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Sport bei Krebs: Anstrengung ist kein Tabu

MEDIZIN

 
Sport bei Krebs

Anstrengung ist kein Tabu


Von Annette Mende, Berlin / Die Empfehlung, dass Krebspatienten sich schonen sollten, ist obsolet. Eine angepasste Bewegungs­therapie sollte bereits während der Krebsbehandlung beginnen. Patienten in Remission können sogar einen Halbmarathon laufen – und profitieren davon, wie Sportwissenschaftler beim Deutschen Krebskongress in Berlin zeigten.

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Es ist noch nicht lange her, da dachte man, dass Sport Krebspatienten schadet. Nicht nur die Erkrankung selbst, sondern vor allem auch die Therapie sei schon anstrengend genug, da könne man den Patienten nicht auch noch Sport zumuten, so die Lehrmeinung. »Man befürchtete sogar, sportliche Betätigung könne Metastasen auslösen«, sagte Dr. Freerk Baumann von der Deutschen Sporthochschule Köln.

 




Krebspatienten in Remission können auch sportliche Höchstleistungen vollbringen, etwa beim Kölner Halbmarathon. Die Anstrengung befeuert das Immunsystem.

Foto: dpa


Keine dieser Befürchtungen hielt einer wissenschaftlichen Überprüfung stand. Und so hat sich die Auffassung von Sport bei Krebs gründlich gewandelt. »Wir beginnen heute mit ersten bewegungstherapeutischen Anwendungen bereits 24 bis 48 Stunden nach einer Krebsoperation«, so Baumann. Weder eine Hochdosis-Chemotherapie noch eine Bestrahlung seien Hinderungsgründe für – selbstverständlich angepasste – körperliche Betätigung. Im Gegenteil: Für Patienten in der Akutphase einer Krebserkrankung geht es um den Erhalt von Mobilität, Kraft und Ausdauer. Denn es ist prognostisch ungünstig, wenn ein Patient unter der Therapie beispielsweise viel Muskelmasse verliert. Um dem Muskelabbau entgegenzuwirken, muss das Krafttraining aber eine gewisse Intensität haben.

 

Bewegung kann zudem unerwünschte Folgen der Therapie abmildern. Baumann zufolge sind positive Effekte auf das Fatigue-Syndrom bei Brust- und Prostatakrebspatienten belegt. Sport verkürze zudem bei Männern mit Prostatakrebs die Inkontinenzzeit und mildere bei Lymphom- und Brustkrebspatienten mit Polyneuropathie die Schmerzen in Hand- und Fußflächen.

 

Während der Rehabilitation sind es vorrangige Ziele der Bewegungs- beziehungsweise Sporttherapie, die körperliche Leistungsfähigkeit wiederherzustellen und die Lebensqualität zu verbessern. Hierfür gilt es zu entscheiden, welche Sportart am besten geeignet und welche Intensität des Trainings angemessen ist. Letzteres beschäftigt vor allem sportliche Krebspatienten. Sie stellen sich die Frage: Darf ich mich auch anstrengend belasten oder provoziere ich damit einen Rückfall?

 

Langfristige Effekte

 

Diese Furcht scheint auf den ersten Blick begründet, wie Professor Dr. Wilhelm Bloch, Leiter des Instituts für Kreislaufforschung und Sportmedizin der Sporthochschule Köln, erklärte. Beobachtungen hätten gezeigt, dass intensives Training die Neigung zu akuten Infekten erhöht. Eine Immunsuppression kann aber gerade für Krebspatienten fatal sein, da das Immunsystem auch für die Tumorabwehr zuständig ist.

 

Wichtiger als die akuten Auswirkungen starker körperlicher Belastung seien aber die langfristigen, so Bloch. Hier habe eine 2009 im »British Journal of Sports Medicine« veröffentlichte Untersuchung seiner Arbeitsgruppe erste Anhaltspunkte für einen möglichen positiven Effekt bei Tumorpatienten ergeben (doi: 10.1136/bjsm.2007.043208). Die Wissenschaftler untersuchten damals, wie sich eine einmalige Ausbelastung, also das Erreichen der körperlichen Belastungsgrenze, auf das Zytokin-Profil gesunder Sportler auswirkt.

