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Botulinumtoxin: Profikarriere eines Neurotoxins

TITEL

 
Botulinumtoxin

Profikarriere eines Neurotoxins


Von Christiane Berg / Die Faltenbehandlung mit Botulinumtoxin boomt. Weitgehend unbemerkt von den Massenmedien hat das Nervengift in den letzten zwei Jahrzehnten jedoch eine Profi­karriere vor allem im Bereich ethischer Indikationen gemacht.

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Vor etwa 150 Jahren als Verursacher von Botulismus (vom Lateinischen botulus: Wurst) identifiziert, gilt Botulinumtoxin nach wie vor als stärkstes bekanntes Bakteriengift. 1822 beschrieb Justinus Kerner, Weinberg, in seiner Schrift »Das Fettgift – Ein Beytrag zur Untersuchung des in verdorbenen Würsten giftig wirkenden Stoffes« erstmals klinische ­Symptome wie Übelkeit und Erbrechen, Augenflimmern, Lichtscheu, Akkomodationslähmung, Doppelsehen, Schluckstörungen und verminderte Speichelsekretion bei Lebensmittelvergiftungen. 1897 wies der belgische Mediziner Emile Pierre Marie van Ermengem das Bakterium im Stuhl von Erkrankten und Verstorbenen nach, die verdorbene Speisen, offenbar Schinken gegessen hatten. 1946 gelang erstmals die Reindarstellung von Botulinum-Neurotoxin A (BoNT A), drei Jahre später der Nachweis der Hemmung der Acetylcholinsekretion als Ursache für die beobachtete Muskellähmung.




In Deutschland sind drei Fertigarzneimittel von BoNT A mit unter­schiedlichen Indi­kationen auf dem Markt.

Foto: Superbild


1980 wurde BoNT A von dem Ophthalmologen A. Scott (Botulinum toxin injection into extraocular muscles as an alternative to strabismus surgery ­ J Pediatr Ophthalmol Strabismus. 1980 Jan-Feb; 17(1):21-25) aus San Franzisko zur Therapie des Strabismus (Schielen) injiziert. Er entdeckte, dass es sich ebenfalls zur Therapie des Blepharospasmus (Lidkrampf) einsetzen lässt und soll damit die heutige Standardtherapie der meisten Formen lokaler Dystonien (schwere Bewegungsstörungen) begründet haben. 1992 wurde erstmals der glättende Effekt von Botulinumtoxin A auf Hautfalten beschrieben. Wurde das Toxin seitdem off label im kosmetischen Bereich eingesetzt, so erhielt es die Zulassung zur Behandlung von Glabellafalten (Stirnfalten) in Deutschland 2006.

 

In der Bundesrepublik sind drei Fertigarzneimittel von BoNT A mit unterschiedlichen Indikationen auf dem Markt: Botox® (Allergan), Dysport® (Ipsen Pharma) und Xeomin® (Merz Pharmaceuticals). Alle drei sind Pulver zur Herstellung einer Injektionslösung, aber nicht austauschbar.

 

Nicht nur Life-Style-Präparat

 

Das Protein des Anaerobiers Clostri­dium botulinum dient keinesfalls nur als Life-Style-Präparat zur Glättung von Stirn-, Lach-, Zornes- und Decolletéfalten. Seit mehr als 20 Jahren wird das Bakteriengift als Arzneimittel in der Neurologie und Rehabilitationsmedizin, hier zur Behandlung spezifischer spastischer (dystoner) Bewegungsstörungen, sowie zur Behandlung der Hyperhidrosis (übermäßiges Schwitzen) genutzt.

 

Zudem wurde ein Botulinumtoxin-A-Präparat im September 2011 vom Bundesinstitut für Arzneimittel und Medizinprodukte (BfArM) zur Therapie der Harninkontinenz bei Erwachsenen mit Detrusorhyperaktivität bei neurogener Blase infolge einer Rückenmarksverletzung oder bei Multipler Sklerose (MS) zugelassen (1).

