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Repellentien und Insektizide: Erfolgreich gegen den Insektenangriff

TITEL

 
Repellentien und Insektizide

Erfolgreich gegen den Insektenangriff

Von Mirko Altenkämper und Martin Schlitzer

 

Viele Krankheiten werden durch Insekten übertragen, die als Vektoren fungieren. Die wohl bedeutendste vektorvermittelte Infektionskrankheit ist die Malaria. Jährlich erkranken bis zu 660 Millionen Menschen und bis zu drei Millionen sterben daran. Gibt es das »Mittel der Wahl« zur Vektorbekämpfung und/oder Biss- und Stichvermeidung? Was kann der Apotheker seinen Kunden empfehlen?

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Die Einreise in ein Malaria-Endemiegebiet muss gut vorbereitet sein: Außer einer eventuell notwendigen Prophylaxe mit Chemotherapeutika muss der Reisende konsequent geeignete Maßnahmen zur Insektenabwehr anwenden. Dabei erhöht die sinnvolle Kombination verschiedener Maßnahmen den Wirkungsgrad, ohne je einen 100-prozentigen Schutz gegen die Insektenstiche und die daraus möglicherweise resultierenden Erkrankungen bieten zu können. Zwar sind nicht alle Insekten so gefährliche Vektoren wie Anopheles-, Aedes- oder Culex-Mücken (Tabelle 1). Aber auch wer in heimischen Gefilden bleibt, braucht mitunter einen guten Schutz gegen stechende und beißende Insekten.


Tabelle 1: Beispiele für Krankheiten, die von Insekten und Spinnentieren übertragen werden

Vektor Krankheit 
Anopheles Malaria 
Aedes, meist aegypti Gelbfieber, Dengue-Fieber, Chikungunya 
Culex West-Nil-Virus 
Tsetsefliege Schlafkrankheit 
Sandmücke Leishmaniose 
Schildzecke (Spinnentier) Lyme-Borreliose, FSME 
Flöhe Pest 

Unter Repellentien versteht man Substanzen, die auf die menschliche Haut aufgetragen werden und durch ihren spezifischen Geruch Stechmücken, Fliegen und andere Insekten abhalten sollen. Insektizide hingegen sind zu den Pestiziden gehörende Chemikalien zur Insektenbekämpfung. Dazu zählen zum Beispiel Kontakt-, Fraß- und Atemgifte, Niederschlagsmittel, Akarizide (Wirkstoffe gegen Milben) und Ovizide (Mittel gegen Insekteneier). Angewendet werden neben Insektiziden, die wie Pyrethrum aus pflanzlichen Rohstoffen gewonnen werden, auch anorganische (Beispiel Antimon) und organische Verbindungen wie Chlorkohlenwasserstoffe und Ester der Phosphor- und Thiophosphorsäure. Im Folgenden werden die am Menschen und in ihrer direkten Umgebung angewendeten Repellentien und Insektizide vorgestellt.

 

Synthetische Repellentien

 

Grundsätzlich unterscheidet man synthetische Wirkstoffe und Repellentien, die aus Pflanzen gewonnen oder von Naturstoffen abgeleitet werden. Pflanzliche Mittel sind bei den Verbrauchern sehr beliebt, synthetische Wirkstoffe sind aber effektiver. Einer der wichtigsten ist DEET (N,N-Diethyl-m-toluamid oder N,N-Diethyl-3-methylbenzamid).

 

Ursprünglich zum Schutz der Soldaten der US-Armee konzipiert, hat sich das DEET mittlerweile zum Goldstandard der Repellentien entwickelt (Beispiel: Nobite® Hautschutzlotion). Man schätzt, dass es weltweit jährlich etwa 200 Millionen Personen anwenden.

