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Migranten: Heimweh kann krank machen

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Migranten

Heimweh kann krank machen


Von Gabriele Buschlinger / Die gesundheitliche und vor allem die psychosoziale Versorgung für Migranten ist in Deutschland unzureichend. Experten fordern bilinguales Fachpersonal und muttersprachliche Therapeuten sowie die interkulturelle Öffnung des Gesundheitssystems.

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In Deutschland leben mehr als 15 Millionen Menschen mit ausländischen Wurzeln. Doch das Gesundheitssystem ist auf diese Patientengruppe ungenügend eingerichtet. Bilinguales Personal für türkische, russische oder polnische Patienten, die nicht fließend deutsch sprechen, ist die Ausnahme in hiesigen Kliniken und Praxen. Besonders gravierend ist das Problem in der psychosozialen Versorgung. Es gibt wenig muttersprachliche Therapeuten und kultursensible Therapiekonzepte. Dabei sind Menschen mit Migrationshintergrund einer höheren psychischen Belastung ausgesetzt als die einheimische Bevölkerung.




Migranten haben eine erhöhtepsychische Vulnerabilität, weil sie denVerlust der Heimat verkraften müssen. Auch Kinder aus Einwandererfamiliensind besonderen psychischenBelastungen ausgesetzt.Foto:

TK/Michael Zapf


Seelisch belastet können nicht nur Flüchtlinge sein, die traumatisierende Erlebnisse wie Krieg, Flucht, Folter, Vertreibung und Verfolgung im Heimatland verarbeiten müssen und die der ungewisse Aufenthaltsstatus oder die Angst vor Abschiebung quält. Auch frühere Gastarbeiter der ersten Generation und ihre Nachkommen, die in Deutschland geboren und aufgewachsen sind, können Probleme haben, sagt Privatdozentin Dr. Iris Tatjana Graef-Calliess, leitende Ärztin der Tagesklinik am Zentrum für Transkulturelle Psychiatrie und Psychotherapie des Klinikum Wahrendorff in Hannover-Linden, im Gespräch mit der Pharmazeutischen Zeitung.

 

Innere Zerissenheit

 

So erfährt ein Teil der in Deutschland lebenden Migranten im Alltag Diskriminierungen, hat Sprachprobleme oder wirtschaftliche Sorgen. Kulturelle und religiöse Unterschiede wiederum machen insbesondere jungen Türkinnen zu schaffen, erklärt die Fachärztin für Psychiatrie und Psychotherapie. Die westlichen Werte, mit denen Türkinnen in der Außenwelt groß geworden sind, seien nicht vereinbar mit den oft nach wie vor patriarchalisch-hierarchischen Familienstrukturen, die zu Hause herrschten. Stichwort Zwangsheirat. Türkische Mädchen begehen Studien zufolge fünfmal so oft Selbstmordversuche und beinahe doppelt so oft Selbstmord wie ihre deutschstämmigen Altersgenossinnen. »Ihre Zerrissenheit ist höher als die ihrer Eltern«, so Graef-Calliess. Während die erste Generation das Fremde als »eindeutig fremd« erlebe und sich seine Wertebezüge zur Heimatkultur im Familienrahmen erhalte, hätten insbesondere die Mädchen Schwierigkeiten mit dem Lebenzwischen den zwei widersprüchlichen Kulturen und ihren unterschiedlichen Rollenverständnissen der Frauen.

 

Erhöhte Vulnerabilität

 

Dass Menschen mit ausländischer Herkunft häufiger als Einheimische psychisch erkranken, ist zwar nicht belegt, stellt die Fachärztin klar. »Aber sie haben eine deutlich höhere Vulnerabilität, weil sie durch den Verlust der Heimat und der vertrauten Lebensweise zusätzliche Entwicklungsaufgaben zu bewältigen haben.« Das bedeutet, dass Migranten leichter emotional verwundet werden können und ein höheres Risiko für psychische Störungen aufweisen. Die Expertin spricht von einer erhöhten Depressivität – die nicht zwangsläufig in eine Depression münden muss.

 

Nicht alle Ethnien seien gleichermaßen von der erhöhten Depressivität betroffen, betont Graef-Calliess, die auch der Forschungsgruppe »Interkulturelle Psychiatrie – Versorgung von Migranten« der Medizinischen Hochschule Hannover angehört. Aber grundsätzlich gelte: Je fremder das Einwanderungsland hinsichtlich Religion, Kultur und Werten sei, desto höher sei auch der »akkulturative Stress« für den Auswanderer. Italiener und Spanier kämen in Deutschland vergleichsweise leichter zurecht als Türken oder Russen. Insgesamt gelte: Heimweh kann krank machen. Und je stärker die neue Lebensweise vom Gewohnten abweicht, desto höher ist das Risiko, ernsthaft zu erkranken.

