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Sarkopenie und Co.: Gewichtsverlust bei alten Menschen

TITEL

 
Sarkopenie und Co.


Gewichtsverlust bei alten Menschen


Von Annette Immel-Sehr / Hochbetagte Menschen wirken oft zerbrechlich. Auch wenn Kräfteverfall und Gewichtsverlust dem typischen Bild vom hohen Alter entsprechen, ist dieser Zustand keineswegs zwingend und schon gar nicht erwünscht. Mit ge­zielten Maßnahmen kann man dem Abnehmen entgegenwirken und die Prognose verbessern. Je eher man beginnt, desto besser.

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Die Gruppe der alten Menschen ist sehr heterogen. Zum einen ist die körper­liche und geistige Gesundheit der Menschen über 75 Jahre sehr unterschiedlich. Dies bedingt den Grad ihrer Selbstständigkeit und Mobilität beziehungsweise ihrer Hilfs- und Pflege­bedürftigkeit. Zum anderen sind die Lebensumstände einschließlich der finanziellen Situation sehr verschieden: alleinlebend, mit einem Lebenspartner, in einer größeren Familie, im Alten- oder Pflegeheim. All diese Faktoren beeinflussen die Ernährungssituation, die körperliche Aktivität und damit Gesundheit und Lebensqualität erheblich.




Grafik 1: Auswirkungen von Malnutrition, Sarkopenie und Kachexie auf Körpergewicht und Körperzusammensetzung

Schleichende Veränderungen

 

Viele alte Menschen verlieren an Gewicht, und ihre Körperzusammensetzung ändert sich. Dies ist oft kaum wahrnehmbar, weil die Prozesse langsam ablaufen und zunächst nicht auffallen. In einer Studie bei zu Hause lebenden, pflegebedürftigen Seniorinnen und Senioren in Deutschland zeigte sich, dass 59 Prozent seit der Pflege­bedürftigkeit abgenommen hatten. Dies erscheint umso erstaunlicher, als ihre Lebenssituation meist in gewohnten Bahnen geblieben war. Bei mehr als 70 Prozent der alten Menschen berei­teten Angehörige die Mahlzeiten zu, etwa zwei Drittel aßen überwiegend in Gesellschaft (1).

 

Je nachdem, wie sich Körperzusammensetzung und Körpergewicht verändern, definieren Geriater drei Syndrome: Sarkopenie, Malnutrition und Kachexie (Grafik 1). Die zugrunde liegende Pathophysiologie dieser Syndrome unterscheidet sich; daraus resultieren unter­schiedliche therapeutische Stra­te­gien. Allerdings ist eine Abgrenzung der Syndrome oft nur Theorie, denn oft überlappen sie sich. Das Apothekenteam sollte auf jeden Fall hellhörig werden, wenn alte Menschen oder ihre An­gehörigen über Gewichtsverlust oder zunehmende Schwäche klagen.




Bewegungs- und Krafttraining lohnen sich in jedem Alter.

Foto: Superbild


Sarkopenie: Muskeln schwinden

 

Der Verlust von Muskelmasse ist ein natürliches Phänomen des Alterns. Schon ab dem 50. Lebensjahr verliert der Mensch im Durchschnitt etwa 1 bis 2 Prozent seiner Muskelmasse pro Jahr. Auch die Muskelkraft sinkt: zunächst um etwa 1,5 Prozent, nach dem 60. Lebensjahr sogar um 3 Prozent pro Jahr (2). Doch nicht jeder Mensch altert gleich, und die individuellen Unterschiede beim Abbau von Muskelmasse sind erheblich. Die Gründe dafür liegen nicht nur in den Genen, sondern vor allem in der körperlichen Aktivität.

 

Der übermäßige, fortschreitende alters­bedingte Abbau der Skelettmuskulatur und der Muskelkraft wird als Sarkopenie bezeichnet. Dies kann, aber muss nicht unbedingt mit einer Gewichtsabnahme einhergehen. Die Fettmasse bleibt unverändert. Somit können auch übergewichtige Menschen von Sarkopenie betroffen sein, ohne dass dies auf den ersten Blick zu erkennen ist.

