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Gesundheits-Apps: Bemuttert vom Smartphone

MEDIZIN

 
Gesundheits-Apps

Bemuttert vom Smartphone


Von Nicole Schuster / Mit Gesundheits-Apps lassen sich Blutdruck und Kalorienaufnahme dokumentieren, sie managen die Medikamenteneinnahme oder das Sportprogramm. Anwender erhoffen sich dadurch Erleichterung im Umgang mit einer Krankheit oder Unterstützung bei einem gesünderen Lebensstil. Die Kehrseite der Medaille ist ein löchriger Datenschutz.

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In den App-Stores wächst die Auswahl an Angeboten, die sich mit Gesundheitsthemen beschäftigen, immer mehr. Die Spannbreite reicht von Schrittzählern über Fitness-Apps bis hin zu Medikamentenmanagern. Apps zum Abnehmen berechnen den Tagesbedarf an Kalorien und warnen, sobald dieser aufgebraucht ist. Auch das Erinnern übernehmen Apps und zeigen an, wann die nächste Verhütungspille eingenommen werden muss oder die nächste Schutzimpfung ansteht.

 




Gesundheits-Apps erfreuen sich großer Beliebtheit. Um kein böses Erwachen zu erleben, sollten Nutzer bei der Auswahl aber auf Mindeststandards beim Datenschutz achten.

Foto: Fotolia/Aleksey Boldin


Das Interesse ist groß und wird durch ein mehr als 100 000 Anwendungen umfassendes Angebot bedient. Einer Umfrage des Forsa-Instituts aus dem Jahr 2013 im Auftrag des AOK-Bundesverbands zufolge sind Gesundheits-Apps die am häufigsten he­runtergeladenen Applikationen. Etwa jeder fünfte Deutsche nutzt sie. Männer profitieren davon besonders: Ungefähr 42 Prozent der männlichen Deutschen geben an, dadurch gesünder zu leben. Unter den Frauen sind es nur circa 30 Prozent.

 

Die Vorteile der Apps liegen auf der Hand: Die meisten Menschen haben ihr Smartphone immer dabei und können beispielsweise auch unterwegs Daten eingeben und abrufen. So können sie beispielsweise ermitteln lassen, wie lange sie sich an ihrem Standort zur aktuellen Uhrzeit in der Sonne aufhalten dürfen, ohne sich der Gefahr eines Sonnenbrands auszusetzen. Durch die kleinen digitalen Helferlein fühlt sich so mancher Nutzer angenehm umsorgt und behütet – auch wenn die Ratschläge und Mahnungen nun nicht mehr von der Mutter, sondern aus einem mobilen Gerät in der Hosentasche kommen. Zur Beliebtheit dürfte aber auch erheblich beitragen, dass Apps das Gefühl vermitteln, die Gesundheit unter Kontrolle zu haben. In einer Zeit, in der Fitness, Vitalität und Jugendlichkeit für viele einen hohen Wert haben, macht das die Softwareangebote besonders verlockend.

 

Kostenlos versus kostenpflichtig

 

Apps werden von verschiedenen Anbietern kostenlos zur Verfügung gestellt. Mitunter können aber versteckte Kosten auf die Anwender zukommen. Beispielsweise gibt es Applikationen, deren voller Umfang sich nur in einer kostenpflichtigen Version, mit Zusatzbuchungen oder einem Abonnement nutzen lässt. Außerdem gibt es Software, die sich direkt mit medizinischen Geräten wie einem Blutzuckermesser verbinden lässt, sodass die Dateneingabe entfällt. Sie verleiten dazu, die entsprechenden Geräte zu kaufen, um die Apps besonders bequem bedienen zu können.

 

Pauschalisieren lässt sich aber nicht, dass »umsonst« zwangsläufig einen Haken hat. Qualität muss bei der Software nicht teuer sein. Einige kostenfreie Apps sind in Bedienungsfreundlichkeit und Nutzwert den kostenpflichtigen sogar überlegen. Wichtige Merkmale einer guten Anwendung fasst Dr. Urs-Vito Albrecht, Leiter einer App-Forschungsgruppe an der Medizinischen Hochschule Hannover, im Gespräch mit der Pharmazeutischen Zeitung zusammen: »Um von den Nutzern auf Dauer akzeptiert zu werden, müssen eine App gut von der Zielgruppe bedienbar und die Inhalte und Funktionen verlässlich sein.« Auch das Design spiele eine Rolle, denn je attraktiver die Software erscheine, umso lieber beschäftige sich der Anwender damit. Auch der Arzt kann Einfluss nehmen. »Die Ermunterung durch den behandelnden Arzt stützt die Bereitschaft, eine App zu nutzen.« Bei medizinischen Apps, die Diagnosen und Therapien vorschlagen, ist die Einbindung des Arztes ein Muss. »Bei Gesundheits-Apps, die lediglich auf das Wohlbefinden abzielen, ist eine ärztliche Betreuung hingegen nicht zwingend notwendig«, so der Experte. Hier kann dafür das Engagement des Partners helfen, denn gemeinsam ist etwa die Mühsal beim Abnehmen leichter zu ertragen und der innere Schweinehund vor dem Sport leichter zu besiegen als allein.

