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Julius Berendes: Ein Vater der Pharmaziegeschichte

MAGAZIN

 
Julius Berendes

Ein Vater der Pharmaziegeschichte


Von Maximilian Haars und Christoph Friedrich / Am 6. Juli vor 100 Jahren verstarb der Apotheker und Pharmaziehistoriker Julius Berendes (1837 bis 1914). Als Übersetzer des Dioskurides ist sein Name heute noch jedem bekannt, der sich mit Arzneimittel­geschichte und speziell mit dem Arzneischatz der Antike befasst.

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Julius Dominicus Berendes wurde als Sohn eines Lehrers und Küsters am 23. März 1837 in Paderborn geboren. Nach der Reifeprüfung begann er bei seinem Bruder die Apothekerlehre und beendete diese in Belecke/Warstein. Anschließend arbeitete er als Gehilfe in Paderborn und Gelsenkirchen und studierte danach in Innsbruck Philosophie, Geschichte und Archäologie. Vermutlich weil »seinem Vater der finanzielle Atem ausging»(1), musste er dieses jedoch nach zwei Semestern beenden und leistete seinen einjährigen freiwilligen Dienst als Militärapotheker in Münster. Anschließend begann er das Studium der Pharmazie in Bonn. Dort bestand er 1864 das Staatsexamen.




Links ein Porträt von Julius Berendes, oben die Inschrift an seinem Wohnhaus in der Breiten Straße in Goslar: »Mit Fleiß und Kraft man vieles schafft«.

Fotos: Institut für Geschichte der Pharmazie Marburg.



Promotion über ein seltenes Mineral

 

Bereits am 29. März hatte er sich an den Dekan der Philosophischen Fakultät, Leopold Heinrich Fischer (1817 bis 1886), der Universität Freiburg/Breisgau gewandt, ihn mit seiner in lateinischer Sprache abgefassten Dissertation »De Dufrénoysite vallis Binnensis« zu promovieren. Als Gründe dafür gab er an, »um mir in einiger Weise eine Stellung im Leben dadurch zu sichern, und um für den Fall, daß sich die pharmazeutischen Verhältnisse in Preußen zu meinen Ungunsten ändern sollten, mich leichter einem anderen Wirkungskreise zuwenden zu können.« Eine Promotion in Bonn hätte im Unterschied zu Freiburg noch weitere Studiensemester erfordert, für die ihm die Mittel fehlten. Berendes bat, ihm die mündliche Prüfung zu erlassen. Das Gutachten, das der Dekan, als Vertreter der Mineralogie(2), selbst abfasste, war zwar kritisch, aber dennoch positiv: »Was nun den Werth der Arbeit betrifft, so ist die Einleitung eine gut ausgeführte Darstellung der etwas verwickelten Verhältnisse, enthält aber nur bekanntes, die crystallographischen Angaben sind, wie Verf. selbst angibt, ihm wie die Zeichnung, von Prof. von Rat [!], mitgetheilt; ganz eigene Arbeit ist also eigentlich nur die unter der Leitung des Professor von Landoldt [!] ausgeführte neue Analyse und die Vergleichung mit den verwandten Spezies. Um über den Umfang der mineralisch-chemischen Kenntnisse des Verf. Gewißheit zu erlangen, würde fast ein mündliches Examen erforderlich sein.«(3) In seiner Arbeit, die er den beiden akademischen Lehrern in Bonn, dem Geologen Gerhard vom Rath (1830 bis 1888) und dem Chemiker Hans Heinrich Landolt (1831 bis 1910), widmete, untersuchte Berendes die Kristallform und chemische Zusammensetzung eines seltenen, erstmals in der Schweiz gefundenen, Minerals, dem Dufrénoysit (Pb2As2S5).