 

Außerdem erhielt es die Genehmigung zur Anwendung bei Erwachsenen mit chronischer Migräne (Kopfschmerzen an mehr als 15 Tagen pro Monat, davon mindestens acht Tage mit Migräne), die auf eine prophylaktische Migränemedikation nur unzureichend ansprechen oder diese nicht vertragen. Diese Genehmigung erfolgte auf Basis des Verfahrens der gegenseitigen Anerkennung in 14 europäischen Ländern.

 

Zulassung bei Reizblase

 

Zu Beginn dieses Jahres nahm Botulinum-Neurotoxin A eine weitere Stufe auf der Erfolgsleiter der ethischen Indikationen. Es darf zur Behandlung von Erwachsenen mit idiopathisch über­aktiver Blase mit den Beschwerden Harninkontinenz, imperativer Harndrang und häufiges Wasserlassen eingesetzt werden, die auf Anticholinergika nur unzureichend ansprechen oder diese nicht vertragen (1).




Die Symptome der überaktiven Blase weisen bei Männern und Frauen die gleiche Prävalenz auf und nehmen mit dem Alter zu.

Foto: Fotolia/Ideen


Gemäß einer Untersuchung in sechs europäischen Ländern leiden im Mittel etwa 17 Prozent der Menschen über ­ 40 Jahre an den Symptomen einer idiopathisch, also ohne erkennbare Ursachen entstandenen überaktiven Blase. »Die Symptome der überaktiven Blase weisen bei Männern und Frauen die gleiche Prävalenz auf und nehmen mit dem Alter zu«, berichtete Professor Dr. Klaus Jünemann, Direktor der Urologischen Klinik am Universitätsklinikum Schleswig-Holstein, Kiel, und Vorsitzender der Deutschen Kontinenzgesellschaft (2). Der Urologe sprach von einem quälenden Leiden mit starken Auswirkungen auf das Alltags- und Berufsleben, die oftmals zu sozialer Isolation und Vereinsamung führen. »Viele Betroffene trauen sich nicht mehr auf die Straße, da sie nicht wissen, ob sie es bis zur nächsten Toilette schaffen. Ihr emotionales Befinden wird von Schamgefühlen, Minderwertigkeitskomplexen und Depressionen geprägt.« Dennoch bleibe die Erkrankung meist unbehandelt.

 

Insbesondere Frauen, so Jünemann, berichten über beeinträchtigte Sexualfunktionen. Unter Umständen vermeiden sie sogar jegliche sexuelle Aktivität, da sie einen Urinabgang während des Geschlechtsverkehrs fürchten. Der Urologe sprach von einer starken Tabuisierung des Themas. Viele Patienten sprächen selbst mit ihrem Arzt nicht über ihre Blasenprobleme. Daher seien sie über adäquate Therapiemöglichkeiten oft nicht informiert.

 

Meilenstein in der Therapie

 

Die exakten Ursachen der idiopathisch überaktiven Blase sind meist unbekannt. Es wird auch eine neurophysiologische und/oder psychologisch bedingte Fehlsteuerung des Blasenmuskels diskutiert, die zu einem gestörten Zusammenspiel von Blasen- und Beckenbodenmuskulatur sowie zu unwillkürlichen Kontraktionen des Blasenmuskels führt.

 

Das Spektrum der Therapie umfasst Gewichtsreduktion, Blasen- und Beckenbodentraining sowie die Versorgung mit Inkontinenzprodukten und die intermittierende Selbstkatheteri­sierung. Arzneimittel wie Anticholinergika, Flavoxat, Impiramin und gegebenenfalls Estrogene kommen ebenso wie operative Maßnahmen zum Einsatz.

 

Laut Jünemann werden nur circa 20 Prozent der Patienten medikamentös therapiert (2). Mehr als die Hälfte davon bricht die Einnahme aufgrund fehlender Wirksamkeit oder unerwünschter Nebenwirkungen innerhalb der ersten zwölf Monate ab. Meistens kommen zunächst Anticholinergika wie Oxybutynin, Propiverin, Tolterodin oder Trospiumchlorid zum Einsatz. Jedoch sei ein klinischer Nutzen bei 60 Prozent der Patienten nicht nachweisbar, erklärte der Urologe. Ein Viertel erleide Nebenwirkungen wie Mundtrockenheit oder zentralnervöse Effekte wie Schlaf- und Gedächtnisstörungen oder Verwirrtheitszustände. Auch andere gängige Therapieoptionen zeigten nicht immer die erwarteten Effekte.