 

Die Sarkopenie rückt erst in den letzten Jahren immer mehr in den Fokus, seit man die damit verbundenen Risiken erkannt hat. 2009 formulierte die European Working Group on Sarcopenia in Older People (EWGSOP), der Vertreter verschiedener medizinischer Fachgesellschaften angehören, eine Definition für den klinischen Alltag. Danach liegt eine Sarkopenie vor, wenn neben einer reduzierten Muskelmasse funktionelle muskuläre Einbußen nachweisbar sind, das heißt Muskelkraft und körperliche Leistungsfähigkeit abnehmen.

 

Als diagnostisches Maß für die Muskel­kraft hat sich die Handgriff­stärke bewährt, zur Beurteilung der körper­lichen Leistungsfähigkeit die Gang­geschwindigkeit. Bei einer messbaren Verminderung der Handkraft oder bei einer Ganggeschwindigkeit unter 0,8 m/sek besteht Verdacht auf eine Sarkopenie. Dann sollte laut EWGSOP die Muskelkraft gemessen werden (3). Eine erste einfache Messung bei Verdacht auf Sarkopenie ist die Bestimmung des Unterschenkelumfangs. Beträgt dieser weniger als 31 cm, könnte das Syndrom vorliegen (4).

 

Die abnehmende Muskelkraft erschwert die Bewältigung des Alltags immer mehr. Bewegungsabläufe werden mühsamer, und viel schneller als früher stellt sich Erschöpfung ein. Mit der Zeit ist die Mobilität eingeschränkt, und es kommt vermehrt zu Stürzen und Frakturen. So kann eine Sarkopenie schließlich zur Pflegebedürftigkeit führen und die Aufnahme in ein Heim erforderlich machen. Zudem erhöht Sarkopenie das Mortalitätsrisiko, und zwar unabhängig vom Alter und anderen Erkrankungen (5).

 

Die Zahlen zur Prävalenz der Sarkopenie variieren aufgrund der vormals uneinheitlichen Definition stark. 5 bis 13 Prozent der 60- bis 70-jährigen Menschen sind betroffen, für die Über-80-Jährigen liegen die Angaben zwischen 11 und 50 Prozent (2).


Frailty

In der deutschsprachigen medizinischen Fachliteratur findet sich immer öfter der Begriff »Frailty«. Er lässt sich am ehesten mit »Gebrechlichkeit« übersetzen. Doch der deutsche Ausdruck erscheint zu eng für das sehr komplexe Phänomen, um das es geht. Daher wurde die englische Bezeichnung gebräuchlich. Frailty steht insgesamt für die Abnahme der funktionellen Leistungsfähigkeit alter Menschen. Der gealterte Körper ist weniger belastbar und verfügt nicht mehr über ausreichend funktionelle Reserven, um auf endogene und exogene Störfaktoren zu reagieren. Die Sarkopenie ist nur ein Aspekt von Frailty. Auch die psychologische und soziale Dimension der zunehmenden Gebrechlichkeit gehören zum Frailty-Syndrom.


Vielfältige Ursachen

 

Die Ursachen des übermäßigen Muskelabbaus sind sehr komplex und im Detail noch nicht aufgeklärt. Fest steht, dass Muskelfasern und dazugehörige Nervenzellen verloren gehen. Der Muskelfaserverlust beruht auf einer Aktivierung proteolytischer Signalwege. Dabei spielen sowohl oxidativer Stress als auch mitochondriale Dysfunktionen eine Rolle. Es kommt zudem zur Apoptose von Muskelzellen sowie zu einer Abnahme ihrer Sensitivität auf anabole Stimuli (6, 7).

 

Auch Hormone und Botenstoffe sind an der Entstehung einer Sarko­pe­nie beteiligt. So sind offenbar die alters­assoziierte Abnahme der Testosteron-, Wachstumshormon- und IGF-1-Spiegel sowie ein leichter Anstieg proin­flammatorischer Mediatoren (C-reak­tives Protein, Interleukin (IL)-2 und -6 sowie TNF-alfa) von Bedeutung. Diese physiologischen Vorgänge laufen bei der Sarkopenie verstärkt ab. Zudem wird eine Veränderung im Renin- Angiotensin-Aldosteron-System diskutiert. Denn zirkulierendes Angiotensin II spielt offenbar beim Muskelschwund und der Abnahme des IGF-1-Spiegels eine Rolle (8).

