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Cartoneros: Mit dem Rücken zum Abgrund

MAGAZIN

 
Cartoneros

Mit dem Rücken zum Abgrund


Von Carina Vetye-Maler / Pablito gehört zur dritten Generation der Arbeitslosen, die vom Müll leben. Obwohl erst zehn Jahre alt, hilft er seinem Vater, Pappe, Glas und Plastik aus dem Hausmüll zu holen. Müllbeutel der privaten Haushalte auszuwerten ist für viele Argentinier die letzte Möglichkeit, einer ehrlichen Arbeit nachzugehen.

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Pablitos Vater Ezequiel ist 27 Jahre alt. Die Wirtschaftskrise von 2001 hat ihn von der Schulbank auf die Straße gezwungen. Auch er half seinem Vater beim Müllrecyceln. »Wir waren vier Kinder zu Hause. Mein Vater war Fabrikarbeiter, seine Firma hat dicht gemacht, ihm Löhne geschuldet.«, erzählt Ezequiel. »Er bekam keine richtige Arbeit mehr, versuchte es als Straßenverkäufer. Meine Mutter hatte einige Stunden als Putzfrau, aber es reichte nicht. Mein Vater hat sich unheimlich geschämt, aber irgendwann ist er mit einem Handwagen raus, hat mit dem Müll-Verwerten angefangen. Ich habe ihm geholfen. Flaschen, Metall, Kartons aus dem Müll rausgefischt. Ich war nachts bis spät auf der Straße, bin dann im Unterricht eingeschlafen und hab´s irgendwann geschmissen. «

 




Müll auswerten: Davon bestreiten allein in Buenos Aires Zehntausende Menschen ihr Leben.

Fotos: Vetye-Maler


Allein in der Provinz Buenos Aires leben Zehntausende vom Müll. Die sogenannten Cartoneros (von cartón = Pappe) haben harte Jahre hinter sich. »Die Polizei hat uns oft Handwagen und gesammeltes Material weggenommen, mit irgendeiner Ausrede. Meinen Vater haben sie auch eingesperrt«, berichtet Ezequiel. »Aber wir hatten keine Wahl. Wenn Du mit dem Rücken zum Abgrund stehst, gibt´s keinen Schritt zurück. Es war Müll verwerten oder klauen gehen. Auch wenn man uns schikanierte: Wir sind immer wieder raus zum Sammeln, nur so gab es etwas zu essen.«

 

Rezepte, aber keine Arzneimittel

 

Seit 2002 arbeiten die Apotheker ohne Grenzen (AoG) in Armenvierteln rund um die Hauptstadt. Eine Apotheke wurde in einem Gesundheitszentrum im Slum aufgebaut, die Basisarzneimittel sind nun zuverlässig da – immer. Das gab es dort noch nie. Wenn keine Medikamente da sind, kommen die Menschen nicht mehr. Was sollen sie mit einem Rezept, wenn sie die Arzneimittel nicht kaufen können? Sie brauchen nicht nur Zugang zur Diagnose, sondern auch zur Therapie. Cartoneros dürfen nicht krank werden, können sich keine Fehltage leisten.

 

Das Arbeiten mit Müll bringt viele gesundheitliche Probleme mit sich: Schnittverletzungen, Hautkrankheiten, Allergien, Parasitenbefall, Atemwegs­erkrankungen durch Rauch beim Verbrennen der Plastikgehäuse, um an Metallkabel heranzukommen. Außer akuter Probleme gibt es auch viele chronische Patienten: Diabetiker, Asthmatiker, Epileptiker. Sie benötigen nicht nur ab und zu, sondern regelmäßig und über Jahre, ihre Arzneimittel. Als sie merkten, dass sie nun sowohl Arzttermin als auch Arzneimittel bekommen konnten, fingen sie an, regelmäßig bei Arzt und Apotheker vorbeizuschauen. Viele nahmen die Arzneimittel falsch ein. »Das hat mir noch nie jemand so erklärt«, hörten die Apotheker-ohne-Grenzen-Mitarbeiter oft, wenn sie sich mit den Patienten zusammensetzten, um mit ihnen ihre Medikamente durchgehen.

 

Zu wenige Ärzte arbeiten in den Elendsvierteln, Apotheker gibt es überhaupt nicht. AoG finanziert deshalb nicht nur Arzneimittel, sondern auch Arztstunden, damit die Slumbewohner an jedem Wochentag einen Ansprechpartner vorfinden. Zuvor gab es Tage, an denen mit Glück eine Krankenschwester im Health Center war, aber kein Arzt. Und das, obwohl das Gesundheitszentrum für ein Einzugsgebiet von 20 000 bis 30 000 Menschen zuständig ist. Genau weiß niemand, wie viele hier leben.

 

Pharmazeutische Kenntnisse fehlten im Health Center völlig. So ging es zunächst darum, eine Basisapotheke für eines der Gesundheitszentren des Distriktes aufzubauen – gemeinsam mit ehrenamtlichen argentinischen Kolleginnen. Die Arzneimittel, die aus dem öffentlichen Gesundheitssystem kommen, werden immer zuerst genutzt und von AoG ergänzt, wenn sie aufgebraucht sind. Am 10. des Monats ist der Vorrat an Enalapril beispielsweise meistens weg. Die Apotheke benötigt mehr als 6000 Tabletten pro Monat, das öffentliche Gesundheitssystem liefert nur 1500 bis 2500 Tabletten.




