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Biobanken: Verborgene Schätze für die Forschung

TITEL

 
Biobanken

Verborgene Schätze für die Forschung


Von Hannelore Gießen / Blut, Speichel, Gewebe: Gespeichertes Körpermaterial, kombiniert mit biografischen Daten, birgt Schätze für eine systematische Erforschung von Krankheiten. Sind erst die Gene bekannt, die am Entstehen der großen Krankheiten beteiligt sind, so können diese – hoffentlich – gezielter behandelt werden als bisher.

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Island machte den Anfang. Hatte das kleine Land doch besondere Chancen, im Erbgut Hinweise für eine Krankheitsdisposition zu finden. Pocken, Pest und Insellage haben zusammen mit dramatischen Vulkanausbrüchen dazu geführt, dass sich die heutige Bevölkerung auf eine begrenzte Zahl von Familien zurückführen lässt. Isländer ähneln sich somit genetisch mehr als andere Völker.




Auch ihr Erbgut wird in Biobanken aufbewahrt: Islandpferde in ihrer Heimat

Foto: Fotolia/Elisa Locci



Bereits 1999 startete die Icelandic Genealogic Database als Projekt der ­isländischen Regierung und sammelte Proben von etwa 80 000 Freiwilligen. Später erwarb die isländische Biotechnologie-Firma deCODE Genetics die Datenbank und nutzt sie seitdem kommerziell, um Krankheiten auf die Spur zu kommen.

 

Island stützt seine Datenbank auf DNA-Proben, andere Länder oder Institutionen speichern Blut- oder Gewebeproben. Das Besondere ist, dass das biologische Material immer mit soziodemografischen Informationen wie Alter, Geschlecht, aber auch Beruf oder Wohnortgröße verknüpft wird. Alle diese Datenbanken werden unter dem Begriff »Biobanken« zusammengefasst. Neben der Art des gespeicherten Materials differenziert man Biobanken weiter in populationsbasierte und krankheitsspezifische.

 

Auch in der Veterinärmedizin werden Zell- und Gewebebanken aufgebaut, vor allem mit dem Ziel, Tierseuchen auf die Spur zu kommen. In Island gibt es auch DNA-Banken von den inseltypischen Pferden.

 

Langfristige Ziele

 

In populationsbasierten Humanbiobanken werden Proben von gesunden Personen gesammelt. Große Forschungseinrichtungen, zum Beispiel die Helmholtz Gemeinschaft, legen sie meist an, um Populationsstudien in der Grundlagenforschung zu initiieren.

 

Dagegen sammeln zahlreiche Kliniken das Material von Patienten in krankheitsspezifischen Biobanken. So können Wissenschaftler verschiedene Patienten in Bezug auf ihre Erkrankung und deren Verlauf vergleichen, aber auch mit Blick auf ihre genetische Ausstattung sowie den Einfluss von Umweltfaktoren. So soll eine Basis für eine krankheitsbezogene Genomforschung geschaffen werden. Ziel ist es, neue therapeutische ­Ansätze oder gezielte Methoden zur Prävention zu entwickeln (siehe Kasten).

 

Die Forschung mit Biobanken ist langfristig angelegt. Dabei ist zum Zeitpunkt, zu dem eine Biobank aufgebaut wird, meist noch offen, für welche Fragestellungen und welche künftigen Forschungsvorhaben sie genutzt werden wird. Vielleicht werden genetische Erkrankungen damit erforscht, die ­heute noch gar nicht bekannt sind. Vielleicht entdecken Wissenschaftler Zusammenhänge zwischen Umweltfaktoren und Krankheiten, an die heute noch keiner denkt (1).


Ziele von Biobanken

  • Krankheiten sollen mithilfe von Biomarkern früher erkannt werden. So weist beispielsweise ein erhöhter Wert des Proteins »Brain Natriuretic Peptide (BNP)« auf eine Schädigung des Herzens hin.
  • Die Entwicklung neuer Diagnostika kann zu einer gezielteren Behandlung führen. Aufgrund der Entdeckung des epidermalen Wachstumsfaktorrezeptor HER2/neu auf der Oberfläche von Tumorzellen des Mammakarzinoms wurde beispielsweise der monoklonale Antikörper Trastuzumab entwickelt.
  • Die Kompetenznetze Pädiatrische Onkologie und Hämatologie, Demenzen, Herzinsuffizienz, Sepsis, Parkinson sowie HIV/Aids erforschen mithilfe von Biobanken die molekularen Wurzeln dieser Erkrankungen.
  • Wie Gene und Umweltfaktoren bei der Entwicklung und Prognose interagieren, wird intensiv bei großen Volkskrankheiten wie Diabetes mellitus und Herz-Kreislauf-Erkrankungen untersucht.
  • Pharmazeutische Unternehmen nutzen Biobanken, um neue Zielstrukturen für die Arzneistoffentwicklung zu finden.