 

Die Zulassung von BoNT A bezeichnet Jünemann als »Meilenstein« in der Therapie der Reizblase (2). Denn neben einer deutlichen Erhöhung der Therapieerfolge steige die Lebensqualität der Patienten, die häufig erstmals »endlich Ruhe« erfahren.

 

Gute Studiendaten

 

Die produktspezifische Zulassung basiert auf zwei doppelblinden, placebokontrollierten, randomisierten 24-wöchigen Phase-III-Studien (EMBARK) an 1105 Patienten mit überaktiver Blase und den Symptomen Harninkontinenz, imperativer Harndrang und Pollakis­urie. Sie klagten über mehr als fünf Harninkontinenz-Episoden pro Tag und sprachen auf Anticholinergika nicht ausreichend an. Die Patienten erhielten 100 Botox-Einheiten lokal in den Blasenmuskel injiziert.

 

Im Vergleich zur Placebogruppe reduzierte sich die Zahl der Harninkontinenz-Episoden signifikant und klinisch relevant (1). Nach der ersten Injektion war mehr als ein Viertel der Patienten der Verumgruppe und damit dreimal mehr als in der Placebogruppe (27 versus 8 Prozent) vollständig kontinent; in den folgenden zwölf Wochen trat bei ihnen kein unfreiwilliger Harnverlust auf. 60 Prozent der Patienten der Ve­rumgruppe erreichten mehr als eine Halbierung der Harninkontinenz-Episoden (31 Prozent unter Placebo). Häufige Symptome einer überaktiven Blase wie Harndrang und Miktionsfrequenz nahmen deutlich ab. Die Verbesserung der Symptome hielt durchschnittlich etwa 24 Wochen an (1).

 

Die mit Botulinumtoxin behandelten Patienten berichteten zudem über einen deutlichen Rückgang von psychosozialer Beeinträchtigungen und Schamgefühlen. Die geringe Studien­abbruchrate von unter 2 Prozent wertet Jünemann als Zeichen einer guten Verträglichkeit. Vorrangige Nebenwirkungen waren Infektionen der Harnwege sowie Schmerzen bei der Blasenent­leerung.

 

Jünemann betonte, dass die Zulassungen ausschließlich für das Botulinumtoxinpräparat erteilt wurden, mit dem die Studienprogramme durchgeführt wurden (Botox). Die Übertragung von Studienergebnissen auf andere biologische Präparate, die nicht zuletzt auch anders gewonnen und gereinigt werden, sei nicht möglich.


So sieht Botox aus

Die anaerob wachsenden Bakterien der Gattung Clostridium botulinum produzieren hoch wirksame Nervengifte. Neben Botulinum-Neurotoxin (BoNT) A und B sind dies mit C, D, E, F und G fünf weitere, also insgesamt sieben Serotypen von Botulinumtoxinen. Es handelt sich um Proteinkomplexe, die sich aus dem eigentlichen Serotyp-spezifischen Neurotoxin, ­Hämagglutininen und einem nicht ­toxischen Protein zusammensetzen. Ursprünglich bekannt wurde BoNT durch die heutzutage seltene Erkrankung Botulismus, eine tödliche Lebensmittelvergiftung.

