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Zwischenbilanz: »Qualität geht vor Geschwindigkeit«

POLITIK & WIRTSCHAFT

 
Zwischenbilanz

»Qualität geht vor Geschwindigkeit«


Von Daniel Rücker / Seit gut einem halben Jahr ist Friedemann Schmidt nun Präsident der ABDA. Die PZ hat dies zum Anlass genommen, ihn um eine Zwischenbilanz zu bitten. Im Interview bewertet Schmidt, was bereits erreicht wurde und was jetzt ansteht. Dabei geht es um das neue Leitbild der Apotheker, das ABDA-KBV-Modell und die anstehende Bundestagswahl.

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Schmidt auf PZ-online

Haben Sie Fragen, Anmerkungen oder Kritik an Friedemann Schmidt? Nutzen Sie unsere Kommentarfunktion unter diesem Beitrag und diskutieren Sie mit Kollegen und dem ABDA-Präsidenten über sein Interview. Vom 8. bis 10. August beantwortet Schmidt zeitnah Ihre Kommentare. Nicht alle Kommentare und Antworten sind öffentlich, sondern nur für die Fachöffentlichkeit einsehbar. Bitte gegebenenfalls in der Kommentar-Box anmelden!


PZ: Sie sind seit sechs Monaten im Amt. Was ist Ihr größter Erfolg in dieser Zeit?

 

Schmidt: Wir haben das Apothekennotdienst-Sicherstellungsgesetz (ANSG) durchgebracht. Das war eine erfolgreiche gemeinsame Aktion der ABDA und der Mitgliedsorganisationen. Von der ersten Idee bis zum Start am 1. August wird es fast ein Jahr gedauert haben. Ein Erfolg ist dies auch, weil es uns gelungen ist, mit einer Mischung aus konstruktiven Vorschlägen und Druck über die Protestaktionen im Februar die Parteien in die richtige Richtung zu leiten. Schließlich haben alle das Gesetz unterstützt.




Foto: PZ/Ulrich Bethge


PZ: Dennoch sind viele Apotheken damit nicht zufrieden, weil es zu bürokratisch ist.

 

Schmidt: Ich kann das nachvollziehen. Jeder Apotheker wünscht sich einfache und schnelle Lösungen. Das ist aber nicht immer realistisch. Es war klar, dass die Umsetzung der Idee mit einer ganzen Reihe von Verwaltungsvorschriften versehen sein würde.

 

PZ: Wegen der verspäteten Einführung haben die Apotheker immerhin 70 Millionen verloren.

 

Schmidt: Die Regierungsfraktionen hatten versprochen, eine Notdienstpauschale mit einem jährlichen Volumen von 120 Millionen Euro einzuführen. Dieses Versprechen setzen sie nun zum 1. August um. Wir haben natürlich eine Kompensation für die verlorenen Monate eingefordert, uns aber damit nicht durchsetzen können. Ich kann verstehen, dass sich die Kollegen darüber ärgern, dass die Bundesregierung noch ein halbes Jahr gebraucht haben, ändern kann ich es nicht.

 

Die Kritik an der vermeintlich zu umfangreichen Bürokratie halte ich für überzogen. Wer weiß, wie aufwendig gesetzliche Regelungen zur Vergütung ärztlicher Leistungen sind, der kann sich über den Aufwand beim ANSG nicht wirklich wundern. Wir gehen hier den ersten Schritt in die Vergütung von Versorgungsleistungen, dafür hatten wir bisher überhaupt keine Struktur, die ist nun geschaffen.

 

PZ: Wie sehen Sie die Position der Apotheker insgesamt?

 

Schmidt: Ökonomisch haben wir in den vergangenen Monaten einen Schritt nach vorne gemacht. Das hat mit dem ANSG zu tun und auch mit der Einigung zum Apothekenabschlag. Die Apotheker stehen jetzt etwa wieder auf dem Niveau von 2010. Wir haben die AMNOG-Einschnitte überwunden, aber auch nicht mehr. Und wir dürfen nicht vergessen, dass die Apotheken hunderter Kollegen diese Jahre nicht überstanden haben.

 

PZ: Welche strukturelle Bedeutung haben die Apotheker heute?

