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Kaffee: Mehr als ein Genussmittel

TITEL

 
Kaffee


Mehr als ein Genussmittel


Von Karen Nieber / Stimmt es, dass Kaffee treibt, und zwar den Konsumenten zur Toilette? Warum macht er wach? Erhöht Kaffee den Blutdruck, sodass er Menschen mit Herz-Kreislauf- Problemen schadet? Viele Fragen, die einen Kaffeetrinker irgendwann einmal beschäftigen. Grund genug, das beliebteste Getränk der Deutschen genauer unter die Lupe zu nehmen.


Rund um den Kaffee und seine Wirkungen im menschlichen Organismus ­ranken sich zahlreiche fantasievolle ­Geschichten und oft auch veraltete ­Ansichten. Wie gesund Kaffee ist, belegen ständig neue Studien. Es ist selbst für Experten schwierig, hier den Überblick zu behalten. Andererseits fragen sich viele Kaffeeliebhaber, ob sie wirklich vier und mehr Tassen Kaffee am Tag trinken können. Sie fürchten gesundheitliche Schäden. In der Tat: Aus früheren Beobachtungsstudien schloss man, dass Kaffeetrinken mit einem erhöhten Krankheitsrisiko verbunden ist. Ernährungswissenschaftler haben lange Zeit vor dem Getränk gewarnt. Mittlerweile haben sie den Kaffee von seinem Negativ-Image freigesprochen – solange es bei drei bis fünf Tassen pro Tag bleibt. Experten behaupten mittlerweile, dass regelmäßiger Kaffeekonsum sogar gesund sein kann (1).




Foto: Fotolia/Africa Studio


 

Was steckt in einer Kaffeebohne?

 

Um die Wirkung des Kaffees zu ver­stehen, muss man seine Inhaltsstoffe kennen. Zum Aroma und Geschmack tragen etwa 800 bis 1000 Substanzen bei. Die Menge der Inhaltsstoffe ist von Sorte zu Sorte verschieden und variiert nach Anbauland, Zubereitung und ­Alter des Kaffees. Während die »Bohnen« der Sorte Arabica nur zwischen 0,9 und 1,4 Prozent Coffein enthalten, kann es die Sorte Robusta auf mindestens das Doppelte bringen (2). Säuren, Öle, Aroma­stoffe, Wasser und Mineral­stoffe, aber auch die Temperatur und die Art und Dauer des Röstens tragen zum Geschmack bei. Die mengenmäßig wichtigsten Bestandteile im Kaffee sind Kohlenhydrate, Fette, Wasser, Säuren, Alkaloide, Mineralstoffe, Eiweiß- und Aromastoffe (Tabelle).

 

Coffein ist ein Alkaloid aus der Stoffgruppe der Xanthine und der anregend wirkende Bestandteil im Kaffee. Es ist weltweit die am häufigsten konsumierte pharmakologisch aktive Substanz. Nach Angaben des Deutschen Kaffeeverbands e. V. ist der deutsche Kaffeemarkt der drittgrößte der Welt. Nur in den USA und Brasilien wird mehr Kaffee verkauft. In Deutschland hat 2012 jeder Einwohner im Schnitt 149 Liter Kaffee getrunken. Wie viel Coffein in einer Tasse Kaffee enthalten ist, hängt von der Kaffeesorte und Zubereitung ab. Man geht von 60 bis 150 mg/125 ml aus (zum Vergleich schwarzer Tee: 20 bis 50 mg/125 ml).


