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Opioide: Missbrauch von Fentanyl-Pflastern

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Opioide

Missbrauch von Fentanyl-Pflastern


Von Ulrike Viegener / Es mehren sich Hinweise auf eine missbräuchliche Verwendung von Fentanyl-Pflastern durch Drogenabhängige. Darauf macht der Hessische Apothekerverband (HAV) in einer aktuellen Mitteilung aufmerksam. Auch in anderen Bundesländern ist das Problem bekannt.

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Drogenabhängige sind auf einen neuen Trip gekommen: Sie durchsuchen gezielt die Abfälle von Kliniken und Altenpflegeheimen nach gebrauchten Fentanyl-Pflastern. Sie kochen die Pflaster aus, um den Wirkstoff heraus zu lösen und ihn dann intravenös zu injizieren. Alternativ werden die Pflaster in der Absicht zerkaut, die Droge über die Mundschleimhaut aufzu­nehmen.




Wer sich Fentanyl injiziert, riskiert den schlagartig eintretenden Tod.

Foto: dpa


Fentanyl wirkt bis zu 80-mal stärker als Morphin. In transdermalen Systemen, die zur Therapie schwerer Schmerzen eingesetzt werden, verbleibt bei fristgerechtem Entfernen nach drei Tagen noch eine große Wirkstoffmenge. Je nach Pflaster beträgt der initiale Wirkstoffgehalt 1,4 bis 34,65 mg Fentanyl, wobei stündlich maximal 150 µg aus dem Depot freigesetzt werden. In sachgerecht gebrauchten Pflastern ist noch bis zu 70 Prozent der ursprünglichen Fentanyl-Dosis enthalten.

 

Eine bundesweite statistische Aufbereitung des Missbrauchs von Fentanyl-Pflastern existiert laut der Bundesdrogenbeauftragten bislang nicht. Aber es gibt übereinstimmende Berichte aus verschiedenen Bundesländern. Aus Bayern kommen Meldungen, denen zufolge bereits mehrere Menschen durch die missbräuchliche Anwendung von Fentanyl-Pflastern zu Tode gekommen sind. Darüber informiert auch das Bayrische Landeskriminalamt. Bei Überdosierung des hochwirksamen Medikaments drohen Atemstillstand und Herz-/Kreislaufversagen.

 

Schwarzhandel floriert

 

Abgesehen vom Ausschlachten gebrauchter Schmerzpflaster gibt es noch weitere Beschaffungsphänomene: Drogenabhängige versuchen, durch Doctorhopping – also Kontaktierung immer wieder neuer Ärzte – an Fentanyl-haltige Schmerzpflaster zu kommen. Auch gibt es offenbar in der Szene einen regen Schwarzhandel mit Fentanyl-Pflastern. Die Staatsanwaltschaft ermittelt in mehreren Fällen.

 

Drogenabhängige beziehungsweise Drogendealer sind sehr kreativ im Entwickeln erfolgreicher Beschaffungsstrategien. Sie wissen sehr genau, wie sie argumentieren müssen, um Ärzte zur Verordnung von Fentanyl-Pflastern zu bewegen, weiß Tim Pfeiffer-Gerschel, Leiter der Deutschen Beobachtungsstelle für Drogen und Drogensucht (DBDD). Pfeiffer-Gerschel sieht aufgrund eigener Erhebungen des DBDD den Schwarzhandel mit Fentanyl-Pflastern als das Hauptproblem an. Die Problematik, dass gebrauchte Pflaster ausgeschlachtet werden, existere, wird aber nach seiner Einschätzung überbewertet.




Bei sachgerechter Anwendung sind ­Fentanyl-Pflaster eine hochwirksame und sichere Therapieoption.

Foto: Janssen-Cilag


Vom Drogennotdienst München wurde 2011 in sogenannten Kontaktläden eine Fragebogenaktion durchgeführt, um aussagekräftige Daten zum Fentanyl-Missbrauch zu erhalten. Rund 50 Prozent der auskunftswilligen Drogenkonsumenten gaben an, Fentanyl zu konsumieren, wobei ausschließlich Pflaster als Quelle verwendet wurden. In 85,1 Prozent der Fälle wurde aus Pflastern gewonnenes Fentanyl injiziert, 27,6 Prozent der »Nutzer« lutschen die Pflaster aus und 4,2 Prozent schlucken sie sogar (Quelle: subLetter 6/2012).

 

Wachsamkeit gefordert

 

Ärzte sind vor diesem Hintergrund zu verstärkter Wachsamkeit aufgerufen. Aber auch Apotheker können mithelfen, einen Missbrauch Fentanyl-haltiger Schmerzpflaster zu vereiteln. Eine gängige Beschaffungspraxis besteht nämlich darin, dass die Anzahl der verordneten Pflaster auf Rezepten verändert wird. Auch Einbrüche in Arztpraxen und Entwendung von Blankorezepten gehören zum Repertoire der Drogentäter.

 

Eine wichtige Vorsorgemaßnahme betrifft die Entsorgung Fentanyl-haltiger Schmerzpflaster. Hier sind in erster Linie Klinken und Altenheime gefordert. Gebrauchte Pflaster sollen eingesammelt und an einem gesicherten Ort bis zur endgültigen Entsorgung aufbewahrt werden. Das BfArM empfiehlt, dass in medizinischen Großeinrichtungen adäquate Hausanweisungen erstellt und mit der Versorgungsapotheke abgestimmt werden sollten. /



Beitrag erschienen in Ausgabe 16/2013

 

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