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Sozialdemokraten: Gute Beratung soll sich lohnen

POLITIK & WIRTSCHAFT

 
Sozialdemokraten

Gute Beratung soll sich lohnen


Von Stephanie Schersch und Ev Tebroke, Berlin / Professor Karl Lauterbach möchte Gesundheitsminister werden, sollten die Sozialdemokraten die Bundestagswahl gewinnen. Für Apotheker muss es seiner Ansicht nach ein neues Honorarsystem geben. Dabei soll die Qualität der Beratung eine große Rolle spielen, erläutert der gesundheitspolitische Sprecher der SPD im Interview mit der PZ.

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PZ: Die SPD erwähnt die Apotheker in ihrem Wahlprogramm mit keinem Wort. Welche Rolle spielen Apotheker Ihrer Ansicht nach im deutschen Gesundheitssystem?

 

Lauterbach: Wir konnten nicht jede Berufsgruppe in unser Wahlprogramm aufnehmen. Aber natürlich schätzen wir die Apotheker sehr. Sie sind eine gut ausgebildete Berufsgruppe in unserem Gesundheitssystem, die für die Versorgung der Menschen von großer Bedeutung ist.




Fotos: PZ/Kerstin Zillmer


PZ: Beim Apothekertag 2012 haben Sie sich dafür ausgesprochen, dass die Apotheker weitere Aufgaben übernehmen. Auch die Berufsvertretung debattiert derzeit über ein neues Leitbild, demnach soll die Beratung künftig eine noch größere Rolle spielen. Halten Sie das für den richtigen Weg?

 

Lauterbach: Ja, ich finde diesen Vorstoß gut, er deckt sich in weiten Teilen mit meinen eigenen Vorschlägen zu diesem Thema. Apotheker sind nicht nur mit Blick auf die Abgabe von Arzneimitteln gut ausgebildet, sie kennen sich auch mit den verschiedenen Krankheitsbildern sehr gut aus. Dieses Potenzial müssen wir stärker nutzen. Heute informieren sich viele Menschen im Internet über Gesundheitsthemen und geraten dabei häufig an unzuverlässige Quellen. Sie stoßen auf Informationen, deren Wahrheitsgehalt sie nicht überprüfen können. An dieser Stelle könnte der Apotheker eine wichtige Aufgabe übernehmen und den Patienten helfen, die Informationen objektiv zu bewerten.

 

PZ: Neue Aufgaben müssten dann natürlich auch honoriert werden. Beim Apothekertag im vergangenen Jahr haben Sie gefordert, die Struktur der Vergütung grundsätzlich auf den Prüfstand zu stellen. Wie genau stellen Sie sich das vor?

 

Lauterbach: Wir wollen das Vergütungssystem umstellen und arbeiten derzeit zusammen mit Apothekern an einem entsprechenden Konzept. Wenn wir eine belastbare und gute Beratung wünschen, dann müssen die Apotheker dafür auch ein entsprechendes Honorar bekommen. Derzeit werden Apotheker nicht belohnt, wenn sie besonders gut beraten. Im Gegenteil: Derjenige, der schlecht berät, macht sich weniger Arbeit und erhält am Ende trotzdem das gleiche Honorar. In Zukunft muss es darum gehen, die Qualität der Beratung zu honorieren.

 

PZ: Die Apotheker wünschen sich, dass eine regelmäßige Anpassung ihrer Honorierung künftig im Gesetz steht. Können Sie diese Forderung nachvollziehen?

 

Lauterbach: Das kann ich nachvollziehen, eine solche Regelung halte ich aber nicht für sinnvoll. Es gibt viele Parameter, die auf das Honorar Einfluss nehmen und einem ständigen Wandel unterliegen. Diese Kriterien lassen sich nicht in einem System erfassen, das den Honorar­zuwachs automatisch fortschreibt. Selbstverständlich muss die Vergütung aber regelmäßig überprüft werden.

 

PZ: Sie würden also verbindlich ins Gesetz schreiben, dass die Honorierung in gewissen Zeitabständen neu evaluiert werden muss?

 

Lauterbach: Das halte ich für überflüssig. Ein guter Gesundheitsminister stellt die Vergütung der Leistungserbringer regelmäßig auf den Prüfstand, ohne dass er sich selbst dazu per Gesetz verpflichten muss.

 

PZ: Rund um den Apothekenabschlag gab es zuletzt große Querelen zwischen Krankenkassen und Apotheken. Nun gibt es Überlegungen, den Abschlag in Zukunft festzuschreiben. Halten Sie das für sinnvoll?

 

Lauterbach: Diesen Vorschlag sehe ich kritisch. Das Apothekenhonorar muss immer in einem Gesamtpaket verhandelt werden, zu dem auch der Abschlag gehört. Von daher ist es wichtig, auch in diesem Punkt flexibel zu bleiben.

