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Weizensensitivität: Wenn Brot Beschwerden macht

MEDIZIN

 
   
Weizensensitivität

Wenn Brot Beschwerden macht


Von Nicole Schuster / Wer nach dem Verzehr von getreide­haltigen Produkten Beschwerden entwickelt, kann außer an den bekannten Krankheiten Zöliakie und Weizenallergie auch an einer Weizensensitivität leiden. Betroffene sollten ihre Ernährung anpassen, müssen aber meistens nicht konsequent auf alle getreidehaltigen Produkte verzichten.

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Unter den Getreideunverträglichkeiten ist die Weizensensitivität eine noch wenig erforschte Erkrankung. Schätzungen zufolge leiden etwa 5 bis 7 Prozent, laut einigen Studien sogar bis zu einem Viertel der Bevölkerung an einer Form diese Störung. Frauen sind häufiger betroffen als Männer, und auch schon Kinder können erkranken.

 

In den letzten Jahren hat die Anzahl der Personen, die Brot, Pizza oder Nudeln nicht vertragen, zugenommen. Fraglich ist, ob es sich hier um einen tatsächlichen Anstieg handelt oder um ein erhöhtes Bewusstsein. Als Risikofaktor und mögliche Begründungen für die Zunahme der beobachteten Fälle diskutieren Wissenschaftler das steigende Alter der Menschen, genetische Faktoren, die westliche Lebensweise sowie allergisierende und die Sensitivität erhöhende Stoffe.

 




Getreide und Brot sind Grund­- nahrung­s­mittel: Doch immer mehr Menschen reagieren auf sie mit Beschwerden wie Bauchschmerzen, Durchfall oder Blähungen. Ursache kann eine Weizensensitivität sein.

Foto: Fotolia/Grecaud Paul


Die Symptome ähneln denen bei einer Zöliakie oder Weizenallergie. Patienten klagen nach Genuss von Getreideprodukten über Bauch­schmerzen, Blähungen und häufig auch Durchfall. »Die Beschwerden müssen nicht auf den Bauchraum begrenzt sein. Es können auch Symptome wie Kopfschmerzen, Neuropathie, Lethargie, Auf­merk­sam­keits­de­fizit­stö­run­gen oder Muskelbeschwerden auftreten«, sagt Professor Dr. Detlef Schuppan, Facharzt für Innere Medizin und Gastroenterologie und Leiter der Zöliakie-Ambulanz am Uni­ver­si­täts­kli­ni­kum Mainz im Gespräch mit der Pharmazeutischen Zeitung.

 

Gluten in Verdacht

 

Als die Störung Mitte der 1980er-Jahre entdeckt wurde, nahmen Mediziner einen Zusammenhang mit dem Klebereiweiß Gluten an und sprachen von der Glutensensitivität. Bei Gluten handelt es sich um ein Gemisch verschiedener, strukturell ähnlicher Speicherproteine, wie Gliadin und Glutenin das insbesondere in Weizen, Roggen und Gerste, aber auch älteren Getreiden wie Dinkel, Einkorn und Emmer vorkommt. Die Bezeichnung Klebereiweiß hat das Proteingemisch bekommen, da es beim Backen den Teig geschmeidig macht. »Da wir heute wissen, dass Gluten wahrscheinlich nicht der entscheidende Auslöser für die Beschwerden bei Glutensensitivität ist, bevorzugen wir den Begriff Weizensensitivität«, erklärt Schuppan.

 

Forschungen deuten darauf hin, dass die als natürliche Insektenabwehrstoffe bekannten alpha-Amylase-Trypsin-Inhibitoren (ATI) eine Hauptrolle im Entstehungsprozess der Weizensensitivität spielen. Sie kommen in Hochleistungsweizen verstärkt vor, um höhere Erträge zu erzielen. ATI gehören nicht zu Gluten, sondern zu einer separaten Proteinklasse – die die zweithäufigste in Getreiden ist. Die Zunahme an ATIs in unserer Ernährung könnte mit der steigenden Häufigkeit von Weizensensitivitäten zusammenhängen. Diese entzündliche Erkrankung müssen Ärzte von einer Vielzahl anderer Krankheiten abgrenzen, zu denen das Reizdarm-Syndrom und eine Intoleranz gegenüber fermentierbaren Oligo-, Di- und Monosacchariden, den sogenannten FODMAPs, gehören. FODMAPs wie Sorbitol, Fructose und Galactose verursachen zwar Beschwerden wie Blähungen oder Durchfall, sind aber unschädlich.