Tabelle: Zusammensetzung gerösteter Kaffeebohnen. Anteil an der Trockenmasse in Prozent

Substanz Arabica Robusta 
Coffein 1,3 2,4 
Mineralien, davon Kalium 4,5 1,8 4,7 1,9 
Lipide 17,0 11,0 
Trigonellin, Nicotinsäure 1,0 0,7 
Proteine 10,0 10,0 
aliphatische Säuren 2,4 2,5 
Chlorogensäure 2,7 3,1 
Kohlenhydrate 38,0 41,5 
flüchtige Aromastoffe 0,1 0,1 
Melanoide 23,0 23,0 

Coffein hat zwar ein relativ breites ­Wirkungsspektrum, doch ist es in geringen Dosen in erster Linie ein Stimulans, das heißt, die Substanz wirkt an­regend auf die Psyche (3). Antrieb und Konzentration werden gesteigert und Müdigkeit vermindert. Coffein kann die Blut-Hirn-Schranke fast ungehindert passieren und entfaltet seine anregende Wirkung hauptsächlich im Zentralnervensystem. Von dieser anregenden ist die erregende Wirkung abzugrenzen, die erst bei höherer Dosis auftritt.

 

Neben der Wirkung auf das Zentralnervensystem sind die Effekte auf die inneren Organe von großer Bedeutung. Sie wurden bisher sehr unterschiedlich, teils kontrovers bewertet. Neue ­Studien führten zu einem Umdenken, denn man hat in den letzten Jahren sehr viel über die molekularen Wirkungen von Coffein gelernt (4). Wie viele andere Naturstoffe aktiviert oder hemmt Coffein in Abhängigkeit von der Konzen­tration unterschiedliche Mechanismen auf zellulärer Ebene – eine »Multi-Target-Wirkung«. Drei Wirkmechanismen sind besonders gut unter­sucht (Grafik 1). In geringer Konzentration ist es ein Antagonist an Adenosinrezeptoren, in höherer Konzentration ist es ein unspezifischer Hemmstoff der Phosphodiesterasen und sehr hohe Konzentrationen bewirken eine Zu­nahme der intrazellulären Calcium­konzentration.

 

Gesteigerte geistige Leistungsfähigkeit

 

Kaffee macht wach und fördert das ­Gedächtnis. Dafür ist Coffein verantwortlich, das Wachheit, Konzentrationsvermögen sowie die mentale und physische Leistungsfähigkeit erhöhen kann. In einem interessanten Test mit Autofahrern wurde der Einfluss von 125 ml Kaffee (etwa 120 bis 150 mg Coffein) nachts auf das Reaktionsvermögen als Maß für die Wachheit/Wachsamkeit geprüft. Das Getränk war vergleichbar wirksam wie ein Kurzschlaf (7). Außerdem wurde der Einfluss von Coffein in unterschiedlicher Dosierung auf die visuelle Aufmerksamkeit in einem standardisierten Testsystem untersucht (6). Auch hier steigerte Coffein dosisabhängig Aufmerksamkeit und Wachheit.




Grafik 1: Konzentrations-Wirkungs-Kurven für verschiedene Wirkeffekte von Coffein: Blockade von Adenosin- und von GABAA-Rezeptoren, Hemmung von Phosphodiesterasen und Calcium-Freisetzung; modifiziert nach Fredholm 1980 (5)

Wenn gesunde Menschen psychoaktive Substanzen anwenden, um ihre kognitiven Fähigkeiten zu steigern, sprechen Fachleute von Neuro-Enhancement oder Gehirndoping. Besonders beliebt ist hierzu der Kaffee, denn Coffein wirkt als Neuro-Enhancer. Das ist nicht neu – es sei an die früher als Flieger- oder Autofahrerschokolade ver­marktete »Scho-Ka-Kola« erinnert. Dies ist eine Zartbitterschokolade mit einem Coffeingehalt von etwa 0,2 Prozent; neben 58 Prozent Kakao enthält sie 2,6 Prozent gerösteten Kaffee und 1,6 Prozent Kolanusspulver.

