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NEUE ARZNEISTOFFE

 
71 Psychopharmaka


Lisdexamfetamin, Elvanse® (Shire)



Für die medikamentöse Therapie von ADHS (Aufmerksamkeitsdefizit-Hyperaktivitäts-Störung) kam im Juni 2013 mit Lisdexamfetamin (Elvanse® 30 mg, 50 mg, 70 mg Hartkapseln, Shire) eine weitere Option auf den deutschen Markt. Die Zulassung hatte das Bundesinstitut für Arzneimittel und Medizinprodukte (BfArM) dem Präparat im März 2013 erteilt. Der Hersteller geht davon aus, dass in den nächsten Monaten die Aufnahme in Anlage III des Betäubungsmittelgesetzes erfolgt. Indiziert ist der Arzneistoff im Rahmen einer Gesamtstrategie zur ADHS-Behandlung bei Kindern ab sechs Jahren, die unzureichend auf Methylphenidat angesprochen haben. Die Behandlung muss unter Aufsicht eines Spezialisten für Verhaltensstörungen bei Kindern und/oder Jugendlichen stehen. Die Diagnose sollte anhand der DSM-IV-Kriterien oder der Leitlinien in ICD-10 gestellt werden und auf einer vollständigen Anamnese und Untersuchung des Patienten basieren. Die Diagnose darf sich nicht allein auf das Vorhandensein eines oder mehrerer Symptome stützen.

 

Lisdexamfetamin ist ein Prodrug. Nach oraler Gabe wird es im Magen-Darm-Trakt schnell resorbiert und zu Dexamfetamin hydrolysiert, das für die Wirksamkeit des Arzneimittels verantwortlich ist. Seit Ende 2011 ist bereits mit Attentin® ein Dexamfetamin-haltiges (5 mg) und damit ähnliches Fertigarzneimittel in Deutschland verfügbar.

 

Der Wirkmechanismus von Amfetaminen bei ADHS ist nicht vollständig geklärt. Es wird jedoch angenommen, dass die Wirksamkeit auf eine Blockade der Wiederaufnahme von Noradrenalin und Dopamin in das präsynaptische Neuron und eine vermehrte Freisetzung dieser Monoamine in den extraneuronalen Raum zurückzuführen ist. Das Medikament sollte einmal morgens verabreicht werden und kann mit oder ohne gleichzeitige Nahrungsaufnahme eingenommen werden.

 

Die Hartkapsel kann als Ganzes eingenommen oder auch geöffnet und ihr Inhalt in Wasser aufgelöst werden. Die Dosierung ist nach den therapeutischen Erfordernissen und dem Ansprechen des Patienten individuell vom Arzt einzustellen. Die Initialdosis beträgt in der Regel 30 mg pro Tag. Sie kann in wöchentlichen Abständen in Schritten von jeweils 20 mg erhöht werden. Die höchste empfohlene Dosis beträgt 70 mg pro Tag. Die Behandlung muss beendet werden, wenn sich die Krankheitssymptome nach einer geeigneten Dosisanpassung über einen Zeitraum von einem Monat nicht bessern. Beim Auftreten einer paradoxen Verschlimmerung der Symptome oder anderer unzumutbarer, unerwünschter Ereignisse muss die Dosis reduziert oder das Arzneimittel abgesetzt werden. Auch bei älteren Patienten oder bei eingeschränkter Nierenfunktion kann eine Dosisreduktion erforderlich sein.

 

Vor einer Verordnung ist es notwendig, den Patienten hinsichtlich seines kardiovaskulären Status einschließlich Blutdruck und Herzfrequenz zu beurteilen. Eine umfassende Anamnese sollte Begleitmedikationen, frühere und aktuelle internistische und psychiatrische Begleit­erkrankungen oder Symptome, familienanamnestisch bekannte plötzliche kardiale/unerwartete Todesfälle sowie eine exakte Erfassung von Körper­größe und -gewicht vor der Behandlung in einem Wachstumsdiagramm umfassen. Wie bei anderen Stimulanzien ist das Potenzial für Missbrauch, Fehlgebrauch oder Zweckentfremdung von Lisdexamfetamin vor der Verordnung zu bedenken.

 

Als Kontraindikation gilt die gleichzeitige Anwendung von Monoamin­oxidase-(MAO)-Hemmern oder eine Anwendung innerhalb von zwei Wochen nach einer MAO-Therapie, da es sonst zu einer vermehrten Freisetzung von Noradrenalin und anderen Mono­aminen kommen kann. Dies kann starke Kopfschmerzen und weitere Anzeichen einer hypertensiven Krise hervorrufen. Weitere Gegenanzeigen sind Hyperthyreose oder Thyreotoxikose, Erregungszustände, symptomatische Herz-Kreislauf-Erkrankungen, fortgeschrittene Atherosklerose, mittelschwere bis schwere Hypertonie und ein Glaukom.

 

Wie bei anderen Amfetaminen sind einige Wechselwirkungen zu beachten. So hemmen Amfetamin und seine Metabolite geringfügig die Cytochrome CYP2D6, CYP1A2 und CYP3A4. Dies sollte bei Arzneistoffen, die über diese Stoffwechselwege metabolisiert werden, beachtet werden, wobei die klinische Relevanz als gering eingestuft wird.

 

Amfetamine können die Wirkung von Guanethidin oder anderen Anti­hypertensiva abschwächen. Dagegen können sie die analgetische Wirkung von Opioiden verstärken. Umgekehrt können Chlorpromazin, Haloperidol und Lithiumcarbonat die Wirkung von Amfetaminen abschwächen. Lisdexamfetamin darf in der Schwangerschaft nur angewendet werden, wenn der potenzielle Nutzen das potenzielle Risiko für den Fetus überwiegt. Da Amfetamine in die Muttermilch übergehen, darf der Arzneistoff während der Stillzeit nicht eingenommen werden.

 

Die Zulassung beruht auf der siebenwöchigen, placebokontrollierten Doppelblindstudie SPD489-325 mit 336 Kindern und Jugendlichen im Alter von sechs bis 17 Jahren. Lisdexamfet­amin zeigte im Vergleich zu Placebo hinsichtlich der Kernsymptome Hyperaktivität, Unaufmerksamkeit und Impulsivität eine signifikant größere Wirksamkeit. Auch die schulischen Leistungen der Kinder verbesserten sich unter dem neuen Arzneistoff signifikant. Die häufigsten Nebenwirkungen spiegeln die mit Stimulanzien häufig verbundenen wider: verminderter Appetit, Schlafstörungen, Mundtrockenheit, Kopfschmerzen, Gewichtsabnahme und Oberbauchschmerzen.

 

 

Vorläufige Bewertung: Analogpräparat














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