Eine Weizenallergie ist im Pricktest zu erkennen, eine Sensitivität nicht.

Foto: Superbild


Mehr als ein Nocebo-Effekt

 

Die Ähnlichkeiten mit der Zöliakie und der Weizenallergie führen dazu, dass die Leiden verwechselt werden und bis vor Kurzem auch häufig nicht klar getrennt wurden. Die verursachenden Me­cha­nis­men unterscheiden sich allerdings erheblich. Zöliakie entsteht, wenn sich das spezifische Immunsystem gegen Körperzellen richtet. Die Be­trof­fe­nen bilden Autoantikörper gegen ein körpereigenes Enzym, das ein im Gluten enthaltenes Protein so verändert, dass es eine Entzündungsreaktion in der Darmschleimhaut verursacht. Es kommt zum Verlust von Dünndarmzotten und einer nachhaltigen Schädigung der Dünndarmschleimhaut. Bei der Weizenallergie liegt eine Überreaktion des Immunsystems auf Weizeneiweiße wie etwa Weizen-Albumin, Globulin und Gluten vor. Sie führt unter anderem zu Bauchschmerzen. Das Immunsystem richtet sich hier aber nicht wie bei der Zöliakie gegen Körperzellen und zerstört auch nicht die Darmschleimhaut.

 

Bei der Weizensensitivität liegen weder ein allergischer noch ein zerstörender Au­to­immun­pro­zess den Beschwerden zugrunde. Forschungen weisen darauf hin, dass es sich hier um eine Reaktion des angeborenen Immunsystems handelt. »ATIs aus dem Weizen aktivieren das angeborene Immunsystem, zu dem Makrophagen, Monozyten und dendritische Zellen gehören, und können so bereits angelegte Entzündungen und Autoimmunerkrankungen beschleunigen. Dies kann wahrscheinlich Entzündungsreaktionen überall im Körper begünstigen«, sagt Schuppan. Als Beispiele nennt der Experte chronisch entzündliche Darmerkrankungen, Diabetes oder Multiple Sklerose.


ATI

Alpha-Amylase-Trypsin-Inhibitoren (ATI) sind eine Gruppe von in Weizen und verwandten Getreidearten vorkommenden Proteinen, die als natürliche Abwehrstoffe gegen Krankheiten und Parasiten fungieren. Sie blockieren das stärkeabbauende Enzym Amylase und das proteinabbauende Trypsin. Durch Züchtung besonders resistenter Weizenarten ist der ATI-Gehalt im Weizen stark gestiegen. Über den Toll-like-Rezeptor 4 (TLR4) aktivieren die ATI das angeborene Immunsystem und initiieren eine Entzündung. Neuen Erkenntnissen zufolge sind sie auch starke Al­lergene, die eine Weizenallergie auslösen können.


Eine Ausschlussdiagnose

 

Die Diagnose der Weizensensitivität ist bisher eine Ausschlussdiagnose. Blutmarker, die zur Absicherung herangezogen werden könnten, sind nicht bekannt. Die Diagnose wird gestellt, wenn Beschwerden vorliegen, die denen der Zöliakie oder Weizenallergie ähneln, die Patienten an diesen beiden Krankheiten aber eindeutig nicht leiden. Dies trifft zu, wenn weder die für Zöliakie kennzeichnenden Antikörper noch die weizenspezifischen Serum-IgE im Blut zu finden sind. Die Schwierigkeit der Diagnose mache es laut Schuppan wahrscheinlich, dass viele Patienten mit chronisch entzündlichen Krankheiten von ihrer Weizensensitivität noch gar nichts wissen. Studien zufolge muss sogar noch weiter gedacht werden. So gibt es Hinweise, die einen Zusammenhang zwischen der Weizensensitivität und psychiatrischen Krankheiten wie Autismus oder Schizophrenie als möglich erscheinen lassen.

