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Krebs in der Pubertät: Stopp bei voller Fahrt

MAGAZIN

 
Krebs in der Pubertät

Stopp bei voller Fahrt


Von Daniela Biermann / Nino Rauch ist mitten in der Pubertät, als er die Diagnose Krebs bekommt. Gerade kämpft er um seine Unabhängigkeit, nun gegen den Krebs, eingesperrt mit seiner Mutter in einem Krankenzimmer. 13 Jahre später hat er ein Buch über diese schwere Zeit geschrieben, um ­betroffenen Teenagern Mut zumachen, aber auch, um Eltern und Ärzte im Umgang mit jugendlichen Krebspatienten zu sensibilisieren.


Nino Rauch ist 14 Jahre, als Ärzte bei ihm einen mandarinengroßen Tumor im Kopf finden, eine besonders bösartige Form von Lymphdrüsenkrebs. Nino ist bereits zu Hause ausgezogen und besucht ein Sportinternat. Der junge Österreicher ist auf dem besten Wege, Profifußballer zu werden. Doch nun muss er beobachten, wie ihm sein Körper unter extrem aggressiver Chemotherapie immer mehr den Dienst versagt.




Foto: Edition a


Mehrere Male steht Nino kurz vor der Resignation, doch sein Überlebenswillen ist stärker. »Meine Heilung wird zur Meisterschaft«, schreibt er 13 Jahre später in seinem jetzt erschienenen Buch »Leben ohne Ende – Wie ich als Kind den Krebs bezwang«. Darin schildert er eindringlich, wie er die intensivsten drei Monate seines Lebens durchgestanden hat.

 

Der Jugendliche fühlt sich hilflos und ausgeliefert, begehrt gegen die Ärzte und seine Mutter auf, obwohl er weiß, wie abhängig er von ihnen ist. Das macht ihn noch wütender. Er wird aggressiv, schwankt zwischen Hass und Schuldgefühlen. Er will kein Mitleid, keine Hilfe, keinen Kontakt zu den anderen auf der Station. Die Klinikpsychologin jagt er aus dem Zimmer, seine Mutter beschimpft er.

 

Nicht als Kinder behandeln

 

Wie kommt man an solche Jugendlichen heran? »Mit Verständnis, Konsequenz und möglichst auf Augenhöhe«, rät Professor Dr. Uta Dirksen von der Kinderonkologie der Universitätsklinik Münster. Sie ist spezialisiert auf Krebserkrankungen im Jugendalter. »Im Gegensatz zu jüngeren Kindern fällt es Jugendlichen und jungen Erwachsenen schwerer, ihre Krankheit anzuerkennen«, erklärt Dirksen im Gespräch mit der Pharmazeutischen Zeitung. Die Jugendlichen fühlen sich einerseits unbesiegbar, nabeln sich gerade vom Elternhaus ab und sind andererseits enorm auf den gleichaltrigen Freundeskreis angewiesen. Sie müssen sich mit ihrem Körper auseinandersetzen, der sich gerade stark verändert und verrücktspielt. Die Krebserkrankung und ihre Therapie machen es noch schlimmer: Die Kopfhaare fallen aus, nach der Behandlung sprießen plötzlich Schamhaare, man wird mager oder aufgedunsen. Viele Jugendlichen müssen große und zum Teil dauerhaft sichtbare Operationen über sich ergehen lassen.

 

Auf vielen Kinderkrebsstationen fallen die Jugendlichen durch das Raster, da die meisten Angebote sich an jüngere Kinder richten, zum Beispiel der Besuch der Klinikclowns. Wenn sie Pech haben, teilen sich Jugendliche das Zimmer mit einem Kleinkind. Oder, falls sie schon 18 sind und auf einer Onkologiestation für Erwachsene liegen, mit einem 80-Jährigen. Nach Dirksens Erfahrung hilft den jungen Menschen jedoch am besten der Austausch zwischen gleichaltrigen Krebspatienten. Nino dagegen zog sich während seiner drei Monate im Krankenhaus komplett in sein Zimmer zurück. »Ich war so voller Scham, ich wollte nicht gesehen werden«, sagt er im Interview mit der PZ. »Im Sportinternat war ich es gewohnt, keine Schwächen zu zeigen.« Daher wollte er auch keinen Besuch von seinen Klassenkameraden. »Bald werden sie mich zu einem Krebskind degradiert haben, das wie alle anderen nur noch das Recht auf Sterben und Mitleid hat«, so beschreibt er seine Angst im Buch. Und schließlich sind es doch die Erfahrungen eines anderen Krebspatienten, die ihm helfen, die Krankheit durchzustehen. Nino verschlingt die Biografie des Profiradfahrers Lance Armstrong, der nach seiner Hodenkrebserkrankung mehrmals die Tour de France gewann. In seinem eigenen Buch lässt Nino Rauch auch andere an Krebs erkrankte Kinder und Jugendliche zu Wort kommen, die alle unterschiedlich mit ihrer Erkrankung umgegangen sind. So will er möglichst vielen Lesern ein Vorbild bieten.