 

Zur Verfügung stehen verschiedene Formulierungen mit einem DEET-Gehalt zwischen 5 und 90 Prozent. Produkte mit einem Gehalt unter 20 Prozent DEET schützen etwa eine bis drei Stunden. Höhere Konzentrationen hingegen gewähren einen Langzeitschutz von bis zu zwölf Stunden. Ab einem Gehalt von 50 Prozent wird ein Plateau erreicht; auch höher konzentrierte Produkte wirken nicht länger. Einige Länder wie die Schweiz beschränken die Höchstkonzentration an DEET in Repellentien auf 30 Prozent. Außer der Repellentwirkung zeigt die Substanz auch eine gute Insektizidwirkung als Imprägnierungsmittel für Moskitonetze.

 

Der Mechanismus der Insektizidwirkung des DEET ist nicht aufgeklärt und wird noch untersucht. Hinsichtlich der abwehrenden Effekte ist jedoch bekannt, dass DEET nur in Verbindung mit Milchsäure abstoßend auf Insekten wirkt. Möglicherweise wird die Geruchswahrnehmung der Milchsäure, auf die die blutsaugenden Insekten hauptsächlich reagieren, verändert. Die Wirksamkeit gegen Mücken, Moskitos, Bremsen und Milben ist gut, die gegen Fliegen und Zecken von reduzierter Dauer. Gegen Zecken ist Icaridin besser geeignet. Vor Anthropoden wie Bienen, Wespen, Hummeln und Hornissen schützt DEET nur schwach oder gar nicht.

 

Oftmals enthalten DEET-Präparate Ethanol als Lösungsmittel. Da die perkutane Absorption von DEET abhängig von der Konzentration des Ethanols zunimmt, sollte man Präparate ohne Ethanol bevorzugen. Es wurde nachgewiesen, dass ethanolhaltige Präparate eine DEET-Resorption von 8,41 Prozent und ethanolfreie eine von 5,63 Prozent aufweisen. In einer kontrollierten Studie unter Laborbedingungen, bei der man männlichen Probanden jeweils 12 bis 15 mg radioaktiv markiertes DEET auf dem Unterarm applizierte, wurde das Ausmaß der perkutanen Absorption verfolgt. Der Nachweis erfolgte in einer Urinprobe mittels HPLC, bei der man nur sechs Metabolite von DEET detektieren konnte. Natives DEET war nur bis zu 18 Stunden nach Applikation nachweisbar, innerhalb von 24 Stunden wird es komplett metabolisiert. Man findet in der Epidermis weniger als 0,1 Prozent der gesamten applizierten Menge des DEET und damit keine signifikante Akkumulation.

 

Die Metabolisierung von DEET erfolgt im Wesentlichen auf zwei Wegen. Zum einen wird die Methylgruppe am Aromaten zum N,N-Diethyl-m-hydroxymethylbenzamid (BALC) hydroxyliert. Zum anderen wird die N,N-Diethylaminogruppe von DEET desalkyliert, es resultiert somit das N-Ethyl-m-toluamid (ET). In einer Versuchsreihe an humanen Lebermikrosomen wurde gezeigt, dass bevorzugt die Methyl-Hydroxylierung am Aromaten zu BALC stattfindet. Sekundär erfolgen noch Oxidationen, Hydroxylierungen, Desalkylierungen und Glucuronidierung, was das Auftreten anderer Metabolite erklärt.

 

In weit über 30 Studien wurden die akute, chronische und subchronische Toxizität, die Mutagenität, die Wirkung auf das ZNS sowie die Reproduktions- und Entwicklungstoxizität des Mittels überprüft. Trotz seines ausgezeichneten Sicherheitsprofils (Tabelle 2) sind 14 Fälle DEET-induzierter Enzephalopathien publiziert worden. In 13 Fällen, davon drei mit letalem Ausgang, waren Kinder unter acht Jahren betroffen. Allerdings blieb unklar, ob der Tod in direktem Zusammenhang mit der DEET-Applikation stand.


