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Kontrazeptiva: Mädchensache Verhütung

PHARMAZIE

 
Kontrazeptiva

Mädchensache Verhütung

Von Bettina Sauer, Berlin

 

In Deutschland kommen jährlich mehr als 6000 Kinder zur Welt, deren Mütter unter 18 sind. Noch einmal so viele Minderjährige treiben ab. Daher fordern Ärzte eine frühere und umfassendere Aufklärung und einen noch besseren Zugang zu Verhütungsmitteln.

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Mit Dr. Gisela Gille können Schulmädchen von Frau zu Frau reden. Die Ärztin aus Lüneburg informiert sie über Pubertät, Weiblichkeit und Verhütung und nimmt sich viel Zeit für Fragen. »Mit wie viel Jahren kann man ein Tampon nehmen?«, kritzelte ihr kürzlich ein Mädchen anonym auf einen Zettel, ein anderes: »Muss in Liebe Sex enthalten sein?« Und eines, vielleicht zwölf Jahre, traute sich erst nach der Stunde: »Frau Gille, was passiert bei einer Abtreibung? Ich hatte eine. Aber das ging alles so schnell. Ich habe das nicht verstanden.« 

 

Gille ist die Vorsitzende der Ärztlichen Gesellschaft zur Gesundheitsförderung der Frau (ÄGGF),  der derzeit 82 Ärztinnen angehören. Allein im vergangenen Jahr führten sie bundesweit mehr als 5500 Informationsveranstaltungen durch, meist im Zuge des Sexualkundeunterrichts in der Schule. »Wir vermitteln den Mädchen ihrem Alter entsprechend verständliches Wissen über ihren Körper und seine Veränderungen in der Pubertät, über Schwangerschaft und sichere Verhütung, über Impfungen, sexuell übertragbare  Erkrankungen und das nötige Schutzverhalten«, sagte Gille Mitte Januar in Berlin. Beim Interdisziplinären Forum der Bundesärztekammer hielt sie einen Vortrag. »Jugendsexualität ist Realität«, sagte sie. »Wir müssen die Mädchen besser darauf vorbereiten, um sie vor negativen Folgen zu schützen.«

 

2006 kamen nach Angaben des Statistischen Bundesamts 6153 Kinder auf die Welt, deren Mütter noch nicht volljährig sind. Und 6590 Mädchen und junge Frauen unter 18 Jahren ließen im gleichen Zeitraum abtreiben. »Diese Zahlen entsprechen etwa 1 Prozent der Geburten und mehr als 5 Prozent der Schwangerschaftsabbrüche in Deutschland«, sagte Dr. Sabine Anthuber, Oberärztin an der Klinik und Polyklinik für Frauenheilkunde und Geburtshilfe am Universitätsklinikum München-Großhadern. Gille hält »jedes ungewollt schwangere Mädchen für eines zu viel«. Als mögliche psychosoziale Folgen der jungen Mutterschaft nannte sie Armut, Enttäuschung, Abbruch von Schule und Ausbildung.

 

Viele Teenagerschwangerschaften gründen Gilles Einschätzung nach auf einer »brisanten Mischung aus früher Geschlechtsreife, altersbedingter Neugier, Beziehungssehnsucht, Risikobereitschaft und Halbwissen.« Sie stützte sich dabei auf die Studie »Jugendsexualität« der Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung (BzgA), eine 2005 durchgeführte Umfrage an 2500 Jugendlichen. Jedes achte Mädchen (sowie jeder zehnte Junge) erlebt demnach den ersten Geschlechtsverkehr mit 14. Und mit 17 sind knapp drei Viertel der Mädchen und zwei Drittel der Jungen auf diesem Gebiet erfahren.

 

Dabei achten sie besser auf Verhütung als früher. Bei einer BzgA-Umfrage von 1980 hatten 20 Prozent der Mädchen ihren ersten Geschlechtsverkehr ungeschützt, 2005 waren es noch 9 Prozent. Doch gaben die Jugendlichen zugleich an, sie hätten Wissenslücken bei sexuellen Themen, auch in Sachen Empfängnisverhütung. »Zudem kommt es nach wie vor häufig zum Versagen der Kontrazeption«, sagte Anthuber. Als Gründe nennt die neueste BzgA-Umfrage das Vergessen der Pille, Schwierigkeiten bei der Kondomanwendung oder die Entscheidung für unsichere Verhütungsmethoden.

