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Schimmel: Gefährlicher Hausgenosse

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Schimmel

Gefährlicher Hausgenosse


Von Nicole Schuster / Ob im Kühlschrank, an der Wand oder im Brotkasten: Kaum ein Haushalt, der nicht schon einmal von Schimmelbildung betroffen war. Von den Pilzen geht eine Gesundheitsgefahr aus. Einige produzieren leber- und nierenschädigende Stoffe, die sogar Krebs auslösen können. Allergiker leiden schon, wenn sie Schimmelpilzsporen nur einatmen.

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Bei Schimmelpilzen handelt es sich um eine heterogene Gruppe von Pilzen hauptsächlich aus der Gruppe der Ascomyceten (Schlauchpilze) und Zygomyceten (Jochpilze). Der Artenreichtum ist groß. Bekannt sind zum Beispiel die Gattungen Penicillium (Pinselschimmel), Aspergillus (Gießkannenschimmel), Mucor (Köpfchenschimmel) und Rhizopus (Brotschimmel). Aufgebaut ist ein Schimmelpilz aus vielen sehr feinen Fäden, dem Myzel, einem meist weiß­lichen, grauen oder grünlichen Geflecht. Zur Fortpflanzung dienen Sporangien, die Sporen erzeugen und an die Luft abgeben. Die Einteilung der Schimmelpilze in Gattungen erfolgt anhand von anatomischen Merkmalen dieser Sporenträger.




Foto: Fotolia/volkerladwig


Die Pilze sind als farbiger Belag auf verschiedenen Materialen wie Hauswänden, Blumenerde oder Kachelfugen im Badezimmer zu erkennen. Sie sondern einen unangenehm muffigen Geruch ab und machen als wilder Schimmel viele Speisen ungenießbar. Dabei sind einige Arten hilfreich, andere harmlos, manche aber gesundheitsgefährdend. So bilden einige Spezies hochgiftige Stoffe, wie die Aflatoxine aus Aspergillus flavus.

 

Entsprechend wenig willkommen ist Schimmelbefall auf Lebensmitteln. Auf einigen Nahrungsmitteln ist er aber sogar erwünscht. Er verleiht beispielsweise als Edelschimmel Käse und Salami einen besonders intensiven Geschmack. Ebenfalls zu den »guten« Schimmelpilzen gehören solche, aus denen sich Antibiotika wie das Penicillin oder Cholesterol-senkende Medikamente wie Lovastatin gewinnen lassen.

 

Sporen können krank machen

 

Im Haus ist sichtbarer Schimmelpilz­befall wenig willkommen. Einige Menschen reagieren allergisch auf die unliebsamen Hausgenossen. Besonders gefährdet sind Säuglinge und Kleinkinder, chronisch kranke und alte Menschen. Der Grund für die Beschwerden sind die Sporen, die die Schimmelpilze abgeben. Sie breiten sich über die Luft aus und gelangen beim Einatmen in den Körper.

 

Die Symptome der Allergie sind unspezifisch. »Typisch ist, dass die Beschwerden ortsbezogen auftreten«, sagt Privatdozent Dr. Heinrich Dickel, Leiter der Abteilung für Allergologie, Berufs- und Umweltdermatologie am St. Josef-Hospital der Ruhr-Universität Bochum, gegenüber der Pharmazeutischen Zeitung. »Patienten fühlen sich im geschlossenen Gebäude so ähnlich wie eine Person mit Heuschnupfen im Freien während der Pollensaison.« Die Atemwegsbeschwerden reichen typischerweise von Schnupfen über Nasennebenhöhlenentzündungen, chronische Bronchitis, Kurzatmigkeit bis zu Asthmaanfällen.

 

Ärzte stellen eine Schimmelpilz­allergie durch Fragen zur Krankheitsgeschichte, Hauttests und eine Blut­untersuchung fest. Das Blut wird auf das spezifische Immunglobulin E untersucht. Auch das Führen eines Tagebuchs kann Hinweise geben, ob tatsächlich Schimmelpilze schuld sind.

 

Ein häufiger Auslöser von Allergien ist Schimmel vom Typ Alternaria. Er kommt bevorzugt auf Getreide sowie auf Obst und Gemüse vor. Ebenfalls ein Allergieauslöser ist Aspergillus, der an feuchten Plätzen im Haus anzutreffen ist, etwa im Bad oder unter der Tapete. Bei Allergien gegen bestimmte Schimmelpilze ist eine Hyposensibilisierung möglich. »Die Studienlage zur Wirksamkeit ist aber nicht reichhaltig«, gibt Dickel zu bedenken. »Zudem stehen nicht für alle Auslöser von Schimmelpilzallergien Allergenextrakte zur Verfügung.«

 

Um die Symptome zu lindern, setzen Ärzte entsprechend dem Beschwerdebild Medikamente ein. Häufig werden Antihistaminika verabreicht. Damit können Patienten zumindest für die Dauer der Anwendung die Beschwerden in den Griff bekommen. Langfristig hilft nur, den Schimmel im Haus nachhaltig zu entfernen. Je nach Ursache ist dafür eine Sanierung des betroffenen Gebäudes erforderlich. Wenn das aus bautechnischen Gründen nicht möglich ist, hilft oft nur ein Umzug oder Arbeitsplatzwechsel.

