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Prostatakarzinom: Hormonentzug für Krebszellen

PHARMAZIE

 
Prostatakarzinom

Hormonentzug für Krebszellen


Von Brigitte M. Gensthaler, München / Prostatakarzinome wachsen meist androgenabhängig. Daher können Medikamente, die den Testosteron-Einfluss bremsen, das Wachstum des Tumors und seiner Metastasen hemmen. Ein Wirkstoff der antihormonellen Therapie ist Abirateronacetat, das seit Kurzem auch vor einer Chemotherapie eingesetzt werden darf.

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Die antihormonelle Behandlung ist eine wichtige Therapieoption für Männer mit metastasiertem Prostatakarzinom. Kommt eine operative Entfernung der Hoden (Orchiektomie) nicht infrage, stehen verschiedene Arzneistoffgruppen zur Verfügung.




Für Männer mit androgen abhängigem Prostatakarzinom gibt es verschie­dene Therapie­optionen, über die Ärzte ihre Patienten genau informieren müssen.

Foto: imago/ Roland Mühlanger


Die Therapie erfolgt in mehreren Stufen. Sie beginnt mit der sogenannten primären Hormonmanipulation durch Analoga von LHRH (Luteinisierendes Hormon Releasing Hormon), zum Beispiel Buserelin (etwa Profact®), Goserelin (Zoladex®) und Leuprorelin (etwa Enantone®), oder LHRH-Antagonisten wie Abarelix (Plenaxis®) und Degarelix (Firmagon®). Diese Stoffe unterbrechen das pulsatile Signal des Hypothalamus und damit die Ausschüttung von LH aus dem Hypophysenvorderlappen. Ohne LH produzieren die Leydig-Zellen der Hoden kein Testosteron mehr.

 

Die Serumwerte des Hormons sinken unter 50 ng/dl ab, was dem Kastrationsniveau entspricht. Die LHRH- Analoga und -Antagonisten seien gleich wirksam wie die Orchiektomie, erklärte Privatdozentin Dr. Margitta Retz von der Urologischen Klinik der TU München bei einem Pressegespräch von Janssen-Cilag in München. In der Regel könne man das Tumorwachstum damit für 24 bis 36 Monate bremsen.

 

Maximale Androgenblockade

 

Unbeeinflusst bleibt jedoch die Androgensynthese in den Nebennieren, die etwa 10 Prozent des Gesamt-Testo­sterons des Mannes ausmacht. Daher werden in der zweiten Stufe (sekundäre Hormonmanipulation) Androgenrezeptor-Blocker wie Flutamid (etwa Fugerel®) oder Bicalutamid (etwa Casodex®) dazu gegeben. Die maximale Androgenblockade kann das Tumorwachstum laut Retz weitere vier bis sechs Monate aufhalten. Verändert sich die Struktur der Androgenrezeptoren, kommt es erneut zur Tumorprogression.

 

Interessanterweise bremst das Absetzen von Flutamid oder Bicalutamid bei 30 bis 40 Prozent der Patienten das Tumorwachstum für einige weitere Monate. Dieses Phänomen bezeichnet man als Antiandrogen-Entzugssyndrom.

 

In der dritten Stufe, der tertiären Hormonmanipulation, setzen Ärzte Estrogen-Derivate oder transdermales Estradiol zur Suppression der hypophysären LH-Sekretion oder das Antimykotikum Ketoconazol zur Hemmung der Testosteronsynthese in den Nebennieren ein. »Das ist eine verzweifelte Situation«, erklärte Retz den Off-Label-Einsatz der Medikamente.

 

Neue Optionen für resistente Tumoren

 

Wenn sich der Tumor trotz konstant niedriger Testosteronwerte weiter ausbreitet, liegt ein kastrationsresistentes Prostatakarzinom vor. Für dieses Stadium gibt es mehrere Optionen. Das Zytostatikum Docetaxel greift die Tumorzellen direkt an. Aufgrund seiner Toxizität wird es nur bei symptomatischen Pa­tienten, zum Beispiel mit Knochenschmerzen, angewandt.

 

Nach Versagen dieses Taxans ist Cabazitaxel zur intravenösen Infusion zugelassen. Eine andere Option bietet das noch nicht zugelassene, orale Anti­androgen Enzalutamid, das die Androgenrezeptoren hoch effektiv blockieren soll. Abirateronacetat (Zytiga®), das seit September 2011 ebenfalls nach Doce­taxel-Versagen zugelassen ist, inhibiert über die Blockade des Enzyms CYP17 jegliche Androgensynthese in Hoden, Nebennieren und Tumorzellen. In dieser Indikation attestierte der Gemeinsame Bundesausschuss dem Wirkstoff Anfang 2012 einen beträchtlichen Zusatznutzen gegenüber den verfügbaren Therapien.

 

Im Dezember 2012 erweiterte die EMA die Indikation von Abirateron. Seitdem können auch Patienten, bei denen eine Chemotherapie noch nicht klinisch indiziert ist, damit behandelt werden, berichtete Professor Dr. Peter Hammerer von der Klinik für Urologie und Uro­onkologie in Braunschweig.

 

Keine falsche Hoffnung wecken

 

Der Patient nimmt einmal täglich 1000 mg Abirateron (vier 250-mg-Tabletten) und zusätzlich zweimal täglich 5 mg Prednison (etwa Decortin®) oder Prednisolon (etwa Decortin® H) ein. Die Hormonblockade mit einem LHRH- Analogon oder -Antagonisten wird fortgesetzt. In Studien überlebten Patienten nach Docetaxel-Versagen mit Abirateron deutlich länger als unter Placebo, berichtete Hammerer. Dies galt auch für Chemotherapie-naive Patienten, die keine oder nur leichte Beschwerden hatten. »Allerdings muss man den Patienten unbedingt erklären, dass dies palliative Therapien sind, die keine Heilung bewirken«, betonte der Arzt. / 


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Beitrag erschienen in Ausgabe 06/2013

 

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