Tabelle 2: Sicherheitsprofil von Repellentien; halbmaximale letale Dosis bei Ratten (bzw. Kaninchen)

Wirkstoff L D50 oral (mg/kg Körpergewicht) LD50 dermal (mg/kg Körpergewicht) 
DEET 2170 bis 3664 4280 (Kaninchen) 
Icaridin 4743 über 5000 (Ratten) 
EBAAP 14.000 10.000 (Ratten) 
DMP 6800 4800 (Ratten) 

Zwei weitere Untersuchungen zur Einschätzung des Risikos bei Kindern ergaben, dass die neurologischen Nebenwirkungen interessanterweise nur bei Erwachsenen beobachtet wurden, obwohl der Anteil an Probanden im Kindesalter 83 Prozent betrug. DEET scheint also kein erhöhtes Risiko für Kinder darzustellen. In der Literatur gibt es jedoch keine einheitlichen Hinweise, ab wann eine Applikation empfohlen wird. Die American Academy of Paediatrics rät, DEET nicht bei Kindern unter zwei Monaten anzuwenden. Bei älteren Kindern wird eine 10- bis 30-prozentige Formulierung empfohlen. Das Health Protection Agency Advisory Committee on Malaria Prevention (ACMP) empfiehlt die Anwendung von DEET sogar bei Schwangeren im ersten Trimenon. Andere Autoren bewerten die Substanz etwas zurückhaltender und empfehlen eine Anwendung erst ab dem 8. Lebensjahr. Hinweise auf Karzinogenität oder Mutagenität ergaben sich nicht.

 

Grundsätzlich ist zu beachten, dass der Wirkstoff Kunststoffe, Farben und Lacke angreift. Bei gleichzeitiger Applikation von Sonnencreme stieg die Absorption von DEET in einer Studie von 5,63 auf 8,32 Prozent. Als für die Interaktion verantwortlicher Bestandteil wurde unter anderem der UVA/UVB-blockierende Wirkstoff Oxybenzon identifiziert. In vitro wurde sogar ein 33-prozentiger Verlust der Sonnenschutz-Effektivität bei gleichzeitiger Repellentien-Anwendung nachgewiesen. Die gleichzeitige Applikation topischer Retinoide kann die DEET-Toxizität erhöhen.

 

Um diese Interaktion auszuschließen, sollte man die direkte Sonne weitestgehend meiden und lange, möglichst mit Insektiziden imprägnierte Kleidung inklusive Kopfbedeckung zum Sonnenschutz tragen. Wer dennoch Körperpflege- und Sonnenschutzmittel sowie Repellentien anwenden will, sollte das Insektenabwehrmittel immer als Letztes, etwa 15 bis 30 Minuten nach dem Sonnenschutz, auftragen. Eine fixe Kombination aus Sonnenschutz und Repellent wird nicht empfohlen. Für einen maximal möglichen Moskitoschutz ist es sinnvoll, das DEET-haltige Produkt alle drei bis vier Stunden erneut aufzutragen. Aufgrund seiner sehr guten Nutzen/Risiko-Dokumentation empfiehlt die WHO die Anwendung von DEET.

 

Icaridin gut wirksam

 

Icaridin wird manchmal noch als Picaridin oder KBR3032 bezeichnet. Es hat gute kosmetische Eigenschaften und neben einem vorteilhaften toxikologischen Profil (Tabelle 2) wenig aggressive Eigenschaften gegenüber Kunststoffen (Beispiel: Autan Active®). Anzeichen für karzinogene, mutagene, entwicklungstoxische oder reproduktionstoxische Eigenschaften gibt es nicht.

 

Icaridin ist annähernd gleich gut wirksam wie DEET. Auch dieses Produkt soll der Anwender alle drei bis vier Stunden erneut auftragen. Icaridin zeigt eine geringere Resorption über die Haut und hat in etwa das gleiche Wirkprofil wie DEET. Zu seinem Wirkspektrum gehören unter anderem Mücken der Gattungen Aedes, Culex und Anopheles, Bremsen, Fliegen und Zecken. Der genaue Wirkmechanismus ist noch nicht geklärt. Es wird jedoch vermutet, dass das ankommende Geruchssignal bei den Insekten ein Fluchtverhalten auslöst.