 

Zwei weitere Faktoren spielen eine bedeutende Rolle bei der Entstehung der Sarkopenie: körperliche Aktivität und Ernährung. Sowohl ein bewegungsarmer Lebensstil als auch die ungenügende Zufuhr von Energie, Protein und Mikronährstoffen wie Vitamin D lassen Muskelmasse und Muskelkraft schwinden.

 

Früh intervenieren

 

Im frühen Stadium ist eine Sarkopenie weitgehend reversibel. Später kann man oft nur noch versuchen, den weiteren Verlust von Muskelmasse und -kraft zu bremsen. Dazu gibt es drei therapeutische Strategien: Krafttraining, Ernährungsoptimierung sowie Medikamente.

 

Den größten Erfolg erzielt das Krafttraining. Es steigert nachweislich sowohl Muskelmasse als auch Kraft und Gleichgewicht älterer Menschen (6). Eine Verbesserung der Muskelkraft kann schon mit einem einmal wöchentlichen Training nach zwölf Wochen erzielt werden. Dies ist sogar bei Über-90-Jährigen nachweisbar (8).

 

Wer jedoch sein ganzes Leben lang keinen Sport getrieben hat, tut sich mit einem relativ intensiven Training schwer. Für Menschen, die wenig Freude an Bewegung haben oder die aufgrund gesundheitlicher Probleme nicht intensiv trainieren können, gibt es weniger anstrengende Alternativen. Mithilfe einer Ganzkörpervibration oder Ganzkörper-Elektromyostimulation (WB-EMS) lässt sich der Effekt eines leichten Körpertrainings auf ein relevantes Maß verstärken.

 

Ein Vibrationstraining kann, vor allem bei älteren Menschen mit einem niedrigen Ausgangsniveau, die Muskelkraft signifikant und in ähnlichem Umfang wie klassisches Krafttraining steigern (9). Dabei steht der Patient mit beiden Füßen auf einer Platte, von der hochfrequente Schwingungen ausgehen. Diese stimulieren die Muskel­eigen­reflexe und aktivieren die Muskulatur. Schon drei wöchentliche Einheiten von 15 Minuten verbesserten die Muskelkraft in einer Studie deutlich (10).

 

Bei einem Ganzkörper-EMS-Training werden die Muskelzellen durch elektrische Reize innerviert. Oberflächenelektroden, die auf einer Weste sowie auf Arm- und Beinmanschetten eingelassen sind, geben niederfrequente Strom­impulse mit niedrigen Stromstärken ab. In einer Studie der Universität Erlangen-Nürnberg mit sportlich inaktiven Frauen über 70 zeigte sich, dass Ganzkörper-EMS-Training die Sarkopenie signi­fikant besser beeinflusste als ein leichtes Funktionstraining (11).




Hochkalorische Trinknahrungen können die Energie- und Proteinzufuhr der Senioren deutlich verbessern.

Foto: DAK-Gesundheit


Proteine für den Muskelaufbau

 

Um weiteren Gewichtsverlust und Muskelabbau zu verhindern, muss die Energie- und Nährstoffzufuhr bedarfsgerecht sein. Auch wenn sich eine bestehende Sarkopenie nicht allein durch Proteinzufuhr bessern lässt, ist die Ernährung sehr wichtig. Die Muskelproteinsynthese wird durch Nahrungs­proteine stimuliert. Für den anabolen Effekt sind besonders die essenziellen Aminosäuren, und hier vor allem die verzweigtkettigen wie Leucin, von Bedeutung.

 

Ältere Menschen benötigen zur Bildung von Muskelproteinen eine höhere Eiweißzufuhr als junge Erwachsene. Daher wird diskutiert, die Empfehlungen zur Proteinzufuhr anzupassen. Die Deutsche Gesellschaft für Ernährung empfiehlt derzeit für Erwachsene unabhängig vom Lebensalter pro Tag 0,8 g Protein/Kilogramm Körpergewicht. Für alte Menschen könnten 1,2 g/kg/Tag sinnvoll sein (12). Für Menschen mit Sarkopenie wird über eine Zufuhrempfehlung von 1,0 bis 1,5 g/kg/Tag diskutiert (7). Die Eiweißaufnahme sollte gleichmäßig auf die drei Hauptmahlzeiten verteilt sein. Maximal etwa 30 g Protein pro Mahlzeit kann der Körper effizient zur Muskelproteinsynthese verwerten (12); allerdings werden alte Menschen diese Menge wohl kaum drei Mal pro Tag erreichen. Zur Veranschaulichung: Ein Hühnerei enthält etwa 8 g Eiweiß, ein Becher Joghurt 4 g, eine Scheibe Gouda etwa 9 g und ein Schweineschnitzel etwa 33 g Protein.