Datenfundgruben

 

Biobanken sind für Forscher eine gute Möglichkeit, Krankheitsursachen systematisch und im Großmaßstab auf den Grund zu gehen. Schließlich werden in der Regel mehrere Tausend erkrankte Patienten benötigt, um repräsentative Aussagen gewinnen zu können.




Gene plus sozio­- demografische Daten: eine Fundgrube für Wissenschaftler

Foto: Fotolia/SSilver


Die besondere Chance von Biobanken liegt darin, biologische Proben mit medizinisch relevanten Daten wie Laborparametern oder klinischen Befunden, aber auch Lebensstilfaktoren wie Ernährung oder Rauchen zu verknüpfen. Erst diese Vernetzung ermöglicht eine gezielte Fahndung nach verräterischen Mustern – sei es in Genen oder Eiweißen oder Stoffwechselprodukten. Aus dem Vergleich von Proben gesunder und kranker Personen sieben Bio­informatiker Muster von Biomarkern heraus, die mit klinischen Endpunkten korrelieren. So können sie aufdecken, wie Gene mit Umweltfaktoren interagieren. Dies kann sowohl bei der Entwicklung und Prognose häufiger Erkrankungen nützlich sein als auch bei der unterschiedlichen Metabolisierung von Arzneistoffen (2).

 

Weltweite Aktivitäten

 

Die Suche nach solchen Biomarkern ist derzeit auf der ganzen Welt im Gang – vor allem für weitverbreitete Krank­heiten wie Krebs, Diabetes oder Herz-Kreislauf-Krankheiten. Zahlreiche Biobanken sind im Aufbau, die teils als Beitrag zur Grundlagenforschung mit öffentlichen Geldern finanziert, teils kommerziell betrieben werden.

 

In Großbritannien initiierten das britische Gesundheitsministerium, die Forschungsorganisation Medical Research Council sowie die gemeinnützige Stiftung Wellcome Trust eine riesige populationsbasierte Biobank. Von 2006 bis 2010 wurden Proben von 500 000 Bürgern im Alter zwischen 40 und 69 Jahren gesammelt. Die Probanden wurden umfassend untersucht und beantworteten Fragen zu ihrer Familien- und Krankheitsgeschichte sowie zu ihrem Lebensstil. Verknüpft wurden diese Daten mit Befunden aus Blut, Urin und Speichel. Erkrankt nun im Lauf der Zeit ein Studienteilnehmer, werden seine medizinischen Befunde mit den in der Biobank hinterlegten Informationen verglichen und ausgewertet. So wachsen die Inhalte der britischen Datenbank kontinuierlich an. Da die Biobank öffentlich ist, ist sie Wissenschaftlern, die im öffentlichen Interesse forschen, nach einer Registrierung frei zugänglich.

 

Schweden pflegt ein nationales Biobank-Programm, in dem von fast allen Bürgern – meist wenn sie volljährig werden, manchmal auch schon im Kleinkindalter – Blut und Genmaterial hinterlegt werden. Die Biobank ist öffentlich zugänglich, und Forscher können die Materialien aus der schwedischen Biobank für große, bevölkerungsbezogene Studien nutzen. Und von ­jedem Schweden kommen zu Blut und DNA im Lauf der Jahre medizinische Daten hinzu.

 

Eine ausgefallene Anwendung der Informationen der schwedischen Datenbank zeigt das folgende Beispiel. Nach dem Tsunami 2004 in Thailand ermöglichte eine kurzfristige Sonderregelung die Verwendung von Material aus der Bank, um Opfer der Katastrophe zu identifizieren (3).

 

Biobanken in Deutschland

 

Die zwei größten DNA-Biobanken in Deutschland sind innerhalb des Nationalen Genomforschungsnetzes entstanden. Im süddeutschen Raum ist es KORAgen, im Norden PopGen.