 

Apothekenbesitzer und Privatgelehrter



1865 erwarb er gemeinsam mit seinem Bruder die Apotheke in Ahaus, deren Leitung er bald allein übernahm. 1877 kaufte Berendes die zuvor neu konzessionierte Offizin in Hameln, musste diese aber aufgrund unglücklicher Umstände und des frühen Todes seiner Frau bald wieder veräußern. 1883 ging er nach Goslar und pachtete von der Witwe des 1882 verstorbenen Apothekers Louis Deger die Rats-Apotheke zunächst für zehn Jahre.(4) Dieses »sehr vernachlässigte Geschäft« nahm seine »Thätigkeit so sehr in Anspruch»(5), dass er für pharmaziehistorische Studien nur noch wenig Zeit fand. Als gemäß des Runderlasses vom 21. September 1886 die Verpachtung von Apotheken in Preußen nicht mehr zulässig war(6), wurde der Kontrakt im März 1887 aufgelöst(7) und Berendes zog sich aus der pharmazeutischen Praxis zurück. Er blieb jedoch in der alten Kaiserstadt Goslar, wo er – abseits der gelehrten Welt – eine rege schriftstellerische Tätigkeit entfaltete, die 1900 mit der Verleihung des Professorentitels durch den Kaiser ihre Anerkennung fand. 1914 erhielt er anlässlich seines 50-jährigen Doktorjubiläums den Roten Adlerorden IV. Klasse. Nach längerer Krankheit verstarb Berendes am 6. Juli 1914 in Goslar(8).

 

Wissenschaftliches Werk

 

Im Mittelpunkt der Arbeiten von Berendes stand zwar die Pharmazie in der Antike, das Werk umfasst aber auch Aufsätze zu »Sertürner und die Entdeckung des Morphins« bis zur Entwicklung des Medizinalwesens in Japan, die im »Archiv der Pharmazie«, der »Pharmazeutischen Zeitung«, der »Pharmazeutischen Post« und der »Apotheker-Zeitung« publiziert wurden.

 

1891 erschien seine erste pharmaziegeschichtliche Monographie, die »Pharmazie bei den alten Kulturvölkern».(9) In zwei Bänden präsentierte er die Früchte seiner althistorischen Studien und lieferte damit ein Handbuch, das auch heute noch – in Ermangelung vergleichbarer Monographien – als Standardwerk gelten kann.(10) Dem Untertitel »Historisch-Kritische Studien« wird das Buch zwar kaum gerecht, da Berendes schon zu seiner Zeit veraltete Editionen benutzte. Dennoch fielen die Rezensionen positiv aus und lobten vor allem das »sorgfältige, gründliche Quellenstudium».(11)




Titelblatt der Dioskurides-Übersetzung von Julius Berendes

Kurze Zeit darauf trat Berendes auch als Lehrbuchautor hervor. »Der angehende Apotheker. Lehrbuch der pharmazeutischen Hilfswissenschaften zum Gebrauch für den Unterricht der Eleven« (1893) sollte dem Apothekergehilfen sämtliche Gebiete der Pharmazie schon vor dem Studium vermitteln. Bis 1903 folgten drei Auflagen, die dem rasanten Fortschritt in den Naturwissenschaften während der Jahrhundertwende Rechnung trugen. Von Hermann Schelenz (1848 bis 1922) und vielen anderen hoch gelobt, stießen sich nur einige Rezensenten an dem »undeutschen Worte Eleve«.(12)

 

Von der in zehn Lieferungen groß angelegten »Geschichte der Pharmazie«, die unter »Mitwirkung angesehener Historiker und Fachgenossen«, da-runter Hermann Schelenz und August Husemann (1833 bis 1877), von Berendes herausgegeben werden sollte, erschien wegen Unstimmigkeiten 1898 nur der erste Band, der die Pharmazie der Ägypter und Israeliten behandelt.(13) Schelenz veröffentlichte eine eigene »Geschichte der Pharmazie« 1904 und Berendes dazu in Konkurrenz 1907 »Das Apothekenwesen. Seine Entstehung und geschichtliche Entwicklung bis zum XX. Jahrhundert«.

 

Besonders als Übersetzer antiker und mittelalterlicher Werke ist Berendes heute noch bekannt. Neben Hildegard von Bingens (1098 bis 1179) »Physica« und dem »Hortulus« des Walahfried Strabo (um 808 bis 849) übertrug er die Arzneimittellehre des Dioskurides (1. Jh. n. Chr.) und die medizinische Enzyklopädie des Paulos von Aigina (7. Jh. n. Chr.) ins Deutsche. Obwohl kurze Zeit später mit den kritischen Editionen von Wellmann und Heiberg ein besserer griechischer Text eingerichtet wurde und die Berendes'schen Übersetzungen damit auf einer veralteten Textgrundlage fußen, sind sie dennoch wegen ihres für den Pharmaziehistoriker wertvollen Kommentars unentbehrlich.