 

Wer liest mit?

 

Die scheinbare Fürsorge ist ein aber wechselseitiges Spiel. Den Service der digitalen Gedankenstützen gibt es oft nur im Austausch gegen Daten. Wichtig ist für die Anwender zu hinterfragen, welche Firma oder Institution die App anbietet oder sponsort. Krankenkassen erlauben die Daten Rückschlüsse auf und Prognosen zur Gesundheit des Nutzers. »Diese könnten beispielsweise genutzt werden, um profilgenaue Angebote zu machen, Leistungen zu gewähren oder zu verweigern oder auch Risikozuschläge zu berechnen«, warnt Birgit Perschke, Pressesprecherin der Bundesbeauftragten für Datenschutz und Informationsfreiheit, gegenüber der PZ. Sie rät Patienten, im eigenen Interesse sensible Daten bestmöglich zu schützen und immer genau hinzuschauen, was mit den Daten geschieht.




Apps gibt es für ziemlich alles: Sie zählen Kalorien, kennen die UV-Strahlungsbelastung am aktuellen Standort oder zeigen einem die Pollenbelastung an.

Foto: dpa


Auch sollten Anwender danach fragen, wie sicher das eigene Passwort verschlüsselt ist und wie leicht Dritte persönliche Informationen abfangen können. Zudem sollte jeder, der einer App Daten anvertraut, auf ein geschütztes Netzwerk achten. In einem Café mit Wireless-Lan kann mit den nötigen technischen Kenntnissen auch der Nachbar mitlesen, wann die nächste Monatsblutung ansteht oder welche Medikamente ein Patient einnimmt. Viele Apps übermitteln zudem automatisch den Standort des Nutzers an den Hersteller. Eine Information, die für die meisten Funktionen irrelevant ist, aber dank derer das Programm personalisierte Werbung von Anbietern im nahen Umkreis versenden kann.

 

Seriöse Apps zeichnen sich dadurch aus, dass sie ein Impressum haben, Angaben zur Aktualität der Informationen machen und einen Autor angegeben – hier ist zu überprüfen, ob der Autor über die notwendigen fachlichen Kenntnisse verfügt. Auch eine Datenschutzerklärung, Kontaktmöglichkeiten sowie eine Offenlegung der Finanzierung sollten auffindbar sein.

 

Wer im Umgang mit einer Krankheit auf Software vertraut, sollte sich ihrer fachlichen Qualität genau versichern. Dazu gehört zum Beispiel, die angegebenen Quellen zu überprüfen. Fehlerhafte Apps können fatale Folgen haben, wenn sie Patienten etwa vor Wechselwirkungen oder Unterzuckerungen warnen sollen. Ein wesent­liches Qualitätsmerkmal ist, dass die Apps dem Nutzer ihre Grenzen aufzeigen und anzeigen, wann ein Besuch beim Arzt notwendig ist.

 

Wer Gesundheits-Apps herunterlädt, tut das oft mit dem Vorsatz, ab jetzt gesünder zu leben. Auf eine dauerhafte Unterstützung durch die Software sollten die Betroffenen dabei nur bedingt bauen, wie Albrecht weiß: »Der Abnutzungseffekt von Apps ist recht hoch. Die meisten Anwender kennen aus eigener Erfahrung, dass Programme, die eben noch spannend und interessant waren, im nächsten Moment als langweilig und überflüssig empfunden werden können.« Auch die langfristigen Effekte – falls es diese überhaupt gibt – seien noch unklar. »Die Studienlage ist hierzu noch nicht genügend aussagekräftig«, so der Experte.

 

Nutzen mit unbekannter Halbwertszeit

 

Wer sein Leben ändern will, braucht dazu erst einmal einen festen Willen und viel Disziplin. Eine runtergeladene Anwendung allein genügt nicht und kann bald nerven, wenn sie immer wieder an Kalorienmengen, die nächste Trainingseinheit oder Vorsorgeuntersuchung erinnert. »Werden Apps als lästig empfunden, sind sie meist schnell außer Betrieb gesetzt und dann bald vergessen«, bestätigt Albrecht. /



Beitrag erschienen in Ausgabe 28/2014

 

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