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51 Immunmodulatoren


Peginterferon-β-1a, Plegridy® (Biogen Idec)

Im September 2014 kam ein Peginterferon-β-1a (Plegridy® 125 μg Injektionslösung in einem Fertigpen oder einer Fertigspritze, Biogen Idec) für Patienten mit Multipler Sklerose (MS) auf den Markt. Das Besondere daran: Die Pa­tienten müssen das Medikament nur noch alle zwei Wochen injizieren.

 

Der Wirkstoff besteht aus Interferon (IFN) β-1a, das über einen Linker an ein einzelnes lineares 20-kDa-Meth­oxypolyethylenglykol-(mPEG)-Molekül gebunden ist. Plegridy ist zugelassen zur Behandlung von Erwachsenen mit schubförmig remittierender MS. Wichtig: Die Wirksamkeit des neuen Arzneimittels darf nicht mit der anderer IFN-β-haltiger Arzneimittel verglichen werden, da keine direkten Vergleichsstudien vorliegen.

 

Die empfohlene Dosis beträgt 125 μg alle zwei Wochen als subkutane Injek­tion. Um unerwünschte Wirkungen, vor allem grippeartige Symptome, zu Therapiebeginn zu mildern, wird eine Auftitration empfohlen. Die Patienten spritzen zunächst 63 µg, beim zweiten Mal 94 μg (Starterpack) und erst ab der dritten Gabe die Erhaltungsdosis von 125 μg. Üblich ist die subkutane Injek­tion in Bauch, Arm und Oberschenkel, wobei der Patient die Spritzstelle regelmäßig wechseln sollte.

 

Was tun, wenn der Patient eine Spritze vergessen hat? Wenn es bis zur nächsten regulären Gabe noch sieben Tage oder länger dauert, sollte er die Injektion sofort nachholen. Ist das Intervall kürzer, ist ein neuer Zweiwochen-Rhythmus zu beginnen. Laut Fachinformation sollte Plegridy nicht zweimal innerhalb von sieben Tagen gespritzt werden.

 

Der Wirkmechanismus von Peg­interferon-β-1a bei MS ist nicht eindeutig geklärt. Der Wirkstoff bindet an den Typ-1-INF-Rezeptor auf der Zelloberfläche und stößt damit eine intrazelluläre Signaltransduktionskaskade an. Dies bewirkt vermutlich eine Hochregulierung antiinflammatorischer Interleukine sowie die Herunterregulierung proinflammatorischer Zytokine. Zudem soll die Migration aktivierter T-Zellen durch die Blut-Hirn-Schranke verhindert werden.

 

Die pharmakologischen Eigenschaften von Peginterferon-β-1a entsprechen denen von Interferon-β-1a. Die Halbwertszeit des pegylierten Moleküls im Serum ist jedoch länger, bei gesunden Personen etwa doppelt so lang. Bei MS-Patienten lag die Halbwertszeit im Steady State bei 78 +/- 15 Stunden.

 

Wirksamkeit und Sicherheit des neuen Interferons wurden anhand der Daten des placebokontrollierten ersten Jahres der ADVANCE-Studie beurteilt, die insgesamt über zwei Jahre lief. Rund 1500 Patienten mit schubförmiger MS (Durchschnittsalter 37 Jahre) erhielten das Verum (125 μg) alle zwei oder alle vier Wochen oder Placebo. Primärer Endpunkt war die jährliche Schubrate (ARR) nach einem Jahr.

 

Im Vergleich zu Placebo reduzierte die zweiwöchentliche Applikation die ARR signifikant um 36 Prozent. Das Schubrisiko sank signifikant um 39 Prozent und das Risiko einer anhaltenden Behinderungsprogression um 38 Prozent (mit zwölfwöchiger Bestätigung) und um 54 Prozent (24-wöchige Bestätigung in einer post-hoc-Analyse). Im Kernspintomogramm wurde ein signifikanter Rückgang definierter Läsionen im Gehirn (sogenannte MRT-Endpunkte) festgestellt. Insgesamt war die Injektion alle zwei Wochen effektiver als die Gabe alle vier Wochen. Die Ergebnisse nach zwei Jahren zeigten, dass die Wirksamkeit von Plegridy anhielt.

 

Die häufigsten Nebenwirkungen bei zweiwöchentlicher Gabe waren Erytheme an der Injektionsstelle, grippeähnliche Erkrankungen (bei 47 Prozent der Patienten), Fieber, Kopf-, Gelenk- und Muskelschmerzen, Schüttelfrost sowie Asthenie. Zwei Drittel der Pa­tienten klagten über Schmerzen und Juckreiz an der Injektionsstelle. Daher sollte die Injektionstechnik der Pa­tienten regelmäßig überprüft werden. Weniger als 1 Prozent brach die Therapie wegen grippeähnlicher Symptome ab.

 

Zur Immunogenität: Weniger als 1 Prozent der Patienten, die Plegridy bis zu zwei Jahre lang spritzten, entwickelten persistierende neutralisierende Antikörper gegen den INF-Anteil. Etwa 3 Prozent entwickelten Antikörper gegen den PEG-Anteil des Moleküls.

 

Patienten, die überempfindlich auf INF-β reagieren, sowie Menschen mit aktueller schwerer Depression oder Suizidgedanken dürfen Plegridy nicht bekommen. Ebenso darf die Behandlung nicht während einer Schwangerschaft beginnen. Frauen im gebärfähigen Alter müssen zuverlässig verhüten.

 

Im aktuellen Stufenschema zur Diagnose und Therapie der MS ist das neue Peg-IFN bereits enthalten. Zur verlaufsmodifizierenden Therapie steht es auf einer Stufe mit drei anderen Interferonen, Glatirameracetat und den beiden Peroralia Dimethylfumarat und Teriflunomid. 

 

 

Vorläufige Bewertung: Schrittinnovation


Weiterführende Links

Europäischer öffentlicher Beurteilungsbericht (EPAR):

www.ema.europa.eu/docs/de_DE/document_library/EPAR_-_Summary_for_the_public/human/002827/WC500170305.pdf 

 

Zusammenfassung der Merkmale des Arzneimittels:

www.ema.europa.eu/docs/de_DE/document_library/EPAR_-_Product_Information/human/002827/WC500170302.pdf 














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