 

Die vielen Unklarheiten rund um das noch junge Krankheitsbild veranlasst Kritiker zu bezweifeln, ob es die Empfindlichkeit überhaupt gibt. Sie halten es für möglich, dass ein Nocebo-Effekt von weizenhaltigen Lebensmitteln ausgehen könnte, sich die Patienten aus Angst vor möglichen schädlichen Wirkungen des Glutens bestimmte Symptome nur einbilden und die Sensitivität also nur vermeintlich besteht. Dem entgegnet Dr. Stephanie Baas von der Deutschen Zöliakie-Gesellschaft (DZG) gegenüber der PZ: »Studien haben mittlerweile bestätigt, dass es die Weizensensitivität gibt.« Ob allerdings jeder Patient, der unter entsprechenden Symptomen leidet, tatsächlich auf Weizen sensibel reagiere, müsse hinterfragt werden.Der bei der Zöliakie folgenschwere Abbau von Darmzotten ereignet sich bei der Weizensensitivität nicht und die bisher gefundenen entzündlichen Veränderungen sind eher unauffällig. Beobachtungen zeigen dennoch, dass die Patienten bei einer weizenarmen oder weizenfreien Diät schnell Erleichterung verspüren.




Hochleistungsweizen ist besonders resistent gegen Schädlinge. Er hat einen hohen Anteil an natürlichen Insektizidenen.

Foto: Fotolia/Pavel Timofeev


Da die schädlichen ATIs nur in gluten­hal­ti­gen Ge­treiden vorkommen, sollten Betroffene testweise die Aufnahme von entsprechenden Lebensmitteln reduzieren. Wer dann jedoch eine absolut glutenfreie Diät durchhalten möchte, stößt auch außer dem schmaler gewordenen Speiseplan auf Herausforderungen. Zwar müssen wei­zen­hal­ti­ge Inhaltsstoffe deklariert werden, vorgeschrieben ist aber nicht, dass die Her­stel­ler auch angeben müssen, wenn möglicherweise Spuren enthalten sind, wie es zum Beispiel bei Gummibärchen der Fall sein kann. Schuppan gibt hier jedoch Ent­war­nung: »Ein vollständiger Ausschluss von Weizen aus der Ernährung wie bei der Zöliakie ist bei der Weizensensitivität nicht notwendig, seitdem wir den Mechanismus über die angeborene Immunreaktion kennen. Das Meiden der großen Glutenquellen wie Brot, Pizza und Nudeln sollte ausreichen.«

 

Konsum in Maßen erlaubt

 

Eine Ernährungsumstellung ist auch ohnehin nur dann sinnvoll, wenn deren Nutzen im Einzelfall belegt ist. Gesunde Menschen profitieren nicht von einem Glutenverzicht. »Es gibt keinen ausreichenden Beleg dafür, dass eine weizenarme oder gar weizenfreie Ernährung gesunden Menschen nützt beziehungsweise Weizen und Weizenhaltiges ihnen schadet«, erklärt Baas. /


Weizenunverträglichkeiten

Es gibt drei Formen der Weizenunverträglichkeiten:

 

Zöliakie: Eine Autoimmunerkrankung, an der etwa 1 Prozent der Bevölkerung leidet. Das Immunsystem richtet sich unter anderem gegen das körpereigene Enzym Tissue-Transglutaminase, das am Gluten-Stoffwechsel beteiligt ist, was letztlich zur Bildung von Antikörpern gegen Gluten und einer Entzündung der Darmzotten bei Konsum von glutenhaltigen Nahrungsmitteln führt. Betroffene müssen Gluten strikt meiden. Die Diagnose wird durch Antikörper-Nachweis gestellt und durch endoskopische Biopsie gesichert.

 

Weizenallergie: Betroffen ist etwa eine von 1000 Personen in Deutschland. Patienten reagieren allergisch auf harmlose Bestandteile des Weizens wie Albumin, Globulin oder auch Gluten. Als Nahrungsmittelallergie kann sie Symptome wie Magen-Darm-Beschwerden als inhalative Allergie beim Einatmen von Mehlstaub zu Asthma und Ekzemen führen. Nachzuweisen ist sie durch Pricktest und IgE-Antikörper.

 

Weizensensitivität: Die Pathologie ist noch nicht vollständig verstanden. Vermutlich wird das angeborene Immunsystem von den im Weizen enthaltenen alpha-Amylase-Trypsin-Inhibitoren aktiviert. Es kommt zu leichten Entzündungsreaktionen im Darm, die zu Bauchschmerzen, Blähungen, Durchfall und unspezifischen Symptomen wie Müdigkeit führen können. Die Diagnose ist eine Ausschlussdiagnose und wird anhand der Symptomatik und Fehlen der Marker für Zöliakie und Weizenallergie gestellt.



Beitrag erschienen in Ausgabe 47/2013

 

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