 

Breiteres Aufklärungsangebot

 

»Abhilfe schaffen kann eine frühzeitige und jugendgerechte Aufklärung durch Eltern, Lehrer, Beratungsstellen, Organisationen wie die ÄGGF und Ärzte«, sagte Anthuber. Um die Hemmschwelle vor dem Frauenarztbesuch zu senken, bieten mittlerweile Hunderte von Gynäkologen im ganzen Bundesgebiet sogenannte Mädchensprechstunden an, zu denen Jugendliche hingehen können, ohne Termin und ohne dass dabei zwangsläufig eine ärztliche Untersuchung stattfindet. Mädchen können im Internet unter www.maedchensprechstunde.de nach Frauenärzten mit entsprechenden Angeboten in ihrer Nähe suchen. Dazu brauchen sie auf der Homepage nur ihre Postleitzahl einzugeben.

 

Aus dem Beratungsgespräch beim Frauenarzt folgt laut BzgA-Umfrage für drei von vier Mädchen auch die Verordnung eines Kontrazeptivums. Bei einer Jugendlichen unter 14 Jahren sollte dazu eine Einverständniserklärung wenigstens eines Elternteils vorliegen. Ansonsten muss sich der Arzt von ihrer Handlungsfähigkeit überzeugen. »Der Schutz der Gesundheit der Jugendlichen ist das höhere Rechtsgut als die Aufklärungspflicht des/der Erziehungsberechtigten«, heißt es in der Leitlinie der Deutschen Gesellschaft für Gynäkologie und Geburtshilfe zur Empfängnisverhütung. Dass der Arzt sich wegen Beihilfe zum strafbaren Sexualverkehr mit Kindern (§§ 176, 27 StGB) oder Förderung sexueller Handlungen Minderjähriger (§ 180 Abs. 1 StGB) strafbar macht, sei nicht anzunehmen.

 

Pille besonders sicher

 

Als Mittel der ersten Wahl für Jugendliche betrachtet die Leitlinie  die Mikropille, also orale Präparate mit besonders niedrig dosierten Estrogenen und Gestagenen. »Trotz Pilleneinnahme soll zum Schutz vor sexuell übertragbaren Krankheiten jeder Geschlechtsverkehr mit Kondom stattfinden«, sagte Anthuber. Der Pearl-Index der Mikropille liegt zwischen 0,1 und 0,9.

 

Das heißt, weniger als eine von 100 Frauen, die ein Jahr lang ein orales Kontrazeptivum verwenden, wird schwanger. Ganz ohne Verhütung passiert das in dieser Zeit bei mehr als 80 Frauen.

 

Anthuber zitierte zudem eine britische Studie, wonach bei knapp 90 Prozent der Frauen, die fünf Jahre orale Kontrazeptiva verwendet haben, innerhalb von zwölf Monaten nach dem Absetzen eine Schwangerschaft eintritt. Es scheint nicht zu schaden, wenn der Frauenarzt diese beruhigenden Information weitergibt. Denn 67 Prozent der Mädchen zwischen 14 und 16 bezweifeln die Sicherheit der Pille, und 29 Prozent fürchten, davon unfruchtbar zu werden. Das geht aus einer Umfrage hervor, die Gille 2003 in der Fachzeitschrift »Geburtshilfe und Frauenheilkunde« veröffentlichte. Zudem glauben 50 Prozent der Befragten, die Pille macht dick, 78 Prozent halten sie für schlecht verträglich.

 

»Ängste und Zweifel führen nicht selten dazu, dass Mädchen und Frauen regelmäßig eine Pillenpause einlegen«, sagte Anthuber. »Doch dafür gibt es medizinisch keinen Grund.« Darauf sollte der Arzt hinweisen und betonen, dass sich Risiken der Pilleneinnahme durch eine Lebensweise ohne Rauchen, mit einer gesunden Ernährung und ausreichend Bewegung reduzieren lassen.

 

