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Diabetes-Therapie: Kritik an GBA-Entschlüssen












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Kritik an GBA-Entschlüssen


Von Anna Hohle / Kein Zusatznutzen für Linagliptin, Festbeträge für Insulinanaloga: Der Gemeinsame Bundesausschuss hat in der vergangenen Woche gleich zwei Entscheidungen getroffen, die die Versorgung von Diabetes-Patienten nachhaltig beeinflussen.

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Beide Entschlüsse seien »nicht im Interesse der Patienten«, sagte ein Sprecher des Deutschen Diabetiker Bunds (DBB) der Pharmazeutischen Zeitung. Die Organisation kritisiert bereits seit Langem, dass das Diabetesmittel Trajenta (Linagliptin) des Herstellers Boehringer Ingelheim in Deutschland nicht verfügbar ist. Bereits im Dezember hatte das Institut für Qualität und Wirtschaftlichkeit im Gesundheitswesen (IQWiG) dem Mittel zum zweiten Mal einen Zusatznutzen abgesprochen. In der vergangenen Woche schloss sich auch der GBA dieser Meinung an.

 

DBB kritisiert Methode

 

»Die wissenschaftliche Basis des Beschlusses ist eindeutig«, sagte der unparteiische GBA-Vorsitzende Josef Hecken. Linagliptin weise im Vergleich zu Sulfonylharnstoffen keinen Zusatznutzen auf. Dem widerspricht der DBB-Vorsitzende Dieter Möhler. Bereits der IQWiG-Bericht sei »wissenschaftlich nicht haltbar« und »methodisch mangelhaft« gewesen, sagte Möhler. So habe das Institut in seiner Bewertung hauptsächlich das Risiko einer erstmals auftretenden Hypoglykämie überprüft. Für den Patienten sei jedoch jede Unterzuckerung mit dem gleichen Risiko verbunden.




Künftig sollen für Humaninsuline und Insulinanaloga dieselben Festpreise gelten.­

Foto: Imago/biky


Infolge des GBA-Entscheids könnte Boehringer Ingelheim Trajenta nun höchstens zu einem unwirtschaftlichen Erstattungspreis auf den deutschen Markt bringen. Der Hersteller reagierte jedoch bereits und kündigte an, unter diesen Umständen ganz auf eine Markteinführung zu verzichten. Es sei »bedauerlich, dass wir ein in Deutschland entwickeltes und hergestelltes Medikament nun auf dem heimischen Markt nicht anbieten können«, heißt es in einer Pressemitteilung des Unternehmens.

 

Der DBB klagte, Diabetikern werde in Deutschland durch »gesundheitspolitischen Sparzwang« der Zugang zu innovativen Arzneimitteln und medizinischem Fortschritt verwehrt. Auch der Verband der forschenden Arzneimittelhersteller (VFA) kritisierte die Entscheidung des GBA und warf die Frage auf, ob die Methodik des Bundesausschusses »wirklich primär den Patientennutzen im Auge hat«.

 

Auch eine zweite weitreichende Entscheidung des Gemeinsamen Bundesausschusses könnte Diabetes- Patienten künftig zu schaffen machen. Der GBA beschloss in der vergangenen Woche, drei neue Festbetragsgruppen für schnell wirkende, intermediär und lang wirkende sowie für intermediär und schnell wirkende kombinierte Insuline, sogenannte Mischinsuline, zu schaffen. In diesen Gruppen sollen sowohl Humaninsuline als auch Insulinanaloga zusammengefasst werden.

 

Bislang gilt für Insulinanaloga eine Verordnungseinschränkung, was bedeutet, dass Ärzte sie nur dann verschreiben können, wenn sie nicht teurer als Humaninsuline sind. Diese Regelung führte dazu, dass viele Hersteller für ihre Präparate Rabattverträge schlossen und Krankenkassen in der Folge die Kosten für viele Insulinanaloga übernahmen.

 

Mit der Einordnung in Festbetragsgruppen sollen für beide Insulinarten nun künftig dieselben Preishöchstgrenzen gelten. Krankenkassen sind dann zwar verpflichtet, die Mittel auch ohne Rabattvertrag zu erstatten – allerdings nur bis zur jeweiligen Preisgrenze. Während bei einem Rabattvertrag jedoch der eigentliche Herstellerabgabepreis erhalten bleibt, würde er bei der Einordnung in eine Festbetragsgruppe auf das Niveau des Festbetrags sinken. Der DDB befürchtet deshalb, dass viele Hersteller die Preise für Analoginsuline nicht auf die Stufe der Humaninsuline senken und Patienten die Differenz aus eigener Tasche zahlen müssen.

 

»Verstörendes Signal«

 

Die Hersteller ihrerseits erwarten eine negative Signalwirkung auch auf Preisverhandlungen im Ausland, sollten sie die Kosten für die umsatzstarken Insulinanaloga in Deutschland zu stark absenken. VFA-Chef Hagen Pfundner nannte die Entscheidung des GBA »nicht nachvollziehbar«. Die Wirtschaftlichkeit der Insuline sei durch die Rabattverträge bereits bis sichergestellt gewesen. Die Einordnung in Festbetragsgruppen bedeute »einen erheblichen volkswirtschaftlichen Schaden« und sende ein verstörendes Signal. Beide GBA-Beschlüsse könnten nur als »Bremse gegen Innovationen in Deutschland« verstanden werden. /



Beitrag erschienen in Ausgabe 09/2013

 

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