 

Als Ursachen der anregenden Wirkung werden verschiedene Mechanismen diskutiert. Sicher trägt die Ver­engung der Gefäße dazu bei. Dadurch wird das Blut mit höherem Druck durch den Körper gepumpt. Herztätigkeit, Stoffwechsel und Atmung werden beschleunigt, und das Gehirn wird stärker durchblutet. Das steigert die Konzen­tration. Außerdem blockiert Coffein den Botenstoff Adenosin, der müde macht und im Körper als Bremse auf die neuronale Aktivität wirkt.

 

Im Detail: Es ist nachgewiesen, dass Coffein die Reizverarbeitung beschleunigt und kortikale Kontrollmechanismen im Gehirn verstärkt. Dafür ist ­neben Adenosin ein weiterer Neurotransmitter sehr wichtig: Dopamin. Im Gehirn hemmt Adenosin die Ausschüttung von Dopamin. Wird durch Coffein die Wirkung von Adenosin aufgehoben, steigt die Dopaminfreisetzung (8). Dopa­min ist vor allem für den Informationsaustausch zwischen einzelnen Nervenzellen zuständig. Auch die Coffein-bedingte stärkere Durchblutung des Gehirns und damit die erhöhte Verfügbarkeit von Glucose könnten zur ­Steigerung der geistigen Leistungsfähigkeit beitragen. Allerdings ist die ­Wirkung zeitlich begrenzt. Sinken die Coffein-Spiegel, ist die Konzentrationsfähigkeit schlechter als zuvor.




Kaffee in der Apotheke: Das Glasgefäß mit der Aufschrift »Pulv(is) Co(f)eae Arab(ica)« zeugt von der Wertschätzung der exotischen Samen.

Foto: Deutsches Apotheken-Museum, Inventarnummer II A 1510


Zu viel Kaffee kann negative Effekte haben. Zittern und Nervosität können die geistige Leistungsfähigkeit mindern. Wie viel Kaffee dazu nötig ist, wird in Studien unterschiedlich diskutiert. Grund dafür sind sicher die ­verschiedenen Voraussetzungen der Studienteilnehmer (Kaffeetrinker versus Nichtkaffeetrinker, Alter der Testpersonen) und die Versuchsbedingungen (Coffeindosis, Zeitpunkt der Messung) in den Tests.

 

Günstige Effekte bei Morbus Parkinson

 

Schon in den 1970er-Jahren wurde ­untersucht, ob Coffein die Wirkung von L-Dopa verstärkt. In einer sehr hohen Dosierung von etwa 1100 mg/Tag verschlimmerten sich in einer klinischen Studie jedoch die gestörten Bewegungsabläufe. Danach geriet der Therapieansatz in Vergessenheit.

 

Das Interesse ist in den letzten ­Jahren wieder erwacht, da derzeit mehrere selektive Adenosin-A2A-Rezeptor-Antagonisten (Istradefyllin, Preladenant und Tozadenant) als Medikament gegen M. Parkinson in klinischer Entwicklung sind. Coffein in Maßen hat positive Wirkungen bei Parkinson-Patienten. Sie müssen nicht befürchten, dass sich der Tremor verstärkt. Im ­Gegenteil: Die motorischen Symptome werden teilweise gebessert, wie eine randomisierte Studie jetzt belegte (9). Die Studie deutet zudem daraufhin, dass Kaffee das Erkrankungsrisiko vermindert. Coffeinfreier Kaffee hatte diese präventive Wirkung nicht, und schwarzer Tee zeigte einen deutlich schwächeren Effekt aufgrund des niedrigeren Coffeingehalts.

 

Diese Erkenntnisse wurden in einer randomisierten, placebokontrollierten Doppelblindstudie mit 61 Patienten weiterverfolgt. Auch diese Studie bestätigte eine signifikante Wirkung bei Parkinson-Patienten. Hier reduzierte Coffein vor allem die Verlangsamung aller Bewegungen sowie die Muskelspannung und -versteifung, während das Zittern oder die Störung eines ­Bewegungsablaufs nicht beeinflusst wurden. Kognitive Funktionen, Stimmung, Verhalten und Aktivitäten des täglichen Lebens blieben unverändert. Nebenwirkungen, insbesondere Reizbarkeit, wurden nicht häufiger festgestellt als in der Kontrollgruppe (10).

