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Myokarditis: Meist folgenlos, doch manchmal tödlich

MEDIZIN

 
Myokarditis

Meist folgenlos, doch manchmal tödlich


Von Jasmin Andresh / Eine Entzündung des Herzmuskels wird häufig von einer Virusinfektion hervorgerufen, seltener sind Bakterien die Ursache. Müdigkeit, verminderte Leistungsfähigkeit und Luftnot sind die unspezifischen Beschwerden. Um bleibende Herzschäden zu vermeiden, müssen die Patienten sich unbedingt körperlich schonen.

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»Heute geht’s schon wieder«, verkündet Jens neuerdings immer am Morgen. Seit zwei Wochen plagt ihn ein grippaler Infekt. »Erkältung – hab ich schon tausendmal gehabt«, denkt er und schont sich ein wenig. Doch die Beschwerden werden nicht besser. Jeden Nachmittag holen die Schwächeanfälle ihn ein. Umso heftiger, je mehr er sich tagsüber anstrengt hat. Er bekommt Schüttelfrost, dazu gesellen sich Magenschmerzen und trockener Husten. Und was für ihn als ambitionierten Freizeitsportler völlig untypisch ist: Bereits nach wenigen Treppenstufen ist er außer Atem. Schließlich diagnostiziert ein Arzt bei Jens eine Herzmuskelentzündung (Myokarditis).

 

Müdigkeit und Luftnot

 

Bei der typischen, akuten Myokarditis leiden die Patienten meist an einem grippalen Infekt oder haben gerade einen solchen durchgemacht. Die Erreger, in der Regel Viren, seltener Bakterien oder Pilze, greifen auf das Herzgewebe über. Die Symptome sind recht unspezifisch. Die Betroffenen beklagen häufig extreme Müdigkeit, verminderte Leistungsfähigkeit und Luftnot. Ist die Entzündung vom Herzmuskel bereits auf das umhüllende Perikard, den Herzbeutel übergegangen, kann es zu Herzschmerzen kommen. Möglich ist auch, dass eine Myokarditis nur leichte oder überhaupt keine Symptome verursacht. Dann ist es besonders schwierig, die Erkrankung zu erkennen. Eine Myokarditis heilt meist folgenlos aus, kann aber auch in eine Folgeerkrankung des Herzens münden, etwa eine dauerhafte Herzschwäche oder -rhythmusstörung; im schlimmsten Fall kann das Herz versagen.




Patienten, die nach einem grippalen Infekt einfach nicht auf die Beine kommen, sollten zum Arzt gehen. Hinter der extremen Müdigkeit könnte eine Herzmuskelentzündung stecken.

Foto: imago/INSADCO


Gehen die Patienten zum Arzt und erkennt dieser die Beschwerden als mögliche Symptome einer Herzmuskelentzündung, wird er weitere Untersuchungen vornehmen. So lassen sich zum Beispiel bestimmte Herzmuskelenzyme wie Creatin-Kinase (CK), CK-MB und Troponin T sowie Entzündungsparameter wie die Leukozyten­zahl oder das C-reaktive Protein im Blut nachweisen. Da Entzündungszeichen jedoch auch von anderen entzündlichen Erkrankungen herrühren können, sind die Werte immer im Zusammenhang zu beurteilen. Weitere Hinweise geben Veränderungen im EKG, zum Beispiel eine Herzrhythmusstörung. Die Echokardiografie kann darstellen, ob das Herz gut pumpt und ob die Entzündung möglicherweise bereits auf den Herzbeutel übergegriffen hat (Perikarderguss). Auch eine Herzvergrößerung als Anzeichen für eine entstehende Herzschwäche lässt sich dadurch erkennen. Typische Veränderungen am Herzmuskel zeigt eine kardiale Magnetresonanztomografie (MRT).