 

»Uns fiel auf, dass die Spiegel des Makrophagen-Migrations-inhibierenden Faktors bei den Probanden stark abfielen«, sagte Bloch. Der Faktor ist ein Zytokin, das die Aktivität natürlicher Killerzellen reduziert und die Mi­gration von Tumorzellen anregt. Theoretisch sollte eine Ausbelastung also auch Krebspatienten zugutekommen.

 

Diese These überprüften Bloch und Mitarbeiter im Rahmen einer kontrollierten Längsschnittstudie, an der 15 Krebspatienten in kompletter Remission sowie 15 gesunde, alters- und geschlechtsgematchte Personen teilnahmen. Die Krebspatienten erhielten ein sechsmonatiges betreutes Ausdauertraining à drei 60- bis 120-minütigen Einheiten pro Woche mit dem Ziel, am Ende des Halbjahres den Kölner Halbmarathon mitzulaufen. Die Probanden in der Vergleichsgruppe erhielten kein betreutes Training, nahmen aber auch am Halbmarathon teil. Primärer Endpunkt war die epigenetische Modulation natürlicher Killerzellen (NK-Zellen), überprüft anhand von Immunzytochemie, DNA-Isolation und RT-PCR.

 

»Wir haben den Teilnehmern bewusst den Kölner Halbmarathon als Ziel gesetzt, um eine Ausbelastung zu provozieren. Denn im Wettkampf geht man ganz anders an seine Grenzen als im Training«, so Bloch. Die Ergebnisse der Studie sind noch nicht veröffentlicht, zeigen aber Bloch zufolge eindeutig den positiven immunmodulierenden Einfluss der Intervention. Sowohl bei den Tumorpatienten als auch bei den gesunden Kontrollpersonen stieg die Konzentration aktivierter NK-Zellen im Blut durch den Wettkampf deutlich an, bei den Krebspatienten aber schneller als in der Vergleichsgruppe.

 

Unterschiede zwischen den Gruppen zeigten sich auch in Bezug auf zytotoxische Abwehrzellen wie CD8-T-Zellen und T-Gedächtniszellen, deren Werte als ein sekundärer Endpunkt bestimmt wurden. Normalerweise sinken die Spiegel dieser Immunzellen nach einer Belastung zunächst, bevor sie langfristig hochreguliert werden. »Das passierte in unserer Studie auch. Bei den Tumorpatienten gingen die Konzentrationen aber nur minimal nach unten. Sie hatten zu jedem Zeitpunkt, also auch unmittelbar nach der Belastung, höhere Spiegel dieser Zellen als die Kontrollen«, so Bloch. Dem Sportmediziner zufolge ist das ein Hinweis darauf, dass die Patienten von dem Training besonders profitierten.

 

Sportliche Höchstleistungen wie die Teilnahme an einem Halbmarathon sind also für Krebspatienten in Remission kein Tabu, sondern wirken sich im Gegenteil positiv auf ihr Immunsystem aus. Selbstverständlich ist eine so intensive Belastung nicht für alle Patienten machbar. Wer kann, muss aber aus medizinischen Gründen nicht darauf verzichten. Bloch sieht weiteren Forschungsbedarf, um Dosis-Wirkungs-Beziehungen von Sport bei Krebs zu etablieren. »Wenn wir davon ausgehen, dass körperliche Aktivität wie ein Medikament wirkt, müssen wir auch die individuell am besten geeignete Dosis bestimmen können.« /


Blauer Ratgeber

Deutsche Krebshilfe und Deutsche Krebsgesellschaft haben ihre Empfehlungen zu Sport bei Krebs in Band 48 ihrer sogenannten blauen Rat­geber zusammengefasst. Er ist erhältlich unter www.krebshilfe.de/wir-informieren/material-fuer- betroffene/blaue-ratgeber.html. Möglich sind sowohl die Bestellung der gedruckten Broschüre als auch ein direkter Download als PDF.



Beitrag erschienen in Ausgabe 10/2014

 

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