 

Wirksam gegen Schmerz

 

Für Kopfschmerzpatienten sind zwei Fragen wichtig: Wie gut wirksam und verträglich sind die zur Auswahl stehenden Schmerzmittel? Bei leichten bis mittelschweren Kopfschmerzen und bei leichter bis mittelschwerer ­Migräne wird laut Leitlinien unter anderem eine Analgetika-Kombination mit Coffein empfohlen – obwohl Kombipräparate von manchen Experten abgelehnt werden. Fixkombinationen sind nur sinnvoll, wenn dadurch ein größerer Nutzen als durch die Einzelsubstanzen entsteht. Daher unterliegen Wirkstoffkombinationen bei der Zulassung strengen Regeln des ­Gesetzgebers.

 

Diese Anforderungen werden bei der Kombination aus Acetylsalicyl­säure (ASS), Paracetamol und Coffein ­erfüllt. Wie groß die schmerzlindernde Wirkung und damit der therapeutische Nutzen der Kombination tatsächlich ist, zeigten drei große klinische Studien, in denen die Kombination ­gegen jedes einzelne Analgetikum ­untersucht wurde. Zwei Studien liefen in den USA (11, 12). Da sich aber die ­Einnahmegewohnheiten und die Zusammensetzung der Kombinationspräparate in den einzelnen Ländern unterscheiden, wurde zur Bestätigung der Ergebnisse eine weitere Studie in Deutschland gestartet. In der sehr aufwendigen deutschen Studie wurden­ 1750 Kopfschmerzpatienten untersucht und die Daten hinsichtlich ihrer klinischen Relevanz bewertet. Darin zeigte sich, dass Coffein nicht nur dafür sorgt, dass ASS und Paracet­a­mol schneller wirken, sondern auch dafür, dass deren Wirkung verstärkt wird (13). Mehr als 90 Prozent der Patienten bewerteten die Verträglichkeit als sehr gut oder gut. Diese Studien deuten auf eine Synergiewirkung von Coffein mit den Analgetika hin.

 


Rötegewächs mit Weltbedeutung

Kaffee (Coffea) ist eine Pflanzengattung der Familie der Rötegewächse (Rubiaceae) mit über 90 Arten. Coffea-Arten sind immergrüne, kleine Bäume oder Sträucher. Die berühmtesten Arten sind die als Plantagenpflanzen bevorzugten Coffea arabica L. (Arabica) und Coffea canephora Pierre ex Froehn, bekannter als Coffea robusta. Der Robusta ist im Vergleich zum Arabica ein relativ wider­standsfähiger Strauch. Die fünfgliedrigen Blüten sind weiß; Duft und Farbe erinnern an Jasmin. In der Steinfrucht, der »Kaffeekirsche«, befinden sich meist zwei Samen (Coffea semen, »Kaffeebohnen«). Die Farbe der Kaffeekirschen wechselt während der Reifephase von grün über gelb zu rot; im überreifen Zustand sind sie schwarz.

 

Kaffeepflanzen benötigen ein mildes Klima (Arabica 15 bis 24 °C, Robusta 18 bis 29 °C) mit sehr viel Regen und Sonne. Die Pflanzen gedeihen heute in Ländern zwischen dem 24. südlichen und dem 24. nördlichen Breitengrad. Es gibt weltweit drei große Anbauregionen: Ostafrika und Arabien, Südostasien mit dem indonesischen Raum und Lateinamerika.

