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Gartentherapie: Das grüne Rezept

MAGAZIN

 
Gartentherapie

Das grüne Rezept


Gartentherapie Das grüne Rezept Von Ulrike Abel-Wanek / Gärtnern liegt im Trend wie seit Jahren nicht. Urbane Gärten begrünen Stadtviertel und Dachterrassen, verbessern die Luftqualität ebenso wie die Laune und sogar die nachbarschaftlichen Beziehungen. Dass Gärtnern nicht nur glücklich, sondern auch gesund machen kann, zeigt das recht junge Fachgebiet der Gartentherapie.

 

Menschen sind dann besonders entspannt, wenn sie sich eins fühlen mit der Natur, das belegen Ergebnisse aus der Glücksforschung. Bei Waldspaziergängen, dem Wechsel der Jahreszeiten, aber auch bei der Gartenarbeit ist der Glücksfaktor besonders hoch. Ein Beet umgraben, Rabatte jäten, Hecken stutzen, die Nase in würzig duftenden Thymian oder Salbei stecken – ein Garten ist sinnliches Erleben, fördert die Gestaltungskraft und hilft, eigene Pläne und Vorstellungen zu realisieren – vorausgesetzt, Wind und Wetter und die Launen der Natur spielen mit. Wer etwas im Garten bewegt, bewegt auch etwas bei sich selbst, sagen Gartentherapeuten. Und so hat sich dieser Berufszweig in den letzten Jahren einen Platz in der Gesundheitsversorgung erobert, sei es im Rahmen von Prävention, Therapie oder der Rehabilitation.




Gedächtnisstütze: Demenzkranke erkennen den Lavendelduft, auch wenn sie die Pflanze nicht mehr benennen können. Foto: Fotolia/nito

Seit Anfang der 80er-Jahre des letzten Jahrhunderts gewinnen der Garten und das Gärtnern hierzulande vermehrt an Bedeutung für inner- und außerklinische therapeutische Bereiche. In Ländern wie Australien, den USA und Kanada, England oder den Niederlanden ist die Gartentherapie bereits seit Jahren gut eingeführt und erfolgreich. Gartentherapie kommt zum Einsatz in der Ergotherapie ebenso wie in der Arbeits- und Psychotherapie oder Geriatrie. Einzelne Erfolg versprechende Projekte gibt es mittlerweile auch im Strafvollzug. Sie wird bei der Arbeit mit Behinderten ebenso eingesetzt wie bei der Sozialarbeit, der Kinder- und Jugendarbeit sowie bei Abhängigkeitserkrankungen.

 

Sommerblumen pflanzen, Ostergestecke herstellen oder Heilkräuter einsammeln machen jedoch noch keine Therapie. Für jede gartentherapeutische Aktivität braucht es eine qualifizierte Leitung durch einen Gartentherapeuten. Die Internationale Gesellschaft Gartentherapie (IGGT) koordiniert im deutschen Sprachraum unter anderem Weiterbildungsinitiativen für Gartentherapeuten, fördert die Vernetzung der zentralen Akteure und den Aufbau von Qualitätssicherung und Evaluation gartentherapeutischer Maßnahmen. Außerdem berät und unterstützt sie beim Aufbau und der Entwicklung therapeutischer Gärten.

 

»Gartentherapie ist ein geplanter und zielorientierter Prozess, bei dem weitergebildete Fachkräfte pflanzen- und gartenorientierte Aktivitäten und Erlebnisse nutzen, um das soziale, psychische und körperliche Wohlbefinden und die Lebensqualität von Menschen zu erhalten und zu fördern«, so die Definition im Praxisbuch Gartentherapie von IGGT-Sprecher Andreas Niepel und Thomas Pfister. Kurz: Gärtnerische Tätigkeiten aktivieren Körper, Geist und Seele des Menschen. Doch es braucht das fachliche Know-how des ausgebildeten Therapeuten, damit sich die positiven gesundheitlichen Auswirkungen auch entfalten können. Der gartentherapeutisch geschulte Spezialist formuliert die Therapieziele, zum Beispiel die Steigerung von Körperfunktionen oder die Stimulierung der Konzentrations- oder Kommunikationsfähigkeit bei Patienten und Klienten – in enger Zusammenarbeit mit medizinischem Pflegepersonal, Therapeuten oder Sozialarbeitern. »Indem man ein Klavier aufstellt, geschieht noch keine Musiktherapie«, so Niepel.

 

Es klingt paradox, aber Gartentherapie funktioniert sogar ohne Garten. Sind beispielsweise bettlägerige Patienten nicht in der Lage, in die Natur hinauszugehen, kommt die Natur eben zu ihnen. Sogenannte mobile Gärten sind kleine fahrbare Wagen, die mit Werkzeugen und Platz für Erde und Pflanzen ausgestattet werden und in jedem Krankenhaus-Korridor und Patientenzimmer Platz finden.