 

Schmidt: Seit dem Urteil des Europä­ischen Gerichtshofes zum Fremdbesitz im Jahr 2009 hat sich unsere Position im Gesundheitswesen deutlich verbessert. Die Politik stellt die Grundstruktur der inhabergeführten Apotheke nicht mehr in Zweifel. Die Forderung nach einer sogenannten Liberalisierung gibt es derzeit nur von einzelnen Rufern. Das gibt uns Spielraum, mit den gesellschaftlichen Gruppen darüber zu reden, welche neuen Aufgaben die Apotheker im Gesundheitswesen übernehmen sollen. Wir kommen so aus der reinen Distributionsrolle weiter heraus. Die Menschen wissen, dass wir deutlich mehr können und fordern dies auch von uns.

 

Aufgrund der wirtschaftlichen Lage können wir heute freilich keine Angebote mehr machen, die gar nicht oder nur unzureichend honoriert werden, wie das in der Vergangenheit manchmal der Fall war. Wir haben uns aber auch eine Position erarbeitet, in der wir unsere Angebote viel selbstverständlicher als früher auch mit einer Honorarforderung verknüpfen können. Ein Beispiel dafür ist das Medikationsmanagement. Wir wollen über hochwertige Dienstleistungen unseren Anteil an der Wertschöpfung im Gesundheitswesen ausbauen.

 

PZ: Bislang sind honorierte Dienstleistungen noch die Ausnahme. Das ABDA-KBV-Modell könnte hier eine Wende einläuten. Wann könnte es Teil der Regelversorgung sein?

 

Schmidt: Ich will darüber gar nicht spekulieren. Wichtiger als der Startzeitpunkt ist die Qualität. Erst wenn der Testlauf in Sachsen und Thüringen ein Erfolg wird, können wir über eine flächendeckende Einführung nachdenken. Wir müssen auch deshalb sehr sorgfältig arbeiten, weil im ABDA-KBV-Modell viele Teillösungen stecken, die über das Konzept hinaus wirken werden, etwa die Arbeitsteilung zwischen Ärzten und Apothekern beim Medikationsmanagement oder das Procedere beim Datenaustausch zwischen Apotheke und Arztpraxis. Das Ergebnis der Gespräche mit den Ärzten und der AOK plus darüber sind so elementar wichtig, dass wir uns nicht von einem selbstgesteckten Zeitplan unter Druck setzen lassen dürfen. Qualität geht hier vor Geschwindigkeit.




»Beim Deutschen Apothekertag in Düsseldorf können sich Apotheker vergewissern, welche Positionen die Parteien in der Arzneimittelversorgung einnehmen.«

Foto: PZ/Müller


PZ: Eines Ihrer Anliegen nach der Wahl zum ABDA-Präsidenten war eine ein größere Transparenz in der Kommunikation. Wie zufrieden sind Sie mit dem Ergebnis?

 

Schmidt: Das hat nur teilweise funktioniert. Ich habe mich mit einigen Apothekern in Diskussionsforen im Internet und auch im persönlichen Gespräch auseinandergesetzt und dabei wenig überraschend festgestellt, dass es Kollegen gibt, die mit ihrer Situation nicht zufrieden sind und daran der ABDA die Schuld geben. Mit vielen dieser Kollegen kann man gut diskutieren. Sie sind für Argumente empfänglich und ihre Kritik ist oftmals nachvollziehbar.

 

Es gibt aber auch einige Wenige , die tatsächlich nicht die Diskussion suchen, sondern nur ihrem Ärger Luft machen wollen. Manche davon sind in ihren Äußerungen extrem destruktiv und aggressiv. Hier gibt es leider keine Möglichkeit zum Dialog.

 

PZ: Zu Beginn Ihrer Amtszeit hat die Datenklau-Affäre das Verhältnis zwischen ABDA und Landesorganisationen belastet. Wie ist die Atmosphäre heute?

 

Schmidt: Es war nicht nur die Datenklau-Affäre. Die Spannungen zwischen ABDA und den Landesorganisationen haben ihren Ursprung auch in der extrem schwierigen Situation während der AMNOG-Jahre. Hier hat sich viel Misstrauen aufgebaut. Der angebliche Datenklau war meiner Meinung nach nur der Tropfen, der das Fass zum Überlaufen gebracht hat. Diese Phase haben wir nun weitgehend überwunden. Die ABDA hat in den vergangenen Monaten Vertrauen zurückgewonnen. Das hat sich auch in der Mitgliederversammlung am 26. Juni gezeigt. Darüber sind wir sehr froh. Geschäftsführung und geschäftsführender Vorstand haben der Mitgliederversammlung vorgeschlagen, auf einer Tagung des Gesamtvorstandes im Herbst alle noch offenen Fragen zu Struktur, Aufgabenverteilung und Mittelverwendung in der Geschäftsstelle zu beantworten, die Mitgliederversammlung hat diesen Vorschlag begrüßt. Aber ich denke, schon zum Apothekertag werden wir ein Signal aussenden können, das wir wieder so einig sind wie früher.

