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Arzneistoffrückstände: Zahlen zu weltweiter Umweltbelastung

POLITIK & WIRTSCHAFT

 
Arzneistoffrückstände

Zahlen zu weltweiter Umweltbelastung


Von Anna Hohle und Ev Tebroke / Verweiblichte Fische, tote Geier: Medikamentenrückstände in Gewässern und Böden gefährden Wildtierarten auf der ganzen Welt. Das Umwelt­bundesamt (UBA) hat untersucht, wie häufig solche Rückstände weltweit vorkommen und nun alarmierende Ergebnisse vorgestellt.

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Anfang des Jahrtausends standen indische und pakistanische Vogelforscher vor einem Rätsel: Der Bestand der in dieser Region vorkommenden Geierarten – der Indische Geier, der Bengalgeier und der Schmalschnabelgeier – verringerte sich dramatisch. Innerhalb von zehn Jahren starben 95 bis 99 Prozent der Tiere an Nierenversagen. Zuvor hatten sie gichtähnliche Symptome gezeigt.

 

Empfindliche Nieren

 




Rückstände von Hormon­präparaten lassen sich in vielen Gewässern finden. Sie bringen die Fortpflanzung von Barschen in Gefahr.

Foto: imago/blickwinkel


Schließlich fanden die Wissenschaftler den Grund für das Massensterben heraus: Das Schmerzmittel Diclofenac, das in der Region seit den neunziger Jahren in der Viehzucht eingesetzt worden war, hatte den Geiern den Garaus gemacht. Einige Bissen vom Kadaver eines mit Diclofenac behandelten Rindes genügten, damit die empfindlichen Nieren der Geier versagten.

 

Das Geiersterben ist eines vieler drastischer Beispiele wie Überreste von Arzneimitteln die empfindlichen Ökosysteme weltweit dramatisch verändern können. Und dabei müssen die Medikamente gar nicht bewusst in der Viehzucht eingesetzt worden sein. Nehmen viele Menschen ein bestimmtes Arzneimittel ein, können die mit dem Urin ausgeschiedenen Rückstände ins Grundwasser übergehen und etwa Fischbestände schädigen. Nachgewiesen ist bislang unter anderem, dass männliche Barsche durch Rückstände von Hormonpräparaten wie der Antibabypille weibliche Geschlechtsorgane bilden und sich schlechter fortpflanzen.

 

Das UBA hat die Gefahren von Medikamentenrückständen bereits erkannt und deshalb 2012 die Studie »Global Relevance of Pharmaceuticals in the Environment« in Auftrag gegeben, um Art und Menge von Arzneimittelrückständen in der Natur weltweit zu vergleichen. Die Wissenschaftler werteten dafür bislang unter anderem mehr als 1000 Publikationen aus und führten zahlreiche Interviews mit Experten. Erste alarmierende Ergebnisse stellten die Forscher Anfang April auf einem internationalen Worshop in Genf vor: So konnten global Spuren von mehr als 630 verschiedenen Arzneimittelwirkstoffen und deren Abbauprodukten in der Natur nachgewiesen werden. 17 der Wirkstoffe kamen in allen Regionen der Welt vor.

 

Trauriger Spitzenreiter

 

Der für das Geiersterben verantwortliche Wirkstoff Diclofenac war trauriger Spitzenreiter: Er konnte in den Gewässern von insgesamt 50 Ländern gefunden werden. In 35 dieser Länder überstiegen seine Messwerte die Konzentration von 0,1 µg/l. Ab diesem Wert rechnen Wissenschaftler mit Schäden etwa an Fischen.

 

Die EU-Mitgliedstaaten hatten sich deshalb unlängst darauf geeinigt, die Konzentration von Diclofenac in europäischen Gewässern regelmäßig zu kontrollieren. Auch sollen mögliche Gegenmaßnahmen bei einer Überschreitung des Grenzwertes von 0,1 µg/l entwickelt werden. Dennoch wurde der Wirkstoff kürzlich in Italien und Spanien zur Behandlung von Rindern, Schweinen und Pferden zugelassen. Naturschützer befürchten nun, dass sich das indische Geiersterben bald in Südeuropa wiederholt. Der Naturschutzbund Deutschland (Nabu) warnt auf seiner Homepage vor einer »ökologischen Katastrophe« für die vier ohnehin bereits gefährdeten europäischen Geierarten. Diclofenac müsse europaweit in der Tiermedizin verboten werden, so der Nabu.




Bislang können selbst moderne Kläranlagen bestimmte Wirkstoffe nicht vollständig aus dem Wasser filtern.

Foto: Fotolia/Jürgen Fälchle


Neben Diclofenac zählen laut UBA auch das Antiepileptikum Carbamazepin, das Schmerzmittel Ibuprofen, das Hormon Ethinylestradiol sowie das Antibiotikum Sulfamethoxazol zu den global am meisten verbreiteten Wirkstoffen in der Umwelt. »Das Umweltbundesamt kann jetzt sicher belegen, dass Arzneimittelrückstände in der Umwelt weltweit ein relevantes Problem darstellen«, sagte UBA-Präsident Thomas Holzmann. Die Studie soll noch bis 2015 weiterlaufen und detaillierte Erkenntnisse auch zu Arzneimittelrückständen in Regionen bringen, für die es bislang keine Daten gibt, etwa Afrika, Indien, Lateinamerika und Osteuropa. In Ländern ohne Kläranlagen gelangen über den Urin ausgeschiedene Wirkstoffe besonders schnell in Gewässer.

 

Aber auch die beste Kläranlage kann bestimmte Wirkstoffe bislang nicht restlos aus dem Abwasser filtern. Nach Angaben des UBA sind derzeit allein auf dem deutschen Markt mehr als 1000 Wirkstoffe in Humanarzneimitteln potenziell umweltrelevant, also toxisch oder schwer abbaubar. Durch Düngung der Felder mit Gülle gelangen außerdem Tierarzneimittel wie Antibiotika oder Antiparasitika in Böden und Gewässer. Die Experten des UBA erwarten durch all diese Substanzen negative Effekte wie reduziertes Wachstum, Verhaltensänderungen oder verminderte Vermehrungsfähigkeit von Lebewesen in der Umwelt.

 

UN-Umweltprogramm

 

Lösen könne man das Problem nur global durch die Stärkung der internationalen Chemikaliensicherheit, sagt Holzmann. Das UBA-Forschungsprojekt soll das Thema Arzneimittelrückstände deshalb im Umweltprogramm der Vereinten Nationen (UNEP) verankern, als Teil des sogenannten strategischen Ansatzes zum internationalen Chemikalienmanagement (SAICM). Werde dies erreicht, so das UBA, folgten konkrete, weltweite Maßnahmen. /



Beitrag erschienen in Ausgabe 16/2014

 

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