In riesigen Stickstofftanks lagern die Proben von Biobanken wie KORAgen.

Foto: Helmholtz Zentrum München/B.Müller


Die Biobank KORAgen wurde im Rahmen des Programms KORA (Kooperative Gesundheitsforschung in der Region Augsburg) Ende der 1990er-Jahre aufgebaut, mit dem Ziel, nach genetischen Markern für Herz-Kreislauf-Erkrankungen zu suchen. Inzwischen ­umfasst KORAgen das DNA-Material von 18 000 Personen, kombiniert mit phänotypischen Informationen und Daten zu Umwelteinflüssen wie Wohnort oder Beruf (4, 5).

 

Wissenschaftler vom Helmholtz Zentrum München, deren Koopera­tionspartner sowie andere Forschungseinrichtungen nutzen die KORAgen-Biobank vor allem, um genetische ­Ursachen von Herz-Kreislauf-Erkran­kun­gen, Diabetes, Atemwegs­leiden, Allergien und Hauterkrankungen zu ­erforschen. So gelang es, genetische ­Aspekte von Übergewicht besser zu verstehen. In einer Studie stellte sich heraus, dass Personen mit einer bestimmten Genvariante deutlich ­häufiger übergewichtig sind als Personen ohne diese Genvariante (6, 7).

 

In Schleswig-Holstein wurde an der Universität Kiel im Jahr 2003 das Projekt PopGen (Populationsgenetik) initiiert, um DNA-Material von Patienten zwischen 18 und 80 Jahren aus dem nördlichen Teil Schleswig-Holsteins zu sammeln. Die Wissenschaftler setzen genetische Merkmale mit Umwelteinflüssen in Beziehung, um weit verbreiteten Krankheiten wie Herzinfarkt oder Gallensteinen auf die Spur zu kommen. PopGen schließt gesunde und erkrankte Probanden ein und verknüpft somit den populationsbasierten mit dem krankheitsspezifischen Ansatz.


Gerade gestartet: Nationale Kohorte

 

Ähnliche Ziele wie die KORA- oder PopGen-Biobanken, aber auf bundesweiter Ebene, verfolgt das Projekt »Nationale Kohorte«. In diesem Frühjahr startet die Langzeitstudie »Gemeinsam forschen für eine gesündere Zukunft – Die Nationale Kohorte«. Ein Netzwerk deutscher Forschungseinrichtungen möchte durch die langfristig angelegte Beobachtung von rund 200 000 Probanden Erkenntnisse darüber gewinnen, wie genetische Faktoren, Umweltbedingungen, soziales Umfeld und Lebensstil ineinandergreifen.

 

»Wir haben gerade im Raum Augsburg begonnen, per Zufallsstichprobe Personen zwischen 20 und 69 Jahren zu rekrutieren«, berichtet Dr. Jakob Linseisen, Leiter des wissenschaftlichen Projektmanagements der Nationalen Kohorte am Helmholtz Zentrum München, im Gespräch mit der PZ. »Alle Probanden erhalten ein Basisuntersuchungsprogramm. Ein Fünftel der Teilnehmer wird ausführlicher untersucht, sodass wir noch deutlich mehr Parameter gewinnen. Ein Teil dieser Probanden wiederum erhält zudem eine Ganzkörperaufnahme mithilfe von Magnetresonanztomografie (MRT)«, erläuterte der Wissenschaftler.

 

Während in KORAgen und PopGen DNA-Proben gespeichert werden, archiviert die Nationale Kohorte Blutproben, im Augenblick noch in einem Zwischenlager. Ab 2017 sollen zwei Drittel der Blutproben in einer zentralen Bioprobenbank im Raum München gelagert werden.

