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Pharmakologie: Wie wirkt eigentlich Paracetamol?

PHARMAZIE

 
Pharmakologie

Wie wirkt eigentlich Paracetamol?

Von Daniela Biermann

 

Entdeckt vor 130 Jahren, vermarktet seit mehr als 50 Jahren - und doch sind sich Wissenschaftler immer noch nicht sicher, wie die analgetische Wirkung von Paracetamol zustande kommt. Gängig sind heute zwei Theorien.

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Sicher ist, das Paracetamol wirkt. Aber wie? Oft wird es in einem Atemzug mit den nicht steroidalen Antirheumatika (NSAR) genannt. 1971 entdeckte der britische Pharmakologe John Vane, dass NSAR die Cyclooxygenase (COX) hemmen und damit die Prostaglandinsynthese unterdrücken. Dafür erhielt er 1982 zusammen mit zwei schwedischen Wissenschaftlern den Nobelpreis für Medizin.

 

Dabei unterscheidet Paracetamol sich in seiner Wirkung von den klassischen NSAR: Während NSAR auch peripher wirken, soll Paracetamol vorwiegend zentral analgetisch und antipyretisch wirken. Eine ausschließliche zentrale Hemmung der Prostaglandinsynthese ist allerdings inzwischen widerlegt. Strittig ist weiterhin, ob es antiinflammatorisch wirkt.

 

Klinisch weist Paracetamol eine Reihe von Gemeinsamkeiten mit den selektiven COX-2-Hemmern auf: Sie sind magenverträglicher, hemmen nicht die Plättchenaggregation und verursachen keine Bronchokonstriktion. Tatsächlich gibt es neue Befunde, die eine mehr als vierfach höhere Selektivität von Paracetamol für die COX-2 belegen. Das fanden Professor Dr. Burkhard Hinz und sein Team von den Universitäten Rostock und Erlangen heraus, indem sie Probanden 1000 mg Paracetamol gaben, ihnen Blut abnahmen und anschließend die COX-Hemmung in den Proben untersuchten. Dabei verursachte Paracetamol eine bis zu 80-prozentige Hemmung der COX-2 (FASEB J., Jahrgang 22, Seiten 383 bis 390). Wie stark Paracetamol die COX-2 hemmen kann, hängt vom Milieu ab. Sind viele Oxidanzien vorhanden (etwa in einer entzündeten Umgebung), kann Paracetamol die aktivierte COX schlechter zur inaktiven Form reduzieren. Das könnte auch die Erklärung sein, warum es zum Beispiel bei rheumatoider Arthritis nicht antiinflammatorisch wirkt. Hinreichend widerlegt ist heute, dass Paracetamol seine Wirkung über die Hemmung eines anderen Subtyps, die COX-3, entfaltet.

 

Dagegen kam in den vergangenen Jahren eine zweite Hypothese hinzu. So könnte Paracetamol auch in das Cannabinoidsystem eingreifen. An seinen Metaboliten, das 4-Aminophenol, wird im zentralen Nervensystem Arachidonsäure gekoppelt. Es entsteht AM-404, ein Derivat des Endocannabinoids Anandamid. AM-404 verhindert die Aufnahme von Anandamid in die Nervenzellen, sodass es vermehrt im synaptischen Spalt vorliegt und über den Cannabinoidrezeptor analgetisch wirken kann. Vermutlich ist die analgetische Wirkung ein Zusammenspiel von COX-Hemmung, Eingriff ins Endocannabinoidsystem und vielleicht noch weiterer Mechanismen.


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Beitrag erschienen in Ausgabe 10/2008

 

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