 

PZ: Kernstück der sozialdemokratischen Gesundheitspolitik ist eine Bürgerversicherung mit der die SPD der Zwei-Klassen-Medizin ein Ende setzen will. Nun schließt die Bürgerversicherung aber nicht aus, dass sich jeder zusätzlich über private Zusatzversicherungen absichern kann, wenn er das nötige Kleingeld besitzt. Damit könnte letztlich erst recht eine Zwei-Klassen-Medizin entstehen.

 

Lauterbach: Wir müssen bei der Einführung der Bürgerversicherung natürlich auch den Zusatzversicherungsmarkt regulieren. Private Zusatzversicherungen soll es letztlich nur für Komfort- und Luxusleistungen geben, wie zum Beispiel die stationäre Behandlung in einem Einzelzimmer. Das halte ich für unproblematisch. Einen Rest Zwei-Klassen-Medizin wird es immer geben, mit der Bürgerversicherung wollen wir sie aber drastisch eindämmen. Kernpunkt ist dabei ein einheitliches Vergütungssystem für Ärzte. Sie sollen künftig immer das gleiche Honorar bekommen, egal, ob der Patient gesetzlich oder privat versichert ist.




»Wenn wir eine gute Beratung wünschen, dann müssen die Apotheker dafür auch ein entsprechendes Honorar bekommen.«
Professor Karl Lauterbach, SPD

PZ: Eine Bürgerversicherung lässt sich nicht von heute auf morgen einführen. Welcher Schritt steht für Sie am Anfang?

 

Lauterbach: Die Bürgerversicherung wäre eine sehr große Reform. Die politischen Voraussetzungen für eine schnelle Gesetzgebung sind aber gut. Wir wollen zunächst ein Jahr lang den jetzt privat Versicherten die Möglichkeit geben, sich für die Bürgerversicherung zu entscheiden. Sie können wechseln, wenn sie wollen oder aber in der Privaten Krankenversicherung bleiben. Alle neu zu versichernden Personen und alle bislang gesetzlich Versicherten würden dann automatisch in die Bürgerversicherung aufgenommen.

 

PZ: Mit Blick auf die flächendeckende Versorgung spricht sich die SPD in ihrem Wahlprogramm für eine verstärkte Kooperation der Gesundheitsberufe aus. Das gemeinsame Versorgungsmodell von ABDA und KBV versucht, die Zusammenarbeit von Apothekern und Ärzten zu institutionalisieren. Halten Sie das für den richtigen Weg?

 

Lauterbach: Von diesem Modell halte ich persönlich nicht viel. Man wird nur sehr schlecht prüfen können, ob das Konzept tatsächlich eine bessere Versorgung der Patienten mit sich bringt. Gleichzeitig sorgt es für eine Menge Bürokratie. Die Zielrichtung des Modells begrüße ich allerdings. Die Vernetzung der Gesundheitsberufe muss neu durchdacht werden. Meiner Meinung nach müssen Apotheker im Rahmen der Integrierten Versorgung künftig eine größere Rolle spielen und auch in die Krankenhausmedizin aktiver eingebunden werden.

 

PZ: Welche Konzepte schweben Ihnen vor, um die Arzneimittelversorgung auf dem Land auch in Zukunft sicherzustellen?

 

Lauterbach: Wenn man die Medizin auf dem Land halten will, muss man sie gut bezahlen. Sowohl für Hausärzte als auch für Apotheker sollte es daher einen Zuschlag geben, der allein für die Grundsicherung vor Ort gezahlt wird.

 

PZ: Im Dezember 2011 hatte die SPD mit einem Parteitagsbeschluss für Wirbel gesorgt. Darin hieß es, die Partei wolle den Arzneimittelvertrieb liberalisieren, um Preisvorteile von größeren Vertriebsstrukturen zu erreichen. Wie ernsthaft denkt die SPD darüber nach, Apothekenketten einzuführen?

 

Lauterbach: Apothekenketten sind für uns derzeit kein Thema, wir sehen hier keinen Handlungsbedarf.

 

PZ: Wie bewerten Sie in diesem Zusammenhang den Vorstoß von Grünen-Fraktionschef Jürgen Trittin, der zuletzt die Abschaffung des Fremd- und Mehrbesitzverbots gefordert hat? Immerhin sind die Grünen der Wunschkoalitionspartner der SPD.

 

Lauterbach: Die Position von Jürgen Trittin ist nicht die der SPD. Über diesen Punkt müssten wir dann mit den Grünen verhandeln.

 

PZ: Angenommen die SPD übernimmt nach der Wahl erneut Regierungsverantwortung und das Gesundheitsressort. Was würde sich für die Apotheker unter einem Gesundheitsminister Karl Lauterbach ändern?

 

Lauterbach: Ich würde ein Vergütungssystem einführen, in dem das packungsbezogene Fixhonorar nicht mehr das dominierende Element ist. Stattdessen würde die Beratungsleistung der Apotheker stärker anerkannt, qualitativ bewertet und entsprechend honoriert. Im Zusammenwirken der Gesundheitsberufe würde der Apotheker damit eine deutliche Aufwertung erfahren. /



Beitrag erschienen in Ausgabe 36/2013

 

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