 

Zunächst werden die Studienteilnehmer in regelmäßigen Abständen zehn Jahre lang untersucht und zu ihrem Lebensstil befragt. Vorgesehen ist es, die Studie bis zu 30 Jahre lang fortzuführen. »Wir sehen einen langen ­Beobachtungszeitraum vor, um immer wieder Informationen zum Gesundheitszustand der Probanden zu erhalten. So können wir rückblickend feststellen, ob es bei später erkrankten Personen Faktoren oder Parameter gab, die deutlich ausgeprägter waren als bei gesunden Vergleichspersonen«, führt Linseisen aus. Im Projekt wird auch der Medikamentenkonsum erfasst. »Sowohl Interaktionsstudien als auch pharmakogenetische Untersuchungen werden Teil des Projektes sein.«

 

Im Fokus der Nationalen Kohorte stehen die großen Volkskrankheiten wie Herz-Kreislauf-Erkrankungen, Krebs, Diabetes, Infektionen sowie neurodegenerative und neuropsychia­trische Erkrankungen. Praktischen Nutzen wird die Datensammlung aber wohl erst künftigen Generationen bringen. »Wir versuchen, eine Grundlage für die epidemiologische Forschung der nächsten Generation zu schaffen. Welche Untersuchungen in Zukunft möglich sein werden, können wir heute noch nicht abschätzen. Vor zehn Jahren war es auch unvorstellbar, wie schnell wir heute ein Genom sequenzieren können«, betont der Epidemiologe.

 

Biobank der Blutspender

 

Auch die 2006 gegründete »Biobank der Blutspender« des Bayerischen Blutspendedienstes (BSD) setzt auf Blut als Ausgangsmaterial. Dort kann nach den Genprodukten gefahndet werden: Proteinen und Stoffwechselprodukten. Dr. Silke Martin, Leiterin der Biobank der Blutspender des BSD, erläutert im Gespräch mit der PZ den Forschungsansatz: »Wir haben im Plasma gute Möglichkeiten, Biomarkerforschung zu betreiben. Die dynamische Veränderung von Molekülen zeigt viel stärker als die DNA an, ob eine Krankheit tatsächlich entsteht und in welchem ­Stadium sie sich befindet.«

 

Den Verlauf von Blutparametern zu beobachten, ist möglich, weil viele Blutspender regelmäßig spenden. So liegen Proben aus verschiedenen Zeiten vor. Erkrankt ein Biobankteilnehmer, können Wissenschaftler in den eingelagerten Plasmaproben nach Biomarkern suchen, die bereits vor der ­Diagnosestellung vielleicht auf den Ausbruch der Krankheit hindeuteten. »Je kürzer der Abstand der Probenentnahme ist, desto eher besteht die Chance, eine Veränderung bei Proteinen oder Stoffwechselprodukten zu entdecken«, erläutert Martin.

 

Die Biobank der Blutspender konzentriert sich auf die Erforschung vieler Volkskrankheiten: Herz-Kreislauf-Erkrankungen, Diabetes, zerebrovaskuläre und vaskuläre Erkrankungen, Tumoren von Haut, Brust, Prostata sowie des Magen-Darm-Trakts, Multiple Sklerose, chronisch-entzündliche Darmerkrankungen, Erkrankungen der Schilddrüse sowie der Atemwege.

 

Insgesamt betreut der BSD in Bayern 400 000 aktive Blutspender, von denen 250 000 innerhalb eines Jahres mehrmals spenden. Im Durchschnitt werden jährlich 2,2 Proben pro Spender abgenommen. Mit rund drei Millionen archivierten Plasmaproben verfügt der BSD über eine der größten Sammlungen weltweit. Zurzeit stehen in der Biobank der Blutspender Proben von etwa 7000 erkrankten und mehr als 63 000 gesunden Blutspendern zur Verfügung, die auch demografisch repräsentativ sind und validiert wurden. Langfristig sollen 100 000 gesunde Spender prospektiv verfolgt werden.

 

Der Blutspendedienst des Bayerischen Roten Kreuzes arbeitet mit anderen wissenschaftlichen Partnern zusammen, sodass die Biobank der Blutspender für zahlreiche wissenschaftliche Studien genutzt wird. Vor Kurzem wurde auch eine Kooperation mit Forschern von Myriad RBM (Austin, Texas) und dem Max-Planck-Institut für ­Biochemie in München vereinbart, um neue Plasma-Biomarker für die Früh­erkennung von Darmkrebs zu identifizieren.

 

Nur mit Zustimmung

 

Grundsätzlich müssen alle Blutspenden bis zu fünf Jahre aufbewahrt werden, um nach einer Transfusion den Weg rückverfolgen zu können. Erkrankt beispielsweise ein Empfänger an einer HIV-Infektion, kann anhand der Rückstellprobe belegt werden, dass das gespendete Blutmaterial nicht die Infek­tionsquelle war. Selbstverständlich lassen sich die archivierten Rückstellproben der Blutspender nicht einfach für die biomedizinische Forschung nutzen, da der Spender der Speicherung meist zweckgebunden zugestimmt hat. Für Forschungsvorhaben wird die Einwilligung des Spenders speziell eingeholt. Etwa 70 Prozent der Befragten stimmen zu (8, 9).