 

Wie das Nervengift aus dem Gastrointestinaltrakt in das Blut des Menschen gelangt, haben Dr. Andreas Rummel vom Institut für Toxikologie der Medizinischen Hochschule Hannover (MHH) und amerikanische Kollegen vor kurzem veröffentlicht. Die Forscher fanden heraus, dass sich dazu drei weitere Proteine zu einem zwölfteiligen Subkomplex zusammenlagern. »Die Struktur erinnert entfernt an das Mondlandemodul der Apollo-Mission«, erklärt Rummel in einer Pressemitteilung (10). Dieser sogenannte HA-Komplex binde über bis zu neun Kontaktpunkte an Zucker auf der Oberfläche des Dünndarmepithels und öffne Zell-Zell-Kontakte, um das Toxin effizient in die Blutbahn gelangen zu lassen. Mit Hilfe von Elektronenmikroskopie und Röntgenstrukturanalysen konnten die Forscher die Raumstruktur des Komplexes aufklären, der aus mehr als 6500 Aminosäuren besteht. Das Neurotoxin, eine Zink-bindende Endoprotease, besteht aus einer leichten und einer schweren Kette, die über eine Disulfidbrücke und ionische Kräfte miteinander verbunden sind (4). Es sind die schweren Ketten, die für die Spezifität der Giftwirkung des jeweiligen Serotyps verantwortlich sind. Nach Resorption aus dem Gastrointestinaltrakt docken diese an spezifische Rezeptoren auf der Plasmamembran cholinerger Nervenendigungen an. Man nimmt an, dass für jedes Serotyp-spezifische Neurotoxin unterschiedliche Rezeptoren existieren.

 

Wurde das Neurotoxin durch Endozytose in die synaptische Endigung aufgenommen, so ändert es im sauren Milieu seine Konformation und wird nunmehr in das Zytosol eingeschleust, wo die leichte und die schwere Kette durch zelleigene Reduktionsenzyme getrennt werden. Die leichten Ketten fungieren nunmehr als Proteasen. Im terminalen Axon cholinerger Nerven spalten sie Fusionskomplexe, die die Bindung und Verschmelzung Acetylcholin-enthaltender Vesikel mit den präsynaptischen Membranen regulieren.

 

BoNT A und E zerstören sogenannte SNAP25-Proteine (synaptosomal-associated proteins of 25 kD), während die Botulinumtoxine B, D, F und G sogenannte VAMP (vesicle associated membran proteins) und Botulinumtoxin C Syntaxin angreifen. Alle drei sind Eiweiße der Fusionskomplexe (4). Im Gegensatz zu den Neurotoxinen A und B besteht für die therapeutische ­Effektivität der nur kurz wirksamen Serotypen C, D, E, F und G keine ausreichende Datenlage. 


Neuromuskuläre Blockade

 

BoNT A wird unter Lokalanästhesie oder Vollnarkose, gegebenenfalls auch unter zusätzlicher Sedierung appliziert. Es blockiert die periphere Acetylcholin-Freisetzung an den präsynaptischen Endigungen der Nervenfasern und unterbricht somit die Impulsübertragung vom Nerven auf den Muskel. Daraus resultieren Lähmungen der quergestreiften und glatten Muskulatur innerhalb von drei bis 14 Tagen.

 

Die Wirkung hält durchschnittlich mindestens ein Vierteljahr lang an. In dieser Zeit bilden sich neue muskuläre Übertragungsstellen, die das ursprüngliche Symptom nach und nach wieder auftreten lassen. Bei Patienten mit hyperaktiver Blase wird das Neurotoxin alle sechs Monate in den Blasenmuskel injiziert. Sehr oft sind auch größere zeitliche Abstände von ein- bis eineinhalb Jahren möglich.

 

Die Krankenkassen erstatten die Kosten der Therapie in den zugelassenen Indikationen. Wird das Neurotoxin zur Therapie der Reizblase derzeit noch überwiegend im stationären Bereich angewandt, so nimmt der Einsatz in urologischen und gynäkologischen Praxen jedoch zu.