 

Wegen unzureichender Erkenntnisse sollte man Icaridin nicht bei Kindern unter zwei Jahren anwenden. Basierend auf den Erkenntnissen aus Tierversuchen ist ein Gefahrenpotenzial während Schwangerschaft und Stillzeit nicht zu erwarten. Allerdings bevorzugt die Health Protection Agency in London die Anwendung von DEET gegenüber der von Icaridin.

 

EBAAP nicht für Säuglinge

 

Im Vergleich zum DEET hat EBAAP (InsectRepellent 3535 oder 3-(N-Acetyl-N-butyl)aminopropionsäureethylester) ein geringeres hautirritierendes Potenzial und ist kaum aggressiv gegenüber Kunststoffen (Beispiel: Azaron Before® Spraylotion). Die dermale und orale Toxizität ist deutlich geringer als bei DEET und Icaridin. Es wird in Konzentrationen von 10 bis 20 Prozent angewendet. Das Wirkspektrum erstreckt sich auf Mücken, Fliegen, Bremsen und Zecken.

 

Die Substanz wirkt wesentlich kürzer als DEET. So hielt die Wirkung des IR3535-Präparats nur etwa ein Viertel der Zeit des DEET-Präparats an. Obwohl diese Substanz schon seit etwa 20 Jahren in Europa verwendet wird, liegen kaum Daten zu unerwünschten Wirkungen vor. Bei Kindern wird die Anwendung erst nach Vollendung des ersten Lebensjahres empfohlen. Wegen der deutlich kürzeren Wirkung ist von einer Benutzung des EBAAP in den Tropen generell abzuraten.

 

Keine klare Bewertung für DMP

 

Das meist in Kombination mit DEET angewendete DMP (Dimethylphthalat oder Phthalsäuredimethylester) zeichnet sich vor allem durch seine lange Wirkdauer und sein breites Wirkspektrum, insbesondere gegen verschiedene Mücken-Spezies, aus. Es ist weniger wirksam als DEET, aber kann ähnlich wie dieses Lacke, Farben und Kunststoffe auflösen. Die akute Toxizität ist gering.

 

Eine Anwendung von DMP bei Kindern unter fünf Jahren wird nicht empfohlen. Außerdem konnte eine leicht mutagene Wirkung im Ames-Test nachgewiesen werden. Wegen unvollständiger toxikologischer Daten und des bis dato unbekannten Wirkmechanismus ist eine zuverlässige Nutzen/Risiko-Bewertung derzeit nicht möglich.

 

An dieser Stelle sei ausdrücklich davor gewarnt, im Ausland angebotene Repellentien allzu sorglos zu applizieren, da sie häufig Wirk- und Zusatzstoffe enthalten, die in Deutschland nicht zugelassen sind. Am besten sollte der Reisende die Insektenabwehrmittel vor der Einreise in Malaria-Endemiegebiete und andere tropische Länder besorgen. Als Mittel der Wahl gelten dann DEET- oder Icaridin-haltige Repellentien.

 

Pflanzliche Repellentien

 

Pflanzenextrakte erfreuen sich großer Beliebtheit. Allerdings erreicht keiner dieser Stoffe auch nur annähernd die Wirksamkeit der synthetischen Wirkstoffe DEET und Icaridin. Anwendung finden überwiegend Pflanzen oder Pflanzenteile mit ätherischen Ölen. So werden beispielsweise Extrakte aus Zitronellengras, Lavendel, Geranien, Zedern, Nelken, Eukalyptus, Basilikum, Thymian, Knoblauch und Pfefferminze eingesetzt.

 

Das Zitronellenöl scheint davon die beste Wirksamkeit zu haben (Beispiel: Zanzarin® Mückenschutz Bio Lotion). In einer Vergleichsstudie wurde gezeigt, dass eine deutlich höhere Konzentration von Citronellol(en), den Hauptwirkstoffen des Zitronellengrases, notwendig ist, um eine ähnliche Wirkung wie DEET zu erzielen. So schützt eine 10-prozentige Zitronellenöl-Lösung nur etwa 15 Minuten vor einem Stich einer Aedes-aegypti-Mücke (Vektor des Gelbfiebers), eine 15-prozentige DEET-Formulierung jedoch zwei Stunden. Zitronellenextrakt-haltige Kerzen reduzieren die Anzahl der Stiche um 20 Prozent und sind damit in etwa genauso wirksam wie gewöhnliche Kerzen.