 

Die Ernte erfolgt nach zwei unterschiedlichen Verfahren. Beim sogenannten Picking werden die reifen Kirschen von Hand gepflückt. Dagegen werden sie beim Stripping mit speziellen Kämmen von Hand oder maschinell von den Sträuchern abgestreift. Die größten Kaffeeproduzenten sind Brasilien (etwa 2,2 Millionen Tonnen Rohkaffee), ­Vietnam, Indonesien und Kolumbien. Die Hauptabnehmerländer sind die USA, Deutschland, Frankreich, Japan und Italien, wobei der Kaffeeverbrauch pro Kopf der Bevölkerung in Finnland am höchsten ist. Deutschland liegt hier an sechster Stelle.


Allerdings gibt es auch kritische Stimmen, die monieren, ein klinisch unbedeutender Unterschied werde überbewertet. Nicht benannt würden Probleme wie Gewöhnung und Ab­­hängigkeit, medikamentenbedingter Kopf­schmerz, Magen-, Nieren- und Leber­schädigungen, die möglichen Neben­wirkungen bei Dauergebrauch und die Gefahr des Missbrauchs. Diese Kritikpunkte können sich jedoch nicht auf das in den Kombinationsschmerzmitteln enthaltende Coffein beziehen, denn Coffein hat positive Wirkungen auf Magen, Niere und Leber. Auch gibt es bisher keine Anzeichen, dass es eine Abhängigkeit induziert.

 

Daraus ergibt sich die Frage, ob auch Kaffee Schmerzen lindern könnte. Dazu untersuchten amerikanische Sportwissenschaftler den Einfluss des Getränks auf die Entstehung von Muskelschmerzen beim Sport. Ihr Ergebnis: Kaffee an sich hat einen schmerz­lindernden Effekt. Dazu waren in der Studie allerdings Coffeinmengen notwendig, die bis zu fünf Tassen Kaffee entsprechen (5 mg/kg Körpergewicht).

 

Kaffee wirkt auf Lunge und Herz

 

Menschen mit Asthma könnten von Kaffee profitieren, da Coffein die Atemfunktion verbessern kann (14). Coffein gehört zur chemischen Klasse der ­Methylxanthine – ebenso wie Theophyllin (1,3-Dimethylxanthin), von dem es sich chemisch nur geringfügig unterscheidet. Die kurzfristigen Effekte bei Asthmapatienten sind gut belegt (15). Coffein führt zu einer milden Entkrampfung, Entspannung und Erweiterung der Atemwege. Natürlich kann man es nicht mit entzündungshemmenden Medikamenten vergleichen und es kann diese auch nicht ersetzen, aber es verbessert die Lungenfunktion für etwa zwei bis vier Stunden ­merklich.




So klappt es nicht mit dem Herzschutz durch Kaffeetrinken.

Foto: Fotolia/Jasmin Merdan


Zur Langzeitwirkung des Kaffeegenusses beim Asthmatiker gibt es keine validen Studien. In Analogie zum Theophyllin ist nicht auszuschließen, dass sich regelmäßiges Kaffeetrinken positiv auf die Entzündungsprozesse in den Atemwegen auswirken kann. Vorsicht ist geboten bei Patienten, die Theophyllin als Dauertherapie einnehmen. Kaffee kann dessen Wirkung verstärken, da Theophyllin und Coffein den gleichen Wirkmechanismus haben und über den gleichen Weg abgebaut werden. Da Theophyllin eine geringe therapeutische Breite hat, können Unruhe, Schlaflosigkeit oder Herzklopfen die Folgen sein.

 

Über kein Thema wurde beim Kaffee so viel gestritten wie über den Zusammen­hang mit Herz-Kreislauf- Erkrankungen. Die meisten Studien können die weitverbreitete Meinung, dass Kaffee das Risiko von Herz-Kreislauf-Erkrankungen erhöhe, nicht be­stätigen. Herzrhythmusstörungen werden durch mäßigen Kaffeegenuss nicht verstärkt. Allerdings kann es bei manchen Menschen zu einem kurzzeitigen Anstieg des Blutdrucks kommen, der etwa ­20 bis 30 Minuten anhält und indivi­duell unterschiedlich bei etwa 10 bis 20 mmHg liegt. Entcoffeinierter Kaffee erhöht den Blutdruck nicht. Bei regelmäßigem Kaffeekonsum treten diese Blutdruckanstiege infolge eines Gewöhnungseffektes nach zwei bis drei Wochen nicht mehr auf oder fallen ­geringer aus.

