gerade für sie gebe es häufig keine adäquaten Arzneiformen, erläuterten die Referentinnen.

 

Die im sechsten Semester hergestellten Arzneimittel wurden unter verschiedenen Bedingungen bis zum achten Semester gelagert – mal sachgerecht, mal absichtlich falsch, aber alltagsnah (Badezimmer) – und dann für Stabilitäts- und Gehaltsprüfungen wieder hervorgeholt. Beruhigendes Ergebnis: Viele der Arzneimittel waren erfreulich stabil. Nicht immer erbrachte die Analyse aber ein reproduzierbares Ergebnis, denn nicht jedes Verfahren eignet sich für jede Fragestellung, oft stören Begleitstoffe. Was im »normalen« Praktikum zur »A« oder »B« – alles noch mal, bis es richtig ist – führt, gab hier Anlass zu einer wissenschaftlichen Diskussion: Wo könnte der Fehler liegen? Was könnte man anders machen?

 

Versuch macht klug

 

Einfach mal etwas ausprobieren: Diesen Weg wählte die Gruppe »Sympathomimetika«. Im Praktikum der pharmazeutischen Biologie verglichen sie, ob sich Ephedrin aus Ephedrakraut mit »Chemikalien« aus dem Küchenschrank, beispielsweise Backpulver, anhand einer Anleitung aus dem Internet auch wirklich extrahieren lässt. Gegenübergestellt wurde dem Verfahren die Vorschrift aus dem Arzneibuch. Die Gehaltsbestimmung erfolgte dann jeweils fach- und weniger küchengerecht mittels HPLC. Ergebnis: Die Extraktion gelingt auch mit Zutaten aus dem Küchenschrank.

 

Wirkt Bärentraubenblätterextrakt bei einem Harnwegsinfekt? Dieser Frage ging die Gruppe »Urogenitaltrakt« nach und führte in der Petrischale Tests mit verschiedenen potenziell und tatsächlich antibiotisch wirksamen Substanzen durch. Statt eines einfachen und eindeutigen Ergebnisses gab es im Anschluss allerdings weitere Fragen zu beantworten. Ist das wirklich ein Hemmhof? Oder stammt das aus dem Lösungsmittel? Und kann der Test überhaupt funktionieren?

 

Soft Skills einüben




Beim Abschluss-Symposium des achten Semesters präsentierten Studierende der Uni Münster in Vorträgen und Postern die Ergebnisse ihrer PharMSchool- Projekte.

Foto: Grünebaum


Der Teufel steckt oft im Detail, so lautete das Fazit vieler Gruppen. Nicht alle Widerstände, die in der Durchführung der Projekte auftaten, ließen sich mit den Mitteln studentischer Praktika lösen, aber das war auch gar nicht verlangt. Wichtiger war, die Grenzen verschiedener Verfahren kennen und den eigenen Ergebnissen misstrauen zu lernen. Dies zeigten auch die lebhaften Diskussionen, die sich den Vorträgen anschlossen.

 

Wozu das Ganze? Initiator Langer erhofft sich für seine Studierenden bessere Chancen im Berufsleben. Faktenwissen alleine reiche dafür nicht aus. Mehr und mehr seien sogenannte Soft Skills gefragt, die er in der Projektarbeit eingeübt sehen möchte: Teamfähigkeit und Initiative, eigenständiges Arbeiten und das Präsentieren der Ergebnisse. Dass man in der PharMSchool nicht unter sich bleiben möchte, zeigten nicht nur einige Projekte der Studierenden, die ohne Beteiligung von Organisationen oder Firmen außerhalb der Universität so nicht umsetzbar gewesen wären, sondern auch zwei Plenarvorträge von Gastreferenten zum Thema Palliativmedizin von Dr. Ulrike Hofmeister vom Palliativnetz Münster und zum Thema Morbus Alzheimer von Professor Dr. Jochen Klein, Universität Frankfurt am Main.

 

Innovatives Lernkonzept

 

Fazit: Die Premiere ist gelungen. Das innovative Lernkonzept sei in Münster einzigartig, lobte Prorektorin Dr. Marianne Ravenstein in ihrem Grußwort die Interdisziplinarität des Projekts. Häufig werde von Studenten der Wunsch nach neuen Lernformen an sie herangetragen. Die PharMSchool sei ein best-practice-Beispiel, wie man sie gestalten könne. Wie wichtig vernetztes pharmazeutisches Wissen im späteren Berufsalltag ist, illustrierte auch Dr. Oliver Schwalbe, Abteilungsleiter Aus- und Fortbildung, AMTS der Apothekerkammer Westfalen-Lippe. »Schulbladenwissen nützt nichts«, sagte er. Man müsse das Wissen aus allen Fächern zusammen anwenden können, um die Möglichkeit von Wechselwirkungen, die noch nicht in Datenbanken verzeichnet seien, abschätzen zu können.

 

Ungeteilte Freunde und allumfassende Harmonie herrschen natürlich auch in Münster nicht. Noch mehr Arbeit, stöhnt mancher Studierende: »MS« in PharMSchool stehe für »Multiplikator von Studienanforderungen«.

 

Haben die »Telefonbücher« in Münster nun ausgedient? Sicher nicht. Die Projektarbeit macht 20 Prozent der Studienzeit aus. Eine Menge Faktenwissen für die verschiedenen Prüfungen gilt es sich immer noch anzueignen. Auch durchfallen kann man noch. Was passiert, wenn einem Studierenden der Sprung ins nächste Semester nicht gelingt? Dann werde im folgenden Semester eine Projektgruppe gesucht, in der er sich mit den bereits gemachten Arbeiten möglichst gut einfügen könne, berichtete eine Koordinatorin. /



Beitrag erschienen in Ausgabe 35/2014

 

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