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Inkretin-Mimetika: Neue Nahrung für Sicherheitsbedenken

PHARMAZIE

 
Inkretin-Mimetika

Neue Nahrung für Sicherheitsbedenken


Von Ulrike Viegener / Eine Recherche des renommierten Fachmagazins »British Medical Journal« (BMJ) erhärtet die Sicherheitsbedenken gegenüber Inkretin-Mimetika. Nachdem EMA und FDA kürzlich eine erneute Sicherheitsprüfung veranlasst haben, kommen jetzt bisher unveröffentlichte Daten ans Licht.

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Inkretin-Mimetika stehen im Verdacht, das Risiko gut- und bösärtiger Gewebeveränderungen am Pankreas und auch an der Schilddrüse zu erhöhen. Betroffen sind sowohl Wirksubstanzen, die den insulinotropen Effekt des köper­eigenen Darmhormons GLP-1 nachahmen (GLP-1-Rezeptoragonisten), als auch Substanzen, die dessen enzymatischen Abbau hemmen (DPP-4-Hemmer).




Die Oberbauchsonografie ist eine wichtige Untersuchung für die Diagnose Pankreaskarzinom.

Foto: Fotolia/Klaus Eppele


Risiko unterschätzt?

 

Zwei Anfang des Jahres publizierte Studien unabhängiger Wissenschaftler hatten die Problematik entzündlicher und proliferativer Nebenwirkungen in den Fokus gerückt. Zwar waren solche Veränderungen am Pankreasgewebe schon vorher in tierexperimentellen Studien sowie auch in Einzelfällen an Patienten aufgefallen. Man stufte das Risiko bis dato aber als sehr gering ein.

 

Das dürfte eine Fehleinschätzung gewesen sein, wie sich jetzt mehr und mehr herausstellt. Die erste der beiden erwähnten Studien hatte unter GLP-1-Agonisten eine Verdopplung schwerer – eine Hospitalisierung erfordernder – Pankreatitiden festgestellt. Und die zweite Studie hatte – wenn auch an kleinen Fallzahlen – bei der Autopsie von Diabetikern nach längerer Behandlung mit Inkretin-Mimetika massiv vergrößerte Bauchspeicheldüsen mit Veränderungen im endokrinen und exokrinen Pankreas gefunden.

 

Die beiden Studien hatten sowohl die amerikanische als auch die europä­ische Arzneimittel-Aufsichtsbehörde veranlasst, eine erneute Sicherheitsprüfung auf den Weg zu bringen. Und sie haben das »British Medical Journal« veranlasst, eigene Recherchen anzustellen und der Sache auf den Grund zu gehen.

 

Danach gibt es eine Vielzahl nicht publizierter Daten, die für ein relevantes Risiko von Pankreatitis und Pankreaskarzinom unter Inkretin-Mimetika sprechen. Laut Berechnungen des »US Institute for Safety Medical Practices« ist unter Inkretin-Mimetika summa summarum von einem um den Faktor 25 erhöhten Pankreatitis-Risiko auszugehen. Das Risiko für ein Pankreaskarzinom steigt laut diesen Berechnungen unter GLP-1-Analoga um den Faktor 23 und unter DPP-4-Hemmern um den Faktor 13,5.

 

Was in der Ausgabe des »British Medical Journal« vom 10. Juni zu lesen ist (doi: 10.1136/bmj.f3680), ist ungewöhnlich für dieses renommierte Fachmagazin. Über Verschleppung, Unterschlagung und Manipulation von Daten wird da berichtet und über ein geheimes Treffen am Rande der Jahrestagung der American Diabetes Association (ADA) im Juni 2009 in New Orleans. Nach Darstellung der verantwortlichen BMJ-Journalistin Deborah Cohen liegen seit Jahren Hinweise auf die jetzt im Fokus stehenden Effekte von Inkretin-Mimetika vor, sie seien aber unter Verschluss gehalten worden. In ihrer detaillierten Recherche trägt Cohen Daten aus unterschiedlichen Quellen zusammen, wobei die Einsichtnahme in nicht öffentlich zugängliche Daten zum Teil per Gerichtsbeschluss erzwungen wurde.

 

Dass diese Recherche ernst zu nehmen ist, zeigt unter anderem die Reak­tion der US-amerikanischen Diabetes-Gesellschaft: Umgehend nach Erscheinen des Artikels hat die ADA die beteiligten Firmen aufgefordert, ihr alle patientenbezogenen Studiendaten für eine eigene Analyse zur Verfügung zu stellen.

 

Auch die Deutsche Gesellschaft für Endokrinologie (DGE) hat auf den BMJ-Artikel reagiert. In einem offiziellen Statement beurteilt Mediensprecher Professor Dr. Helmut Schatz, Bochum, Cohens Analyse als »sorgfältig recherchiert« und verweist darauf, dass sich die DGE mehrfach kritisch zur Sicherheit der Inkretin-Mimetika geäußert habe.

 

Dagegen hat die Deutsche Diabetes-Gesellschaft (DDG) bewusst noch nicht Stellung bezogen, sondern will ein für kommende Woche angekündigtes Statement der FDA abwarten, wie Pressesprecher Professor Dr. Andreas Fritsche, Tübingen, auf Anfrage der PZ erklärt. Eine Expertenkommission wird auf Initiative der FDA während der diesjährigen Jahrestagung der ADA zusammenkommen, um alle verfügbaren Daten zu sichten und dann zu einer hieb- und stichfesten Aussage in puncto Risiken von Inkretin-Mimetika zu gelangen.

 

Zu hoher Erwartungsdruck?

 

»The Darlings of Diabetes Treatment« seien die Inkretin-Mimetika gewesen, beschreibt Cohen den Hintergrund der aktuellen Enthüllungen. Als nobelpreiswürdig bewerteten viele die Forschung, die zur Entwicklung dieser innovativen Medikamente für Typ-2-Diabetes und eventuell auch Adipositas führte. Die Frage wird von Cohen nicht explizit gestellt, aber sie steht im Raum: Hat dieser enorme Erwartungsdruck mit dazu geführt, dass negative Aspekte dieses Therapiekonzepts in der Vergangenheit nicht gebührende Beachtung fanden? /



Beitrag erschienen in Ausgabe 25/2013

 

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