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Medizinball: Ein dickes Ding

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Medizinball

Ein dickes Ding


Von Ulrike Abel-Wanek / »Holt die Medizinbälle!« Generationen von Schülern haben die braune unhandliche Lederkugel gehasst, vielen hat sie die Lust am Sport vermiest. Jetzt ist sie museumsreif geworden und steht im Mittelpunkt einer kleinen bemerkens­werten Ausstellung des Deutschen Medizinhistorischen Museums in Ingolstadt.

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Erinnerungen an Zirkeltraining und miefige Turnhallen kommen hoch beim Blick auf den großen Ball, der eigentlich gar kein Ball ist, sondern eine kiloschwere Kugel, die im Sportunterricht nicht selten blaue Flecken oder verstauchte Finger hinterließ. Als ihr Erfinder gilt der amerikanische Ringer, Boxtrainer und Gesundheitslehrer William Muldoon.




Foto: DMM Ingolstadt


Er schleuderte schon in den 1870er-Jahren einen rund 20 Pfund schweren, mit Sägemehl gefüllten großen Fußball in rascher Folge auf seine Boxschüler. Das führte schnell zu starken Muskeln, trainierte Reaktionsschnelligkeit und Beweglichkeit. »Er ist so riesig und so schwer, dass ich fast umgekippt wäre, als Herr Muldoon ihn mir in die Arme fallen ließ«, so die Journalistin Nellie Bly 1889 nach einem Besuch des Boxtrainers über den großen Ball. Die gesundheitsfördernde Wirkung des Vollballs wurde in den USA bald darauf so populär, dass man ihn sogar »medicine-ball« nannte.

 

Nach dem Ersten Weltkrieg machte der Medizinball auch in Deutschland rasant Karriere. In alten Sportzeitschriften wird er als »beste Medizin für den Körper« gepriesen, Übungen mit dem runden Schwergewicht seien besser als die Einnahme von Arzneimitteln. Die Begeisterung für den Ball traf auf eine durch die Kriegsjahre physisch und psychisch stark angeschlagene deutsche Bevölkerung, die es wieder zu »ertüchtigen« galt. Den Körper zu stählen und gesund zu erhalten, war in den 1920er-Jahren die »Pflicht und Schuldigkeit gegenüber dem Vaterland«. Der Sportpädagoge und Autor des 1930 publizierten Buches »Medizinballgymnastik«, Heinrich Meusel, forderte, dass »der Medizinball nicht nur in jedem Turn- und Sportverein, sondern auch in jede deutsche Familie recht bald als Gesundheits- und Freudespender Eingang finden« sollte. »Wir würden dann bald nicht mehr so viel schleichende Krankheiten, die man zu neunzehntel dem Bewegungsmangel des Zivilisationsmenschen zuschreiben kann, mit uns schleppen und gesunde, widerstandsfähige und schöne Körper darstellen.« Rasch fanden die schweren Bällen große Verbreitung, ihre Vorteile waren allzu offensichtlich: überall einsetzbar ohne große Erklärungen, die Übungen waren effektiv und machten sogar Spaß. Die Sportindustrie reagierte schnell und nahm die kiloschwere Kugel in ihre Produktpalette mit auf. Die teuersten Bälle waren aus Rindsleder genäht und mit Rentierhaaren gefüllt, billigere bestanden aus Segeltuch.

 

Als »Medizinprodukt« hielt die Gymnastikkugel auch bald Einzug ins Krankenhaus. 1927 richtete die Barmbecker Klinik in Hamburg eine »Abteilung für Leibesübungen als Therapie« ein. Hier absolvierten Diabetes- und Adipositas-Patienten, aber auch Rekonvaleszenten nach Tuberkulose, gymnastische Übungen, um ihre Lungen zu kräftigen und insgesamt widerstandsfähiger zu werden. Die Ärzte waren zufrieden mit den Resultaten, richtig eingesetzt hatten die Übungen sowohl therapeutische als auch vorbeugende Wirkungen. Speziell der Aspekt der Prophylaxe passte in die Medizin der damaligen Zeit, die nicht mehr ausschließlich den einzelnen Kranken im Blick hatte, sondern die ganze Bevölkerung mit einbezog.

 

In den folgenden Jahren passte die dicke Kugel den Nazis gut ins Konzept ihrer braunen Propaganda und diente als sportliches Drillgerät zur »Leibeserziehung« von Männern, Frauen und Kindern gleichermaßen. Trainierte Körper, »hart wie Kruppstahl« sollten Deutschlands »Wiedererstarkung« voranbringen. Zwar spielte der Medizinball bei diesen Entwicklungen keine zentrale Rolle. Als »Volksgerät zur körperlichen Ausbildung aller Sparten, aller Geschlechter und aller Altersklassen« haftet ihm die unrühmliche Vergangenheit jedoch an. Seine Beliebtheit hat das nicht gesteigert, dennoch bremste das schlechte Image nicht seinen nahezu flächendeckenden Einzug in deutsche Schulsporthallen in den Jahren nach dem Zweiten Weltkrieg.

 

Die kleine Ausstellung zeigt die Karriere des Balls in den Jahren von 1919 bis 1938 aus unterschiedlichen Blickwinkeln: Herstellung und Herkunft, Politik, Sport und Medizin. Zeitgenössische Literatur – und originale Medizinbälle – geben Einblicke in die facettenreiche Geschichte des Sportgeräts, das im heutigen Schulsport etwas in Vergessenheit geraten ist, sich im Profi-Sport und in Fitnessstudios inzwischen aber wieder zunehmender Beliebtheit erfreut. Eine Hörstation ergänzt die historische Perspektive durch Kurzinterviews mit Ingolstädter Bürgerinnen und Bürgern, die von ihren Erinnerungen an den Medizinball berichten – nicht immer sind es gute.

 

Nach Ingolstadt rollt der Medizinball weiter nach Halle. Hier ist die Ausstellung ab 6. Juni 2013 in den Räumen der Universitäts- und Landesbibliothek Sachsen-Anhalt zu sehen. /


Ausstellung

Der Medizinball. Grenzgänger zwischen Sport, Medizin und Politik. Noch bis zum 20. Mai 2013 im Deutschen Medizinhistorischen Museum Ingolstadt, Anatomiestraße 18-20. www.dmm-ingolstadt.de

 

Zur Ausstellung ist ein kleiner, reich bebilderter Katalog erschienen.



Beitrag erschienen in Ausgabe 15/2013

 

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