 

PZ: Was hat Sie bei Ihrer Arbeit als ABDA-Präsident am stärksten überrascht?

 

Schmidt: Überrascht hat mich das hohe Maß an Einbindung in das laufende Geschäft. Dazu gehören selbstverständlich viele repräsentative Termine, aber noch viel mehr, dass der ABDA-Präsident auch bei vielen operativen Entscheidungen im Haus gefragt ist. Der Hauptgeschäftsführer und ich wollen das ändern. Ich bin für eine klare Trennung von Hauptamt und Ehrenamt. Das Ehrenamt, also geschäftsführender Vorstand und Gesamtvorstand, hat strategische Steuerungs- und Aufsichtsfunktionen. Sie sollen Impulse für die politische Arbeit geben und berufspolitische Projekte initiieren, die dann aber das Hauptamt umsetzt. Ich halte diese klare Aufgabenverteilung auch deshalb für wichtig, weil ich nicht hauptamtlich ABDA-Präsident bin. Ich muss mich um meine Aufgabe bei der Sächsischen Landesapothekerkammer kümmern und um meine Apotheke. Ich brauche Zeit für die Rückkopplung mit der Basis. Das geht meinen Kollegen im ABDA-Vorstand ähnlich. Deshalb haben wir auch die Aufgaben verteilt. Eine große Stütze für mich ist ABDA-Vizepräsident Mathias Arnold. Er kümmert sich um die Presse- und Öffentlichkeitsarbeit und leitet die AG Leitbild. Wir ergänzen uns hier perfekt.

 

PZ: Wenn Sie eine Entscheidung der vergangenen Monate zurücknehmen könnten, welche wäre das?

 

Schmidt: Ich musste im ersten halben Jahr viel experimentieren. Eine Idee von mir war es, nach den Gremiensitzungen Hintergrundgespräche mit den Fachmedien zu führen. Das würde ich so nicht wieder machen. Einige Mitgliedsorganisationen fühlten sich übergangen, wenn Sie unsere Beschlüsse aus den Medien erfuhren. Es wäre besser gewesen, erst die Kommunikation zu den Mitgliedsorganisationen zu verbessern und im zweiten Schritt die zu den Medien. Genauso machen wir es jetzt auch.

 

PZ: Was nehmen Sie sich für den Rest des Jahres vor?

 

Schmidt: Wir müssen vor den Koalitionsgesprächen nach der Bundestagswahl klare Botschaften an die Parteien formulieren, wie wir uns die Rolle der Apotheker im Gesundheitswesen vorstellen. Besonders wichtig ist der Aufbau qualifizierter fachlicher Dienstleistungen. Außerdem brauchen wir ein an die neuen Aufgaben angepasstes Vergütungsmodell. Wir haben ja bereits Vorschläge gemacht, welche die Politik nur aufgreifen muss.

 

Davor haben wir noch die Gelegenheit zu einer Bestandsaufnahme beim Deutschen Apothekertag in Düsseldorf direkt vor der Bundestagswahl. Hier werden wir uns mit der Entwicklung unseres neuen Leitbildes befassen und wir werden mit den Politikern über die Gesundheitspolitik sprechen. Beim Apothekertag kann sich jeder Apotheker noch einmal vergewissern, welche Positionen die Parteien in der Arzneimittelpolitik einnehmen.

 

PZ: Wie stark wird der Ausgang der Bundestagswahl die Rahmenbedingungen für die Apotheken beein­flussen?

 

Schmidt: Bleibt die Finanzlage der Kassen stabil, stehen wir wahrscheinlich kurzfristig weniger im Fokus. Verschlechtert sich aber die Finanzlage, dann wird es wieder ums Sparen gehen. Das ist immer verbunden mit der Frage, wessen Leistungen ersetzbar sind, geringer vergütet oder von anderen, scheinbar kostengünstigeren Anbietern erbracht werden können.

 

Spätestens an dieser Stelle werden die Parteien erfahrungsgemäß zu vollkommen unter­schiedlichen Konsequenzen hinsichtlich ordnungspolitischer Prinzipien kommen. Ich gehe da­von aus, dass wir nicht sehr lange auf die nächste Sparrunde warten müssen, deshalb sollten sich Apotheker ganz genau überlegen, wo sie bei dieser Wahl ihr Kreuz setzen werden.  /



Beitrag erschienen in Ausgabe 32/2013

 

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