 

Nino selbst gilt mehr als zehn Jahre nach erfolgreicher Therapie als geheilt. »Die Arbeit an meinem Buch hat mir geholfen, diese schwierige Zeit noch einmal aufzuarbeiten«, sagt er. Zwar besuchte er nach seinen drei Monaten im Krankenhaus wieder das Sportinternat und schaffte es ein Jahr später sogar in Österreichs Junioren-Nationalteam. Die Karriere als Profifußballer hat er aber doch lieber gegen ein Psychologiestudium getauscht. Nun denkt er über die Verfilmung seines Buchs nach – und kann so hoffentlich vielen kranken Jugendlichen selbst zum Vorbild werden. /


»Sterben ist keine Option«

Im Dezember 2001 erhält der 14-jährige Österreicher Nino Rauch die Diagnose Lymphdrüsenkrebs. Die darauffolgende Zeit im Krankenhaus bezeichnet er als »die längsten drei Monate meines ­Lebens«. Mit der Pharmazeutischen Zeitung sprach er über diese schwierige Zeit.


PZ: Wie ist das, mit 14 Jahren die Diagnose Krebs mit geringen Heilungschancen zu bekommen?

 

Rauch: Es fühlt sich an, als ob man in voller Fahrt gestoppt wird. Ich war gerade von zu Hause weg ins Sportinternat gezogen und auf einmal mit meiner Mutter in ein Krankenzimmer gesperrt. Sie hat mich noch mehr bevormundet als zuvor. Dafür hat sie auch meinen ganzen Frust abbekommen.

 

PZ: Sie scheinen schon mit 14 ein gutes Gespür für sich und Ihren Körper gehabt zu haben, waren sehr sportlich ? inwieweit hat Ihnen das geholfen, die aggressive Therapie zu überstehen?

 

Rauch: Es hat mir extrem geholfen. Ich habe dieselbe Herangehensweise wie im Sport genutzt und den Krebs als Gegner gesehen, dem ich mich jeden Tag aufs Neue stellen musste. Ich bin von Natur aus ein Kämpfer, war immer schon ehrgeizig und hatte natürlich mit 14 viele Ziele. Es war für mich einfach keine Option zu sterben. Ich wollte einfach nur zurück ins Sportinternat zu meinem Fußballtraining.

 

PZ: Wie schafft man es, nicht aufzugeben?

 

Rauch: Man muss immer wieder an seine Grenzen gehen, auch im Alltag, nicht nur bei solch einer schweren Erkrankung. Ein gesunder Egoismus ist auch hilfreich, denn alle reden auf dich ein, was das Beste für dich sei. Dabei sollte man auf seine innere Stimme hören. Wichtig war auch, dass meine Mutter immer für mich da war, auch wenn ich es ihr wirklich nicht leicht gemacht habe.

 

PZ: Anscheinend gehen viele Hilfsangebote für Jugendliche mit Krebs an den Patienten vorbei. Wie kann man Ihrer Meinung nach solchen Teenagern am besten helfen?

 

Rauch: Wichtig ist, dass man ihnen hilft, ihre neue Situation anzunehmen. Und sie nicht als Kind behandelt. Ich wollte auch nie Mitleid. Die Ärzte sollten auf ihren Patienten eingehen und nicht die Therapie um jeden Preis durchpeitschen.

 

PZ: Ihnen hat als Vorbild der Profiradsportler Lance Armstrong geholfen, der an Hodenkrebs erkrankte. Wie finden Jugendliche ein passendes Vorbild?

 

Rauch: Das ist bei jedem anders. Mich als Sportler hat eben die Geschichte von Lance Armstrong angesprochen, doch durch Sport erreicht man natürlich nicht alle. Darum habe ich in meinem Buch auch andere betroffene Kinder und Jugendliche mit verschiedenen Krebserkrankungen zu Wort kommen lassen. Ihre Geschichten haben mich tief beeindruckt, doch gleichzeitig begeistert mich ihr Kampfgeist.

 

PZ: Wie war es, nach der Therapie zurück ins Sportinternat zu gehen?

 

Rauch: Das war relativ unproblematisch. Meine Mitschüler haben mich gut aufgenommen. Ich habe auch von Anfang an gesagt, dass ich keinen Sonderstatus will. Ich habe akribisch daran gearbeitet, wieder fit zu werden. Es war aber schwer, da man durch die ständigen Kontrolluntersuchungen, die am Anfang wöchentlich stattfinden, immer wieder herausgerissen wird.

 

PZ: In Ihrem Buch schreiben Sie: »Ich weiß, der Tumor ist nicht mehr in meinem Kopf, aber er kann jeden Tag zurückkehren, und die Chancen auf Heilung nach einem Rückfall sind um ein Vielfaches geringer als bei einer Ersterkrankung.« Wie geht man mit so einem Wissen um?

 

Rauch: Man darf sich die Angst nicht eintrichtern lassen, auch wenn einen alle vor einem Rückfall warnen. Mittlerweile liegt mein Risiko, erneut an Krebs zu erkranken, so hoch wie bei jedem anderen. Ich weiß, dass sich mein Leben jederzeit von einem auf den anderen Tag ändern kann. Ich habe manchmal immer noch Angst. Doch ich lebe mein Leben viel bewusster. /


Nino Rauch, Leben ohne Ende: Wie ich als Kind den Krebs bezwang,

Edition a, 1. Auflage 2014, ISBN 978-3-99001-077-8



Beitrag erschienen in Ausgabe 17/2014

 

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