Die Zeitschrift der deutschen Apotheker

 

Pharmazeutische Zeitung

 

PTA-Forum

 

PZ-Akademie

 

DAC/NRF

 

Medici: Hinter den Kulissen der Macht

MAGAZIN

 
Medici

Hinter den Kulissen der Macht


Von Ulrike Abel-Wanek, Mannheim / Sie waren erfolgreiche Bankiers, Kaufleute und Kunstförderer, stiegen zu Großherzögen auf und wurden Päpste und Königinnen: Die Medici sind eine der berühmtesten Familien der Welt. Mithilfe modernster wissenschaftlicher Forschung blickt eine Mannheimer Ausstellung jetzt erstmals hinter die prunkvolle Fassade der mächtigen Dynastie.

ANZEIGE


»Medici-Ausstellungen gab es schon viele, so eine aber noch nicht«, sagt Dr. Wilfried Rosendahl zur Eröffnung der großen Schau über die Florentiner Familie, die dreieinhalb Jahrhunderte ganz Europa prägte. Neben Kunstschätzen, Gemälden und prächtigen Gewändern, kostbaren Büchern, Waffen und Rüstungen stelle diese Ausstellung auch die Lebensgeschichten der Menschen mit ihren unterschiedlichen Charakteren und Persönlichkeiten in den Mittelpunkt, so der Kurator und stellvertretende Direktor der Reiss-Engelhorn-Museen in Mannheim. Zudem bringen neueste naturwissenschaftliche Erkenntnisse Licht ins Dunkle der zum Teil rätselhaften Krankheitsgeschichten und Todesursachen einzelner Familienmitglieder.




Das Zeitalter von Lorenzo dem »Prächtigen« (1449 bis 1492), war das schillerndste in der Medici-Ära. Er sicherte der Familie die politische Vorherrschaft und förderte zahlreiche Künstler.

Foto: Su Concessione del Ministero per i Beni e le Attività Culturali


In zwölf Themenblöcken spannt die Ausstellung den Bogen vom Aufstieg der Familie im 14. bis zu ihrem Niedergang im 18. Jahrhundert – vom Gründungsvater Giovanni die Bicci (1360 bis 1429), der den Grundstein legte für die Bank, die zur größten Finanzmacht Europas aufsteigen sollte, bis zur letzten Medici, der Kurfürstin Anna Maria Luisa von der Pfalz (1667 bis 1743). Wie nebenbei erhält der Besucher aber auch Einblicke in bedeutende Themen der Renaissance: in das damals neue Weltbild eines Galileo Galilei ebenso wie in die Medizin, Alchemie oder die Erziehung.

 

Von der Basilika San Lorenzo, in der fast alle berühmten Medici bestattet wurden, geht es beim Museumsrundgang durch 350 Jahre Familiengeschichte. Auf Cosimo den Älteren, dem Sohn von Giovanni di Bicci, folgte Piero der Gichtige. Die Gicht galt damals als eine typische Erkrankung der Reichen. Neuere Untersuchungen zeigen aber, dass er an Arthritis und Rheuma litt, eine in der Familie weit verbreitete Krankheit, die auch noch viele Nachkommen befallen sollte. Lorenzo »der Prächtige«, berühmter Kunstförderer und Diplomat mit missgebildeter Nase, starb mit nur 43 Jahren. Auch er litt an rheumatoider Arthritis und hatte Zeit seines Lebens Schmerzen an Gelenken und Wirbelsäule. Weil auch die teure Therapie aus zerstoßenen Perlen und Smaragden nichts half, wurde sein behandelnder Arzt kurzerhand ertränkt. Söldnerführer Giovanni, dessen Leben Stoff für mehrere Hollywoodfilme lieferte, starb, weil man ihm fälschlicherweise einen Fuß amputierte, und der Herzog von Urbino überlebte einen Schuss in den Kopf. Sprachlos waren schon zeitgenössische Ärzte beim Anblick des von Skoliose deformierten Rückrats der Johanna von Habsburg, die Francesco I. de’ Medici dennoch acht Kinder gebar – jedes Mal mit erheblichen Komplikationen. Schon zu Lebzeiten wurde das Wohlbefinden der Medici genau beobachtet und gesundheitliche Probleme schriftlich festgehalten. Erste Exhumierungen und Beschreibungen der Leichname fanden 1857 statt, zwischen 1945 und 1949 erfolgten größere anthropologische Untersuchungen. Seit 2004 erforschen Wissenschaftler die sterblichen Überreste der Familie mit mo-dernen naturwissenschaftlichen Methoden.

 

Neben den rund 200 Exponaten, darunter auch Alltagsgegenstände wie das Rasierbesteck von Papst Clemens VII. oder das Buch mit den schwarzen Konten der Medici-Bank, präsentiert die Mannheimer Ausstellung neueste Ergebnisse forensischer und bioarchäologischer Untersuchungen. Schädelabgüsse und speziell für die Ausstellung angefertigte Computeranimationen geben Auskunft über die Gebrechen und Krankheiten der Medici und lassen vermuten, dass in einigen Fällen eher Arsen dem Leben ein Ende setzte statt der damals häufig diagnostizierten Malaria. Nicht selten brachten die Geschäfte und politischen Machenschaften des Florentiner Geschlechts Neid und Rachepläne bei denjenigen hervor, die nicht vom System Medici profitierten. Aber auch die Clanmitglieder untereinander trachteten sich nach dem Leben.

 

Rekonstruktion mit 3D-Druck

 

Erstmals präsentiert werden in Mannheim die Ergebnisse der Exhumierung von Anna Maria Luisa de’ Medici im Oktober 2012. Schon der erste vorsichtige Blick in das Grab durch ein Endoskop brachte eine Überraschung zutage: Das adlige Haupt Anna Maria Luisas trug nicht die erwartete Totenkrone der Medici, sondern eine Kurfürstenkrone – vermutlich die ihres bereits 1716 verstorbenen Ehemannes Johann Wilhelm von der Pfalz. Mithilfe der neuen Methode des 3-D-Scans konnten die Wissenschaftler nicht nur Gebeine, Textilien und Grabbeigaben genau dokumentieren, auch eine detailgetreue Reproduktion von Schädel und Krone wurde erstellt. Aus vergoldetem Kupfer, rotem Samt und Hermelin ist die Rekonstruktion einer der Höhepunkte der Ausstellung.

 

Anna Maria Luisa ist es zu verdanken, dass die umfangreichen Kunstschätze der Medici noch heute Millionen Kulturinteressierte in die Uffizien und den Palazzo Pitti nach Florenz locken. Sie handelte den sogenannten »Patto di Famiglia« aus. Dieser legte fest, dass die umfangreichen Kunstsammlungen der Familie Florenz niemals verlassen durften. Bis heute genießt die Kurfürstin dafür in der Stadt am Arno allerhöchstes Ansehen. Ihr 270. Todestag im Februar 2013 war Anlass für die Mannheimer Ausstellung. /


Ausstellung

Die Medici – Menschen, Macht und Leidenschaft. Reiss-Engelhorn-Museen, Mannheim. Museum Weltkulturen D5. 17. Februar bis 28. Juli 2013. www.rem-mannheim.de.

 

Der Katalog ist erschienen im Schnell und Steiner Verlag. 416 Seiten, ISBN: 978-3-7954-2634-7 (auch im Govi-Online-Shop: www.govi.de).



Beitrag erschienen in Ausgabe 09/2013

 

Das könnte Sie auch interessieren

 

 












DIREKT ZU