Die Zeitschrift der deutschen Apotheker

 

Pharmazeutische Zeitung

 

PTA-Forum

 

PZ-Akademie

 

DAC/NRF

Personalisierte Medizin: Wo stehen wir, wo geht es hin?

CAMPUS

 
Personalisierte Medizin

Wo stehen wir, wo geht es hin?


Von Daniela Kolberg, Valencia / Der zehnte EPSA-Herbstkongress fand im Herbst 2013 in Valencia statt. Das Symposium nahm einen wichtigen Teil des Kongresses ein. Das Thema personalisierte Medizin stand dabei im Fokus und forderte die Studenten auf, über Möglichkeiten und Herausforderungen dieser Therapieform nachzudenken.

ANZEIGE


Die personalisierte Medizin (PM) ist nicht wirklich die Kreation von Medikamenten für einen einzelnen Patienten, stellte Aida Batista von der europäischen Vereinigung der Krankenhausapotheker (EAHP) klar. Die PM biete aber die Möglichkeit, Individuen nach Subgruppen, die eine Sensitivität für eine spezifische Krankheit oder Behandlung aufweisen, zu klassifizieren. Therapieoptionen im Rahmen der PM werden auf Basis individueller, genetischer Unterschiede entwickelt, genetische Tests können die individuelle Antwort auf Medikamente voraussagen. Die PM verbessert so die Wirksamkeit von Medikamenten in Subpopulationen. Sie ist auch eine Möglichkeit, dass nicht-funktionierende oder gescheiterte Wirkstoffe für neue, enger gefasste Indikationen wiederbelebt werden können. Auch könnten Nebenwirkungen reduziert werden.

 

Personalisierte Medizin heute

 

Heutzutage wird die PM bisher nur selten angewandt, leitete Per Öhrngren von der European Federation of Pharmaceutical Sciences ein. Sie sei sehr spezifisch, dementsprechend teuer und komme deshalb meist nur selten zum Einsatz.

 




Der Begriff »personalisierte Medizin« ist momentan schwer in Mode. Das Symposium des EPSA-Kongresses in Valencia drehte sich um dieses Thema.

Foto: Fotolia/ nataliasheinkin


Durch die «-omics«, etwa Proteomics und Genomics, sind die Grundlagen für die PM bereits gelegt, erklärte Alain Hurie von der European Personalized Medicine Association. Sie helfen, einen zugeschnittenen Ansatz für die Behandlung zu finden, der auf der molekularen Analyse der Gene, der Proteine und des Metabolismus basiert. Die Sequenzierung spezifischer Marker oder eines ganzen Genoms wurde in den vergangenen Jahren immer schneller und es sei nur eine Frage der Zeit, bis ein genetisches Screening Mainstream wird. Des Weiteren gebe es Fortschritte in der Entdeckung neuer Biomarker, vermehrt würden Diagnostik-Tests entwickelt und auch neue Industrien spezialisierten sich zunehmend auf dieses Feld.

 

Wenn eine Behandlung nicht anschlug, wurde früher eine andere Option probiert, so Jerka Dumic, Department of Biochemistry and Molecular Biology in Zagreb. Heute gebe es eine effiziente medizinische Betreuung: PM und Health Management mit molekularem Screening halten Einzug in Diagnostik und Therapie. Haben wir dann zukünftig eine personalisierte medizinische Betreuung? Die Verlagerung ginge zumindest von einer Behandlung, die eingreift, wenn Symptome auftreten und die normale Funktion verloren geht, zu einer, die eingreift bevor Symptome entstehen und somit die normale Funktion so lange wie möglich beibehalten werden kann.

 

Möglichkeiten der personalisierten Medizin

 

PM führt zu einer Wandlung von einem Gesundheitssystem, in dem die Behandlung im Mittelpunkt steht, zu einem, wo der Patient und das Disease-Management fokussiert werden, fasste Huriez zusammen. Es werde eine vermehrte Integration von Diagnostik und genetischen Tests in die Forschung geben, was zu effizienteren und sichereren Studien führt. Diagnostik werde den Verkauf von verschreibungspflichtigen Medikamenten vereinfachen und die neuen Arzneimittel werden den Markt schneller und besser durchdringen können, die Preise würden aufgrund der Wirksamkeit der Präparate infolgedessen wahrscheinlich steigen.