Tatsächlich können Nebenwirkungen auftreten, die einer Frühschwangerschaft ähneln, unter anderem Wassereinlagerungen, Übelkeit, Kopfschmerzen und Spannen in der Brust. Allerdings kommen sie nicht mehr so häufig vor, seit die Präparate nur noch sehr niedrig dosiert sind. In der Diskussion steht ihr Einfluss auf das Längenwachstum und die Krebsentstehung. Manchen Nebenwirkungen können Ärzte von vornherein vorbeugen, indem sie anhand der gründlichen gynäkologischen und allgemeinen Voruntersuchung das passende Präparat auswählen. Möglicherweise profitiert eine Anwenderin sogar von zusätzlichen Effekten bestimmter Kontrazeptiva. Präparate mit antiandrogen wirkenden Gestagenen  wie Cyproteronacetat, Chlormadinonacetat oder Drospirenon üben oft einen günstigen Einfluss bei Begleiterscheinungen der Pubertät aus, etwa bei fettiger Haut und Akne, einer vermehrten Behaarung (Hirsutismus) oder dem Polyzystischen Ovarsyndrom (PCOS). Bei Letzterem handelt es sich um eine allgemeine Entgleisung der Androgenproduktion. Dabei bilden sich oft Zysten in den Eierstöcken, die Regelblutung kann selten auftreten (Oligomenorrhö) oder ganz ausbleiben (Amenorrhö). »Viele Mädchen klagen in den ersten Jahren nach dem Einsetzen der Periode über Zyklusunregelmäßigkeiten und Regelschmerzen«, sagte Anthuber. In diesem Fall könne die gleichmäßige Gestagen-Zufuhr der Freisetzung von schmerz- und krampfauslösenden Prostaglandinen vor und während der Periode vorbeugen.

 

»Bei Dysmenorrhö, PCO-Syndrom und einigen weiteren Besonderheiten erweist sich die Einnahme der Mikropille im Langzyklus, also ohne monatliche Pause von sieben Tagen, als vorteilhaft«, sagte Anthuber. »Auch die kontrazeptive Sicherheit steigt, weil die Reifung der Eizellen besonders wirkungsvoll unterbunden wird.« Deshalb eigne sich der Langzyklus für Patientinnen, die längerfristig Barbiturate, Antibiotika, Antiepileptika oder andere Medikamente einnehmen, die die pharmakologische Wirkung oraler Kontrazeptiva beeinträchtigen. »Zudem macht er die Verhütung bei Mädchen sicherer, die die Pille leicht vergessen.«

 

Alternativen zur Pille

 

Ansonsten könnten als medizinisch gleichwertige Alternativen auch bestimmte Depotformen zum Einsatz kommen. Kombinationen aus Estrogenen und Gestagenen gibt es als Ring zum Einsetzen in die Vagina (Pearl-Index 0,4 bis 0,65; Beispiel: NuvaRing®). Die Anwenderin trägt ihn drei Wochen kontinuierlich, entfernt ihn und legt eine einwöchige Hormon-Pause ein. Auch als Pflaster sind kombinierte Estrogene und Gestagene erhältlich (Pearl-Index 0,72 bis 0,9; Beispiel Evra®). Man klebt sie einmal wöchentlich auf, nach drei Wochen unterbricht man die Therapie für sieben Tage. Um reine Gestagenprodukte handelt es sich bei implantierbaren Verhütungsstäbchen  (Pearl-Index 0 bis 0,08; Beispiel: Implanon®), die bis zu drei Jahre unter der Haut des Oberarms verweilen, und bei Intrauterinsystemen (Pearl-Index 0,16; Beispiel: Mirena®). Letztere verbleiben bis zu fünf Jahre in der Gebärmutter. »Estrogenfreie Präparate eignen sich am ehesten, wenn bei einer Jugendlichen ein erhöhtes Thromboserisiko vorliegt«, sagte Anthuber. Dann könne ein rein gestagenhaltiger oraler Ovulationshemmer wie Cerazette® zum Einsatz kommen. Dieses Präparat habe für die Einnahme ein breiteres Zeitfenster als andere Minipillen, wird also weniger leicht vergessen. Kupferhaltige Intrauterinpassare sind aufgrund ihres ­ umstrittenen ­ erhöhten Entzündungsrisikos medizinisch nur Mittel der zweiten Wahl. Und alle anderen Verhütungsmethoden, auch die anwendungsfehleranfälligen Kondome, eignen sich ihrer Einschätzung nach nicht bei Jugendlichen. Ausdrücklich warnte sie vor dem Einsatz von estrogen-gestagenhaltigen Dreimonatsspritzen. »Sie führen nachweislich zu einer deutlichen Abnahme der Knochendichte.« Ansonsten gebe es keinen Grund, Mädchen die Pille vorzuenthalten, sagte Anthuber. Nachweislich erhöhe sie nicht die sexuellen Aktivitäten. Aber sie mache Teenagerlieben sicherer. Nach den Vorträgen stand einer der Ärzte im Publikum auf, um sich für die Informationen zu bedanken - »als Vater zweier junger Mädchen«.


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Beitrag erschienen in Ausgabe 04/2008

 

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