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Steinkohlenteer: Mehr als ein übler Geruch

PHARMAZIE

 
Steinkohlenteer

Mehr als ein übler Geruch


Von Anika Bergmann / Steinkohlenteer-Präparate werden von Hautärzten immer noch als Therapieoption vor allem bei Psoriasis vulgaris geschätzt.


Steinkohlenteer und seine Extrakte wirken antiphlogistisch, antiproliferativ, antiseptisch, keratolytisch und antipruriginös. Der Wirkmechanismus ist nicht vollständig geklärt. Inzwischen sind etwa 400 der rund 10 000 Inhaltsstoffe charakterisiert. Die Substanz gilt in Deutschland nach mehr als 100 Jahren klinischer Erfahrung als weiterhin anwendbar zur Lokalbehandlung der mit Psoriasis verbundenen Hauterscheinungen, der seborrhoischen Dermatitis, lichenifizierter Ekzeme und juckender, fettiger und schuppender Kopfhaut.




Die Flüssigkeit muss dickflüssig, gleichmäßig und gelbbraun sein und klar aussehen (5 % Steinkohlenteerspiritus) oder opaleszieren (10 % Steinkohlenteerspiritus).

Foto: DAC/NRF


Die aktuelle AWMF-S3-Leitlinie zur Therapie der Psoriasis vulgaris liefert eine umfangreiche Therapieeinschätzung und befürwortet die topische Ini­tialbehandlung mit Steinkohlenteer, nicht aber die Langzeit- beziehungsweise Erhaltungstherapie, da die Behandlungsdauer in der Regel auf vier und maximal auf acht Wochen begrenzt werden sollte. Für Kombina­tionstherapien liegen derzeit mehr Studien vor als für die Monotherapie; neben der Anwendung in der UV-Phototherapie unter anderem auch die Kombination mit Externglucocorticoiden.

 

Da einige enthaltene Verbindungen wie Benzol und Benzpyrene kanzerogen wirken, darf die Behandlung nur nach sorgfältiger Abwägung des therapeutischen Nutzens unter Berücksichtigung risiko­ärmerer Alternativen und mit zahlreichen Anwendungs­beschränkungen erfolgen. Steinkohlenteer und seine Extrakte sind verschreibungspflichtig und in kosmetischen Mitteln verboten. So wird die unkontrollierte, unter Umständen jahrelange Anwendung ausgeschlossen. Der Pa­tient sollte darauf hingewiesen werden, dass er nach der Anwendung eine intensive Sonnenlichtexposition sowie Solarien meiden sollte.

 

Waschkonzentrate sind Mittel der Wahl

 

Neben halbfesten Zubereitungen werden Steinkohlenteer und seine Extrakte auch in Schüttelmixturen, Ölbädern und Waschkonzentraten hautärztlich verordnet (Tabelle 1). Etwa 50 bis 80 Prozent der Psoriasis-Patienten leiden an Kopfhautsymptomen unterschiedlicher Dominanz: Rötung, Infiltrat, Schuppung. Die Lebensqualität der Patienten wird hierdurch erheblich eingeschränkt. Deshalb ist es für die Compliance wichtig, mit Darreichungsformen zu behandeln, die einfach anzuwenden sind und bei denen der Teergeruch nicht nachhaltig vorherrscht.


Steinkohlenteer DAC

Steinkohlenteerlösung DAC

Steinkohlenteerspiritus DAC

Lithanthracis pix; Pix Lithanthracis

Lithanthracis picis liquor; Liquor
Carbonis detergens (LCD)

Lithanthracis picis spiritus; Spiritus Picis Lithanthracis; Coal Tar Solution B.P.

NRF 11.46., lipophile Salbe (Fettsalbe)

NRF 11.5., Suspension (Zinkoxidschüttelmixtur); NRF 11.86., hydrophile Creme; NRF 11.87., lipophile Salbe (Vaselin)

NRF 11.107., hydrophile Creme (Kombination mit Salicylsäure); NRF 11.143., Shampoo (Tensidlösung)


Tabelle 1: Steinkohlenteer in Ausgangsstoffen und Zubereitungen des DAC/NRF


Als Mittel der Wahl sind daher Waschkonzentrate beliebt, die als Shampoo in die befeuchteten Kopfhautareale mit den Psoriasis-Plaques einmassiert und leicht wieder ausgewaschen werden. Ein hierfür zugelassenes Fertigarzneimittel mit 4-prozentigem Anteil Steinkohlenteerspiritus war lange Zeit nicht lieferbar und auch heute kann es zu Lieferengpässen kommen. Die NRF-Vorschrift 11.143., »Viskose Tensidlösung mit Steinkohlen­teerspiritus 5 % / 10 %«, bietet zwei Konzentrationsstufen an und kommt mit nur zwei weiteren Hilfsstoffen neben Gereinigtem Wasser aus: dem waschaktiven Basistensid in Natriumlaurylethersulfat- Lösung 27 Prozent (Texapon® NSO) und Natriumchlorid.

 

Das mit Formaldehyd vorkonservierte, anionische Basistensid ist zu etwa 14 Prozent in der Zubereitung enthalten. Na­triumchlorid erhöht in Kombination mit dem Basistensid die Viskosität der ethanolisch-wässrigen Lösung – ein schnell und einfach umzusetzendes galenisches Prinzip. In Shampoos sind mit gleicher Funktion häufig Macro­gollaurylether oder Cocamido­propylbetain als Cotenside enthalten. Nach Auswaschen der Tensidlösung ist Steinkohlenteer lokal wirksam: die epidermale Proliferation und die dermale Infiltration werden vermindert, sodass sich die Verhornung normalisiert. Auf ausdrückliche ärztliche Verordnung kann die standardisierte Tensidlösung nach NRF-Vorschrift 11.143. unter geänderter Bezeichnung mit Steinkohlenteerlösung DAC als Wirkstoff hergestellt werden.

 

Rezepturhinweis im Internet

 

Rahmenrezepturen bieten einigen Variationsspielraum für Waschkonzentrate als Arzneiträger. Grundsätzlich können Cotenside, wie Macrogol-4-laurylether, und/oder Gelbildner, wie Hydroxyethylcellulose 250, als zusätzliche Verdickungsmittel ergänzt werden. Auch nicht ionische Tensidgele auf Basis der Poloxamere sind zur Anwendung auf der Kopfhaut geeignet, sie lassen sich rezepturmäßig leicht herstellen und ebenfalls gut auswaschen (Tabelle 2).


 

aus Bestandteilen

aus vorgefertigt erhältlicher Grundlage

Steinkohlenteerspiritus
(oder Steinkohlenteerlösung)

5,0 g

5,0 g

Propylenglycol

20,0 g

Poloxamer 407

30,0 g

Gereinigtes Wasser

zu 100,0 g

Gel Cordes®

zu 100,0 g

 


Tabelle 2: Nicht ionische Steinkohlenteer-Tensidgele zur Anwendung auf der Kopfhaut


Im DAC/NRF-Internetauftritt auf www.dac-nrf.de steht der Rezepturhinweis »Steinkohlenteer, Steinkohlenteerlösung und Steinkohlenteerspiritus« zur Verfügung. Als Ergänzung zu den NRF-Vorschriften liefert er zahlreiche Zusatzinformationen und weitere Rezepturformeln. Basisinformationen zu Waschkonzentraten und Shampoos vermittelt der Rezepturhinweis »Haarwaschkonzentrat«.



Beitrag erschienen in Ausgabe 31/2014

 

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