 

Gerne wird auch das Wasserdampfdestillat der Blätter und Zweigspitzen von Melaleuca alternifolia Cheel, dem Teebaumöl, als Repellent eingesetzt (Beispiel: Spinnrad Mückenabwehrgel Teebaumöl®). Klinische Untersuchungen zur Wirksamkeit gibt es derzeit aber nur in Bezug auf Kopfläuse (Pediculus humanus capitis). Es ist daher zum Einsatz in Malaria-Endemiegebieten wenig geeignet. Unter Teebaumöl-Applikation wurden 55 Prozent der Kopfläuse, bei DEET-Applikation nur etwa 23 Prozent von einer Blutmahlzeit abgehalten.

 

Bei der Anwendung aller pflanzlichen Produkte sollte bedacht werden, dass selbst so unproblematisch erscheinende Substanzen wie ätherische Öle ein nicht zu vernachlässigendes allergenes Potenzial haben. Dieses kann durch Sonnenexposition weiter verstärkt werden. Bedeutsam ist auch, dass die ätherischen Öle im Vergleich zu den synthetischen Repellentien weit weniger gut auf ihre Wirksamkeit und Risiken hin untersucht sind.

 

Pyrethroide als Insektizide

 

Viele der bekannten Insektizide wie DDT, Phosphorsäureester, Carbamate und chlorierte Kohlenwasserstoffe weisen erhebliche öko- und toxikologische Risiken auf. Daher werden heute überwiegend synthetisch hergestellte Pyrethroide mit einem für die Menschen verträglicheren toxikologischen Profil eingesetzt. Die akuten oralen LD50-Werte liegen für die meisten Vertreter dieser Substanzklasse im Bereich von 500 bis 5000 mg/kg KG.

 

Pyrethrum ist das aus den Blütenköpfen verschiedener Chrysanthemum-Arten gewonnene Insektizid, dessen Hauptwirkstoffe die insgesamt sechs optisch aktiven Ester aus der (+)-trans-Chrysanthemumsäure und der (+)-trans-Pyrethrinsäure mit den Hydroxyketonen (+)-Pyrethrolon, (+)-Cinerolon und (+)-Jasmolon sind.

 

Pyrethroide nennt man die besser wirksamen synthetischen Derivate des natürlichen Pyrethrums. Die WHO und das Bundesinstitut für Arzneimittel und Medizinprodukte (BfArM) schätzen sowohl die akute als auch die chronische Toxizität für den Menschen als gering ein. Allerdings sollten Pyrethroide grundsätzlich sparsam eingesetzt werden.

 

Die Stoffe haben keine Repellent-Wirkung, sondern wirken neurotoxisch als Kontaktinsektizid. Pyrethrum und Pyrethroide verfügen über einen gemeinsamen Wirkmechanismus: Sie blockieren die spannungsabhängigen Natriumkanäle in den Nervenzellmembranen, indem sie direkt mit diesen Kanälen interagieren und deren Leitfähigkeit beeinflussen. Die Pyrethroide verzögern die Schließung des Natriumkanals und erzeugen so an motorischen Nervenzellen eine verlängerte Depolarisation. Dadurch entsteht eine Dauererregung der betroffenen Nervenzellen, gefolgt von Krämpfen, Lähmungserscheinungen und schließlich Tod. Pyrethroide zeichnen sich durch eine hohe Selektivität aus. Sie wirken auf Insekten etwa 4400-fach stärker als auf Menschen, Haus- und Nutztiere. Allerdings ergaben sich Hinweise auf potenzielle estrogene und antiandrogene Effekte im Tierversuch. Im Allgemeinen sind wässrige Pyrethroid-Suspensionen weniger toxisch als ölige Darreichungsformen (Tabelle 3).