 

Die Auswertung einer Metaanalyse ergab, dass das Risiko für Herz-Kreislauf-Erkrankungen durch moderaten (eine bis zwei Tassen pro Tag) bis hohen Kaffeekonsum (bis zu sieben Tassen/Tag) nicht erhöht wird. Bei Frauen zeigte sich bei moderatem Genuss sogar ein signifikant protektiver Effekt. Bei Männern wurde dies nicht beobachtet, was die Autoren auf mögliche negative Faktoren wie Rauchen zurückführen, die bei Männern stärker ausgeprägt sind und den protektiven Effekt des Kaffees überdecken (16).

 

Eine der wichtigsten Botschaften lautet, dass Kaffee das Schlaganfallrisiko nicht erhöht und regelmäßiger ­moderater Konsum sogar das Risiko ­reduzieren kann. Dazu trägt sicher die verbesserte Durchblutung der Gehirngefäße bei (17, 18).

 

Präventiv gegen Diabetes

 

Zum Zusammenhang zwischen Kaffeekonsum und Diabetes gibt es sehr unterschiedliche Ergebnisse. Zahl­reiche Studien zu coffeinhaltigen Getränken, die zu einem positiven Fazit für Diabetiker kamen, wurden immer wieder von Vorurteilen überschattet.




Grafik 2: Mögliche Mechanismen der antidiabetischen Wirkung von Kaffee. Links: Kaffee beeinflusst direkt die Stoffwechselprozesse in der Leber durch Hemmung der Glucose-6-Phosphatase (G-6-Pase), der Gluconeogenese und von Entzündungsprozessen. Rechts: Indirekt wird die Glucoseaufnahme aus dem Darm gehemmt. Daran beteiligt sind das Gastrin-inhibitorische Peptid (GIP) und das Glucagon-like Peptide 1 (GLP-1); modifiziert nach Tunnicliffe and Shearer 2008 (22)

Eine 2012 publizierte Studie mit 37 000 Frauen zeigte ein deutliches, für viele überraschendes Ergebnis: Die tägliche Aufnahme von mindestens vier Tassen Kaffee reduzierte das Risiko, einen Typ-2-Diabetes zu entwickeln (19). Eine weitere prospektive Untersuchung mit 17 000 Personen bestätigte ein geringe­res Diabetes­risiko bei Personen mit hohem Kaffeekonsum (20). Auch eine neue Studie im Auftrag des Deutschen Instituts für Ernährungsforschung Potsdam-Rehbrücke (DIfE) spricht für vorbeugende Eigenschaften auf Typ-2-Diabetes.

 

Die Mechanismen sind auch hier vielfältig (Grafik 2). Coffein stimuliert die Insulin-produzierenden Zellen der Bauchspeicheldrüse (21). Auch die Anre­gung des Stoffwechsels und langfris­tig ein verbessertes Muskel-Fett-Verhältnis durch Kaffeegenuss könnten Diabetespatienten nützen. Zudem liefern im Kaffee enthaltende anti­oxidativ wirksame Substanzen wie die Chlorogensäure ihren Beitrag. Sie verlangsamt nach einer Mahlzeit die ­Aufnahme von Zucker ins Blut. Verantwortlich dafür sind die beim Röstprozess aus Chlorogensäure entstehenden Quinide (4-Caffeoyl-1,5-quinide). Sie scheinen die Insulinsensitivität zu verbessern.