 

Beruhigen, anregen, Stressabbau

 

Beete bepflanzen, Bäume beschneiden oder Beeren pflücken und einkochen: Es gibt viel zu tun in und mit einem Garten, je nach Jahreszeit sogar Tag für Tag. Gartentherapie ist keine einmalige oder kurzfristige Aktion. Wichtig für den therapeutischen Erfolg sei gerade die kontinuierliche Beschäftigung im Garten, so Niepel und Pfister. Durch sie entstehe wieder ein Bezug zu natürlichen Rhythmen, durch sie solle eine belastbare Verbindung zur realen und alltäglichen Umwelt hergestellt werden. Vor allem Demenzpatienten reagieren mit allen Sinnen auf Pflanzen und Erde, und es lassen sich mithilfe der Gartentherapie hier oft tiefe Schichten der Erinnerung ansprechen. Die Aufmerksamkeitsspanne kann erhöht und die Lern- und Merkfähigkeit sowie Antrieb und Motivation können mithilfe des therapeutisch unterstützten Gärtnerns gesteigert werden. Nicht zu vergessen die Förderung von Bewegungsabläufen. Auch dort, wo Kommunikation als therapeutisches Ziel angestrebt werde – zum Beispiel tun sich viele Psychiatrie-Patienten schwer, Beziehungen zu anderen Menschen aufzunehmen –, schaffe Gartentherapie die gewünschten Sozialkontakte, so die Autoren. Nahezu jeder sei in der Lage, Gespräche über das Wetter oder die Jahreszeiten zu führen. Auch die Bewohner in Einrichtungen der Alten- und Tagespflege profitieren von den starken kognitiven, motorischen und sensorischen Anreizen der Natur. Ob Rankgerüste bauen oder Kräuter in Duftsäckchen verpacken: Je nach Therapieziel kann Gartentherapie sowohl aktivierende als auch beruhigende Wirkung haben. Außerdem dient sie der Stressbewältigung. Zudem geben anders als im Klinikalltag hier nicht Arzt oder Pfleger den Patienten vor, was sie tun oder lassen sollen. Der Druck, sich im Garten betätigen zu müssen, entspricht dem natürlichen Rhythmus der Pflanzen, und sie zu begleiten und zu pflegen ist für die meisten Patienten selbstverständlich. Kaum jemand lässt einmal ausgesäte Sonnenblumen einfach verrotten oder wirft sie achtlos weg.

 

Die regelmäßigen körperlichen Aktivitäten an der frischen Luft, der Kontakt zu Erde, Wasser und lebenden Organismen und die intensive Beziehung zu den Prozessen von Werden, Wachsen, Reifen und Vergehen in der Natur stärken Körper und Psyche. Das belegen inzwischen auch wissenschaftlich begleitete Studien und Projekte. IGGT-Präsident Niepel geht noch weiter: »Wenn der Garten so etwas wie der natürliche Lebensraum des Menschen ist, dann gehört das Gärtnern unzweifelhaft zur artgerechten Haltung von uns allen.« /


Vita activa und Vita contemplativa

 

Gärten dienten den Menschen schon immer zur Erzeugung von Nahrungsmitteln, aber auch als Zufluchtsort und zur Erholung. Die alten Griechen legten die ersten öffentlichen Gärten an. In einigen von ihnen, den Gymnasien, wurde die Jugend unter freiem Himmel öffentlich unterrichtet. Bereits damals züchtete man Rosen, Veilchen und Hyazinthen. Die Römer bauten ihre Gärten mehr in die Nähe ihrer Häuser, der Garten wurde so zur Erweiterung der Wohnung und diente der Erholung fernab lärmender Straßen. Von ägyptischen Ärzten ist bekannt, dass sie ihren Patientinnen und Patienten zur Unterstützung der Heilung bereits Gartenspaziergänge verordneten.

 

Der mittelalterliche Klostergarten entstand ursprünglich als Nutzgarten, damit die Klöster ihre Ernährung sicherstellen konnten. Im Jahre 812 ordnete Karl der Große an, dass in den Klöstern und auf allen Landgütern bestimmte Heil- und Nutzpflanzen angebaut werden mussten.

 

Im Hochmittelalter entwickelten sich ehemalige Nutzgärten vermehrt zu Zier- und Lustgärten, in denen man Ruhe fand und auch beten konnte. Somit dienten die damaligen Klostergärten den zwei Hauptzwecken, die auch heutzutage im Zusammenhang mit Garten und Therapie erwähnt werden: der Vita activa, dem aktiven Gärtnern, und der Vita contemplativa, dem besinnlichen Aufenthalt im Garten.

 

Bis heute hat der Garten, egal ob als Schrebergarten oder in Wohnnähe, eine bedeutende Funktion für Menschen als Zufluchtsort aus grauen Wohnblöcken, als Sozialkontakt-stiftender Ort oder zum Stressabbau. Er ist Rhythmusgeber für Menschen nach dem Berufsende – oder schlicht ein Garant für selbst angebaute Bio-Kost.


Weiterführende Links (Auswahl):

 

Quellen und Literatur:

  • Andreas Niepel, Thomas Pfister: Praxisbuch Gartentherapie, Schulz-Kirchner-Verlag, 1. Auflage 2010, 266 Seiten, Ringbuch, Artikel-Nr.: 978-3-8248-0651-5. EUR 53,95.
  • Andreas Niepel et al.: Gartentherapie, Schulz-Kirchner-Verlag, 2. erweiterte Auflage 2010, 252 Seiten, kartoniert, Artikel-Nr.: 978-3-8248-0528-0. EUR 28,95 EUR

 



Beitrag erschienen in Ausgabe 13/2014

 

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