Tabelle 3: Sicherheitsprofil von Insektiziden; halbmaximale letale Dosis bei Ratten

Wirkstoff LD50 oral (mg/kg Körpergewicht) 
leichtflüchtige Pyrethroide  
- Cyfluthrin 250 bis 1200 
- Bioallethrin 585 bis 1100 
schwerflüchtige Pyrethroide  
- Tetramethrin über 5000 
- Deltamethrin 135 
- Permethrin über 4000 
  
Piperonylbutoxid 7950 
Tetravinchlorphos  4000 
Fipronil 100 

Diese Insektizide können als sogenannte »Knock-down-Sprays« angewendet werden. Meist wird eine Kombination aus leicht- und schwerflüchtigen Pyrethroiden verwendet, um die Schlafräume mückenfrei zu bekommen. Leichtflüchtige Pyrethroide wie Bioallethrin (Synonym: d-Allethrin) können auch mittels elektrischer Verdampfer oder in Form von schwächer wirksamen Räucherspiralen eingesetzt werden. Räucherspiralen enthalten meistens natives Pyrethrum.

 

Gerne werden Pyrethroide mit Piperonylbutoxid (PBO) kombiniert; damit erreicht man eine Verlängerung der Wirkdauer und Stabilisierung der Pyrethrum-Derivate. PBO verlängert die Knock-down-Wirkung durch Eingreifen in den Entgiftungsprozess der Pyrethroide beim Insekt. Dies erfolgt durch Blockade der mischfunktionellen Oxygenasen (MFO), die die Substanzen in vivo metabolisieren. Die inhalative Toxizität von Pyrethrum wird als sehr gering eingestuft. Vorsicht ist bei den aus China stammenden Spiralen geboten, da diese zum Teil noch DDT enthalten!

 

Schwerflüchtige Pyrethroide, insbesondere Deltamethrin und Permethrin, kommen zur Imprägnierung von Bettnetzen (Beispiel: Nobite® Mosquitonetz) und Kleidern zum Einsatz. Die Wirkdauer beträgt mehrere Tage. Im Handel sind auch Bettnetze erhältlich, die vom Hersteller in speziellen Verfahren imprägniert wurden. Laut Herstellerangaben halten sie Moskitos und andere Insekten mindestens drei bis sechs Monate lang fern.

 

Bei der Anwendung der Pyrethroide sollte man darauf achten, die Substanzen nicht einzuatmen. Anders als bei der Bekämpfung von Kopfläusen werden die Mittel zur Moskitoabwehr nicht direkt auf die Haut und Schleimhäute aufgetragen, da Parästhesien und Missempfindungen beobachtet wurden. Selten traten auch papuläre Hauteffloreszenzen auf. Zu sehr seltenen akuten Vergiftungen kommt es nur bei akzidenteller Einnahme. Typische Vergiftungssymptome sind Ataxie, anaphylaktischer Schock, extreme Speichelbildung (Hypersalivation), Erbrechen, Durchfall, Tachykardie, Kreislaufschwäche und allergische Hautreaktionen.

 

Insektenabwehr beim Tier

 

In der Vergangenheit wurden bei Haustieren, insbesondere Hund und Katze, meist mit Tetrachlorvinphos imprägnierte Halsbänder zum Schutz gegen Flöhe und Zecken angewendet (Beispiel: Trixie Pro Care Zecken-Flohband für Hunde®).

 

Tetrachlorvinphos ist ein Insektizid und Akarizid mit Kontakt- und Fraßgiftwirkung, das nicht resorbiert wird und daher keine systemischen Eigenschaften hat. Wie alle Organophosphor-Insektizide wirkt es am Nervensystem der Insekten, indem es das Enzym Acetylcholinesterase hemmt. Dadurch reichert sich der Neurotransmitter Acetylcholin an der postsynaptischen Membran an. Der entsprechende Teil des Nervensystems bleibt in Dauererregung. Es kommt schließlich zu Übererregungen, Lähmungserscheinungen, Blockade des Atemzentrums und letztendlich zum Tod. Tetrachlorvinphos wirkt gegen Raupen, Fruchtfliegen, Fliegen, Ektoparasiten und Vorratsschädlinge und gilt als bienengiftig.