 

Doch daran schließen sich direkt Fragen an: Ist das Ganze bezahlbar und nachhaltig? Ist PM im Endeffekt dann für jeden verfügbar oder nur für kleine Gruppe? Batista zeigte auch die He-rausforderungen im Krankenhaus auf, wo es zum Beispiel noch an geschultem Personal fehlt, das dann zwischen den vielen verschiedenen Labortests wählt und sie durchführt. Zudem seien die Wartezeiten bis zur Vorlage von Informationen nicht zu unterschätzen und es bleibt abzusehen, wie praktikabel solche Ansätze in Notfallsituationen sind.




Studenten wollten bei der Veranstaltung auch wissen, was die ehtischen Herausforderungen der personalisierten Medizin sind.

Foto: EPSA


Auch Dumic sieht Potenzial und Heraus­for­derung der PM: Sie werde einerseits helfen, die Gesundheit zu bewahren. Es sei eine große Möglichkeit, Medikamente für spezielle Geno­typen zu entwickeln. Kleine Studien­po­pu­la­tio­nen böten aber immer auch die Gefahr, dass selten auftretende Neben­wir­kun­gen schwer zu detektieren sind. Zudem könnten Zielpopulationen aus­ge­schlos­sen werden, welche auch von der Therapie profitieren würden. Die Probleme im klinischen Alltag im Zusammenhang mit Tests sind vorerst vielfältig: Wer wird überhaupt eingeschlossen? Welche Ausbildung soll jemand haben, der diese durchführt, interpretiert und dem Patienten erklärt? Wie können und sollen diese Tests in die Standards der Gesundheitsversorgung integriert werden?

 

Die ethischen Herausforderungen

 

Um in der Zukunft anzukommen, braucht es vor allem gute Wissenschaftler, sagt Öhrngren. Ebenso brauche es mehr Aufklärung über die Biomarker und deren Einsatz zur richtigen Zeit. Des Weiteren müsse überlegt werden, wem letztendlich die Informationen aus den genomischen Daten gehören, dem Patienten oder den Laboren?

 

Die ethischen Herausforderungen der PM sind nicht zu unterschätzen, sagte auch Dumic. Die Privatsphäre des Patienten müsse geschützt bleiben und hierfür seien neue Regelungen erforderlich, wie die Information des Genoms genutzt wird, vor allem von den Versicherungen. Auch sei unklar, ob letztendlich die Pharmaindustrie entscheidet, für welche pharmakogenomischen Profile Therapien entwickelt werden. Auch die ökonomischen Herausforderungen seien vielfältig.

 

Batista sieht auch den Mangel an professionellem Wissen als eine große Hürde für die Implementierung von Pharmakogenomik in die klinische Praxis. Die PM sei wichtig für die Weiterentwicklung der Pharmakotherapie und sollte daher als Postgraduiertemprogramm und in anderen Trainings angeboten werden.

 

Die PM steht auch vor einer europä-ischen Herausforderung, so Huriez. Demnach gebe es in den Mitgliedsstaaten noch keine einheitliche Herangehensweise bezüglich Zulassung und Erstattung solcher Medikamente.

 

Die Rolle der Apotheker

 

Das Bewusstsein für ein personalisiertes Gesundheitswesen muss gestärkt werden und es muss eine adäquate Ausbildung und Aufklärung geben. Dumic appellierte zudem an die Studenten, dass sie diese neue Entwicklung weiterhin beobachten sollen.

 

Die Rolle der Apotheker sieht Denis Hogan, European Alliance of Personalized Medicine, folgendermaßen: Sie sollen den Patienten und die Therapie beobachten und über auftretende Nebenwirkungen berichten. Zudem sollen sie auch ein Kommunikationspunkt sein, da hier alle Fäden einer Therapie zusammenlaufen. Es ist ferner möglich, dass Apotheker stärker in die Diagnostik und Interpretation von Gensequenzen und Einzelnukleotid-Polymorphismen (SNP) mit einbezogen werden und somit ihre Beraterfunktion in Bezug auf Wirkstoffe und Arzneimittel gegenüber dem Arzt stärker wahrnehmen können. In einigen europäischen Ländern wie Portugal und Großbritannien ist es schon in der Praxis angekommen, dass Apotheker auf Station Änderungen bezüglich Medikation und Dosierung aufgrund metabolischer Daten vornehmen können. /



Beitrag erschienen in Ausgabe 08/2014

 

Das könnte Sie auch interessieren

 

 


PHARMAZEUTISCHE ZEITUNG ONLINE IST EINE MARKE DER

 











DIREKT ZU