 

Effekte auf Magen und Darm

 

Kaffee fördert die Darmperistaltik und verstärkt die Kontraktionen der Gallenblase, sodass die Verdauung angekurbelt wird (23). Kritisch hinterfragt wird immer wieder die vermeintliche magenreizende Wirkung. Auffallend ist, dass manche Menschen nach dem Genuss von handelsüblichem Kaffee über Völlegefühl, Sodbrennen, Herz- und Magenschmerzen klagen. Eine ­kritische Prüfung der Literatur ergibt, dass Kaffee zwar den Reflux fördert, aber nicht die Dyspepsie beeinflusst. Jedoch können bei empfindlichen Menschen durch Reizung des vegeta­tiven Nervensystems Störungen an ­verschiedenen Organen ausgelöst werden.


Verantwortlich dafür ist allerdings nicht das Coffein, sondern es sind ­bestimmte Reizstoffe, die während des Röstvorgangs entstehen. Coffeinfreier Kaffee gilt sogar als noch stärker reizend. Die Röststoffe stören die Balance im vegetativen Nervensystem. Kaffeehersteller suchen daher intensiv nach neuen Veredelungsverfahren, um die Reizstoffe, vor allem Chlorogensäure zu vermindern.

 

Kaffee scheint auch nicht das Entstehen von Magengeschwüren zu ­beeinflussen. Nach einer schwedischen Studie mit 2416 Teilnehmern und einer amerikanischen Studie mit 47 000 Männern wird Kaffee im ­Gegensatz zu Tabakrauch und einer Helicobacter-pylori-Infektion nicht als Risikofaktor eingestuft (24).

 

Vorsicht Osteoporose

 

Die vielleicht hinterhältigste Wirkung von Kaffee ist die Förderung der Osteoporose. Die Ursache: Die Rück­gewinnung von Calcium in den Nieren wird durch hohe Coffein-Konzentra­tionen für etwa vier Stunden deutlich vermindert (25). In der Folge wird ­Calcium vermehrt mit dem Urin ausgeschieden. Damit der Calciumgehalt im Blut konstant bleibt, wird dieses der Knochensubstanz entzogen.

 

Vorsicht ist bei Patienten unter ­einer Glucocorticoid-Dauertherapie geboten. Glucocorticoide führen als Hauptnebenwirkungen zu Osteoporose und Magen­schleim­haut­schäden. Daher sollten Patienten während der Therapie auf Kaffee verzichten. Dies gilt allerdings nicht für inhalative Gluco­corticoide, da die Resorption so gering ist, dass nicht mit unerwünschten systemischen ­Wirkungen zu rechnen ist.

 

Coffee with your brandy, Sir?

 

Beobachtungen geben dieser englischen Clubtradition nun einen medizinisch begründbaren Sinn (26). Trinken die Patienten regelmäßig Kaffee, ­verlangsamt sich der Verlauf einer ­Leberfibrose. Die Ergebnisse klinischer Studien reichen vom verminderten Auftreten chronischer Lebererkrankungen oder einem reduzierten Risiko für Leberkrebs bis zu einem niedrigeren Risiko, an einer Leberzirrhose ­ zu sterben.

 

Coffein wird in der Leber zu Paraxanthin verstoffwechselt, sodass Coffein und seine Metaboliten besonders in den Leberzellen eine hohe Kon­zen­tra­tion erreichen (26). Coffein hemmt den Bindegewebe-Wachstumsfaktor (connective tissue growth factor, CTGF), der für die Entstehung der Fibrose mitverantwortlich ist. Dieser Effekt wird über die verlangsamte Bildung von ­zyklischem AMP durch Hemmung der Phosphodiesterase vermittelt. Dies könnte ein Schutzmechanismus sein, der in der Leber aufgrund der hohen ­lokalen Konzentration besonders ausgeprägt ist (27). Daher sollte man leberkranke Patienten, die ein hohes Risiko für Leberkrebs haben, darauf aufmerksam machen, dass zwei bis fünf Tassen Kaffee täglich für sie vorteilhaft sein könnten (28).