 

Allerdings haben diese Floh-Zecken-Halsbänder laut Tierarzt- und Tierhalterinformationen eher eine lokal begrenzte Wirkung. Die Tierärzte raten heute überwiegend zur Anwendung von Sprays oder sogenannten »Spot-on«-Präparaten. Beim Spot-on-Verfahren trägt der Tierhalter die Wirkstofflösung punktförmig (spot on) direkt auf die Haut des Vierbeiners auf. Dann verbreitet sich der Wirkstoff laut Hersteller innerhalb von 24 Stunden über die Körperoberfläche und tötet die Parasiten beim Kontakt mit der behandelten Haut und Haaren ab: 98 bis 100 Prozent der Flöhe innerhalb von 24 Stunden, Zecken innerhalb von einem bis zwei Tagen. Es wird empfohlen, die Applikation monatlich zu wiederholen, damit ein maximaler Ganzjahresschutz erreicht werden kann.

 

Präparate für Hunde enthalten Permethrin (Beispiel: Preventic®) oder das zu den Phenylpyrazolen gehörende Fipronil (Beispiel: Frontline®). Bei Katzen ist die Anwendung von Permethrin jedoch streng kontraindiziert! Katzen verfügen nur in sehr geringem Umfang über das zum Permethrin-Abbau notwendige Enzym Glucuronidase-Transferase (Detoxifikation erfolgt bei Hunden und anderen Säugetieren mittels Glucuronidierung); daher kann es schnell zu Vergiftungserscheinungen kommen. Eine Permethrin-Konzentration von etwa 100 mg/kg Körpergewicht verursacht bei Katzen lebensbedrohliche Komplikationen. Hier ist, genau wie bei Haushalten mit Hunden und Katzen, Fipronil das Mittel der Wahl.

 

Fipronil ist ein breit wirksames Insektizid und Akarizid mit moderater systemischer Wirkung. Es wirkt durch Blockade der Ionenkanäle, die durch GABA (γ-Aminobuttersäure) gesteuert werden, speziell durch Blockade der Chlorid-Ionenkanäle. Fipronil wird als bienengiftig eingestuft.

 

Gut gemeint, aber unwirksam

 

Regelmäßig tauchen auf dem Markt Produkte auf, die einen Schutz vor Insekten bei völligem Fehlen von Nebenwirkungen versprechen. Leider sind sie aber auch völlig wirkungslos. Angeboten werden zum Beispiel akustische Geräte (»Buzzer«), die mittels Ultraschall männliche Stechmücken oder Fledermäuse imitieren und dadurch die weiblichen Mücken von einer Blutmahlzeit abhalten sollen. Mehrere Studien unter Feld- und Laborbedingungen belegen die Unwirksamkeit der Geräte.

 

Obwohl eine systematisch betriebene Suche nach systemisch wirkenden Repellentien bisher erfolglos geblieben ist, raten viele Ärzte und Apotheker gerne zu oral verabreichtem Thiamin (Vitamin B1). Im Gegensatz zu einer Studie aus dem Jahr 1943, in der man eine Wirksamkeit gefunden haben will, ist die Unwirksamkeit von Vitamin B1 als Repellent mittlerweile nachgewiesen worden.

 

UV-Fallen (»Lichtfallen«), in denen Insekten elektrokutiert werden, sind ebenfalls nur ungenügend wirksam. So werden überwiegend Nützlinge von dem UV-Licht angelockt, nicht jedoch Mücken.