 

Das Medikament sollte nur von Ärzten mit geeigneter Qualifikation angewandt werden. Notwendig ist eine Zertifizierung, also der Erwerb des ­Qualitätsnachweises »Qualifizierte Botulinumtoxintherapie«. Neurologen, Gynäkologen oder Urologen müssen dafür Kenntnisse zur Handhabung des Arzneimittels (Einheiten, optimale Dosistitration, Verdünnungen), zur Injektionstechnik und zur Anatomie der spezifischen Indikationsbereiche haben. Auch der Arbeitskreis Botulinum-Toxin (AkBoNT) e. V. der Deutschen Gesellschaft für Neurologie (DGN) in Berlin weist auf die »ausgeprägte Abhängigkeit der Wirksamkeit der Therapie vom Erfahrungs- und Ausbildungsstand des Therapeuten« hin (3). Der Arbeitskreis listet zertifizierte Ärzte auf seiner Homepage auf (www.botulinumtoxin.de/zertifizierte_mitglieder.html).




Die Therapie der chronischen Migräne ist ein relativ junges Einsatzgebiet für Botox.

Foto: Carina Jahn


Viele Indikationen

 

Neben der Blasenkontrolle ist die Therapie der chronischen Migräne ein relativ junges Einsatzgebiet für Botox (1). Der Wirkmechanismus ist nicht vollständig geklärt. Sicher ist, dass es oft schon vor der Entspannung überaktiver Muskeln zur Schmerzlinderung kommt (3). Heute wird die ­direkte inhibitorische Wirkung auf Nozizeptoren unabhängig von neuromuskulären Effekten diskutiert. Das Neurotoxin wird in der Therapie der chronischen Migräne meist beidseitig rechts und links in sieben spezifische Kopf-Nackenmuskel-Bereiche injiziert. Das empfohlenen Intervall für Wiederholungsbehandlungen liegt bei 16 Wochen.

 

Seit mehr als zwei Jahrzehnten ist Botulinumtoxin A in Deutschland zugelassen zur Therapie von Blepharospasmus (Lidkrampf), hemifaszialen, also halbseitigen Gesichtspasmen und begleitenden fokalen, also auf eine Körperregion begrenzten oder zervikalen, also den Hals-Nacken-Bereich betreffende Dystonien (1, 8, 9). Dies sind Bewegungsstörungen mit anhaltenden unwillkürlichen Muskelkontraktionen, die den Körper oder Körperteile wie Kiefer, Hals, Nacken, Hände, Füße oder Rumpf in abnorme, teils bizarre Posi­tionen zwingen.

 

Wie bei vielen anderen Dystonieformen hat BoNT A einen hohen Stellenwert auch in der Therapie der Musikerdystonie. Hier sind feinmotorische ­Bewegungsabläufe beim Instrumentalspiel beeinträchtigt. Die Störung führt zum Verlust der Kontrolle lang geübter, zeitlich und räumlich präziser Bewegungsabläufe. Das charakteristische Bild zeigt sich zum Beispiel als Pianisten- oder Geigerkrampf mit unwillkürlichem Einrollen oder Abspreizen einzelner oder mehrerer Finger während des Spiels. Die Diagnose muss von einem in der Musikermedizin erfahrenen Neurologen gestellt werden und setzt voraus, dass dieser die Bewegungsabläufe am Instrument kennt (5).

 

»On label« wird das Neurotoxin außerdem zur Behandlung einer Spastizität der Hand nach Schlaganfall sowie bei einer Spitzfußstellung bei gehfähigen Patienten mit infantiler Zerebralparese eingesetzt.




Das Neurotoxin wird unter anderem auch zur Behandlung einer Spastizität der Hand nach Schlaganfall eingesetzt.

Foto: Superbild


BoNT A blockiert nicht nur die Freisetzung von Acetylcholin an den neuromuskulären Synapsen, sondern hemmt auch die Transmitterfreisetzung in autonomen cholinergen Nervenendigungen. Dies betrifft vorwiegend das cholinerge parasympathische Nervensystem, aber auch postganglionäre cholinerge sympathische Nerven, die zum Beispiel die Schweißdrüsen innervieren. Es ist daher auch zugelassen zur Therapie starker, fortbestehender primärer Hyperhidrosis axillaris.

