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Sport und Down-Syndrom: Ich kann laufen so wie du

MAGAZIN

 
Sport und Down-Syndrom

Ich kann laufen so wie du


Von Ulrike Abel-Wanek / 2007 schaffte der Engländer Simon Beresford als erster Teilnehmer mit Down-Syndrom den London-Marathon. Kurze Zeit später gründete sich in Fürth der Laufclub 21, in dem behinderte und nicht behinderte Menschen gemeinsam trainieren. Die PZ sprach mit Professor Holm Schneider von der Universitäts- Kinder- und Jugendklinik Erlangen, der die Initiative sportmedizinisch begleitet.

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PZ: Herr Professor Schneider, im Laufclub 21 treiben Menschen mit und ohne Trisomie 21 seit fünf Jahren gemeinsam Sport. Was ist der Grund für Ihr Engagement als Mediziner?

 

Schneider: Ich kenne einzelne Mitglieder des Laufclubs seit ihren ersten Lebenstagen an der Erlanger Kinderklinik und wurde gefragt, ob ich das Projekt sportmedizinisch begleiten würde. Aus meiner Erfahrung weiß ich: Das Laufen tut Menschen mit Down-Syndrom sehr gut. Sie gewinnen nicht nur an Selbstvertrauen, sondern verlieren auch überschüssiges Körpergewicht, und ihre Leistungsfähigkeit und Ausdauer nehmen zu. Die Bilanz nach jetzt fünf Jahren zeigt: Es gibt keinen Grund, Menschen mit Down-Syndrom auszugrenzen, nicht einmal beim Marathonlaufen.




Foto. Fotolia/Robert Kneschke


PZ: Was steckt hinter dem Projekt, was sind seine Ziele?

 

Schneider: Der Impuls für die Vereinsgründung kam eigentlich aus England. Ein junger Mann mit Down-Syndrom namens Simon Beresford schaffte 2007 den London-Marathon. Anita Kinle, Mutter eines Jungen mit Down-Syndrom und selbst Läuferin, war begeistert als sie davon hörte und beschloss, in Deutschland ein regelmäßiges Training für Betroffene anzubieten. Die Idee war, einen inklusiven Laufclub für Menschen mit und ohne Down-Syndrom zu gründen und den Ausdauersport zu fördern. Das Projekt startete in Fürth, heute hat der Laufclub bundesweit verschiedene Standorte und organisiert für seine rund 200 Mitglieder auch die Teilnahme an öffentlichen Sportereignissen. Darunter sind Großveranstaltungen wie der München-Marathon. Es ist jedoch nicht das Anliegen des Laufclubs, Marathon-Läufer »heranzuziehen«, aber es wird ernsthaft, zielorientiert und leistungsbezogen trainiert. Fast alle Teilnehmer mit Down-Syndrom laufen nach einem Jahr 10 Kilometer. Die eigentlichen Marathon-Läufer sind, wie bei anderen Sportvereinen auch, nur eine sehr kleine Gruppe. Im Laufclub 21 sind es drei.

 

PZ: Welche Auswirkungen hat der Sport für Menschen mit Down-Syndrom?

 

Schneider: Die Binsenweisheit, dass Sport gesund ist, lässt sich eins zu eins auch auf Menschen mit Trisomie 21 übertragen. Wenn sie ernsthaft Sport treiben, sehen sie nach einigen Jahren genauso athletisch aus wie Sportler ohne Down-Syndrom. Mediziner konnten sich das lange nicht vorstellen, denn die Muskeln der Betroffenen galten als wenig leistungsfähig, ihr Bindegewebe als zu locker und die typischen Körperproportionen als kaum veränderlich. Wir beobachten, dass es dennoch funktioniert: Die Bänder werden durch das Training straffer und die Muskulatur entwickelt sich. Um das sportmedizinische Wissen zu aktualisieren, haben wir am Uni-Klinikum Erlangen begonnen, die gesundheitlichen Effekte des Ausdauersports bei Jugendlichen mit Down-Syndrom systematisch zu untersuchen. Menschen mit Down-Syndrom werden nicht zu Hochleistungssportlern, die einen Marathon in zwei Stunden laufen, aber sie können auch Wettkampfsport betreiben.