 

Besonders gesundheitsbewusste Kaffeetrinker machten es sich zur ­Gewohnheit, eine Tasse Kaffee durch mindestens ein Glas Wasser auszugleichen. Über lange Zeit war Kaffee als großer Wasserräuber verschrien, da Coffein das antidiuretische Hormon (ADH) der Hirnanhangdrüse hemmt und den Nieren dadurch signalisiert, vermehrt Flüssigkeit auszuscheiden. Die Meinung, Kaffee entziehe dem Körper Wasser, ist inzwischen widerlegt (30). Das Getränk führt nicht zu einem erhöhten Wasserverlust. Wer Kaffee regelmäßig und in ähnlichen Mengen trinkt, muss keine erhöhte Wasser- oder Natriumausscheidung befürchten. Es bildet sich eine Toleranz gegenüber der diuretischen Wirkung des Coffeins aus. Lediglich eine akute Dosis von 250 bis 300 mg Coffein erhöht bei nicht an Kaffee gewöhnten Personen oder nach längerer Abstinenz kurzfristig die Urin­produktion.

 

Kaffeetrinken bedeutet durchaus Flüssigkeitszufuhr. So kann Kaffee in üblichen Mengen einen wichtigen Beitrag zur täglichen Flüssigkeitsaufnahme leisten (31).

 

Zusammenfassung

 

Für viele Menschen ist Kaffee ein ­Genussmittel und eine Lebenshilfe, auf die sie nicht verzichten möchten. Das Geheimnis um die positiven Effekte auf die menschliche Gesundheit liegt ­offenbar in der natürlichen Zusammensetzung. Auch wenn Coffein der Hauptwirkstoff im Kaffee ist, so sind weitere bioaktive Inhaltsstoffe für die Wirkungen mitverantwortlich. Daher darf man die Wirkungen des Getränks nicht gleichsetzen mit denen von Coffein. Obwohl schon sehr viel über die ­gesundheitlichen Wirkungen des Kaffees bekannt ist, gibt er den Wissenschaftlern noch viele Rätsel auf. Wir dürfen auf weitere Forschungsergebnisse gespannt sein. /

 

Literatur bei der Verfasserin


Schwarz und stark

Weitere Informationen zum Thema und ausführliche Literatur­angaben finden Sie in:

Nieber, K., Schwarz und stark. Wie Kaffee die Gesundheit fördert.

S. Hirzel Verlag Stuttgart, 2013. ISBN 978-3-7776-2161-6.

 

Zu beziehen über den Govi-Verlag.


Die Autorin

Karen Nieber studierte an der Technischen Hochschule in Magdeburg und arbeitete nach dem Diplom als wissenschaftliche Mitarbeiterin am Institut für Wirkstoffforschung der Akademie der Wissenschaften und am Forschungsinstitut für Lungenkrankheiten und Tuberkulose in Berlin (Ost). 1981 wurde sie promoviert und erhielt 1990 die Promotion B für Experimentelle Biowissenschaften. Von 1991 bis 1995 war Nieber am Pharmakologischen Institut der Universität Freiburg tätig. Sie habilitierte sich 1994 im Fach Pharmakologie und Toxikologie und folgte 1995 einem Ruf auf den Lehrstuhl Pharmakologie für Naturwissenschaftler am Institut für Pharmazie der Universität Leipzig. Von 2002 bis 2009 war Professor Nieber Geschäftsführende Direktorin des Instituts. Zu ihren Arbeitsgebieten zählen Untersuchungen zur protektiven Rolle von Purinen im ZNS und im Gastrointestinalsystem sowie die pharmakologische Testung neuer Wirkstoffe.

 

Professor Dr. Karen Nieber Universität Leipzig, Institut für Pharmazie, Pharmakologie für Naturwissenschaftler, Talstraße 33, 04103 Leipzig E-Mail: nieber(at)uni-leipzig.de

 



Beitrag erschienen in Ausgabe 34/2013

 

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