 

Hyperhydrotische Bereiche können mit Hilfe von Standardanfärbemethoden, zum Beispiel dem Minor-Iod-Stärke-Test, ermittelt werden. In der Regel tritt eine klinische Besserung innerhalb der ersten Woche nach der Injektion ein. Die Wirkdauer beträgt sechs bis zwölf Monate, manchmal auch länger. Das gilt auch für die Therapie der ­Hyperhidrose an Händen, Füßen oder am Kopf, die jedoch off label erfolgt.

 

In Deutschland stehen neben Botox® noch die Präparate Dysport® (Indikationen: Spasmus hemifacialis, Blepharospasmus, Torticollis spasmodicus, Schiefhalssyndrom, und Armspastik nach Schlaganfall) und Xeomin® (Indikationen: Blepharospasmus und zer­vikale Dystonie, Spastik der oberen ­Extremitäten nach Schlaganfall mit Handgelenkbeugung und gefausteter Hand bei Erwachsenen) zur Verfügung. Alle drei enthalten BoNT A (1, 8, 9).




Eine weitere Indikation für BoNT A: starke primäre Hyperhidrosis axillaris.

Foto: Fotolia/ArTo


Dosisabhängige Wirkung

 

Die Wirkung des Toxins ist dosisabhängig und wird in herstellereigenen Einheiten gemessen. Beispiel: Die heutige Allergan-Einheit entspricht der ehemaligen Mouse Unit (MU) LD50. Eine MU ist die Toxinmenge, bei der nach intraperitonealer Applikation die Hälfte der Tiere einer bestimmten Mäusepopulation stirbt. Heute werden die Wirksamkeit einer Charge und deren Dosierung physikalisch bestimmt.

 

»Die drei BoNT-A-Präparate sind in ihrer Wirksamkeit und im Nebenwirkungsprofil nicht vergleichbar«, betonte Professor Dr. Wolfgang Jost, Wolfach, im Gespräch mit der Pharmazeutischen Zeitung. Die Präparate dürften auf keinen Fall äquivalent dosiert werden, da es sonst zu schweren unerwünschten Wirkungen kommen kann.

 

Nach Erfahrungen von Experten entspreche 1 MU Botox zur Behandlung der zervikalen Dystonie bei gleichen Verdünnungen etwa 3 bis 4 MU Dysport. Doch sei diese Erkenntnis nicht auf andere Muskeln oder Indikationsgebiete übertragbar. Jeder Therapeut müsse sich nach den für die jeweiligen Indikationen empfohlenen Dosisbereichen richten, betonte Jost. Doch müsse er stets auch die patientenindividuell richtigen Dosen mit der höchsten Effektivität und den geringsten Nebenwirkungen (zum Beispiel Ptosis, also Herabhängen des Oberlids bei der Behandlung des Blepharospamus, oder Schluckstörungen nach Injektion in Hals und Nacken) ermitteln.

 

Kontraindikationen

 

Allgemeine Kontraindikationen einer BoNT-Behandlung sind neben Schwangerschaft und Stillzeit Erkrankungen der neuromuskulären Übertragung wie Myasthenia gravis (Autoimmunerkrankung mit abnormer Ermüdbarkeit der quer gestreiften Muskulatur) oder Lambert-Eaton-Syndrom (ebenfalls eine Autoimmunerkrankung mit Myasthenie-artiger Muskelschwäche) sowie Myopathien und Motoneuronen­erkrankungen.

 

Auch Gerinnungsstörungen zählen zu den Kontraindikationen. Diskutiert wird, dass diese die Ausbreitung des ­Toxins in Gewebe außerhalb des Injektionsgebiets und somit teilweise ­lebensbedrohliche Komplikationen fördern könnten. Dieses wurde allerdings noch nie beobachtet, so Jost.

 

Nur circa 1 Prozent der mit BoNT A behandelten Patienten mit zervikaler Dystonie entwickeln laut Jost ein sekundäres Therapieversagen durch Bildung neutralisierender Antikörper. Bei Nachweis einer sekundären Therapieresistenz wird oftmals ein Versuch mit Clostridium-Serotyp Botulinumtoxin B (NeuroBloc® von Eisai) unternommen, das 2005 zur Therapie der zervikalen Dystonie zugelassen wurde. Jedoch sei auch hier mit der Bildung von Antikörpern zu rechnen.

