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Rezepturen: Alte Zöpfe abschneiden

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Rezepturen

Alte Zöpfe abschneiden


Von Sven Siebenand / Die neue Apothekenbetriebsordnung hat den Apothekern durch den Plausi-Check und die Dokumentationspflicht bei Rezepturen ein höheres Konfliktpotenzial mit den Hautärzten beschert. Der Dermatologe Professor Dr. Johannes Wohlrab von der Universität Halle-Wittenberg plädierte im Journal der Deutschen Dermatologischen Gesellschaft dafür, die Rezeptur zu modernisieren. Zudem sollten Ärzte und Apotheker gemeinsam nach Lösungen suchen. Im Gespräch mit der PZ erklärt er, wie er sich das vorstellt.

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PZ: Sie sprechen sich für ein Update der Individualrezeptur aus. Was muss sich Ihrer Meinung nach ändern?

 

Wohlrab: Die Individualrezeptur hat sich historisch sehr stark empirisch geprägt entwickelt. Dies gilt vor allem für die Vehikelsysteme, aber auch für die galenischen Konzepte, die dahinter­stehen. Daraus hat sich eine große Vielfalt ergeben, die sich zumindest aus dermatologischer Sicht heute nur begrenzt überblicken lässt. 

 




»Nach heutigen Maßstäben sind die praktizierten Qualitäts­standards zu niedrig.«Professor Dr. Johannes Wohlrab

Foto: privat


Innerhalb Deutschlands gab es zudem verschiedene dermatologische »Schulen«, die, durch charismatische Fachvertreter geprägt, sehr stark Eminenz-basiert als wertvoll erachtete therapeutische Erfahrungen in Form von Rezepturen weitergaben. Diese Erfahrungen sind nach wie vor von großer Bedeutung und bilden die Grundlage für die moderne topische Therapie. Ähnlich wie in anderen Bereichen der Wissenschaft haben wir aber heute detailliertere Kenntnisse von Physikochemie, Molekularbiologie, Pathogenese und Pharmakologie. Diese lassen viele Individualrezepturen heute in einem anderen Licht erscheinen und offenbaren Qualitätseinbußen, die früher nicht bekannt waren oder ignoriert wurden.

 

Im Zeitalter der Evidenz-basierten Medizin gerät die Individualrezeptur nun argumentativ zunehmend unter Druck, da die praktizierten Qualitätsstandards nach heutigen Maßstäben zu niedrig sind. Ändern muss sich deshalb zunächst die Bewertung der Individual­rezeptur in den Köpfen der Ärzte, aber auch der Apotheker. Dabei spielen zeitgerechte Anforderungen an die Qualität, das Bemühen um eine gezielte Weiterentwicklung galenischer Optionen sowie das Verständnis der Individualrezeptur als Ergänzung des Spek­trums der vorhandenen Spezialitäten eine zentrale Rolle.

 

PZ: Sie plädieren auch dafür, dass Ärzte und Apotheker die Köpfe zusammenstecken und gemeinsam nach Lösungen suchen. Wo liegen dabei die Kompetenzen der Ärzte, wo die der Apotheker?

 

Wohlrab: Es muss beiden Berufsgruppen klar sein, dass die Kompetenzen unterschiedlich verteilt sind. Dermatologen können Diagnosen stellen, sie kennen die Pathogenese der Erkrankungen, wählen geeignete Wirkstoffe aus und können die Eigenwirkung von Vehikelsystemen bei verschiedenen Hautzuständen einschätzen. Apotheker müssen geeignete und stabile galenische Systeme bereitstellen, die den Qualitätsanforderungen genügen. Beide Seiten sollten dabei ihre Erwartungen mit den Notwendigkeiten bilateral abgleichen und so notwendig sinnvolle Kompromisse suchen.

 

PZ: In der Fachzeitschrift für Dermatologen regen Sie an, häufiger NRF-Rezepturen zu verordnen anstelle von »freien«, nicht standardisierten Rezepturen. Warum fällt das Umsatteln manchen Ihrer Kollegen offenbar schwer?

 

Wohlrab: Soweit ich weiß, werden nicht standardisierte Rezepturen nach wie vor sehr häufig verordnet. Mit aktuellen Zahlen kann ich nicht dienen, weiß aber aus Gesprächen mit Ärzten und Apothekern, dass viele sehr stringent an den etablierten Rezeptur­gewohnheiten festhalten. Dies führe ich zum einen darauf zurück, dass bei einigen meiner Fachkollegen das Problem bisher gar nicht ausreichend ins Bewusstsein gerückt ist. Vielleicht wird es aber auch ignoriert, was sich mit der neuen Apothekenbetriebsordnung zwangsläufig nicht mehr lange praktizieren lässt. Zum anderen glaube ich aber, dass sich die Handhabung, gerade des NRF, für die praktische Anwendung im dermatologischen Alltag nur bedingt eignet.

 

PZ: Wie kann man das NRF anwenderfreundlicher für Hautärzte machen?

 

Wohlrab: Es fehlt eine Systematik, die sich an klinischen Behandlungssitua­tionen orientiert. Soweit ich weiß, ist dieses Problem aber erkannt und wird von den Verantwortlichen des NRF bereits bearbeitet.

 

PZ: Sie haben auch angekündigt, dass Hautärzte in Kooperation mit Apothekern durch ein strukturiertes Weiterbildungsangebot die Basis für eine Professionalisierung im Bereich Rezeptur neu erarbeiten wollen. Was wurde bereits umgesetzt und was ist in Planung, um sich diesem Ziel zu nähern?

 

Wohlrab: Die Deutsche Dermatolo­gische Gesellschaft unterstützt ein Konzept, welches die Grundlagen der topischen Therapie verstärkt in die Weiterbildung einbezieht. Dazu zählt zum Beispiel eine einwöchige Sommerschule, die die Universität Halle-Wittenberg jährlich anbietet. Hier wird der gesamte Themenkomplex der Dermato­pharmakologie von allen Seiten beleuchtet und mit praktischen Übungen sowie Falldiskussionen ergänzt. 



Beitrag erschienen in Ausgabe 06/2014

 

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