 

Systemische Entzündung möglich

 

Studien zeigen, dass bei Schimmelbefall auch vermehrt Erkrankungen der Atemwege und allgemeine Beschwerden wie Kopf- und Gliederschmerzen, Müdigkeit, neurologische Beschwerden und Konzentrationsstörungen auftreten. Ob es hier kausale Zusammenhänge gibt, ist ungeklärt. Klarer sieht es bei Reizungen der Schleimhäute durch Schimmel aus. Durch die Freisetzung von Entzündungsstoffen nach dem Einatmen von Schimmelpilzen, Bestandteilen der Pilze oder deren Sporen kommt es zum sogenannten Mucous Membrane Irritation Syndrome (MMIS). Sind Menschen besonders hohen Schimmeldosen ausgesetzt, etwa am Arbeitsplatz in der Land- oder Abfallwirtschaft, kann das zum Organic Dust Toxic Syndrome (ODTS) führen. Diese durch Endotoxine verursachte syste­mische Entzündung äußert sich mit Fieber und grippeartigen Symptomen.




Schimmelpilz-Befall im Haus ist nicht nur unschön, sondern kann auch die Gesundheit beeinträchtigen. Die häufigsten Beschwerden sind Allergien und Asthma.

Foto: Fotolia/RioPatuca


Im seltenen Fällen können Schimmelpilzarten wie Aspergillus fumigatus und Vertreter der Köpfchenschimmel sytemische Mykosen auslösen. Für gesunde Menschen besteht nur ein sehr geringes Erkrankungsrisiko. Gefährdet sind aber immunsupprimierte Personen. Die Erreger dringen bei ihnen meistens über die Atemwege in den Körper ein, verteilen sich über Blut- und Lymphbahnen und können so diverse Organe befallen. Anfällig für solche Schimmelpilzinfektionen sind neben Patienten mit Immunschwächekrankheiten auch Patienten nach Organtransplantation oder zyto­statischer Behandlung von Tumoren.

 

Schimmel keine Chance geben

 

Um gesundheitlichen Gefahren vorzubeugen, sollte Schimmelbildung verhindert werden. Warme Zimmerluft ist wasserhaltiger als kalte Außenluft. Sie kondensiert an zugigen und kühlen Ecken wie Wänden, Fensterstürzen oder Schrankrückseiten. Die Feuchtigkeit erweist sich als idealer Nährboden für Schimmel. Wichtig ist daher regelmäßiges Lüften. Auch im Winter sollte mindestens zwei Mal täglich für fünf Minuten das Fenster ganz geöffnet werden. Den ganzen Tag die Fenster zu kippen, ist weniger effektiv und lässt viel Wärme entweichen. In Räumen, in denen Feuchtigkeit entsteht, wie Bad oder Küche, sollte besonders darauf geachtet werden, die Raumluft regelmäßig auszutauschen. Außerdem da­ran denken, feuchte Stellen trocken zu wischen. Wer Biomüll rasch entsorgt, verhindert, dass er im Mülleimer zu schwitzen anfängt.

 

Keine Kompromisse bei Lebensmitteln

 

Auf befallenen Lebensmitteln ist der Schimmel besonders gefährlich. Der Grund sind hochgiftige Stoffwechselprodukte, die einige Schimmelpilze bilden. Mykotoxine wie das Pilzgift Aflatoxin gelten als höchst krebserregend und schädigen bei häufiger Aufnahme Nieren und Leber. »Auch bei geringem Schimmelbefall sollten angeschimmelte Lebensmittel nicht mehr verzehrt werden«, rät daher Ute Gomm vom aid info­dienst Ernährung, Landwirtschaft, Verbraucherschutz im Gespräch mit der PZ. »Giftige Stoffwechselprodukte des Pilzes können sich bereits im Lebensmittelinneren ausgebreitet haben, auch wenn dies augenscheinlich nicht zu erkennen ist.« Schon immer galt die Empfehlung, Verschimmeltes komplett zu entsorgen, für stark wasserhaltige Lebensmittel wie Obst und Gemüse, Säfte und viele Milchprodukte. Nach aktueller Expertenmeinung von Wissenschaftlern des Bundesinstituts für Risikobewertung gilt das nun auch für alle übrigen Lebensmittel. So sollten auch Schnittbrot oder Brotlaibe mit nur einzelnen Schimmelflecken vorsichtshalber weggeworfen werden, ebenso alle Käse einschließlich Hartkäse. Dasselbe gilt für Konfitüre, Marmeladen und Fruchtaufstriche, auf denen wilder Schimmel gewachsen ist. Unschädlich machen lassen sich Schimmelpilzgifte entgegen mancher Gerüchte nämlich nicht. »Weder Erhitzen noch Einfrieren können Mykotoxinen etwas anhaben«, so die Ernährungswissenschaftlerin. /


Informationen

Ratgeber »Schimmel im Haus« des Umweltbundesamtes: www.umweltdaten.de/publikationen/fpdf-l/2227.pdf

 

Leitfaden des BfR zu Mykotoxinen in Lebensmitteln: www.bfr.bund.de/cm/350/mykotoxine_in_lebens_und_futtermitteln.pdf

 

Viele Publikationen zu gesundheitlichen Folgen von Schimmelpilz-Befall sind auf der Seite des baden-württembergischen Gesundheitsamts unter www.gesundheitsamt-bw.de zu finden.


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Beitrag erschienen in Ausgabe 49/2012

 

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