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Folgenschwere Kombination: Körperlich und psychisch krank

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Folgenschwere Kombination

Körperlich und psychisch krank


Von Christina Hohmann-Jeddi, Heidelberg / Ist der Körper chronisch erkrankt, leidet oft auch die Psyche. Das gleichzeitige Auftreten von körperlichen und psychischen Beschwerden senkt die Lebensqualität und erhöht die Sterblichkeit deutlich. Doch trotz negativer Konsequenzen für den Patienten werden die psychischen Erkrankungen selten behandelt.

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Erkrankungen wie Diabetes, chronische Herzinsuffizienz, chronisch obstruktive Lungenerkrankung oder Krebs belasten Patienten nicht nur körperlich. Sie erhöhen auch erheblich das Risiko für psychische Störungen. »Etwa 19 Prozent der Erwachsenen leiden gleichzeitig unter einer körperlichen und einer psychischen Erkrankung«, sagte Professor Dr. Wolfgang Herzog auf einer Pressekonferenz beim Deutschen Kongress für Psychosomatische Medizin und Psychosomatik Anfang März in Heidelberg. Eine ganze Reihe von Untersuchungen der Weltgesundheitsorganisation (WHO) zeige, dass diese Patientengruppe besonders behandlungsbedürftig ist. »Doch hier klafft eine große Versorgungslücke«, sagte Herzog, der Ärztlicher Direktor der Klinik für Allgemeine Innere Medizin und Psychosomatik am Universitätsklinikum Heidelberg ist. Eigenen Untersuchungen zufolge erhält weniger als ein Viertel der Betroffenen eine Behandlung der psychischen Störung.




Chronisch Kranke leiden häufig auch an psychischen Erkrankungen. Doch nur bei jedem vierten Betroffenen wird das psychische Leiden auch behandelt.

Foto: Fotolia/Rynio Productions


Dabei haben Komorbiditäten erhebliche negative Konsequenzen. Betroffene Patienten haben im Vergleich zu Patienten, die einzig körperlich oder psychisch erkrankt sind, deutlich schlechtere Ergebnisse bezüglich aller wichtigen Gesundheitsparameter. Die Sterblichkeit ist erhöht, die Leistungsfähigkeit reduziert und das Risiko für eine Berentung liegt höher, machte Herzog deutlich. Es gebe zwei Wege, auf denen sich körperliche und psychische Erkrankungen gegenseitig verstärken: die physiologische und die Verhaltensebene. So führe zum Beispiel eine Depression zu Schäden am Herzgewebe. Zudem bewirke sie, dass der Patient weniger auf sich achtet, etwa raucht, sich zu wenig bewegt oder Arztbesuche vermeidet, erklärte Herzog. Bis jetzt seien die Zusammenhänge zwischen psychischen und körperlichen Leiden aber nicht systematisch untersucht. Hier müsste mehr geforscht werden.

 

Außerdem bestehe Handlungsbedarf bei der Versorgung der Betroffenen. Weniger als jeder vierte Patient mit psychischer und somatischer Erkrankung erhält eine angemessene Psychotherapie. Ein Problem sei, dass die psychischen Störungen nur bei 40 Prozent der Betroffenen erkannt würden, so Herzog. Zudem hätten viele Patienten auch Vorbehalte und wünschten sich eher einen »besseren Arzt« oder eine »bessere Kommunikation« als etwa eine medikamentöse Therapie der psychischen Störung. Dabei gebe es wirksame Behandlungsmöglichkeiten wie verschiedene Formen der Psychotherapie oder Stressmanagement. Wichtig sei es aber, deren Wirksamkeit auch nachzuweisen und Evidenz zu schaffen. »Wir müssen herausfinden, welche Therapie bei welchem Störungsbild beziehungsweise bei welcher körperlichen Erkrankung wirkt«, sagte Herzog.

 

Depression und Diabetes

 

Wie problematisch die Kombination aus körperlicher und psychischer Erkrankung ist, zeigte Professor Dr. Johannes Kruse, Ärztlicher Direktor der Kliniken für Psychosomatik und Psychotherapie der Universitätskliniken Marburg und Gießen, am Beispiel von Diabetes und Depressionen. »Etwa 8 Prozent der Deutschen haben Diabetes«, sagte Kruse. Von diesen hätte jeder Vierte eine psychische Problematik, etwa 10 Prozent litten unter einer klinisch manifesten Depression. »Das Zusammentreffen hat eine erhebliche Auswirkung auf die Lebensqualität«, sagte Kruse. Komorbide Diabetiker sind mit ihrer Therapie unzufriedener, haben eine schlechtere Blutzuckereinstellung und entwickelten häufiger Folgeerkrankungen als psychisch gesunde Diabetiker. Zudem sei die Sterblichkeit doppelt so hoch wie bei Diabetespatienten ohne Depression.




Menschen mit psychischen Erkrankungen fällt es schwerer, mit dem Rauchen aufzuhören, als Gesunden.

Foto: TK


Ein Teil dieser Problematik entsteht dadurch, dass Betroffene schwerer in der Lage sind, sich an die Erkrankung anzupassen, und ein ungesundes Verhalten zeigen wie etwa Therapie- und Ernährungsempfehlungen zu missachten. Auch das Rauchen sei problematisch. Patienten mit einer psychischen Störung fiele es sehr schwer, das Rauchen aufzugeben, da sie es benötigten, um ihre Affekte zu regulieren, erklärte Kruse. Neben der psychologischen komme aber noch die physiologische Ebene zum Tragen. Belastungen führen bei depressiven Patienten zu psychischem Stress, die Cortisolausschüttung steigt an und das hat direkte Auswirkungen auf den Blutzuckerspiegel. Dieser steigt, zudem ist die Fettakkumulation erhöht und die Insulinsensitivität nimmt ab. »Bei einer schlechten Blutzuckereinstellung müssen diese physiologischen Aspekte mitberücksichtigt werden«, sagte Kruse.

 

Entscheidend für die Lebensqualität sei eine frühe Diagnose der psychischen Erkrankung. Hierfür sollten sich Diabetiker regelmäßig selbst prüfen, riet Kruse. Ein geeignetes Mittel sei der »WHO-5-Fragebogen«, der sich unter anderem im Diabetes-Pass findet. Patienten sollten auch den Mut haben, über ihre Probleme mit dem Arzt zu sprechen. »Allerdings ist die Hürde sehr groß«, sagte Kruse. »Es ist schwierig, Patienten von der Diabetes-Therapie in eine Psychotherapie zu bekommen.« In Hessen habe er ein Projekt gestartet, um diese Hürde niedriger zu machen. »Wir gehen in die Praxen und sprechen dort mit den Patienten, um sie über Psychotherapie zu informieren.« Zudem bilden er und seine Kollegen Mitarbeiter in diabetologischen Schwerpunkt-Praxen aus, um komorbide Patienten über Hilfsangebote zu informieren und zu ermuntern, Hilfe anzunehmen. Das Ziel ist der Aufbau eines integrierten kooperativen Versorgungsmodells. Bislang verlaufe die Zusammenarbeit mit den Ärzten sehr gut, freute sich Kruse. /



Beitrag erschienen in Ausgabe 13/2013

 

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