Mittlerweile wächst bereits die dritte Generation von Cartoneros heran.

AoG baute weitere Kontakte zu drei Gesundheitszentren auf und begann, auf einer virtuellen Plattform Arzneimittelinformationen für alle zur Verfügung zu stellen. So bekommt man nun von anderen Gesundheitszentren Medikamente, die dort nicht verwendet werden. Der Bereich Arzneimittel für Säuglinge, Kinder und Schwangere konnte mit solchen Spenden und gezielten Käufen ausgebaut werden. Die Arbeit speziell für Kinder wird von der Stiftung Sternstunden unterstützt.

 

Mithilfe der AoG konnten der Stadtverwaltung des Distriktes mit knapp 600 000 Einwohnern Schulungen des Personals der Gesundheitszentren angeboten werden: zu rational drug use, Standardhinweisen oder typischen Fehlern bei der Medikamenteneinnahme oder dem Einsatz von Dosieraerosolen. Es gibt viele Einnahmefehler: Metformin wird oft vor dem Essen, Glibenclamid nach den Mahlzeiten eingenommen. Mit den Asthma-Sprays kommen die meisten nicht klar. So wurden Inhalationshilfen zur Verfügung gestellt und die Patienten geschult. Der Verbrauch von Salbutamol konnte so gesenkt werden. Blutdruckmittel werden nur über einen Monat genommen, weil die Menschen meinen, dass sie dann gesund sind. Die Leute lesen keine Packungsbeilage und können nicht im Internet nachsehen. Man muss geduldig nachfragen, die Patienten erklären lassen, was sie mit ihren Medikamenten machen.

 

Mit Zahnschmerzen kann man nicht lernen

 

Haben Cartoneros einen Kranken in der Familie, gibt es nichts zu essen. Denn Zugang zu Arzt, Krankenschwester, Apotheker inklusive Arzneimittel können einen Gegenwert von 20 bis 30 Prozent des Monatseinkommens haben. Ein funktionierendes Gesundheitszentrum und kostenlose Arzneimittel sind deshalb eine wichtige finanzielle Hilfe und geben diesen Menschen mehr Lebensqualität. Cartoneros arbeiten aber auch selber langsam und zäh an Verbesserungen und haben sich zusammengetan, um höhere Preise für die gesammelten Materialien zu bekommen. Sie organisieren Schuppen, um Glas und Pappe zwischenlagern zu können und erst zu verkaufen, wenn die Preise für sie günstiger sind.

 

Wie der Cartonero Ezequiel haben viele die Schule abbrechen müssen. Wer im Slum wohnt, nur eine Grundschule besucht und noch nie einen richtigen Job gehabt hat, ist chancenlos auf dem Arbeitsmarkt. Aber für ihre Kinder wollen viele etwas Besseres. Deshalb wurden der Stadtverwaltung auch Schulungen bezüglich besserer Ernährung und Zahnhygiene angeboten. Schlechte Ernährung, häufige Zahnschmerzen oder gar -abszesse sind schlecht für die schulische Leistung. Und, egal wie gut die Schulnoten sind: Ohne Schneidezähne wird es keinen sozialversicherten Arbeitsplatz für die Jugendlichen geben. 18-Jährige, denen die Vorderzähne fehlen, sind in den Slums nicht selten. Mit Unterstützung der Stiftung Hilfswerk Deutscher Zahnärzte arbeiten Apotheker ohne Grenzen derzeit in vier Kindergärten und einer Grundschule in Sachen Zahnhygiene. Als man diese Aktivität im Jahr 2008 startete, kannten die meisten Kinder keine Zahnbürste. Das hat sich mittlerweile geändert. Mit einer Cartonero-Kooperative wurde 2013 gezielt ein Zahnhygieneprojekt gestartet. »Das hat mir nie jemand gezeigt«, stellte ein junger Cartonero fest. Er ist Vater von fünf Kindern, die lernen sollen, auf ihre Zähne aufzupassen.

 

Für die Helfer gibt es häufig mehr Probleme als Lösungen, manchmal hat man das Gefühl, in einem zähen Brei zu rudern und nicht vorwärtszukommen. Aber die Menschen in den Elendsvierteln, und vor allem die Cartoneros, müssen genau das aushalten und haben keine Wahl. Müllrecycler können sich ihre Arbeit nicht aussuchen. Wenn sie trotz des harten Alltags und einer düsteren Zukunft immer wieder rausgehen, am Ende des Tages 150 und auch mehr Kilogramm hinter sich herziehen, Dreck, Hitze, Kälte oder Nässe ausgesetzt sind und nicht aufgeben, dann sind die Probleme, die man selber zu bewältigen hat, nicht mehr so schlimm. Wenn AoG diese Arbeit aufgeben würde, wäre für diese Menschen mehr als nur ein Lichtblick weg. /


AoG Deutschland

Spendenkonto: 0005077591

Dt. Apotheker- und Ärztebank

BLZ: 30060601, Stichwort: »Argentinien«

IBAN: DE88300606010005077591

BIC: DAAEDEDDXXX



Beitrag erschienen in Ausgabe 26/2014

 

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