Professor Holm Schneider (rechts), Betreuer und Läufer des Laufclubs 21

Foto: Uniklinikum Erlangen


Sport im Verein bietet auch die Gelegenheit, andere Menschen in ihrer Eigenart achten zu lernen und zu integrieren. Dem Laufclub 21 ist es zu verdanken, dass unsere Gesellschaft überrascht zur Kenntnis genommen hat, zu welchen Leistungen Menschen mit Down-Syndrom fähig sind, beispielsweise als Mitglied der Staffel, die im letzten Jahr die Olympische Fackel zu den Special Olympics nach München getragen hat. Viele Leute kommen jetzt zu uns und sagen: Wir haben zwar keine Behinderung, möchten aber beim Laufclub mitmachen. Sie übernehmen hier auch Laufpatenschaften, das heißt, sie trainieren gemeinsam mit einem Sportler mit Down-Syndrom, holen ihn regelmäßig zum Training ab. Das ist am Anfang für die Motivation sehr gut. Über das unbefangene Miteinander beim Sport bauen sich Berührungsängste ab. Allen Laufpaten macht ihr »Amt« großen Spaß.

 

Über den Sport kommen die Menschen zusammen – auch in anderen Lebensbereichen. Zum Beispiel haben Unternehmer aus Nürnberg angeboten, Ausbildungsplätze für Menschen mit Down-Syndrom zur Verfügung zu stellen. Der Laufclub ist Träger einer Beratungsstelle, wo auch Berufsberatung stattfindet. Durch das sportliche Miteinander hat man gemerkt: Menschen mit Trisomie 21 schaffen so einiges, warum es also nicht auch in der Berufswelt versuchen? Das sind Entwicklungen, die sich vorher so keiner vorgestellt hätte.

 

PZ: Bieten alle Vereine in Deutschland integrative Sportangebote an?

 

Schneider: Im Laufclub wird seit fünf Jahren praktiziert, was eigentlich in jedem Verein möglich ist: Menschen mit und ohne Down-Syndrom treiben gemeinsam Sport. Vielerorts fehlen jedoch die regionalen Angebote. Hierbei spielt auch die Philosophie des Vereins eine Rolle. Ist er ausschließlich auf Wettkampfteilnahme ausgerichtet, klappt das gemeinsame Trainieren mit Behinderten weniger gut als beim »Sport um des Sports willen«. Außerdem gibt es wenig finanzielle Anreize für Vereine, da müsste man schauen, wie Eingliederungshilfen aussehen könnten.

 

PZ: Ist das Projekt auch ein Lauf gegen Vorurteile?

 

Schneider: 2010 liefen wir gemeinsam in Berlin den ehemaligen »Todesstreifen« entlang unter dem Motto: Laufen gegen die Mauern im Kopf. Die Sportler laufen nicht nur gegen überholte medizinische Annahmen an, sondern auch gegen Ängste und Unwissenheit in der Bevölkerung. Das Down-Syndrom ist eine Normabweichung, die, wenn Ärzte sie vor der Geburt entdecken, oft als Katastrophe angesehen wird. In unserem Land werden 95 Prozent der betroffenen Kinder abgetrieben. Jede solche Veranstaltung sendet deshalb ein wichtiges Signal aus: ein Signal der Lebensfreude. Menschen mit Down-Syndrom bereichern eine Gesellschaft und gehören selbstverständlich dazu. /


Ausstellung

Seit fünf Jahren fördert der Laufclub 21 schwerpunktmäßig den Laufsport für Menschen mit Down-Syndrom. Anlässlich des Jubiläums zeigt das Institut für Sportwissenschaft und Sport der Friedrich-Alexander-Universität Erlangen-Nürnberg eine Plakat-Ausstellung über die Entwicklung des Clubs. Ein Höhepunkt in der fünfjährigen Geschichte war dabei die Teilnahme am Fackellauf zu den Special Olympics 2012 in München. Die Wanderausstellung ist noch bis 31. Januar 2013 zu sehen, montags bis freitags jeweils von 9 bis 17 Uhr, Gebbertstraße 123, Erlangen.

 

Kontaktdaten Trainingstreffs:

Fürth: Anita Kinle: anita@kinleanita.de, Telefon: 0911 720566

Gelnhausen: Barbara-Ann Walter, walter.barbara-ann@lebenshilfe-ggmbh.de

Karlsruhe: Bernd Breidohr, bernd18breidohr@web.de, mobil: 0176 78514322


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Beitrag erschienen in Ausgabe 03/2013

 

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