 

Im Gegenzug für die Blutspende vermittelt die Biobank den Spendern kostenlose Screenings. 10 000 Personen konnten ihren Stuhl mithilfe eines molekularen Tests auf Blut untersuchen lassen.

 

Mit 60 000 Teilnehmern war ein Screening auf Diabetes eine der größten Aktionen. In Kombination mit einem Fragebogen wurde der HbA1c-Wert ausgewählter Spender bestimmt und das Risiko der Probanden abgeschätzt, an Diabetes zu erkranken. Risikopatienten konnten zusätzlich einen oralen Glukosetoleranztest machen. »So wurden immerhin 67 Diabetiker ermittelt, die bis zu diesem Zeitpunkt nichts von ihrer Erkrankung wussten«, berichtete Martin.

 

Neue Erkenntnisse aus Biobanken

 

In krankheitsspezifischen Biobanken werden Biomaterialien und Daten von Patienten mit bestimmten Erkrankungen gesammelt. Ziel ist ebenfalls, die Ursachen und Krankheitsmechanismen besser zu verstehen, die Diagnostik zu verbessern und neue Therapien zu entwickeln.




Mit spezieller Einwilligung der Spender wird ihr Blut in die Biobank der Blutspender aufgenommen.

Foto: DRK Blutspendedienste


Solche krankheitsbezogenen Biobanken wurden in den letzten Jahren vor allem innerhalb der vom Bundesministerium für Bildung und Forschung (BMBF) geförderten Kompetenznetze der Medizin aufgebaut. 2008 wurde beispielsweise an den Asklepios Fachkliniken in München-Gauting die »As­klepios-Biobank für Lungenerkrankungen« gegründet.

 

Das Beispiel Lungentumoren zeigt, wie Gewebeproben aus Biomaterialbanken die Kenntnis der Pathomechanismen einer Erkrankung und die Entwicklung eines Medikaments vorantreiben können. 10 bis 15 Prozent der Patienten mit einem nicht-kleinzelligen Bronchialkarzinom weisen eine Muta­tion auf, die zu einer Veränderung des Rezeptors für den epidermalen Wachstumsfaktor EGF führt. Über diesen Rezeptor wird das Wachstum von Krebszellen angeregt. Die Tyrosinkinase-Inhibitoren Erlotinib, Gefitinib und Afatinib blockieren den überaktiven EGF-Rezeptor und können so das Tumorwachstum stoppen.

 

Die Forschung in Biobanken hat auch dazu beigetragen, etliche Tumormarker zu identifizieren, von denen sich jedoch nur einige für die klinische Routine eignen. Das Alpha-1-Fetoprotein wird beispielsweise eingesetzt, um beim Leberzellkarzinom den Verlauf der Erkrankung zu kontrollieren.

 

Kooperation und Vernetzung

 

Um die Forschung an Biomaterialien zu fördern und zu vernetzen, entwickelt die Technologie- und Methodenplattform für die vernetzte medizinische Forschung e. V. (TMF) in Berlin im Auftrag des BMBF das Deutsche Biobankenregister. Wissenschaftler finden in dieser Übersicht die in Deutschland ­bestehenden Biobanken mit ihrem krankheitsspezifischen Schwerpunkt. Bei Forschungsinteresse können sie sich an die TMF wenden.

 

»Wir haben kürzlich eine Koopera­tion mit der Interdisziplinären Biomaterial- und Datenbank Würzburg (ibdw) begonnen«, berichtet die Leiterin der Biobank der Blutspender, Martin. Da im Raum Würzburg besonders viele Menschen Blut spenden, ist die Wahrscheinlichkeit hoch, unter den Patienten des Universitätsklinikums auch Blutspender zu finden, deren Plasma früher schon in der Biobank der Blutspender archiviert wurde. Damit könnten erstmals genetische Daten aus der Zeit vor mit denen nach Erkrankungsbeginn zusammengeführt werden. »In diesem vom TMF geförderten Pilotprojekt entwickeln wir Standards für eine juristische und datenschutzrechtliche Regelung für solche Kooperationen von Biobanken«, führt Martin weiter aus.