 

Die Energie- und Proteinzufuhr lässt sich durch hochkalorische Trinknahrungen gezielt verbessern. Mittlerweile gibt es Produkte in vielen Geschmacksrichtungen. Eine Nährstoffdichte von 1 kcal/ml wird aufgrund der günstigeren Osmolarität meist besser vertragen als 2 kcal/ml. Patienten mit Anzeichen einer Sarkopenie sollten frühzeitig mit einer solchen Zusatzkost beginnen und beispielsweise eine Spätmahlzeit damit gestalten. Spätestens ab einem Body Mass Index (BMI) unter 20 kg/m2 ist eine energie- und proteinreiche Trinknahrung dringend indiziert (13).

 

Vitamin D hat eine große Bedeutung für die Muskelkraft. Niedrige Serum­konzentrationen von 25-Hydroxy-Vitamin D (< 50 nmol/l) korrelieren bei älteren Personen mit geringer Muskelkraft und Gebrechlichkeit (12). Alte Menschen sind häufig unterversorgt, sodass Supplemente sinnvoll sein können. Um dem oxidativen Stress und den entzündlichen Prozessen entgegenzuwirken, die bei der Sarko­penie ablaufen, ist eine an Antioxidanzien (Carotinoide, Vitamin E, Vitamin C) und Omega-3-Fettsäuren reiche Kost sowohl zur Prophylaxe als auch bei eingetretener Sarkopenie empfehlenswert.


Tabelle: Ursachen und Triggerfaktoren der Malnutrition im Alter (modifiziert nach 4)

Veränderungen, Probleme Beispiele 
Physiologische Altersveränderungen verminderter Appetit frühes, lang anhaltendes Sättigungsgefühl Reaktionsstarre der Appetitregulation nachlassender oder gestörter Geruchs- und Geschmackssinn 
Erkrankungen schwere Akuterkrankungen chronische Erkrankungen depressive oder demenzielle Syndrome unerwünschte Arzneimittelwirkungen 
Probleme durch Behinderungen beim Einkaufen Kochen und Zubereiten von Mahlzeiten Kauen und Schlucken 
Soziale Faktoren Einsamkeit Verlust des Lebenspartners Umzug in ein Alten- oder Pflegeheim niedriger sozioökonomischer Status 

Alte Bekannte

 

Medikamente zur gezielten Behandlung einer Sarkopenie stehen nicht zur Verfügung. Positive Erfahrungen gibt es jedoch mit der Gabe von Testosteron, Estrogenen, Wachstumshormon und Vitamin D.

 

Auch eine altbekannte Arzneistoffgruppe macht hier von sich reden: ACE-Hemmer. Sie sind offenbar in der Lage, den Verlust der Muskelkraft aufzuhalten. Zwar sind weitere Studien erforderlich, doch schon heute erscheint dieser Therapieansatz sehr vielversprechend. Verschiedene Effekte der ACE-Hemmer könnten beim Einsatz gegen Sarkopenie nützlich sein: die Verbesserung von Endothelfunktion, Durchblutung der Muskulatur und Aufnahme von Glucose in die Muskelzelle sowie eine Modulation hormoneller Regelkreise, zum Beispiel von Insulin Growth Factor-1 (IGF-1). Schließlich könnten ACE-Hemmer auch eine direkte trophische Wirkung auf den Skelettmuskel haben, wie dies schon vom Herzmuskel bekannt ist (2, 8).

 

In der Öffentlichkeit wird das Problem der Sarkopenie bisher kaum wahrgenommen. Anders als etwa bei der Osteoporose gibt es kaum Bemühungen zur Prävention. Dabei könnte der Einzelne viel Lebensqualität gewinnen, wenn eine Sarkopenie aufgehalten würde. Bewegungsangebote für alte Menschen werden jedoch oft belächelt – auch von den Senioren selbst. Hier kann das Apothekenteam viel Aufklärungsarbeit leisten. Allerdings fehlt es vielerorts leider noch an speziellen Trainings­programmen für alte Menschen zum Aufbau von Muskelkraft.

