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Placebo: Wissenschaft und Voodoo

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Placebo

Wissenschaft und Voodoo


Von Ulrike Abel-Wanek / Um sie bei Laune zu halten, verabreichten Ärzte ihren Patienten schon im 18. Jahrhundert Placebos. Einen medizinischen Zweck versprachen sie sich davon nicht. Der Placeboeffekt galt jahrelang als rein psychologisches Phänomen, das viel mit Einbildung zu tun hatte. Heute weiß man: Richtig eingesetzt, ist er eine Bereicherung der Arzneimitteltherapie.

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Neu ist der Placeboeffekt nicht. Die Ärzte nutzten ihn schon in der Antike – jedoch ohne es zu wissen. Der griechische Arzt Hippokrates (um 460 bis 370 vor Christus) erzielte beispielsweise in der Frauenheilkunde mit sogenannten Räucherungen durchaus Erfolge. Die Patientinnen mussten sich mit gespreizten Beinen über ein Feuer setzen, in dem eine Mischung aus Ziegenkot, Rindermist, Robbenfett, Hasenhaaren und Gewürzen verbrannte. Der Arzt glaubte, die Prozedur hätte eine heilende Wirkung auf die Gebärmutter. Die Patientinnen sollen mit dem Therapieerfolg zufrieden gewesen sein, auch wenn man heute weiß, dass solche Räucherungen keine Wirkung haben. In Ermangelung besseren Wissens wurden in der Heilkunde über eine lange Zeit Substanzen verabreicht, die man heute Placebos nennen würde.




Foto: Fotolia/Spinetta


 

Das Wort Placebo stammt aus dem Lateinischen und bedeutet: Ich werde gefallen. Eine tiefere Bedeutung erlangte der Begriff durch das Alte Testament. Hier heißt es in Psalm 116: »Placebo domino in regione vivorum (Ich werden dem Herrn gefallen im Lande der Lebenden). Diesen Vers sangen die Angehörigen eines Verstorbenen im Mittelalter zur Einleitung der Totenmesse. Die religiöse Bedeutung des Begriffs verschwand, als im England des 14. Jahrhunderts zunehmend bezahlte Trauersänger anstelle der Angehörigen am Grab standen. »To sing a placebo« wurde so im Laufe der Zeit zu einem Synonym für Schmeichler, Lügner und Heuchler. Erst Ende des 18. Jahrhunderts wurde die Bezeichnung auch für die Medizin entdeckt.

 

Ins Bewusstsein der Wissenschaft rückte der Placeboeffekt Anfang der 50er-Jahre durch den Arzt Henry Beecher. Dem jungen Militärarzt ging im Zweiten Weltkrieg bei der Versorgung verwundeter Soldaten das Morphin aus. Beecher spritzte in seiner Not eine wirkungslose verdünnte Kochsalz­lösung, sagte den Verletzten aber, es sei Morphin. Seine Strategie ging auf: Die Patienten klagten kaum noch über Schmerzen. Vielmehr glich die Wirkung der Kochsalzlösung der des echten Medikaments.

 

Nach dem Krieg führte Beecher zahlreiche Studien durch, um das Phänomen zu untersuchen. 1955 veröffentliche er die erste Metaanalyse zu diesem Thema unter dem Titel: The powerful placebo. Sie gilt als eine der meistzitierten Arbeiten zum Thema, legte den Grundstein für die wissenschaft­liche Erforschung des Placeboeffekts und trug dazu bei, dass das rando­misiert kontrollierte Doppelblind- Studiendesign seinen Weg in die Arzneimittelforschung fand. Jedes neue Arzneimittel musste sich von nun an unter strengen Bedingungen gegen ein Placebo durchsetzen.