 

Schwierige Schatzsuche

 

Viele schwere Erkrankungen wie Krebs oder chronische Lungenleiden lassen sich trotz intensiver wissenschaftlicher Bemühungen oft erst (zu) spät diagnostizieren. Die Hoffnung ruht nun auf der Erforschung der genetischen Wurzeln einer Krankheit – oftmals eine Suche nach der Stecknadel im Heuhaufen.

 

Mitunter scheint es, als sei in Biobanken ein Schatz in Splittern vergraben. Die Isländer waren bei ihrer Suche in den ersten Jahren auf ein Gen gestoßen, das gehäuft in Familien mit Schizophrenie vorkam (15). Auch Gene, die mit Herz-Kreislauf-Erkrankungen korrelieren, gerieten ins Raster der isländischen Wissenschaftler. Doch die Auswertung der Funde und die Suche nach Korrelationen zwischen genetischen Wurzeln und Erkrankung gestalten sich zunehmend schwieriger.

 

»Die größte Herausforderung besteht darin, dass wir die generierten Daten noch nicht befriedigend analysieren können«, fasst Martin die Limi­tationen der Biobank-basierten Forschung zusammen. »Wir sehen ein ganzes Panel an Biomarkern, die sich im Lauf einer Erkrankung entwickeln, und wissen nicht, ob sie sich aufgrund einer Erkrankung verändern oder ob ­ihnen natürliche Vorgänge zugrunde liegen, beispielsweise Alterungspro­zesse.«

 

Nach heutigem Ermessen werden Biobanken keine Revolution in Dia­gnostik oder Therapie bringen, sondern vielmehr einen Weg der kleinen Schritte eröffnen. /


Schutz der Personenrechte

In Biobanken werden biologische Proben – meistens Blutproben, aber auch Gewebe- und Urinproben – gelagert und die dazu gehörigen demografischen und medizinischen Daten des Probenspenders in pseudonymisierter Form gespeichert.

 

Weder Untersuchungsbefunde noch Informationen über die Lebensumstände dürfen in die Hände unbefugter Dritter oder in die Öffentlichkeit gelangen. Um die Daten entsprechend zu schützen, hat der Nationale Ethikrat 2010 ein Konzept vorgestellt, das ein spezielles Biobankgeheimnis empfiehlt. Zwar wird das Konzept noch diskutiert, doch richten sich viele Biobanken heute schon nach dieser Empfehlung.

 

Einer der Kernpunkte: Proben und Daten dürfen ausschließlich für medizinisch-wissenschaftliche Forschungsprojekte verwendet werden. Zudem müssen der verantwortliche Datenschutzbeauftragte und die an den einzelnen Kliniken ansässigen medizinischen Ethikkommissionen der Arbeit und den Projekten »ihrer« Biobank zustimmen (10, 11, 12, 13). Insgesamt will der Ethikrat einerseits einen Rechtsrahmen für die Interessen und Persönlichkeitsrechte der Spender und an­dererseits mehr Rechtssicherheit für die Biobankforschung schaffen (14). Wie das in der Praxis abläuft, erklärt Dr. Silke Martin, Leiterin der Biobank der Blutspender: »Sind wir an einem neuen Projekt beteiligt, prüft es zunächst die Ethikkommission der Bayerischen Landesärztekammer. Da wir selbst keine Forschung betreiben, sondern nur unsere Infrastruktur zur Verfügung stellen, muss der Studienleiter oder die entsprechende Organisation, zum Beispiel eine Universität, ebenfalls bei ihrer zuständigen Ethikkommission ein Votum einholen.«

 

Unter Pseudonym

 

Bei der Pseudonymisierung werden alle direkten persönlichen Daten des Probenspenders wie Name, Geburtsdatum und Adresse gegen einen Code ausgetauscht. Dagegen werden bei der Anonymisierung sämtliche Zusammenhänge zwischen Material und persönlichen Daten vollständig gelöscht. Eine Anonymisierung schützt zwar die Persönlichkeitsrechte besser als eine Pseudonymisierung. Der Einzelne verliert jedoch jegliche Kontrolle über den Einsatz des Materials oder der Daten. Meist wird deshalb die Pseudonymisierung angewandt.