 

Mangelernährung in Deutschland

 

Neben der Sarkopenie gibt es einen weiteren Grund, warum sich die Körperzusammensetzung alter Menschen ungünstig verändern kann und sie ungewollt an Gewicht verlieren. Es ist die Malnutrition. Dieser Begriff steht für die unzureichende Aufnahme von Makro- und Mikronährstoffen. Mangelernährung führt zur Gewichtsabnahme, vor allem zum Verlust von Fettreserven.




Wer viel Freude am Essen hat, ist weniger gefährdet, eine Mangel­ernährung zu erleiden.

Foto: Shutterstock/auremar


Im Wohlstandsland Deutschland wird die Unterernährung alter Menschen wenig beachtet. Dabei haben zahlreiche Studien gezeigt, dass ein erhöhter Gewichtsverlust Morbidität und Mortalität steigert. Unterernährte ältere Menschen haben beispielsweise bei einem Klinikaufenthalt ein erhöhtes Risiko für Komplikationen und längere Rekonvaleszenz-Zeiten (14).

 

Wann ist Abnehmen bedenklich? Ein Gewichtsverlust von 5 Prozent und mehr in den letzten drei Monaten beziehungsweise von 10 Prozent in einem halben Jahr gilt als relevant und erfordert eine Intervention (4). Doch auch eine langsamere Abnahme kann im Alter bedeutsam sein. So zeigte sich, dass ein Gewichtsverlust von 5 Prozent über drei Jahre mit einer signifikanten Steigerung der Mortalität verbunden ist (15).

 

Ab 65 Jahren liegt der wünschenswerte BMI in der Spanne von 22 bis 29 kg/m2 (12). Ein BMI unter 20 kg/m2 gilt bei alten Menschen als Untergewicht (14). Der BMI allein reicht als diagnostisches Kriterium jedoch nicht aus, da er fehlinterpretiert werden kann. So kann es bei einer Herzinsuffizienz zur Flüssigkeitsretention kommen, sodass der BMI im Normalbereich liegt, obwohl der Patient mangelernährt ist.

 

Keine Freude mehr am Essen

 

Die Ursachen der Malnutrition sind sehr vielfältig. Neben altersbedingten Veränderungen des Körpers können Erkrankungen und die aktuelle Lebenssituation die Lust am Essen und Trinken schmälern (Tabelle). Im Alter ist das Hungergefühl schwächer als früher. Bei etwa der Hälfte der alten Menschen lassen Geschmacks- und Geruchssinn nach. Das Sekretionsvermögen der Speicheldrüsen sinkt, was zu Mund­trocken­heit und Schluckbeschwerden führen kann. Zahnverschleiß und Rückbildungen am Zahnapparat erschweren das Kauen. Nicht selten sind auch schlecht sitzende Prothesen die Ursache für Essprobleme.




Grafik 2: Typischer Gewichtsverlauf eines älteren Menschen mit zunehmender Malnutrition

Gewichtsverluste kann der Körper im Alter kaum kompensieren. Wenn ein alter Mensch beispielsweise in einer Trauer­phase oder bei einem Infekt keinen Appetit hat und abnimmt, kann dies – anders als beim jungen Menschen – nachfolgend kaum oder nicht mehr ausgeglichen werden. So sinkt das Körpergewicht immer weiter (Grafik 2).

 

Auch Nebenwirkungen von Arzneimitteln wie Mundtrockenheit, Durchfall oder chronische Übelkeit können den Appetit verderben. Daher sollten Apotheker bei Menschen, die über Appetit­probleme oder veränderten Geschmack klagen, die Medikations­liste auf solche Nebenwirkungen prüfen und die Medikation gegebenenfalls mit dem Arzt besprechen.

 

Der häufigste Grund von Malnutri­tion bei Betagten ist eine Depression (13). Etwa 10 Prozent der Über-65-Jährigen, die zu Hause leben, haben eine behandlungsbedürftige Depression, bei den in Altenheimen lebenden Menschen sind es bis zu 40 Prozent (16).