 

Glaube versetzt Berge

 

Placebos müssen nicht immer in Gestalt eines Arzneimittels daherkommen. Bruce Moseley, Orthopäde in einem texanischen Krankenhaus und Arzt der amerikanischen Basketball-Nationalmannschaft wollte wissen, wie erfolgreich die Methode einer speziellen Kniegelenksoperation bei Ar­throse tatsächlich ist. Von 180 Patienten operierte er zwei Drittel, den übrigen schnitt er nur die Haut auf und vernähte die Wunde anschließend wieder. Moseley erfuhr erst im OP, welche Methode er bei wem anwenden sollte, und keiner der Patienten wusste, was mit seinem Gelenk tatsächlich gemacht wurde. Das verblüffende Ergebnis: Noch zwei Jahre später ging es 90 Prozent beider Patientengruppen gut, die Scheinoperierten klagten dabei weniger über Schmerzen als die tatsächlich Operierten. Der Glaube an die heilende Wirkung und nicht die Operation selbst hatte zu einem positiven Ergebnis geführt. Die Operation war ein Placebo.

 

Die meisten Patienten sprechen auf die Medizin am stärksten an, der sie am meisten vertrauen. Wer auf Technik schwört, vertraut der Apparatemedizin im Krankenhaus eher als der Homöopathie-Anhänger. Der feste Glaube an eine Therapie allein kann schon heilend wirken. Selbst hoch wirksame Arzneimittel wie Antibiotika sind nicht frei vom Placeboeffekt. Viele Patienten schwören auf ihre Wirksamkeit bei grippalen Virusinfektionen, obwohl sie hier gar nicht helfen können.

 

Vertrauen als Kapital

 

Der Placeboeffekt ist jedoch nicht nur eine Frage der individuellen Erwartung des Patienten. Eine britische Studie zeigte: Vor allem selbstsicheres Auftreten, Autorität, Empathie und Herzlichkeit des Therapeuten führten zu stark ausgeprägten Placeboeffekten. Je besser Ärzte und Heilberufler es schaffen, beim Patienten Zuversicht zu verbreiten, desto schneller und mit weniger Schmerzen wird er gesund. Vertrauen zu schaffen, ist dabei ihr größtes Kapital.

 

Bestimmte äußere Merkmale verstärken den Placeboeffekt, das heißt: Das Placebo, das besonders viel hermacht, ist das beste. Hat eine Tablette eine auffällig glänzende Oberfläche, wird ihr eine stärkere Wirkung zugetraut als einer matten. Dabei geht und kommt die Wirkung eines Placebos nach dem gleichen Muster wie bei wirkstoffhaltigen Tabletten. Zwei Tabletten bewirken mehr als eine, und genau wie bei Opiaten haben Placebos beispielsweise bei Tumorschmerzen nach einer Stunde den maximalen Effekt. Auch Gewöhnung, Toleranz und Abhängigkeit können bei Placebos genauso auftreten wie bei echten Arzneimitteln.

 

Placebopersönlichkeiten gibt es nicht

 

Es ist ein immer noch weitverbreiteter Irrtum, bestimmte Menschen seien besonders empfänglich für den Placeboeffekt. Jahrelange Studien ergaben jedoch keinen Hinweis auf eine sogenannte »Placebopersönlichkeit«. Alle Menschen sprechen nachweislich auf Placebos an – sensible und eher leicht beeinflussbare ebenso wie rational denkende, selbstbewusste Personen. Eine Ausnahme sind Kinder und Jugendliche. Bei ihnen ist der Placeboeffekt leichter auszulösen als bei Erwachsenen.

 

So verschrieb ein Kinderarzt einem Grundschulkind mit großer Schulangst sogenannte »Mutmachtropfen«, die extra in der Apotheke angemischt wurden. Obwohl sie nur aus Pfefferminzöl bestanden, war der Schulbesuch vom ersten Tag der Einnahme kein Problem mehr. Ein Erwachsener hätte den Trick vermutlich leicht durchschaut. Placebos wirken immer dann am besten, wenn der Patient nicht weiß oder vermutet, dass er nur ein Scheinmedikament bekommt.

 

Erwartung macht gesund oder krank

 

Bei der Frage, was den Placeboeffekt eigentlich auslöst, favorisieren Wissenschaftler zwei Modelle: die klassische Konditionierung und die Erwartungstheorie.