 

Völlig nutzlos sind auf Arm- und Halsbändern oder auf Klebermaterial aufgetragene Repellentien, da sie höchstens die abgedeckte Stelle schützen. Manchen Homöopathika wird eine Repellent-Wirkung nachgesagt, ohne dass ein Nachweis der Wirksamkeit vorläge. Neuerdings wird auch Handysoftware angeboten, die das Handy programmiert, ein moskitoabwehrendes Geräusch zu senden. Über den Sinn dieser Maßnahme möge sich der Leser sein eigenes Urteil bilden.

 

Praktische Hinweise

 

Außer Haus kann die Kleidung dazu beitragen, das Risiko von Insektenstichen und damit einer möglichen Infektion mit Malaria- und anderen Krankheitserregern zu minimieren. Die Kleidung sollte nicht eng anliegen, eine helle Farbe haben, möglichst viel Körperfläche bedecken und vor allem dicht abschließen. Sinnvoll ist auch eine schützende Kopfbedeckung.

 

Auf nicht abgedeckten Hautstellen und auf den Kleidern kann man Repellentien, möglichst lückenlos, auftragen. Diese sollten allerdings niemals in der Nähe von Augen, Lippen, Nasenöffnungen, auf Schleimhäuten sowie auf Hautläsionen (Wunden, Sonnenbrand) aufgebracht werden. Beim Kontakt mit Schleimhäuten sofort gründlich abwaschen! Insektizide dürfen nur auf der Kleidung oder in Räumen, aber nicht auf der Haut angewendet werden.

 

Die abendliche Dusche vermindert durch das Abwaschen von Schweiß und Duftstoffen die Gefahr von Insektenstichen. Es empfiehlt sich zudem, regelmäßig die Socken zu wechseln, da Brevibacterium epidermidis beim Abbau von Fettsäuren aus dem Hauttalg Geruchsstoffe freisetzt, die auf Mücken anziehend wirken. Geruchsanalysen von Limburger Käse haben ein ähnliches Gaschromatogramm beider Gerüche ergeben.

 

Ganz wichtig ist es, die Repellentien regelmäßig wiederholt aufzutragen, da durch Abrieb oder Schwitzen der Wirkstoff von der Haut entfernt wird. Mückengitter oder -gaze an Fenstern und Türen von Räumen sowie eine laufende Klimaanlage erschweren den Anopheles-Mücken das Eindringen. In Endemiegebieten sollte man zudem unter einem Moskitonetz (Maschenweite maximal 1 bis 1,2 mm) schlafen, das idealerweise mit Insektiziden imprägniert sein sollte.

 

Generell ist Vorsicht geboten bei der unkritischen Weitergabe von Empfehlungen aus Laienzeitschriften, die oftmals Naturprodukte unkritisch besser bewerten als Synthetika, obwohl deren Wirkungen und Nebenwirkungen klar nachgewiesen sind.


Literatur

...bei den Verfassern.


Die Autoren

Martin Schlitzer studierte Pharmazie und Chemie an der Philipps-Universität, Marburg, wo er 1993 in Pharmazeutischer Chemie promoviert wurde und sich im Jahr 2000 für dieses Fach habilitierte. Von 2001 bis 2006 war er Professor an der Ludwig-Maximilians-Universität, München. Seit April 2006 ist er Professor für Pharmazeutische Chemie an der Philipps-Universität. Seine Forschungsinteressen konzentrieren sich hauptsächlich auf die Entwicklung neuer Wirkstoffe gegen Infektionserkrankungen, speziell gegen Malaria.

 

Mirko Altenkämper studierte Pharmazie an der Philipps-Universität, Marburg. Er ist Fachapotheker für pharmazeutische Analytik und steht kurz vor dem Abschluss seiner Dissertation in der Gruppe von Professor Schlitzer.

 

 

Professor Dr. Martin Schlitzer

Mirko Altenkämper

Institut für Pharmazeutische Chemie

Marbacher Weg 6

35037 Marburg

schlitzer(at)staff.uni-marburg.de

altenkae(at)staff.uni-marburg.de


Außerdem in dieser Ausgabe...

Beitrag erschienen in Ausgabe 11/2008

 

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