Gemeinsam schmeckts besser.

Foto: Shutterstock/Halina Yakushevich


Auch Einsamkeit führt häufig dazu, dass alte Menschen schlecht ernährt sind. In einer französischen Studie mit allein­lebenden Menschen über 70 Jahre zeigte sich, dass 43 Prozent der Seniorinnen und Senioren nicht ausreichend aßen und ihren Energiebedarf nicht deckten. Ein fortschreitender Gewichtsverlust ist damit programmiert. Bei jedem fünften Teilnehmer fand sich bereits eine manifeste Malnutrition (17).

 

Zur Diagnose können Ärzte mit einem standardisierten Erhebungsbogen in fünf Minuten ein erstes Screening durchführen (Mini Nutritional Assessment; www.mna-elderly.com). Bei Hinweisen auf eine Malnutrition sollte eine ausführliche Befragung folgen, um mögliche Ursachen aufzudecken. Nicht jedes Problem lässt sich lösen, doch auch viele kleine praktische Maßnahmen können zusammen bewirken, dass alte Menschen wieder Appetit aufs Essen und Trinken bekommen und sich die Energie- und Nährstoffzufuhr verbessert. Eine frühe Intervention ist auf jeden Fall empfehlenswert.

 

Zu verwirrt zum Essen

 

Ein eigenes Problemfeld im Zusammenhang mit Unterernährung sind demen­zielle Erkrankungen. Demenzkranke verlieren bei Fortschreiten der Erkrankung praktisch immer an Körpergewicht, dabei in erster Linie Fettmasse. Demente Frauen nehmen oft früher ab als Männer. Dies wird damit erklärt, dass meist die Frauen für das Planen und Zubereiten der Mahlzeiten zuständig sind. Wenn sie dies nicht mehr bewältigen, schmeckt es nicht mehr so gut oder die Speisen gelingen gar nicht. Dagegen werden Männer meist »bekocht«. Sollten bei ihnen kognitive Defizite auftreten, ist trotzdem noch für schmackhafte Mahlzeiten gesorgt (18).

 

Zu Beginn einer demenziellen Erkrankung bestehen Störungen des Kurzzeitgedächtnisses, Leistungsschwäche und leichte Schwierigkeiten bei der Bewältigung alltäglicher Aufgaben. Komplexe Handlungen wie Planung des Einkaufs und Zubereitung einer Mahlzeit können Probleme bereiten. Häufig ist die Erkrankung zu diesem Zeitpunkt aber noch gar nicht diagnostiziert. In fortgeschritteneren Stadien kommt es zu örtlichen und situativen Orientierungsstörungen, psychomotorischer Unruhe mit hohem Bewegungs­drang und Problemen im Ablauf von Standardsituationen. Der Kranke kann Hunger und Durst, Lebensmittel und Esssituationen nicht mehr deuten und nutzen. Im Spätstadium funktioniert der komplexe Vorgang des Schluckens oft nicht mehr.

 

 Kachexie: von Krankheit verzehrt

 

Eine Kachexie (Auszehrung) ist meist die Folge einer schweren Grunderkrankung wie Krebs, chronische Herz- und/oder Niereninsuffizienz, chronisch-ob­struk­tive Atemwegserkrankung, rheumatoide Arthritis und Aids. Patienten mit Tumorleiden, COPD oder chronischer Herzinsuffizienz, die eine Kach­e­xie entwickeln, haben eine deutlich höhere Mortalität als Patienten ohne Kachexie (4).

 

Auf den ersten Blick ähnelt die Kache­xie der Sarkopenie mit dem Unterschied, dass sie schwerer verläuft. Sie ist durch einen übermäßigen Abbau von Muskelmasse gekennzeichnet, die zu einem fortschreitenden Gewichtsverlust führt. Hinzu kommt eine Abnahme der Körperfettmasse. Appetitverlust und starke Müdigkeit (Fatigue) sind weitere Kennzeichen einer Kachexie.