 

Von Kindesbeinen an lernen Menschen, dass der Arzt oder ein Arzneimittel bestimmte Beschwerden lindern können. Von Bedeutung ist aber auch der Kontext, in den die therapeutischen Handlungen eingebettet sind, beispielsweise der weiße Kittel oder der Geruch nach Desinfektionsmittel im Krankenhaus. Im Laufe der Zeit assoziiert der Patient schon allein mit diesem Kontext eine Verbesserung seines Gesundheitszustands, und irgendwann kann schon dieser Kontext allein eine Symptomreduktion auslösen. Nach der klassischen Konditionierungstheorie handelt es sich beim Placeboeffekt genau um eine solche unbewusst erlernte Reaktion.




Noceboeffekt: Schon die Angst vor Nebenwirkungen kann Beschwerden hervorrufen.

Foto: Fotolia/Dan Race


Ein Placebo wirkt aber immer nur so gut, wie es der Patient erwartet. Sagt ein Arzt einem Patienten, er bekomme eine sehr starke Schmerztablette, so ist die Placeboantwort, und damit auch die Schmerzreduktion, deutlich erkennbar. Äußert sich der Arzt hin­gegen unsicher über den Erfolg der Therapie, fällt die Placeboantwort viel geringer aus. Die Erwartung eines Heilungserfolgs resultiert also aus der inneren Einstellung und den Hoffnungen des Patienten, kann aber auch gezielt durch Suggestion beeinflusst und verstärkt werden.

 

Erwartung kann gesund machen, aber auch krank. Seit den 1960er-Jahren ist die Wissenschaft dem bis dahin eher unbekannten Zwilling des Placebos, dem Nocebo, auf der Spur. Wer Angst hat, seekrank zu werden, dem steht vermutliche eine üble Schiffsreise bevor. Wer sich vor Ansteckung fürchtet, holt sich sogar einen Schnupfen bei jemandem, der gar nicht ansteckend ist. Die Erwartung bestimmt die Symptome. In Afrika und Südamerika gelingt es Magiern, gesunde Menschen krank zu machen, weil diese an die Magie glauben. Ein moderner Europäer ist zwar vermutlich immun gegen Voodoo, nicht aber gegen die hierzulande übliche Flut von CT-Bildern. Rückenschmerzen nehmen nachweislich zu, je mehr Bilder ihrer vermeintlich kaputten Wirbelsäule die Patienten vor Augen haben – unabhängig vom tatsächlichen Krankheitswert des Befundes. Es ist Voodoo in modernem Gewand.

 

Worte können heilen

 

Die Forschungen am Placeboeffekt laufen auf Hochtouren. Aufgrund neurobiologischer Untersuchungen geht man heute davon aus, dass die psychologischen Phänomene der Konditionierung und der Erwartungshaltung einen merklichen Einfluss auf das körpereigene Neurotransmitter- oder Hormonsystem haben. Der Placeboeffekt wird also unter anderem auch durch neurobiologische Mechanismen ausgelöst, die nachweisbar verschiedene physiologische Prozesse des Körpers beeinflussen und sich positiv auf den Krankheitsverlauf auswirken (lesen Sie dazu auch Placebo: Scheinmedikament mit echter Wirkung, PZ 51/52/2012).

 

Für den täglichen Umgang mit dem Patienten in Praxis und Offizin geben die Erkenntnisse aus der Placeboforschung aber auch Begriffen wie Beratung und Empathie einen hohen Stellenwert. Es geht darum, mit Worten, Mimik und Gestik eine Atmosphäre zu schaffen, die einen positiven Effekt auf den Patienten hat, sodass Medikamente besser wirken und der Heilungsprozess unterstützt wird. Keine neue Erkenntnis, denn schon Platon wusste vor mehr als 2000 Jahren, dass zur Arznei auch ein Zauberspruch gehört. Und wer heilen will, muss ihn sprechen. /


Quellen und Literatur

Heier, Magnus, Ziegler, Andreas S.: Weiße Kittel – Schwarze Magie. Placebos und Nocebos als Blendwerk der Medizin. Audio-CD. Hirzel Verlag 2012. ISBN: 978-3-7776-2277-4. EUR 17,90.
Metzing-Blau, Sabine (2008): Placebo im Wandel: von Beecher zu Benedetti. Pflege & Gesellschaft, 13. Jg., H. 4, S. 362 bis 372.
Schönbächler, Georg (2007): Placebo. Schweiz Med Forum.7, S. 205 bis 210.

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Beitrag erschienen in Ausgabe 05/2013

 

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