 

Mit seinem letzten Aufsatz, in dem er die 600-jährige Geschichte der Rats-Apotheke schildert, setzte der »Goslarer Apotheker mit Professorentitel«(14) seiner früheren Wirkungsstätte ein versöhnliches Denkmal. /


Literatur

  1. Urdang, G., Drei berühmte niedersächsisch-westfälische Apotheker: Peters, Berendes und Sertürner. Vortrag gehalten am 17. Dezember 1927 in der Ortsgruppe Hannover der Deutschen Pharmazeutischen Gesellschaft, in: Pharm. Ztg. 73 (1928), S. 213.
  2. Tröder, E., Zur Geschichte des mineralogischen Unterrichts in Freiburg. i. Br., in: Zentgraf, E. (Hrsg.), Aus der Geschichte der Naturwissenschaften an der Universität Freiburg i. Br., Freiburg i. Br. 1957, S. 99 f.
  3. Universitätsarchiv Freiburg Promotionsakte J. Berendes B 38/637, Gutachten des Dekans Fischer vom 2.4.1864.
  4. Stadtarchiv Goslar CR / $3$/201/59, fol. 11. Die Administration der Apotheke des verstorbenen Apothekers Louis Deger hierselbst (am Markt), 1882. Dagegen schreibt Rudolf Schmitz irrtümlich, dass er die Hirsch-Apotheke pachtete, vgl. ders., Vorwort in Berendes, J., Das Apothekenwesen. Seine Entstehung und geschichtliche Entwicklung bis zum 20. Jahrhundert. Stuttgart 1907, S. VI.
  5. Müller-Jahncke, W.-D., Aus Hermann Peters› Briefwechsel, in: Pharm. Ztg. 131 (1986), S. 2314.
  6. Vgl. Berendes, J., Das Apothekenwesen. Seine Entstehung und geschichtliche Entwicklung bis zum 20. Jahrhundert. Stuttgart 1907, S. 301.
  7. Wie Anm. 4, fol. 19.
  8. Biografische Notizen finden sich bei Müller-Jahncke, W.-D., wie Anm. 5, S. 2313–2318; Salzmann, H., Julius Berendes, in: Apotheker-Zeitung 22 (1907), S. 225–226; Urdang, G., wie Anm. 1, S. 211–215; N.N. Nachruf in Apotheker-Zeitung 29 (1914), S. 626; Ziegenspeck, H., Berendes, Julius Dominikus, in: Neue Deutsche Biographie, Bd. 2 (1955), S. 69; Lichte, K., Deutschsprachige Pharmaziegeschichtsschreibung, Diss. Marburg 1992, S. 70–82, sowie Schelenz, H., Geschichte der Pharmazie. Berlin 1904; Nachdruck Hildesheim 1962, S. 697.
  9. Berendes, J., Die Pharmazie bei den alten Kulturvölkern. Historisch-kritische Studien. 2 Bde. Halle/Saale 1891. Einige Kapitel waren zwischen 1886 und 1889 schon im »Archiv der Pharmazie« veröffentlicht worden.
  10. Schulze, C., Die pharmazeutische Fachliteratur in der Antike, 3. Aufl. Göttingen 2007 (Beihefte zum Göttinger Forum für Altertumswissenschaft), S. 123.
  11. Rez. von E. H. in: Pharmazeutische Post 24 (1891), S. 738–740.
  12. Vgl. Pharm. Ztg. 49 (1904), S. 62.
  13. Berendes, J. (Hrsg.), Geschichte der Pharmazie. Unter Mitwirkung angesehener Historiker und Fachgenossen. Bd. 1. Leipzig 1898.
  14. Wie Anm. 5, S. 2318.


Verfasser

Maximilian Haars 

Professor Dr. Christoph Friedrich

Institut für Geschichte der Pharmazie,

Roter Graben 10, 35032 Marburg

E-Mail: ch.friedrich(at)staff.uni-marburg.de



Beitrag erschienen in Ausgabe 27/2014

 

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