 

Bei der Kachexie wird die mäßige Entzündungsaktivität, die bei der Sarkopenie vorliegt, durch weitere Erkrankungen verstärkt. Es liegt ein deutlicher Überschuss an proinflammtorischen Zyto­kinen wie IL-1beta, IL-6, TNF-alfa und Interferon gamma vor. Diese Sub­stanzen stimulieren die Muskelproteo­lyse und bremsen die Synthese von Muskel­proteinen. Ferner beeinflussen sie zentral die Appetitregulation und nehmen den Appetit. Möglicherweise verringern sie zudem die Magen- und Darmmotilität und die Magensäure­sekretion. Es besteht ein Defizit an Testosteron und IGF1, die beide die Proteinsynthese stimulieren. Zudem wurde eine erhöhte Konzentration von Glucocorticoiden und Myostatin, die den Muskelaufbau hemmen, festgestellt (4).

 

Die chronische Entzündung lässt sich diagnostisch erfassen, zum Beispiel durch einen erhöhten Spiegel an C-reaktivem Protein. Auch ein erniedrigter Albuminwert (< 35 g/l) spricht für eine Kachexie. Unbeabsichtigter Gewichtsverlust (≥ 5 Prozent) und niedriges Körpergewicht (BMI < 22 bei Über-65-Jährigen) gelten ebenfalls als Diagnosekriterien (4).

 

In der Behandlung der Kachexie steht die effektive Therapie der Grunderkrankung im Vordergrund. Ein kalorischer Mehrbedarf lässt sich mit hochkalorischer Trinknahrung ausgleichen (zusätzlich zu den Mahlzeiten). Körperliche Bewegung und Krafttraining sind anzustreben, aber wegen der schweren Grunderkrankung oft nicht oder nur eingeschränkt möglich.

 

Medikamentös ist die Kachexie schwer zu behandeln. In der Onkologie werden häufig Gestagene wie Meges­trol eingesetzt, da sie unter anderem den Appetit anregen und dadurch den Ernährungszustand positiv beeinflussen. Ferner kommen Prokinetika, Glu­co­corticoide und Cannabinoide zum Einsatz. Bei Tumorpatienten waren Cannabinoide in einer Studie schwächer wirksam als Gestagene. Auch bei Patienten mit Aids, Morbus Alzheimer und COPD sind Cannabinoide wirksam. Allerdings führten Nebenwirkungen wie Schwindel, Müdigkeit und Benommenheit bei einem Teil der Patienten zum Abbruch der Therapie (19–21).

 

Wissenschaftler verfolgen derzeit verschiedene Strategien bei der Suche nach einem Medikament gegen Kach­e­xie. So werden selektive Androgen­rezeptor-Modulatoren und Ghrelin-Agonisten in Phase-III-Studien getestet. Außerdem versucht man, die Kachexie mit Myostatin-Antagonisten und Melanokortin4-Rezeptor-Antagonisten zu bremsen (22, 23).

 

Zusammenfassung

 

Sarkopenie, Malnutrition und Kachexie belasten die Lebensqualität erheblich und verschlechtern die Prognose alter Menschen. Daher sollten sie sehr ernstgenommen werden. Je früher gegen­gesteuert wird, desto besser sind die Erfolgsaussichten. Apotheker und PTA sollten aufmerksam sein und nachfragen, wenn ein Kunde über nachlassende Kräfte und Appetitverlust klagt. /


Literatur:

  1. Deutsche Gesellschaft für Ernährung, 12. Ernährungsbericht 2012. Kapitel 2, DGE Info 02 (2013) 18-24
  2. Haehling, v. S., Morley, J. E., Anker, S. D., An overview of sarcopenia: facts and numbers on prevalence and clinical impact. J. Cach­exia Sarcopenia Muscle 1 (2010) 129-133.
  3. Cruz-Jentoft, A. J., et al., Sarcopenia: European consensus on definition and diagnosis – Report of the European Working Group on Sarcopenia in Older People. Age Ageing 39 (4) (2010) 412-423.
  4. Bauer, J. M., et al., Malnutrition, Sarkopenie und Kachexie im Alter – Von der Pathophysiologie zur Therapie. Dtsch. Med. Wochenschr. 133 (2008) 305-310.
  5. Landi, F., et al. Sarcopenia and mortality risk in frail older persons aged 80 years and older: results from ilSIRENTE study. Age Ageing 42 (2) (2013) 203-209.
  6. Dirks, A. J., Leeuwenburgh, C., Der Einfluss von Alter und Training auf die Apoptose im Skelettmuskel. Dtsch. Zeitsch. Sportmed. 56 (3) (2005) 62-67.
  7. Hohenstein, K., et al., Expert/-innen-Statement Altersassoziierter Muskelverlust: Diagnose und Therapie bei Sarkopenie. (2011) B&K Bettschart & Kofler Medien- und Kommunikationsberatung GmbH, Wien.
  8. Burton, L. A., Sumukadas, D., Optimal management of sarcopenia. Clinical Interventions in Aging 5 (2010) 217-228.
  9. Kaeding, T. S., Sarkopenie und Vibrations­training. Zeitschr. Gerontol. Geriatr. 2 (2009) 88-92.
  10. Kemmler, W., Stengel, v. S., Alternative Exercise Technologies to Fight against Sarcopenia at Old Age: A Series of Studies and Review. J. Aging Res. Epub 2012 Feb 20.
  11. Kemmler, W., Engelke, K., Stengel, v. S., Ganzkörper-Elektromyostimulation zur Präven­tion der Sarkopenie bei einem älteren Risiko­kollektiv. Die TEST-III-Studie. Dtsch. Zeitsch. Sportmed. 63 (12) 343-350.
  12. Volkert, D., et al., Die Rolle der Ernährung bei der Entstehung von Sarkopenie und Frailty. ErnährungsUmschau 9 (2011) 486-493.
  13. Sieber, C. C., Ernährung. In: Böhmer, F., Füsgen, I., Geriatrie. Der ältere Mensch mit seinen Besonderheiten. Böhlau Verlag Wien, Köln, Weimar 2008, S. 551-563.
  14. Volkert, D., Leitlinie Enterale Ernährung der DGEM und DGG. Aktuel. Ernaehr. Med. 29 (2004) 190-197.
  15. Newmann, A. B., et al., Strength, but not muscle mass is associated with mortality in the health, aging and body composition study cohort. J. Gerontol. A. Bio. Sci. Md. Sci. 61 (2006) 72-77.
  16. Wolfersdorf, M., Schüler, M., Depressionen im Alter. Verlag W. Kohlhammer, Stuttgart 2005.
  17. Ferry, M., et al., The SOLINUT study: analysis of the interaction between nutrition and loneliness in persons aged over 70 years. J. Nutr. Health Aging 9 (4) (2005) 261-268.
  18. Wirth, R., et al., Cognitive function is associated with body composition and nutritional risk of geriatric patients. J. Nutr. Health Aging 5 (8) (2011) 706-710.
  19. Nauck, F., Klaschik, E., Cannabinoide in der Palliativtherapie des Anorexie-Kachexie-Syndroms. Der Schmerz 18 (3) (2004) 197-202.
  20. Bergmann, K. C., Dronabinol bei COPD-Patienten mit pulmonaler Kachexie. Pneumologie 59 (2005) V493.
  21. Grotenhermen, F., Müller-Vahl, K., Das therapeutische Potenzial von Cannabis und Cannabinoiden Dtsch. Arztebl. Int. 109 (2012) 495-501.
  22. Anker, M. S., et al., Highlights of mechanistic and therapeutic cachexia and sarcopenia research 2010 to 2012 and their relevance for cardiology. Arch. Med. Sci. 9 (1) (2013) 166-171.
  23. Steinman, J., Deboer, M. D., Treatment of cachexia: melanocortin and ghrelin interventions. Vitam. Horm. 92 (2013) 197-242.


Die Autorin

Annette Immel-Sehrstudierte Pharmazie in Bonn und Frankfurt/Main. Nach der Approbation 1988 wurde sie mit einer Arbeit über ein pharmakologisches Thema am Pharmakologischen Institut für Naturwissenschaftler der Universität Frankfurt promoviert. Von 1992 bis 1999 war Dr. Immel-Sehr als Referentin für Aus- und Fortbildung bei der ABDA ? Bundesvereinigung Deutscher Apothekerverbände tätig. Seither arbeitet sie freiberuflich als Beraterin für Wissenschafts-PR und als Fachjournalistin.

 

Dr. Annette Immel-Sehr Behring­straße 44, 53177 Bonn-Bad Godesberg, E-Mail: ais(at)immel-sehr.de



Beitrag erschienen in Ausgabe 23/2013

 

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