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Haarausfall: Kinasehemmer stoppt Entzündungsreaktion

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Haarausfall: Kinasehemmer stoppt Entzündungsreaktion
 


Ein Orphan Drug könnte zur neuen Hoffnung für Menschen mit kreisrundem Haarausfall (Alopecia areata) werden. Der Kinase­hemmer Ruxolitinib (Jakavi® von Novartis), bislang in der EU zu­ge­lassen gegen Myelofibrose, scheint auch hier zu helfen. Raphael Clynes und Kollegen von der Columbia-Universität in New York  haben jetzt erste Ergebnisse einer laufenden Studie mit zwölf Patienten im Fachmagazin «Nature Medicine» veröffentlicht. Sie konnten zeigen, dass der selektive Hemmer der Janus-asso­zi­ierten Kinasen JAK1 und JAK2 die Autoimmunkrankheit Alopecia areata stoppt. Bei den ersten Probanden wuchsen schon nach relativ kurzer Zeit die Haare auf den kahlen Stellen komplett nach.


Der Haarverlust bei Alopecia areata beruht auf einer Fehlreaktion des Immunsystems. Diese sorgt dafür, dass bestimmte Abwehrzellen die Haarfollikel angreifen und so den Haarwuchs unterbinden. Die Immunzellen werden dabei durch ein Alarm-Signal, das von den Haarfollikeln im Überschuss ausgesendet wird, angelockt. Die Forscher konnten zunächst in Zellkultur-Experimenten zeigen, dass diese Alarm-Signale eine Reaktionskaskade auslösen. In deren Verlauf werden Immunbotenstoffe (Interferone und Interleukine) freigesetzt, die wiederum bestimmte T-Zellen dazu veranlassen, die Haarfollikel anzugreifen.


Zur weiteren Abklärung dieses Autoimmungeschehens starteten die Forscher einen Tierversuch. Sie verabreichten an Alopecia areata erkrankten Mäusen zwei JAK-Inhibitoren: Ruxolitinib oder Tofacitinib (Xeljanz® von Pfizer), das in den USA zur Behandlung der Rheumatoiden Arthritis eingesetzt wird. Beide Medikamente, so die Forscher, konnten die kahlen Stellen bei den Nagern innerhalb von 12 Wochen vollständig beseitigen. Was besonders erstaunte: Die Therapie wirkte langfristig, denn das Nachwachsen der Haare hielt noch Monate nach Beendigung der Behandlung an.


Das positive Ergebnis überprüften die Wissenschaftler bei zwölf Patienten mit mäßiger bis schwerer Alopezie. Sie nahmen zweimal täglich 20 mg Ruxolitinib über zwölf bis 24 Wochen ein. Erste Ergebnisse der Studie zeigten, dass die Haare bei drei Patienten innerhalb von vier bis fünf Monaten vollständig nachwuchsen. Zudem konnten in der Kopfhaut T-Zellen, die die Haarfollikel angreifen, nicht mehr nachgewiesen werden.


Auch wenn noch weitere klinische Studien notwendig sind, so stimmen die bisherigen Ergebnisse zuversichtlich, dass mit Ruxolitinib (und möglicherweise auch mit anderen JAK-Inhibitoren) ein wirksames Mittel gegen diese Autoimmunkrankheit gefunden worden sein könnte. Da das Risikopotential von Ruxolitinib bekannt ist, könnte die Zulassung für die neue Indikation wesentlich schneller erfolgen als bei einer völlig neuen Substanz. Zu den häufigsten unerwünschten Arzneimittelwirkungen zählen Thrombozytopenie, Anämie, Blutergüsse, Schwindel, Kopfschmerzen, erhöhte Leberwerte und Hypercholesterinämie.

Von der Alopecia areata sind allein in Deutschland mehr als 1,4 Millionen Menschen betroffen, in den USA mehr als 6,5 Millionen. Am kreisrunden Haarausfall können Personen jeden Alters erkranken. Bevorzugt tritt er im zweiten und dritten Lebensjahrzehnt auf, oft auch familiär gehäuft. Typisch sind zu Beginn der Erkrankung kleinere, runde kahle Stellen am Kopf, bei Männern auch im Bart, die mit der Zeit sowohl an Größe als auch an Menge zunehmen können. In etwa der Hälfte der Fälle wachsen die Stellen nach einigen Monaten wieder zu, dafür können an anderen Arealen neue Kahlstellen auftreten. Im Extremfall kann es zum Verlust aller Kopfhaare kommen – eine psychisch sehr belastende Situation für die Betroffenen. (rt)

doi: 10.1038/nm.3645
 

Lesen Sie dazu auch

Wirkstoffprofil Ruxolitinib (Jakavi® / 2012) in unserer Datenbank Neue Arzneistoffe

 

19.08.2014 l PZ

Foto: Fotolia/Antonio Gravante

 

 

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