 

Aufgrund der wachsenden Komplexität und Anzahl der Biobanken rücken Fragen der Daten­sicherung und des Datenschutzes zu­nehmend in den Fokus der Überwachungs- behörden. Neue Trends in der Biobankenforschung, zu denen die zunehmende Vernetzung und Internationalisierung sowie die Privatisierung und Kommerzialisierung zählen, stellen rechtliche und ethische Herausforderungen dar, die noch nicht vollständig gelöst sind.


Literatur

 

  1. Revermann, C., Sauter, A., Biobanken für die humanmedizinische Forschung und Anwendung. Büro für Technikfolgenabschätzung beim Dt. Bundestag, Arbeitsbericht 112 (2006).
  2. Rapp, St., et al., Biobanking – Biomarker-Forschung als einzigartige Ressource. Laborwelt 4 (2006) 28-31.
  3. Wichmann, H. E., Gieger, C., Biobanks with and without population reference. Bundesgesundheitsblatt Gesundheitsforschung Gesundheitsschutz (2007) 50 (2) 192-199.
  4. Wichmann, H. E., Gieger, C., Illig, T., for the MONICA/KORA Study Group: KORA-gen – Resource for Population Genetics, Controls and a Broad Spectrum of Disease Pheno­types. Gesundheitswesen (2007) 67 (S 01) 26-30.
  5. Wichmann, H. E., Gieger, C., Illig, T., KORA-gen: Ressource für Populationsgenetik, Kontrollen und ein weites Spektrum an Krankheitsphänotypen. GenomXPress 3 (2005) 19-21.
  6. Wichmann, H. E., Genetic epidemiology in Germany – from biobanking to genetic ­statistics. Methods Inf. Med. 44 (4) (2005) 584-589.
  7. Gieger, C., Wichmann, H. E., Biobanks in Genetic-epidemiological Research such as ­KORA-gen. it–Information Technology 49 (6) (2007) 381-387.
  8. Müller, M., et al., Die BSD Gesundheitsstudie: eine Pilotstudie. Gesundheitswesen 71 (2009) 481-488.
  9. Zoglmeier, C., et al., Letters to the Editor: The Bavarian Red Cross Blood Donor BioBank: the first successful combination of blood donation and biobanking for medical research. Transfusion 51 (5) (2011) 1121-1122.
  10. Beier, K., et al., The Ethical and Legal Regulation of Human Tissue and Biobank Research in Europe. Proceedings of the Tiss.EU Project. Universitätsverlag Göttingen 2011.
  11. Beier, K., Schnorrer, S., Ethical and Legal Aspects of Human Tissue and Biobank Research in Europe: Report of the Tiss.EU ­Project and its Results. SCRIPTed 8, 1 (2011) 99-105.
  12. Budimir, D., et al., Ethical aspects of human biobanks: a systematic review. Croat. Med. J. 52, 3 (2011) 262-279.
  13. Mitchell, R., Blood banks, biobanks, and the ethics of donation. Transfusion 50, 9 (2010) 1866-1869.
  14. Stellungnahme des Deutschen Ethikrats: Humanbiobanken für die Forschung. Deutscher Ethikrat, Berlin 2010; ISBN 978-3-941957-05-3.
  15. Stefansson, Hr., et al., Neuregulin 1 and Sus­ceptibility to Schizophrenia. Am. J. Human Genetics 71, 4 (2002) 877-892.


Die Autorin

Hannelore Gießen studierte Pharmazie an der Universität Karlsruhe. Nach mehrjähriger Tätigkeit in verschiedenen öffentlichen Apotheken und einer journalistischen Ausbildung ist sie seit 1990 freiberuflich als Fachjournalistin tätig und bearbeitet medizinische, pharmazeutische und biotechnologische Themen für verschiedene Fachzeitschriften. Gießen hat sich zur Apothekerin für Allgemeinpharmazie weitergebildet und hat 2013 den Studiengang Consumer Health Care an der Charité-Universitätsmedizin Berlin absolviert. In ihrer Masterarbeit befasste sie sich mit ethischen Aspekten der Bewertung und Kommunikation von Arzneimittelrisiken.

 

Hannelore Gießen M. Sc., Gotenstraße 9, 85551 Kirchheim, E-Mail: hannelore.giessen(at)t-online.de

 




Beitrag erschienen in Ausgabe 25/2014

 

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