 

Strikte Bettruhe

 

Ein Patient mit Verdacht auf oder bereits diagnostizierter Myokarditis sollte sich unbedingt körperlich schonen; in den ersten Wochen ist strikte Bettruhe angezeigt. Dann wird beobachtet, wie sich der Zustand des Patienten entwickelt. »In den meisten Fällen ist eine Herzmuskelentzündung unproblematisch«, sagt Professor Dr. Georg Ertl, Direktor der Medizinischen Klinik und Poliklinik I der Uniklinik Würzburg und Vorsitzender der Deutschen Gesellschaft für Kardiologie. »Viele Myokarditiden verlaufen glücklicherweise gutartig.« Zwar fühle sich der Patient nach einem Infekt eine Weile sehr schlecht, doch irgendwann käme er ohne Folgen von selbst wieder auf die Beine.




Veränderungen im EKG wie beispielsweise Herzrhythmusstörungen können ein Hinweis auf eine Myokarditis sein.

Foto: imago/Widmann


Allerdings hätten bestimmte Myokarditiden, beispielsweise die Riesenzellmyokarditis, eine sehr schlechte Prognose. In solchen Fällen besteht akute Lebensgefahr. Wenn es Patienten zusehends schlechter geht, müsse man eingreifen. »Dann müssen wir uns vorbereiten, eventuell mechanisch unterstützende Maßnahmen planen«, erläutert der Kardiologe. Ist das linke Herz betroffen, kommen Linksherz-Unterstützungssysteme (Left Ventricle Assistent Devices, LVAD) infrage. Die letzte Möglichkeit ist eine Transplantation. Auch bei Patienten, bei denen sich in der Herz-MRT-Untersuchung eine entzündliche Narbenbildung im Herzmuskel darstellt, ist nach einer neuen Langzeitstudie des Stuttgarter Robert-Bosch-Krankenhauses eher von einem schweren Verlauf auszugehen.

 

Erregernachweis per Biopsie

 

Die der Entzündung zugrunde liegenden Erreger können nur durch eine Gewebeprobe bestimmt werden. Die Biopsie wird meist im Rahmen einer Herzkatheter-Untersuchung vorgenommen. Der Nachweis eines Virus kann auch über das Blut erfolgen, denn der Körper bildet gegen den viralen Angreifer Antikörper. Da der Antikörper-Titer jedoch auch aus anderen Gründen erhöht sein kann, muss der Verlauf verfolgt und der Wert nach drei bis vier Wochen erneut bestimmt werden. Diese Untersuchung eignet sich jedoch nicht in sich akut verschlechternden Fällen.

 

Ist der Erreger bekannt, werden bei einer bakteriell verursachten Myokarditis Antibiotika eingesetzt. Bei einer Virusmyokarditis wird in den ersten Wochen vor allem Bettruhe und später körperliche Schonung empfohlen. Gegen einige Virenarten existieren auch antivirale Medikamente, zum Beispiel Interferone. Diese werden jedoch selten eingesetzt. Tritt eine Herzschwäche plötzlich auf, muss man neben einer Myokarditis differenzialdiagnostisch auch an eine Veränderung der Herzkranzgefäße denken. Möglich wäre, dass die Viruserkrankung nur sekundär aufgetreten ist. Auch eine Speicherkrankheit sollte in Betracht gezogen werden.

 

Und was wurde aus Jens? Bei den Nachuntersuchungen stellte sich heraus: Sein Herz ist bleibend geschädigt. Es ist glücklicherweise nur eine leichte Herzschwäche, die sich in Ruhe nicht bemerkbar macht. Doch seine körperliche Leistungsfähigkeit ist dauerhaft eingeschränkt. »Ich hätte früher zum Arzt gegen sollen«, gesteht Jens sich heute ein. Aber er sagt auch: »Ich bin dankbar, dass ich nun wieder auf den Beinen bin, denn es hätte ja noch schlimmer kommen können.« /


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Beitrag erschienen in Ausgabe 47/2012

 

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