 

Noch mehr Potenzial

 

Da BoNT A zur lokalen Behandlung autonomer Störungen, die mit cholinerger Überaktivität einhergehen, besonders geeignet ist, wird es nicht nur zur Therapie neurologischer und urologischer, sondern auch bei gastroenterologischen Indikationen eingesetzt. Beispiele sind Achalasie als neuromuskuläre Störungen, zum Beispiel des Ösophagus oder Analfissuren.

 

Zum Praxisalltag zählt zudem die Off-label-Therapie von Patienten mit übermäßigem Speichelfluss, patholo­gischer Tränensekretion, Tremor des Kopfes oder der Hände, Rigor bei Parkinson-Syndrom oder chronisch motorischen Tics. Trotz fehlender Zulassung sieht der Arbeitskreis Botulinumtoxin der Deutschen Gesellschaft für Neurologie »im Konsens mit der medizinischen Literatur die Voraussetzungen im Falle der Anwendung von Botulinumtoxin für eine Reihe von Indikationen als erfüllt« an (3).

 

Generell sei die Versorgung mit ­Botulinumtoxin zufriedenstellend, konstatiert die Deutsche Gesellschaft für Dystonie (DGD) e. V., die 1993 als Selbsthilfeorganisation gegründet wurde. Ein Defizit sei lediglich bei Patienten mit Spastik nach Schlaganfall zu beobachten, die von einer Behandlung mit dem Neurotoxin mehr als bislang profitieren könnten (6). Als Grund für die mangelnde Versorgung nennt die DGD die unzureichende Betreuung von Heimen durch Neurologen und die nicht geregelte ­Vergütung für Ärzte (7). Sowohl der ­Arbeitskreis Botulinumtoxin als auch die Dystonie-Gesellschaft setzen sich für eine Übernahme dieser Therapieleistung in die Gebührenordnung ein. /

 

Literatur

  1. Fachinformation Botox® 50, 100, 200 Allergan-Einheiten. Stand Dez. 2012.
  2. Pressekonferenz von Allergan am 17. April 2013, Hamburg.
  3. www.botulinumtoxin.de
  4. Naumann, M., Botulinumtoxin – Wirkprinzip und klinische Anwendung. Uni-Med Verlag, Bremen 2003.
  5. Auf dem Brinke, M., Therapeutenhandbuch Botulinumtoxin und Spastik. Thieme Verlag, Stuttgart 2011.
  6. Deutsche Gesellschaft für Dystonie, www.dystonie.de
  7. Raffauf, W., Behandlung mit Botulinumtoxin in neurologischen Praxen nicht die Regel. NeuroTransmitter 10/2012.
  8. Fachinformation Dysport®, 300 oder 500 Einheiten, Ipsen Pharma, Stand Mai 2102.
  9. Fachinformation Xeomin®, 50 oder 100 LD50-Einheiten, Merz, Stand 9/2012.
  10. So sieht Botox aus: Forscher entschlüsseln Funktion und komplizierte Raumstruktur des Neurotoxins. Presseinformation der ­Medizinischen Hochschule Hannover vom 15. Juli 2013.


Die Autorin

Christiane Berg studierte Pharmazie an der Christian-Albrechts-Universität in Kiel und wurde 1984 in der Abteilung Toxikologie des Zentrums Klinisch-Theoretische Medizin II (Leitung: Professor Dr. Otmar Wassermann) promoviert. Im selben Jahr ging sie als Redakteurin der Pharmazeutischen Zeitung nach Frankfurt am Main. Es folgte eine zweijährige Tätigkeit in einer Frankfurter PR-Agentur. Seit Gründung des norddeutschen Redaktionsbüros der Pharmazeutischen Zeitung 1989 lebt und arbeitet Berg in Hamburg.

 

Dr. Christiane Berg, Alte Rabenstraße 8, 20148 Hamburg, chris-berg(at)t-online.de

 



Beitrag erschienen in Ausgabe 37/2013

 

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