 

Trotz der erhöhten Belastungen gehen Migranten aber seltener zum Arzt, und zum Psychotherapeuten. »Die Gründe sind vielfältig«, so Graef-Calliess. Einerseits halten Sprach- und Kulturbarrieren sowie mangelnde Informationen über die deutschen Gesundheitsangebote von Praxisbesuchen ab. Andererseits ist die Akzeptanz für Psychotherapie bei anderen Nationalitäten anders. So sei belegt, dass Türken und Russen eine erhöhte Somatisierungsrate aufweisen. Sie neigen dazu, körperliches Unwohlsein oder diffuse Ängste und Schlafstörungen körperlichen Erkrankungen zuzuschreiben und dafür eine medizinische Behandlung anzustreben. Der Zusammenhang zwischen Leib und Seele bliebe häufig unberücksichtigt.

 

Mitarbeiter mit Migrationshintergrund

 

Auch wenn eine Therapie begonnen wird, können Schwierigkeiten auftreten: Schon in der Muttersprache fällt es vielen Patienten schwer, die passenden Worte zu finden, um ihre Gefühle und Gemütslage zu schildern. In einer fremden Sprache wird eine Therapie nahezu unmöglich. Flächendeckend muttersprachliche Therapeuten wären sinnvoll, sagt Graef-Calliess. Aber die Kassenärztlichen Vereinigungen vergeben dafür nach wie vor keine Sonderzulassungen. Noch sinnvoller wäre nach Ansicht der Deutschen Gesellschaft für Psychiatrie, Psychotherapie und Nervenheilkunde (DGPPN), in deren Referat »Interkulturelle Psychiatrie und Psychotherapie, Migration« Graef-Calliess transkulturell-psychiatrische Methoden mitentwickelt, »eine interkulturelle Öffnung des deutschen Gesundheitswesen«.




Foto:

Fotolia/WavebreakmediaMicro


Das bedeutet laut einem DGPPN-Positionspapier zum Thema »Perspektiven der Migrationspsychiatrie in Deutschland« vom September 2012 die »gezielte Einstellung von Mitarbeitern mit Migrationshintergrund«. Bislang leisten im gesamten Gesundheitsbereich Angehörige, Bekannte oder auch mal eine Stations-Reinigungskraft Übersetzungsarbeit, erklärt die Fachärztin. Bei einer Schnittwunde möge das vielleicht noch angehen. »Aber wenn der Sohn oder die Tochter die Selbstmordgedanken des Vaters oder für ihn während einer Prostatauntersuchung übersetzen soll, ist das eine Zumutung für alle Beteiligten.« Vor Familienmitgliedern falle es schwer, offen über Probleme und Ängste zu reden.

 

Die DGPPN fordert daher den »routinemäßigen« Einsatz von neutralen und qualifizierten »Sprach- und Kulturmittlern«, sobald Verständigungsprobleme bestehen. »Eine gesetzliche Regelung der Kostenübernahme von Dolmetschern ist dringend notwendig«, heißt es in dem Positionspapier. In den Niederlanden tun dies die Krankenkassen längst, berichtet Graef-Calliess. In Deutschland nicht.

 

 

 

Gesetzliche Regelung notwendig

 

Aber würden tatsächlich mehr Migranten psychotherapeutische Hilfen in Anspruch nehmen, wenn es mehr muttersprachliche Therapeuten und bilinguales sowie kultursensibles Fachpersonal gäbe? Natürlich würden sich die Vorbehalte nicht auf einen Schlag in Luft auflösen, so Graef-Calliess. Auch bliebe bei einigen Migranten die Scham, sich ausgerechnet gegenüber einem Landsmann zu öffnen und im Wartezimmer womöglich Nachbarn zu treffen, die dann im Bekanntenkreis tratschten. Aber die Nachfrage nach psychotherapeutischer Hilfe steige mit einem bilingualen und interkulturellen Angebot.

 

Diese Erfahrung hat die Fachärztin bei ihrer Arbeit am Klinikum Wahrendorff gemacht. Das psychiatrische und psychosomatische Fachkrankenhaus ist mit seinem Transkulturellem Zentrum bereits seit mehreren Jahren auf ausländische Patienten eingestellt: Ärzte und Therapeuten sowie Sozialdienstmitarbeiter und sogar Pflegekräfte können fließend deutsch und türkisch oder eine andere Fremdsprache sprechen und die Dolmetscher sind psychologisch geschult. Im Aufbau sei derzeit noch ein polnisch sprechendes Team. Etwa die Hälfte der Patienten habe mittlerweile ausländische Wurzeln.

 

Der Erfolg gibt dem Konzept recht: »Wir können uns nicht retten vor Patienten-Anfragen«, berichtet Graef-Calliess. Durch den Wegfall der Sprach- und Kulturbarrieren kann ein therapeutisches Vertrauensverhältnis geschaffen werden. Und die Erfolgsaussichten der Behandlung steigen. Denn wenn psychische Erkrankungen bei Migranten unerkannt und unbehandelt bleiben, können diese chronisch werden und zu Frühverrentung, Berufsunfähigkeit oder Pflegefällen führen. /



Beitrag erschienen in Ausgabe 04/2014

 

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